Von Sehnsucht und Empathie„Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide.“

In einem Nachrichtenmagazin las ich neulich die Geschichte eines schier haarsträubenden Scheidungskriegs. Vom liebenden, fürsorglichen Vater war die Rede und von der intriganten Mutter, die nach der Trennung ihre Zeit lieber in das Fernhalten des Vaters vom Kind steckte als in die eigene Erwerbstätigkeit.
Ich bekam Mitleid mit der Frau. Nicht etwa wegen des ziemlich einseitigen Berichts. Im Gegenteil. Ich kenne ähnliche Fälle aus meinem Bekanntenkreis und allein beim Gedanken an das Betragen der Damen kann ich nur den Kopf schütteln. Dennoch: Irgendwie konnte ich plötzlich nachempfinden, was Frauen dazu treibt, zur Furie zu werden. Ich spürte ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit. Ihre gekränkte Seele und die Verzweiflung über zerstörte Lebensentwürfe. Und ich spürte ihre Sehnsucht nach Stärke und Unabhängigkeit, nach Sicherheit und Zuwendung. Nicht auszuschließen, dass hier auch meine Sehnsüchte eine Rolle spielten. Aber die Tatsache, dass ich mit Frauen fühlen konnte, die nach scheinbar gänzlich anderen Werten leben, als ich es tue, zwang mich zur Frage: Ist es die Sehnsucht – die fremde oder auch die eigene – die uns Menschen empathisch macht?
Goethe hat es ausgesprochen: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide.“ Was wie die banale Feststellung klingt, dass man natürlich das besonders gut nachempfinden kann, was man selbst schon erlebt hat, scheint mir weitaus komplexer zu sein.
Empathisch zu sein bedeutet, die Gefühle von anderen nachempfinden, sogar mitempfinden zu können.
Das aber setzt voraus, überhaupt fühlen zu können. Was schwieriger ist, als man meinen mag. Denn Fühlen zu können ist mehr, als bloß etwas zu empfinden. Fühlen zu können bedeutet, Gefühle voneinander unterscheiden und benennen zu können. Es bedeutet, Gefühle anzunehmen als Teil des Lebens, sie zu durchleben. Sie auszukosten oder bewusst zu entscheiden, was auszuhalten und was auszuschalten ist.
Empathisch zu sein heißt auch, die Perspektive wechseln zu können. Nicht nur von sich aus zu denken und zu fühlen (kommunikationstheoretisch gesagt: nicht nur den Appel, sondern auch die Selbstoffenbarung zu hören), sondern, etwa in Konflikten, neben dem Vorwurf und der Schuldzuweisung auch das Bedürfnis des Gegenübers zu hören.
Da Sehnsucht immer ambivalent ist, schließt sie ganz unterschiedliche Gefühlswelten auf. Gerade ihr Schwanken zwischen Extremen und die damit verbundene Unberechenbarkeit sind für Außenstehende schwer zu begreifen oder mitzufühlen. Wer selbst schon einmal sehnsüchtig war und die gemischten Gefühle dieses Zustands erlebt hat, ist daher nicht nur leichter anschlussfähig und kann nachvollziehen, was im Sehnenden abläuft. Er erkennt auch besser die tief liegenden Bedürfnisse, die uns Menschen einander ähnlich machen. Wer selber sehnt, versteht, was Bedürftigkeit heißt. Dazu kommt, dass Sehnsucht die Chance eröffnet, den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen auf den Grund zu gehen. Selbst wenn sich nie ganz erschließt, wonach die Sehnsucht sucht, so treibt sie doch an und weist den Weg in die Tiefen des Menschseins. Sehnsüchtige sind dann „Geheimnisträger“.
In meiner Welt macht Sehnsucht daher nicht nur empathisch. Sie bietet vielmehr den Schlüssel zum Herzen des anderen. Sich zu begegnen und zu erkennen, dass beide um das Geheimnis im Leben wissen, dass beide das Drängen, das vorwärtstreibt und zugleich traurig macht, kennen, ist ein geradezu intimer Moment. Es ist verwirrend, wenn das ausgerechnet dort passiert, wo man überhaupt nicht damit rechnet. Was die Frauen aus meinem Bekanntenkreis betrifft, so schüttle ich nach wie vor den Kopf. Nur deutlich vorsichtiger und weniger laut. Immerhin teilen wir sehr wahrscheinlich die gleiche Sehnsucht ....  

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