Osterbotschaft heuteGott kann alles aufbrechen

Jedes Jahr feiern wir Ostern. Und jedes Jahr stehen wir vor der Aufgabe, die Botschaft von Ostern den Menschen so zu verkün- den, dass sie davon berührt werden. Die erste Frage jedoch ist, ob wir selbst davon berührt und bewegt werden. Oder geht es uns wie den Frauen im Markusevangelium, das in diesem Jahr in der Osternacht verkündet wird? Sie fliehen vor dem Grab: „denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt“ (Mk 16,8).

Ich möchte versuchen, die Botschaft von Ostern in unsere Glaubenserfahrung hinein zu interpretieren, einmal, indem ich das Osterevangelium bei Markus auf uns hin auslege, zum andern, indem ich mit Lukas die Auferstehung in unser konkretes Leben hinein übersetze,
so wie er es in der schönen Erzählung von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis eindrucksvoll getan hat.

Ostern mit Markus verstehen

Seit jeher haben sich die Exegeten gefragt, warum Markus sein Evangelium mit der Flucht der Frauen vor dem leeren Grab endet. Ich lese den Text des Markus als Bild für unsere Ostererfahrung. Die drei Frauen, die unter dem Kreuz standen und beobachteten, was am Kreuz geschah, kommen auch am Morgen des ersten Tags der Woche zum Grab. Von ihnen heißt es dreimal: sie beobachteten, sie betrachteten, sie meditierten. Das griechische Wort dafür ist „theorein“. Es bedeutet tiefer schauen, das Geheimnis schauen, das hinter dem Geschehen steht. Die Frauen schauen im Kreuz das Geheimnis des Messias, der im Kreuz über die Macht der Dämonen siegt. Sie schauen, wie der Leichnam Jesu ins Grab gelegt wird. Sie verstehen, dass Jesus ganz tot war. Und sie schauen den weggewälzten Stein. Indem sie schauen, versuchen sie zu verstehen, was da geschieht. Sie sehen hinter die Dinge. Beim Schauen des offenen Grabes heißt es sogar noch dazu „anablepein“. Das bedeutet aufschauen. Und es meint immer ein Aufschauen zum Himmel. Sie sehen also im offenen Grab den Himmel, der sich für sie öffnet.
Wie die Frauen sollten auch wir auf den Stein schauen, von dem Markus sagt, dass er sehr groß war. Dann erkennen wir in diesem Stein das Geheimnis der Auferstehung: Auferstehung bedeutet auch für uns, dass Gott den großen Stein wegwälzt, der uns oft daran hindert aufzustehen. Wir sind oft blockiert. Die Angst um die Zukunft bedrückt uns wie ein Felsblock. Wenn der Stein weggerollt ist, dann können wir aufstehen aus dem Grab unserer Angst. Und vor allem können wir aufstehen aus der Zuschauerrolle. Heute haben sich viele eingerichtet in ihrer Zuschauerrolle. Sie wagen es nicht, ins Leben hinein aufzustehen. Sie versäumen das Leben. Sie haben das Gefühl, keine gute Lebenskarte gezogen zu haben. So spielen sie nicht mit, sondern bleiben Zuschauer. Das Leben geht an ihnen vorüber. Auferstehung ist der Mut, aufzustehen ins Leben hinein, den Aufstand zu wagen gegen alles, was mich lähmt und am Leben hindert.

Die Frauen wagen es, ins Grab

hineinzugehen. Das Grab galt für die Menschen in der Antike als Ort der Dämonen. Markus beginnt sein Evangelium mit Johannes dem Täufer in der Wüste. Die Wüste ist auch ein Ort der Dämonen. Die Wüste wird durch das Wort des Täufers und dann vor allem von Jesu Wirken von den Dämonen befreit. Die Welt wird zu einem Ort, an dem wir in Freiheit leben können. Und jetzt wird das Grab von einem jungen Mann erleuchtet, der mit einem weißen Gewand dort sitzt. Auferstehung heißt, dass alles Dunkle und Chaotische in uns vom Licht Jesu Christi erleuchtet wird. Das haben wir ja in der Osternacht gefeiert, wenn wir die brennende Kerze in das Dunkle unserer Seele hineingehalten haben, in der Hoffnung, dass das Osterlicht alles in uns erhellt. Ostern heißt, dass wir keine Angst zu haben brauchen vor dem inneren Grab. Mit den Frauen können wir hineinsteigen in all das Chaotische und Erstarrte, in alles Verdrängte und Unterdrückte.
Denn wir treffen in unserem Grab den Engel in leuchtendem Gewand. Alles ist erhellt vom Licht Christi, der vor uns in unser inneres Grab gestiegen ist.
Die Reaktion der Frauen auf den Mann mit seinem leuchtenden Gewand ist Erschrecken. Das Erschrecken ist nicht Ausdruck von Angst, sondern von Ergriffenwerden, von Betroffensein, Berührtsein. Der Engel möchte ihnen ihr Erschrecken verwandeln, indem er sie verweist auf Jesus, der auferstanden ist und ihnen vorausgehen wird nach Galiläa. Die Frauen haben den Jüngern eine Botschaft zu verkünden. Sie sollen nach Galiläa gehen, dort, wo sie herkommen. Sie sollen in ihren Alltag gehen. Galiläa war zugleich ein Mischland, das von Heiden und Juden bewohnt war. Auch unser Alltag ist so ein Mischland. In uns ist Heidnisches und Frommes nebeneinander. Dort, wo auch das Heidnische in uns ist, gerade dort will der Auferstandene uns begegnen. Er will unseren Alltag verwandeln. Dort im Alltag werden wir den Auferstandenen sehen.
Die Frauen fliehen, „denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt“ (Mk 16,8). So steht es in der Einheitsübersetzung. Doch die griechischen Worte „tromos“ und „ekstasis“ heißen ursprünglich „Zittern“ und „Ekstase“. Das Schauen des leeren Grabes und des Engels in seinem weißen Gewand bringt die Frauen in eine Ekstase hinein. Sie werden durch diese Erfahrung in ihrem Innern erschüttert. Es ist die Reaktion auf das „Mysterium tremendum“ göttlicher Offenbarung. Wir können auf die Auferstehung Jesu nicht mit nüchternen Worten und Theorien antworten, sondern nur, wenn wir im Innersten erschüttert werden. Und diese innere Erschütterung macht die Frauen sprachlos. Sie sagen niemand etwas von dem, was sie erlebt haben. Das klingt für uns fremd. Aber es ist eine Herausforderung für uns: Wir können nicht zu schnell von Ostern und von der Auferstehung predigen. Die Frauen zeigen uns, dass wir nur dann von Ostern richtig sprechen können, wenn wir uns im Innersten davon betreffen lassen, wenn wir die Sprachlosigkeit über die Auferstehung aushalten und dann in aller Ehrfurcht achtsam und behutsam von diesem Geheimnis erzählen. Und das Markusevangelium zeigt uns mit seinem offenen Schluss, dass wir immer wieder neu das Geheimnis der Auferstehung betrachten und immer tiefer in es hineinschauen sollen, bis es uns irgendwann aufgeht als ein Geheimnis, das all unser Denken übersteigt, und als frohe Botschaft, die unser Leben verwandelt, die Licht bringt in unsere Grabeserfahrungen.

Auferstehung mitten in unserem Leben

In der Osterzeit hören wir an allen Werktagen als Lesung Texte aus der Apostelgeschichte. Lukas zeigt uns auf erzählerische Weise, wie Auferstehung mitten in unserem Leben geschehen kann. Lukas ist ein begnadeter Erzähler. Er erzählt die vergangene Geschichte in einer Sprache, die offen ist für uns und das Geschehen in uns. Im 12. Kapitel erzählt uns Lukas, wie Herodes den Petrus ins Gefängnis werfen lässt. Petrus schläft im Gefängnis „mit zwei Ketten gefesselt, zwischen zwei Soldaten; vor der Tür aber bewachten Posten den Kerker“ (Apg 12,6). Das ist ein Bild für unsere Situation. Wir sind gefesselt von unseren Ängsten, aber auch von unseren Zwängen, von unseren Lebensmustern. Und wir schlafen zwischen zwei Soldaten. Die Soldaten stehen für die Stimmen unseres Über-Ichs, die uns keine Chance lassen als die zu leben, die wir wirklich sind. Doch dann kommt ein Engel des Herrn. Er bringt Licht in die Dunkelheit des Raumes. Und er stößt Petrus in die Seite, weckt ihn auf und sagt zu ihm:
„Schnell, steh auf!“ Im Griechischen werden hier die zwei Worte verwendet, die das Geheimnis der Auferstehung beschreiben: „egeiren“. Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Und: „anasta“. Auferstehung ist die „anastasis“. Manchmal kommt auch zu uns ein Engel mitten in der Nacht, mitten in der Hoffnungslosigkeit unseres Lebens und weckt uns auf aus dem Schlaf unserer depressiven Vorstellungen und Gefühle. So ein Engel kann ein Mensch sein, der uns aufrüttelt und uns Mut macht. Es kann ein Wort sein, das uns berührt. Oder es ist ein innerer Impuls. Wir haben das Gefühl, dass wir ohnmächtig sind gegenüber den Lebensmustern, die uns gefangen halten. Doch auf einmal wird es in uns hell und ein innerer Impuls gibt uns den Mut, aufzustehen. Dann erleben wir Auferstehung mitten im Gefängnis unseres Lebens. Wir gürten uns mit einer Kraft, die auf einmal von irgendwoher auf uns zukommt. Wir ziehen die Sandalen an, damit wir in die Welt hinaustreten können. Der Engel befiehlt dem Petrus, er solle seinen Mantel umwerfen. Wir brauchen auch einen äußeren Schutz, um uns nicht von den Blicken der andern abhalten zu lassen, aufzustehen und unseren Weg zu gehen.
Petrus folgt dem Engel. Und der Weg führt ihn durch das Gefängnis an das eiserne Tor, das ins Freie führt. Das Tor öffnet sich von selbst. Und Petrus geht als freier Mann in die Stadt hinein. Wenn der Auferstehungsengel zu uns kommt, als ein Wort, als ein Impuls, als ein Erleben, als ein Licht, dann öffnen sich auf einmal Türen. Da öffnen sich Türen in Bereiche unserer eigenen Seele, die uns noch verschlossen waren. Und es öffnet sich die Tür zum Herzen eines anderen Menschen. Dann wird Begegnung möglich, eine Begegnung, die uns verwandelt. Das ist dann Auferstehung mitten im Leben. Wir können diese Auferstehung nicht einfach machen. Wir hören die Geschichten von der Auferstehung, wir hören die Erzählungen aus der Apostelgeschichte, damit in uns die Hoffnung wächst, dass auch für uns in dieser Osterzeit Auferstehung geschehen kann. Sie kommt nicht auf einen Knopfdruck hin. Und es kann sein, dass es in manchen Christen – vielleicht auch in uns Seelsorgern – an Ostern noch so aussieht wie im Gefängnis, in dem Petrus schlief. Aber wir feiern Ostern, um in uns die Hoffnung zu stärken, dass der Auferstehungsengel auch den Stein von unserem Grab wegwälzt, dass er in unsere Dunkelheit eintritt und uns Mut macht, aufzustehen. Wir brauchen einen Engel, der uns ermutigt, aufzustehen aus dem Grab unseres inneren Gefängnisses, unserer Depression, unserer Traurigkeit, unserer Ohnmacht, unserer Resignation, unserer Enttäuschungen. Aber wir dürfen auch hoffen, dass Gott in der Osterzeit zu uns diesen Engel schickt.

Osterfeier für den Seelsorger

Viele Seelsorger setzen sich an Ostern unter Druck. Sie haben den inneren Anspruch, dass sie als österliche Menschen vor die Gemeinde treten sollen. Die einen versuchen dann, sich künstlich in eine Osterstimmung hineinzupressen. Andere feiern Ostern in alter Routine, ohne selbst davon ergriffen zu werden. In beiden Fällen spüren die Gottesdienstbesucher, dass da etwas nicht stimmig ist. Es kommt darauf an, die eigene innere Situation ehrlich anzuschauen. Vielleicht ist mir gerade gar nicht nach Ostern zumute. Dann lädt mich das Fest ein, meine eigene Grabessituation, meine Zuschauerrolle, meine Resignation, meine innere Leere anzuschauen. Und ich höre in diese Situation hinein auf die Worte der Bibel und der Liturgie. Die Frauen im Markusevangelium laden mich ein, mich berühren zu lassen und auch meine Ohnmacht und meine Sprachlosigkeit auszuhalten. Immer wieder – so will uns Markus mit seinem eigenen Evangelienschluss sagen – sollen wir den Weg Jesu meditieren, bis uns langsam aufgeht, was es heißt, dass der, der die tiefste Ohnmacht am Kreuz erlebt hat, von Gott auferweckt worden ist, dass auch für uns Auferstehung nur dort geschehen kann, wo wir mit den Frauen in das eigene Grab hineingehen. Die Frauen fordern uns auf, tiefer zu schauen, wenn wir die Auferstehungsgeschichten lesen, hinter die Dinge zu schauen, damit uns das Geheimnis der Auferstehung aufgeht.
Lukas erzählt in der Apostelgeschichte viele Auferstehungsgeschichten. Da verwandelt sich nicht nur die Situation im Gefängnis für Petrus oder für Paulus und Silas. Gerade wenn die Christen verfolgt werden, verwandelt Gott das in neues Leben. Paulus, der schlimmste Verfolger wird zum eifrigsten Verkünder christlicher Freiheit. Als die Jünger aus Jerusalem vertrieben werden, beginnen sie die Mission in Samaria und im ganzen jüdischen Land. Gott verwandelt immer wieder den Tod in neues Leben, die scheinbare Niederlage in einen Sieg, die Dunkelheit in Licht, die Erstarrung in neues Leben.
Das ist für mich das Geheimnis der Osterbotschaft: Es gibt nichts in uns, was Gott nicht verwandeln wird. Es gibt keine Dunkelheit, in die nicht das Licht von Ostern reicht. Es gibt keine Erstarrung, die Gott nicht aufbricht zu neuer Lebendigkeit. Es gibt kein Scheitern, das Gott nicht zu einem neuen Anfang wandeln kann. Es gibt keinen Stein, der nicht weggewälzt werden kann, keine Fessel, die nicht gelöst werden wird. Und es gibt kein Grab, in dem nicht schon Leben aufblüht.

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