Die erste Revision der EinheitsübersetzungAlter Text in neuem Outfit?

Zum ersten Mal erleben wir im katholischen deutschsprachigen Raum eine Überarbeitung der Einheitsübersetzung. Damit bekommt diese große Übersetzung nun eine Geschichte. Erstmals kann man Sprachstil, theologische Akzente und Entstehungsprozesse vergleichen. So ein Vergleich macht Unterschiede sichtbar und erlaubt, Entscheidungen zu sehen, die sonst im „Hintergrund“ eines Textes bleiben. Es entsteht ein neuer Entdeckungsraum.

Mit einem Bibeltext ist es wie mit jedem fremdsprachigen Text. Beim Übersetzen steht man vor der Frage: Will ich möglichst nah am Text bleiben (wörtlich) oder möglichst viel Verständlichkeit für die Leser/innen erzeugen (kommunikativ)? Die Vertreter der „Wörtlichkeit“ versuchen, jedes Wort in die Zielsprache zu übersetzen. Die Vertreter einer kommunikativen Übersetzung streben gute Verständlichkeit an.
Während man beispielsweise im Englischen sagen kann „It’s raining cats und dogs“ wäre im Deutschen natürlich falsch, davon zu sprechen, dass es „Katzen und Hunde regnet“. Man könnte beispielsweise übersetzen „Es regnet sehr stark.“ Das wäre inhaltlich richtig, es fehlt aber die Anschaulichkeit und Poesie des Sprachbildes. Eine Übersetzung, die auch dies berücksichtigt, müsste im Deutschen sagen: „Es schüttet wie aus Kübeln.“
Damit ist aber ein vollkommen neuer Begriff „Kübel“ eingeführt, der im ursprünglichen Zitat nicht vorkommt – die Übersetzung bringt unweigerlich neue Aspekte in den Text. Vor genau diesen Schwierigkeiten steht nun auch jede Übersetzung von Bibeltexten. Die Einheitsübersetzung von 1980 (EÜ 1980) war oft sehr kommunikativ, während die überarbeitete Fassung von 2016 (EÜ 2016) an vielen Stellen eher textnah übersetzt. Daher klingt die EÜ 2016 manchmal etwas spröde, moderner im Sprachstil ist sie nur an wenigen Stellen geworden (beispielsweise Mi 6,8). Gleichzeitig war über viele Jahre ein starker Kritikpunkt an der alten EÜ, dass sie sich zu weit von den ursprachlichen Texten entfernte. Je nach Bewertung kann man der alten EÜ vorwerfen, dass sie den Lesenden den Prozess der Auseinandersetzung mit dem Text häufig abgenommen hat. Sperrige Texte wurden geglättet und Konflikte verharmlost. Die Fassung der EÜ von 2016 dagegen mutet den Leser/innen viel „Arbeit“ mit dem Text zu. Oder anders ausgedrückt: Die Fassung EÜ 2016 vertraut darauf, dass das Wort wirkt.

Welcher Text wird übersetzt?

Die Bibel ist nicht als fertiges Buch vom Himmel gefallen. Das ist einerseits eine Binsenwahrheit, aber gleichzeitig für eine wissenschaftlich fundierte Bibelübersetzung eine Herausforderung. In der Forschung hat man lange nach dem möglichst ältesten und damit ursprünglichsten Bibeltext gesucht. Neuere Funde und Erkenntnisse zeigen aber vor allem im Bereich des Alten Testamentes eine andere Entwicklung der Bibel. Am Anfang (zumindest der greifbaren Handschriftenüberlieferung) stehen wohl eher parallele Text- bzw. Sprachfamilien. Die wissenschaftlichen Standardausgaben der hebräischen Bibel folgen dem Codex Leningradiensis (1008 n. Chr.) und damit der hebräischen, masoretischen Tradition (um 100 v. Chr. liegt der Konsonantentext vor, ab 700 n. Chr. beginnt die Festlegung der Vokale). Ab dem dritten Jahrhundert v. Chr. sind jüdische Fassungen des Alten Testaments in griechischer Sprache (Septuaginta) greifbar.
Die Einheitsübersetzung 2016 folgt jetzt prinzipiell der hebräischen, masoretischen Tradition. Nur einzelne Bücher, die nicht im jüdischen Kanon stehen, werden aus der Septuaginta übersetzt.
An einigen ganzen Büchern kann man diese textkritischen Fragen gut beobachten: Bei Jesus Sirach wurde beispielsweise für die EÜ 2016 nur aus einer Textfamilie (griechischer Text) übersetzt und es wird nicht mehr wie noch 1980 eine Mischform von griechischer, altlateinischer und syrischer Version geboten. Im Buch Tobit wurde nun die längere Fassung aus dem Codex Sinaiticus (griechischer Codex aus dem vierten Jahrhundert n. Chr.) als Grundlage gewählt, nicht eine der vielen Kurzfassungen. Beim Buch Ester ist jetzt im Schriftbild deutlich sichtbar, dass es zwei sehr unterschiedliche Texttraditionen gibt: Die kürzere hebräische Fassung (wie gewohnt mit Verszählung) wird mit der griechischen Fassung (Zählung in lateinischen Buchstaben) ergänzt. So kann jede/r Bibelleser/in den Unterschied sofort sehen.
Auch an einzelnen Worten führt die konsequente Bevorzugung des hebräischen Textes zu Veränderungen gegenüber der gewohnten Fassung EÜ 1980. Besonders markant ist das beispielsweise in Ps 22,22b: „Du hast mir Antwort gegeben“ – so der hebräische und neue deutsche Text. Damit ist eine Brücke von der ausweglosen Situation (Ps 22,1–22a) hin zum Gotteslob (Ps 22,23) geschlagen. Das Lob ist eine Folge der „Antwort Gottes“ und erscheint nicht mehr so unmotiviert wie in der Septuaginta und in der 7 EÜ 1980.
An einigen Stellen der EÜ 2016 entstehen aber durch die Entscheidung, der hebräischen Fassung prinzipiell den Vorzug zu geben, Irritationen. So zitiert der Engel bei der Ankündigung der Geburt Jesu (Mt 1,31) aus Jesaja 7,14: „Siehe, du wirst schwanger werden …“ Im Futur steht der Vers auch in der Septuaginta, aus dieser Textfamilie schöpften vermutlich die Evangelisten und so stand es bei Jes 7,14 in der alten EÜ. Der griechische Text spricht von messianischer Hoffnung. Liest man dagegen in der EÜ 2016 bei Jesaja 7,14 nach, findet man: „Siehe, die Jungfrau hat empfangen …“ Im masoretischen Text steht ein Perfekt. Nicht die Empfängnis soll betont werden, sondern die Zeitspanne von der Schwangerschaft über die Geburt bis ins Kindesalter. Es dauert noch ein paar Jahre, bevor sich die politische Lage verändert – das ist die ursprüngliche bzw. die „hebräische“ Botschaft des Propheten Jesaja aus dem achten Jahrhundert v. Chr.: König Ahas soll sich nicht in die antiassyrische Koalition zwingen lassen.
Diese Beispiele zeigen, dass die Revision der Einheitsübersetzung einem anderen theologischen Konzept folgt als 1980. Weder werden schwierige Texte durch Ausweichen auf andere Texttraditionen vereinfacht, noch wird das Alte Testament einfach an das Neue Testament angepasst. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, welche Textfassungen in der Kirche, für mich persönlich oder für eine bestimmte Gemeinde jeweils zum „Wort Gottes“ werden können/sollen/dürfen.
Im Neuen Testament wurde die Einheitsübersetzung nach der wissenschaftlichen Ausgabe des Nestle-Aland redigiert. Eine interessante textkritische Änderung entstand in Röm 16,7: Aus dem Apostel Junias konnte in EÜ 2016 wieder die ursprüngliche Apostelin Junia werden.

Wie entstanden die Einheitsübersetzung 1980 und ihre Revision 2016?

Der Impuls zur Entstehung der Einheitsübersetzung kam 1960 aus dem Katholischen Bibelwerk e.V. Die deutsche Bischofskonferenz reagierte sofort positiv auf eine Denkschrift, die den Wunsch nach einer einheitlichen deutschsprachigen Bibelübersetzung für alle Orte kirchlichen Lebens zum Ausdruck brachte. So begannen schon vor Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils die Arbeiten am Text. Ab 1969 wurden schrittweise einzelne Bücher veröffentlicht und in einem breiten Prozess Rückmeldungen gesammelt, geprüft, eingearbeitet oder auch ver worfen. 1978 wurde der Text von den deutschsprachigen Bischofskonferenzen approbiert und 1980 erschienen die ersten kompletten Ausgaben der Einheitsübersetzung. Die Bischofskonferenzen gründeten für die Verwaltung der Lizenzrechte die Katholische Bibelanstalt GmbH. Der Bibeltext selbst wurde vom Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH herausgegeben.
Über viele Jahre war der Text dann in Gebrauch und wurde zum katholischen Standardtext. Verschiedenste Initiativen aus der bibelpastoralen Praxis, aus Universitäten und aus dem Verein Katholisches Bibelwerk e.V. führten 1998 dazu, dass die Bischöfe dem Vorsitzenden des Katholischen Bibelwerk e.V. den Auftrag gaben, einen Vorschlag zur Revision der Einheitsübersetzung zu erarbeiten. Es folgte der Auftrag zur Erarbeitung eines Handlungskonzeptes durch die Pastoralkommission und der Erstellung erster Textarbeiten (2002). Schließlich entschieden sich die Bischöfe 2003 zur Revision, sicher auch motiviert durch die anstehende Revision des Messbuchs (Editio tertia typica des Missale Romanum 2002). Die eigentliche Arbeit am Text begann mit der ersten Sitzung des Leitungsgremiums am 24. Januar 2006. Alle Revisoren plus Leitungsgremium trafen sich erstmals am 9. Februar 2006.
Die Arbeit an der Revision wurde koordiniert von der Arbeitsstelle Bücher der Kirche, bis 2013 geleitet von Dr. Rainer Ilgner. Im Vergleich mit der ersten Ausgabe der Einheitsübersetzung fällt auf, dass nur Professor/ innen der Exegese am Text arbeiteten und auch keine weitere Erprobungsphase geplant wurde. Den Vorsitz des internationalen bischöflichen Leitungsgremiums hatte zuletzt Bischof em. Dr. Joachim Wanke, Erfurt.
Als Revisoren arbeiteten insgesamt etwas über 50 Professoren (darunter sechs Frauen im AT und eine Frau im NT) mit.
Bereits 2013 lag der Text vor und wurde dann in einem dreijährigen Prozess sowohl von den deutschsprachigen Bischofskonferenzen als auch von der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakra mentenordnung im Frühjahr 2016 9 recognisziert.
So konnte der Text im Kontext der Herbstvollversammlung der Bischöfe im September 2016 der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Das Katholische Bibelwerk e.V. wurde mit der pastoralen Begleitung beauftragt, der Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH setzte den Text in Bibelausgaben und in elektronische Medien um und das Liturgische Institut in Trier begann mit der Arbeit am Lektionar.

Kriterien der Übersetzung 1980 und der Revision

Das Ziel der Einheitsübersetzung 1980 lautete, eine Übersetzung aus den Urtexten in ein gehobenes Gegenwartsdeutsch, weder zu feierlich noch zu alltagssprachlich zu erstellen. Deshalb arbeiteten neben Bibelwissenschaftlern auch Sprachwissenschaftler/innen und Musiker/innen an den Texten. Für die Revision blieb man beim grundsätzlichen Stil der Einheitsübersetzung, diese sollte aber näher an den Wortlaut der biblischen Texte rücken.
Als Kriterien wurden für die Revision angesetzt:

  • Übersetzung bzw. Revision aus den Urtexten nach aktuellem Stand der Textforschung in gutes Deutsch bei maximaler Texttreue.
  • Korrigiert werden sollten: Sachliche Fehler, Hinzufügungen und stilistische Mängel.
  • Die Metaphern und die Bildsprache sollten näher am Urtext orientiert sein.
  • Einleitungen, Zwischenüberschriften, Anmerkungen und Fußnoten sowie der Anhang wurden aktualisiert.

Grundsätzlich sollte nur moderat revidiert werden, auch wenn das dann in einzelnen Büchern unterschiedlich akzentuiert wurde.

… und die Ökumene?

Ganz zu Beginn war die Einheitsübersetzung sogar als ökumenische Bibelausgabe gedacht. Das ließ sich schon in den 1970er Jahren nicht verwirklichen, aber dem Einsatz von Bischof Leiprecht, Diözese Rottenburg- Stuttgart, ist zu verdanken, dass die Psalmen und das gesamte Neue Testament von der EKD mit herausgegeben wurde.
Der Begriff Einheitsübersetzung bezog sich von seiner Entstehung her nie auf eine ökumenische Einheit, sondern hatte die „Einheit“ aller deutschsprachigen Diözesen und aller Orte kirchlichen Lebens im Blick (Liturgie, Schule, Katechese, private Lektüre).
Im Zuge der Veröffentlichung des Dokuments „Liturgiam authenticam“ (2001) und der Befürchtung, dass eine römische Instanz über einen gemeinsam erarbeiteten Text urteilt, scheiterte 2005 die ökumenische Herausgeberschaft.
Erst nach Veröffentlichung des Textes der revidieren Einheitsübersetzung (2016) und des revidierten Luthertextes (2017) würdigten am 9. Februar 2017 Landesbischof Bedford- Strohm und Kardinal Marx den jeweils anderen Text und empfahlen, für ökumenische Gottesdienste jeweils aus beiden Fassungen zu lesen.

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