Neuentdeckung der christlichen BerufungBarmherzigkeit

Die Botschaft der Barmherzigkeit steht im Zentrum der biblischen Offenbarung und sie bildet die Mitte der christlichen Berufung: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36) Wenn Jesus uns auffordert, barmherzig zu sein, wie es unser himmlischer Vater ist, dann ist Barmherzigkeit die eigentliche Berufung und Sendung der Christen. Um diese Berufung leben und diese Sendung verwirklichen zu können, müssen wir die Tiefe des Evangeliums der Barmherzigkeit neu entdecken.

Der Begriff ‚Barmherzigkeit‘ hat unterschiedliche Bedeutungen. Wir müssen drei grundlegende Dimensionen der Barmherzigkeit unterscheiden, um die tiefere Bedeutung von Barmherzigkeit für unser Christsein und Menschsein zu erfassen. Zuerst und vor allem geht es um Gottes Barmherzigkeit. Sie ist authentischer Ausdruck seiner wohlwollenden Liebe. Sie ist als Eigenschaft Gottes sein Name. Auf der zweiten Ebene geht es um das Geschenk der Barmherzigkeit Gottes. Durch die Teilhabe an der Barmherzigkeit Gottes erfährt der Mensch ihre Leben prägende und verwandelnde Kraft. Dies ist die Wirkung der Gnade der Barmherzigkeit Gottes in uns. In dieser Kraft wird der Mensch befähigt, Barmherzigkeit zu leben. Schließlich geht es um Barmherzigkeit als Haltung und Eigenschaft der Menschen, die in Taten der Nächstenliebe zum Ausdruck kommt, besonders im Erweisen von Barmherzigkeit gegenüber den Armen und Notleidenden.
Nur wenn wir diese drei Dimensionen in dieser Einheit und gegenseitigen Verwiesenheit sehen, kann die Barmherzigkeit ihre volle Kraft entfalten und als eine Basistugend der Menschheit Herzen bewegen und Seelen beflügeln. Die Praxis der Barmherzigkeit kann unsere Welt gerechter und schöner machen. Für das Leben und Zusammenleben der Menschen in unserer Zeit ist die Praxis der Barmherzigkeit zentral. Deshalb ist es von unverzichtbarer Bedeutung, dass wir die Schönheit der Barmherzigkeit Gottes erkennen und seine Tiefe in unserem Leben erfahren, damit wir in allen Lebensbereichen Barmherzigkeit leben können.

Barmherzigkeit ist der Name Gottes

Die existentielle und spirituelle Bedeutung der Barmherzigkeit kommt in ihrer ganzen Schönheit zum Vorschein, wenn wir uns ihr von der unendlichen Barmherzigkeit Gottes her annähern. Gott ist Ursprung der Barmherzigkeit. Aus dieser Quelle strömt alles. Die Praxis der Barmherzigkeit führt uns zurück zu dieser Quelle. Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von Gott. Im Licht seiner Herrlichkeit erkennen wir sein Erbarmen und seine Gerechtigkeit (vgl. Bar 5,1–9).
Gott offenbart sich in seiner Barmherzigkeit in der Schöpfung und in besonderer Weise in der Heilsgeschichte. Im Buch Exodus antwortet Gott Mose auf die Frage, wer er sei, mit den Worten: „Ich bin der, als der ich für euch da sein werde“ (Ex 3,14). So offenbart Gott sein Wesen und seine Daseinsweise für die Menschen. In der dritten Namensoffenbarung Gottes wird diese Daseinsweise Gottes für die Menschen näher beschrieben: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue“ (Ex 34,6).
Das Thema Barmherzigkeit zieht sich als roter Faden durch die ganze biblische Offenbarung. Die Psalmen preisen Gott als „gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade“ (Ps 103,8). Die Barmherzigkeit Gottes wird uns auf menschliche Weise anschaulich gemacht: „Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über alle, die ihn fürchten“ (Ps 103,13). Der Höhepunkt der alttestamentlichen Offenbarung von Gottes Barmherzigkeit findet sich beim Propheten Hosea. Er spricht in dramatischer Weise davon, dass sich Gottes Herz gegen ihn selbst wendet und sein Mitleid aufflammt, um die Tiefe seiner Barmherzigkeit mit Israel zu zeigen (vgl. Hos 11,8).
Wenn wir aus der Perspektive der Barmherzigkeit Gottes auf die Offenbarung schauen, erkennen wir, wie die liebende Zuwendung Gottes zu den Menschen als Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus erfahrbar wird. Die Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes erreicht ihren heilsgeschichtlichen Höhepunkt in Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Jesus Christus ist das barmherzige Antlitz Gottes.
Jesus Christus, der Gott ist, der am Herzen des Vaters ruht, offenbart uns Gottes Barmherzigkeit (vgl. Joh 1,18). Er offenbart nicht nur das Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes, sondern er ist die Inkarnation der Barmherzigkeit des Vaters. Diese Barmherzigkeit Gottes ist erfahrbar in seinem Heilswerk und in seiner Proexistenz für die Menschen. Jesus Christus ist die Tür zur Barmherzigkeit. Wer durch diese Tür geht, erfährt die göttliche Barmherzigkeit (vgl. Joh 10,6; 14,6). Barmherzigkeit ist von zentraler Bedeutung nicht nur für das Gottesverständnis, sondern auch für das christliche Leben und für das Menschsein des Menschen überhaupt. Denn Gott will, was er ist: Barmherzigkeit. „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9,13, vgl. Hos 6,6).

Tiefe und Weite der Barmherzigkeit Gottes

In der Verkündigung Jesu wird die Barmherzigkeit Gottes durch die Gleichnisse sehr anschaulich dargestellt. Die Gleichnisse vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme (Lk 15,3–10) verdeutlichen, wie Gott barmherzig ist, wie er die Verlorenen sucht und welche Freude entsteht, wenn Menschen wieder zu Gott zurückfinden.
Im Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lk 15,11–32) veranschaulicht Jesus, wie die Barmherzigkeit Gottes über jedes Maß hinausgeht und jede unserer Vorstellungen übersteigt. Die einladende und offene Barmherzigkeit des Vaters bewegt den verlorenen Sohn, seine sündige Situation zu erkennen und zu seinem Vater zurückzukehren.
Jesus lehrt uns: Diese Barmherzigkeit des Vaters gilt jedem von uns. Der barmherzige Vater wartet auf alle Menschen. Er hat Mitleid mit allen. Er läuft uns entgegen, um uns um den Hals zu fallen, uns zu umarmen und zu küssen. Wir sollten wie der verlorene Sohn den Entschluss fassen, zum Vater zurückzukehren und uns zu öffnen für die überströmende Barmherzigkeit des himmlischen Vaters. Der barmherzige Vater freut sich über jeden, der zu ihm zurückkehrt, der sich von seiner Barmherzigkeit und Liebe entfernt hat. Darüber hinaus ermutigt er den älteren Sohn, sich mit zu freuen, „denn dein Bruder war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wieder gefunden worden“. In diesem Gleichnis geht es um die göttliche Dimension der Barmherzigkeit, das Geschenk und den Empfang der Barmherzigkeit.
Dieses Gleichnis bringt nicht nur die Tiefe und Weite der Barmherzigkeit Gottes zum Ausdruck, sondern auch die mit der Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes verbundene Selbsterkenntnis und Veränderung des Herzens und die menschliche Bereitschaft, zur Quelle der Barmherzigkeit zu gehen. In realistischer Selbsterkenntnis müssen wir uns auf Gottsuche begeben. Der verlorene Sohn in seiner menschlich verlorenen Situation erinnert sich an die Güte und Großherzigkeit seines Vaters. Er kommt zur Selbsterkenntnis. Die realistische Selbsterkenntnis gibt ihm die nötige Kraft, den Entschluss zu fassen, zum Haus des Vaters zurückzukehren. Die Voraussetzung für die Erfahrung der Barmherzigkeit ist die damit verbundene Gottes- und Selbsterkenntnis. Die Erfahrung der Barmherzigkeit führt zur Versöhnung, Versöhnung mit Gott, mit sich selbst und der eigenen Lebenssituation.
Wenn wir auf den Vater im Gleichnis näher schauen, erkennen wir: Das Herz des Vaters ist nicht verschlossen, sondern offen. Er wartet auf unsere Rückkehr. Wie in diesem Gleichnis hält er Ausschau am Horizont, um zu sehen, ob der Sohn sich zur Rückkehr entschlossen hat. Das Herz des Vaters bleibt weit offen, aber von Seiten der Menschen wird die Haltung der Erinnerung notwendig, wie gut es im Haus des Vaters ist. Diese Erinnerung bewegt den verlorenen Sohn zur Rückkehr. Dieses Gleichnis zeigt überaus deutlich: die Reue und die Umkehrbereitschaft des in seiner Freiheit geachteten Menschen sind die notwendigen Voraussetzungen für den Empfang der verschwenderischen und zuvorkommenden Barmherzigkeit Gottes.

Unsere Berufung, Barmherzigkeit zu leben

Im Gleichnis vom unbarmherzigen Verwalter stellt Jesus heraus, wie wir, die die Barmherzigkeit Gottes erfahren haben, nach seinem Vorbild auch anderen gegenüber Erbarmen haben sollen. Die Frage ist entscheidend: „Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?“ (Mt 18,33). Weil wir das Mitleid Gottes erfahren haben, sind wir berufen und befähigt, selber Mitleid zu empfinden. Wenn wir die Unermesslichkeit der Barmherzigkeit Gottes in unserem Herzen erfahren, dann wird unser Herz empfindsam und sensibel für die Bedürfnisse und die Not der anderen Menschen.
Auch im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,29–37) geht es um das Tun der Barmherzigkeit: „Dann geh und handle genauso!“ Wir sollen den guten Samariter nachahmen. Der Erweis der Barmherzigkeit ist eine spontane Reaktion des Herzens, an der vorgefundenen Not nicht vorüberzugehen, sondern sie zu lindern und sich so dem Gefallenen als Nächster zu erweisen.
Wir müssen die Barmherzigkeit leben und Barmherzigkeit tun. Es ist unsere Berufung und Sendung, barmherziger Samariter zu sein und immer mehr zu werden. Wir leben und lernen Barmherzigkeit in der Nachfolge Christi. Christi Leben ist das Vorbild für unser Leben. Jesus lebt, was er verkündet: Er bringt den Armen eine gute Nachricht, er verkündet den Gefangenen Entlassung und schenkt den Blinden das Augenlicht. Er setzt die Zerschlagenen in Freiheit, er ruft ein Gnadenjahr des Herrn aus (vgl. Lk 4,18f.).
Das Christsein im Horizont der Barmherzigkeit Gottes neu zu betrachten und daraus Kraft zu schöpfen hilft uns, die Barmherzigkeit als Berufung und Sendung der Christen neu zu verstehen. Bei Barmherzigkeit geht es in erster Linie um die Barmherzigkeit Gottes, um das sichtbar und erfahrbar werden seiner schöpferischen und heilsschaffenden Zuwendung zu den Menschen. Ohne diese ‚vertikale‘ Beziehung zu Gott, der die Quelle der Barmherzigkeit ist, werden wir keine Kraft finden können für die ‚horizontale‘, zwischenmenschliche Praxis der Barmherzigkeit. Ohne den Bezug zu Gottes Barmherzigkeit werden wir irgendwann kraft- und mutlos in unserem Engagement für die Menschen. Mit diesem Gottesbezug aber gewinnen unsere humanitären Taten christliche Qualität und sie werden zu gelebter Caritas und Diakonie. Wir geben nur das Empfangene weiter. Wenn wir Gottes Barmherzigkeit in unserem eigenen Herzen empfangen, können wir auch die Früchte der Barmherzigkeit in unserem Handeln sichtbar werden lassen.

Erfahrung der Barmherzigkeit

Barmherzigkeit erfahren bedeutet, offen zu werden für den Empfang der Gnade der wohlwollenden Zuwendung Gottes und uns von dieser zuvorkommenden Gnade verwandeln zu lassen.
Die Barmherzigkeit Gottes können wir nur erfahren, wenn wir bereit sind, uns unserer eigenen Lebenssituation bewusst zu werden und unsere Erlösungsbedürftigkeit vor Gott zu bekennen. Das In-der-Welt-Sein des Menschen bringt mit sich die Angewiesenheit auf Gott, auch wenn uns diese Angewiesenheit nicht bewusst ist. Mensch, Welt und Lebenswirklichkeit entsprechen, so wie sie sind, noch nicht voll dem Liebeswillen des barmherzigen Gottes. Wenn wir realistisch über unser eigenes Leben nachdenken und aus der Perspektive Gottes auf unsere Lebenswirklichkeit schauen, erkennen wir unsere existenzielle Armut, Not und unsere Angewiesenheit auf die Barmherzigkeit Gottes. Wir bedürfen der Erlösung und Heilung, Versöhnung und Vollendung.
Wir sollen ins Meer der unendlichen Barmherzigkeit Gottes eintauchen, um von Gott unsere Wunden berühren und heilen zu lassen. Barmherzigkeit ist eine Sache des Herzens. Im biblischen Sinne bildet das Herz die Mitte des Lebens. Wie können wir konkret in diese Barmherzigkeit Gottes eintauchen und unsere Lebensmitte von ihr berühren lassen?
Die Feier der Liturgie ist der vornehmliche Ort, wo wir in das Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit eintauchen können. Dort verkünden wir das heilschenkende Erlösungswerk Jesu Christi, in dem er uns Anteil gibt an seiner Barmherzigkeit. In der Feier der Sakramente empfangen wir diese Barmherzigkeit, indem er uns immer wieder als Kinder Gottes annimmt, unsere Sünden vergibt, unsere Wunden heilt, uns durch die Arznei der Unsterblichkeit innerlich verwandelt und uns dadurch befähigt, unsere eigene menschliche Schwachheit, die eigenen Begierden und den um uns selbst kreisenden Egoismus zu überwinden, Grenzen zu überschreiten und über uns selbst hinauszuwachsen. So können wir uns und unsere Mitmenschen mit den Augen der Barmherzigkeit Gottes anschauen und ihnen das uns selbst Geschenkte weitergeben.
Es ist unsere christliche Berufung, immer mehr barmherzig zu werden: Wachstum in der Barmherzigkeit ist nur möglich in der Begegnung mit Jesus Christus, der Barmherzigkeit Gottes in Person. In seiner Gegenwart und seiner Nähe empfangen wir die Gnade und die Vergebung unserer Sünden. Er befreit uns von unserer Ich-Zentriertheit. Er befähigt uns, über unsere Grenzen hinauszuwachsen und in die Peripherien des Lebens zu gehen, um dort die Barmherzigkeit Gottes in Wort und Tat zu verkünden.

In der Nachfolge Christi Barmherzigkeit leben

Unsere Erfahrung zeigt, dass es in der Welt zu viel Dunkelheit, Gewalt und Ungerechtigkeit gibt. Angesichts dieser Tatsache kann nur ein ‚Mehr‘ an Barmherzigkeit und Güte diesen unguten und ungerechten Zustand überwinden und unsere Lebenswirklichkeit heilen und zum Guten hin verändern. Dieses ‚Mehr‘ kommt allein von Gott: Es ist seine Barmherzigkeit, die in Jesus Christus uns geschenkt wird. Jesus hat ein Herz für die Menschen und seine barmherzige Liebe hat ihm im wahrsten Sinne des Wortes das Herz durchbohrt. „Aus seinem durchbohrten Herzen entspringen die Sakramente der Kirche. Das Herz des Erlösers steht offen für alle, damit sie freudig schöpfen aus den Quellen des Heiles“ (Präfation vom Hochfest des Heiligsten Herzen Jesu). In der Gegenwart Gottes empfangen wir seine Barmherzigkeit, die aus dem geöffneten Herzen Jesu hervorströmt.
Die Herz-Jesu-Verehrung in der Frömmigkeitsgeschichte macht anschaulich, was Barmherzigkeit in ihrer geistlich-geistigen Dimension sein soll: Schöpfen der göttlichen Barmherzigkeit aus der Quelle und Sendung zu Taten der Barmherzigkeit. Jesus Christus ist die Barmherzigkeit Gottes für uns („misericordia Dei“). Jesus Christus hat ein Herz („cor“) für die Armen („miseri“). Sein Herz ist offen für unsere existentielle Armut.
Wir lernen Barmherzigkeit vom Herzen Jesu: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,28ff.) Wenn wir im Herzen Jesu ruhen, werden wir Barmherzigkeit lernen. Wenn Christus in unserem Herzen wohnt, werden auch wir nach seinem Herzen umgewandelt. So werden wir fähig, Reichtum und Schönheit seiner barmherzigen Gnade zu begreifen (vgl. Eph 3,14– 19). Es gilt, eine innige Liebe zum Lebensweg Jesu zu entwickeln. Liebe zum Weg des Gottessohnes, der sich entäußerte, arm wurde, sich erniedrigte, um einer von uns zu werden. Wir müssen uns entäußern und innerlich leer werden, damit er uns mit seiner Barmherzigkeit erfüllen kann.
Unsere Praxis der Barmherzigkeit ist die dankbare Antwort auf die Barmherzigkeit Gottes, die er uns ohne unser Verdienst zuerst geschenkt hat (vgl. 1 Joh 4,10). Die Barmherzigkeit ist die überreiche Selbstverschenkung des Herrn nach seiner Logik: „Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“ (Röm 5,20). Gottes wohlwollende Barmherzigkeit ist der Grund der Kenosis Christi. Um uns an seiner Barmherzigkeit teilhaben zu lassen, hat Gott sich entäußert und ist Mensch geworden (vgl. Phil 2,7). Wir nehmen teil an der Kenosis Christi, wenn wir uns zu den Armen und Elenden in liebevoller Zuwendung hingeben. Wenn wir anderen Barmherzigkeit erweisen, nehmen wir teil an der Barmherzigkeit Gottes selbst.
Jesus hat uns das Erbarmen Gottes in seinem Leben gezeigt und vorgelebt. Er hatte Mitleid mit den vielen Kranken, den Hungrigen und den Notleidenden. Er hat sich der von bösen Geistern Geplagten angenommen. Er wurde von Mitleid gerührt, als er einen Aussätzigen traf. Er begegnete mit Mitleid der Frau, die ihren einzigen Sohn verloren hatte. Alles, was Jesus für die Menschen tat, waren heilende und heilsame Taten der Barmherzigkeit. Sein letzter Schrei am Kreuz machte die göttliche Weite seiner Barmherzigkeit deutlich in der Vergebungsbitte für seine Feinde: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34).
Wir sind berufen, seine Sendung in der Welt heute als Werkzeuge der Gnade fortzusetzen. Wir müssen nach seinem Vorbild und seiner Kraft barmherzig sein, ein Herz für die Armen haben, die nicht nur physisch und materiell arm sind, sondern auch geistig und geistlich arm geworden sind. Die Barmherzigkeit Gottes nimmt Gestalt an in unserer Zeit durch unser Tun der Barmherzigkeit. Das allein ist glaubwürdig. Das Tun der Barmherzigkeit ist die konkrete Verkündigung der Liebe Gottes.
Indem wir die Barmherzigkeit Gottes feiern und verkünden, empfangen wir die Gnade, die Sendung der Barmherzigkeit weiter zu führen. In der Liturgie gedenken wir des Heilswerks Christi, vergegenwärtigen seine Barmherzigkeit und begegnen ihm. Erst aus der Begegnung mit Christus in der Anbetung und im Gebet können wir Kraft schöpfen, zu den Rändern und in die Peripherien der Gesellschaft zu gehen. Durch die Begegnung mit der barmherzigen Liebe Gottes in seiner Gegenwart wird die Beziehung zu ihm in uns lebendig und kraftvoll. In dieser Kraft sind wir befähigt, Christus in den Armen und Notleidenden zu begegnen. Unsere Begegnung mit den Armen und Notleidenden werden reicher und schöner, ja göttlicher, wenn wir ihnen die barmherzige Liebe Gottes bringen.

Die Werke der Barmherzigkeit

In der christlichen Tradition unterscheiden wir zwischen leiblichen und geistlichen Werken der Barmherzigkeit. Die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit sind: Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen, Gefangene befreien, Tote bestatten. Genauso wichtig sind die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit: Unwissende lehren, Zweifelnden raten, Irrende zurechtweisen, Trauernde trösten, Unrecht ertragen, Beleidigung verzeihen, für die Lebenden und die Toten beten.
Die Praxis dieser Werke ist zentral für das Christsein. Es ist selbstverständlich, dass nicht jeder in seiner jeweiligen Lebenssituation alle diese Werke gleichermaßen verwirklichen kann. Aber jeder kann einige Werke verwirklichen und der christliche Berufung entsprechen.
Die Praxis der Barmherzigkeit ist im Grunde genommen die Praxis der Menschlichkeit. Wir empfangen die Kraft zu dieser Praxis der Menschlichkeit von Gott und er lässt uns erkennen, dass wir alle Mitgeschöpfe sind und damit Brüder und Schwestern. Jeder von uns ist gleichermaßen auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen. Jeder von uns empfängt auch gleichermaßen seine Barmherzigkeit. Diese Erkenntnis macht uns empfindsam für unsere Mitgeschöpfe. Was wir auf der schöpfungsmäßigen Ebene mit allen Menschen teilen, wird erhöht und neu qualifiziert in der Berufung zum Christsein. Die Fähigkeit, Barmherzigkeit zu tun durch die Praxis der Menschlichkeit ist uns allen gegeben, weil wir als Bild und Gleichnis Gottes geschaffen sind. Diese Ebenbildlichkeit mit Gott ist Grundlage und Voraussetzung dafür, dass wir nach dem Vorbild Gottes handeln können. Praxis der Barmherzigkeit ist die gelebte Humanität. Die Sprache der Barmherzigkeit verstehen alle Menschen guten Willens, auch die Menschen in einer nachchristlichen und kirchlich distanzierten Gesellschaft. Es geht um das persönliche Lebenszeugnis. Denn jeder Einzelne muss zuerst in seinem eigenen Leben barmherzig werden und Barmherzigkeit vorleben.
Es geht um die persönliche Bemühung, unser Denken und Handeln von der Barmherzigkeit Gottes prägen und bestimmen zu lassen. Deshalb muss jeder Barmherzigkeit praktizieren, damit die Gemeinschaft als solche barmherzig werden kann. Eine barmherzige Kirche entsteht, wenn einzelne Gläubige in ihrem Herzen barmherzig werden und dieses Herz für andere öffnen. Wenn jeder die empfangene Barmherzigkeit weiterschenkt, wird eine Kirche der Barmherzigkeit Zeugnis von der Barmherzigkeit Gottes geben können. Dies ist die missionarische Sendung der Christen. Die Menschen sollen durch unser Leben die Barmherzigkeit Gottes erleben und dadurch den Vater im Himmel preisen. Die christliche Praxis der Barmherzigkeit mit allen Menschen macht das Christentum anziehend. Kirche als missionarische Gemeinschaft hat die Sendung, die Barmherzigkeit Gottes in der Welt in Wort und Tat zu verkünden. Wir haben Jesus und seine Botschaft der Liebe zu verkün den: Seine Liebe gilt allen Menschen. Er schaut auf die Menschen mit Mitleid und Erbarmen.
Die Werke der Barmherzigkeit können wir als ein Zeichen der konkret gewordenen Reich-Gottes- Botschaft Jesu verstehen. Das Reich Gottes findet seine zeichenhafte Verwirklichung in den Werken der Barmherzigkeit. Barmherzigkeit leben bedeutet, in der Kraft Gottes all das, was wir anderen voraushaben, anderen zur Verfügung zu stellen: unsere Gesundheit den Kranken, unsere Freude den Trauernden, unser Wissen den Unwissenden usw. Wenn wir eine grundsätzliche Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens empfinden, werden wir auch bereit sein, unser Leben mit anderen Menschen zu teilen.
Die Botschaft der Barmherzigkeit wird immer tiefer verständlich für diejenigen, die sich der Liebe Gottes öffnen und Jesus als ihre erste und einzige, alles bestimmende Liebe erwählen. Praxis der Barmherzigkeit ist die konkret gelebte Nächstenliebe. Diese Praxis spielt eine so zentrale Rolle in der Predigt Jesu, dass sie zum Maßstab für das Jüngste Gericht wird. Jesus überhöht diesen Anspruch, indem er sich selbst mit den Armen und Leidenden nicht nur solidarisiert, sondern identifiziert und so die Motivation für die Praxis der Barmherzigkeit gibt: „Was immer ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).
Die Unbedingtheit der Praxis der Barmherzigkeit wird nur verständlich, wenn wir die Bedeutung der Person Jesu Christi tiefer erfassen: Weil er Gott ist, kann er sich mit den Armen und Notleidenden identifizieren. Er kennt das Herz des Menschen und er wird die Welt richten. Er ist derjenige, der dem Menschen den ewigen Lohn oder die ewige Strafe zuteilen wird, je nachdem, ob dieser Barmherzigkeit gelebt hat oder nicht. Jesus als Weltenrichter hat das Tun der Barmherzigkeit zum Kriterium für das ewige Heil gemacht. Diejenigen, die keine Barmherzigkeit erwiesen haben, müssen von ihm weichen und in die ewige Strafe gehen. Aber die Gerechten, die die Barmherzigkeit gelebt haben, dürfen in das Reich Gottes eingehen und sich des ewigen Lebens erfreuen (vgl. Mt 25,46).
Jesus Christus bringt das Licht in die Finsternis der Welt: „Das Volk, das in Finsternis lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen“ (Mt 4,16). Als berufene Christen sollen wir die Sendung Jesu in die heutige Welt hinein fortsetzen. Die volle Tragweite des Auftrags Jesu, barmherzig zu sein wie es der himmlische Vater ist, ist nur verständlich für diejenigen, die sich für das Reich Gottes entschieden haben und bereit sind, Jesus Christus als Herr und Gott seines Lebens anzunehmen, ihm nachzufolgen und in seinem Geiste zu leben und zu handeln. Dennoch vermögen alle Menschen guten Willens, in diesen Worten eine Melodie zu vernehmen, die das Herz eines jeden Menschen berühren und bewegen kann. Der Auftrag Jesu, den Vater im Himmel zum Vorbild für unser Leben und Handeln zu nehmen, umfasst sowohl etwas Ideales als auch etwas Reales. Die Botschaft Jesu bringt einen qualitativen Sprung mit sich. Dies wird nur verständlich im Kontext der umfassenden Reich-Gottes-Botschaft, die in seiner Person gegenwärtig ist. Zu dieser Botschaft gehört unbedingt der Ruf Jesu: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Mt 4,17). Das Sprechen von Barmherzigkeit kann nicht zur Verwässerung der Unbedingtheit des Glaubens, der Notwendigkeit der persönlichen Bekehrung oder der Herabsetzung der Gebote Gottes führen. Jesu Aufforderung zu einem Leben nach dem Vorbild des barmherzigen Vaters wirft vielmehr ein Licht auf das Böse und Dunkle in der Welt und die Verkrüppelung des Gewissens. Die Grundvoraussetzung für die Praxis der Barmherzigkeit ist die Feinjustierung und Sensibilisierung des Gewissens, so dass wir spontan das Gute wählen und eine barmherzige Haltung einnehmen.

Perspektiven für eine Horizonterweiterung

Wenn Barmherzigkeit keine ‚Zauberformel‘ für alles und jedes sein soll, ist es das Gebot der Stunde, dass wir geistlich-geistig ringen, um das Verständnis der Barmherzigkeit zu vertiefen. Wenn Barmherzigkeit nicht eine rein menschliche Vorstellung von humanitären Werken sein soll, ist es von zentraler Bedeutung, sich der tieferen erlösenden, heilenden und motivierenden Kraft der göttlichen Barmherzigkeit bewusst zu werden.
Bei Barmherzigkeit geht es nicht um ein gängiges Gutmenschentum, eine Art ‚Nicht-so-schlimm-Mentalität‘, eine Relativierung oder Verharmlosung von menschlichem Fehlverhalten aus Egozentrismus. Barmherzigkeit ist kein Alibi-Begriff für ‚Christsein light‘ oder ‚billige Gnade‘, wie es Dietrich Bonhoeffer einst treffend formuliert hat. Deshalb ist es von zentraler Bedeutung, dass wir alle menschlichen Anstrengungen auf uns nehmen, dem göttlichen Anspruch der Barmherzigkeit, der auch unsere Umkehr fordert, gerecht zu werden. Freilich ist diese Umkehr erst durch die zuvorkommende Gnade Gottes möglich.
Die tiefere Betrachtung der Barmherzigkeit Gottes lädt uns zu einem Perspektivenwechsel und einer Horizonterweiterung im Blick auf die unendliche Barmherzigkeit Gottes ein. Barmherzigkeit zu leben bedeutet, die Perspektive des himmlischen Vaters einzunehmen, alle Menschen als Geschöpfe Gottes und als seine Kinder zu betrachten. Aus seiner Perspektive müssen wir zu den Menschen gehen, sogar zu den Feinden. Denn der himmlische Vater lässt die Sonne aufgehen über Guten und Bösen, er lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte (vgl. Mt 5,45). In unserem zwischenmenschlichen Verhalten muss die gütige Barmherzigkeit des Vaters die entscheidende und motivierende Kraft unseres Handelns sein. Die Barmherzigkeit Gottes ist nicht ausschließend, sondern alle Menschen einschließend. Die Kraft zu Empathie und Einfühlungsvermögen entspringt nicht aus uns selbst. Sie übersteigt unser menschliches Vermögen. Nur in der Kraft Gottes können wir auch dem uns zunächst unsympathisch erscheinenden Menschen Barmherzigkeit erweisen.
Wenn die säkulare Welt um uns herum nicht nur unbarmherzig, sondern auch manchmal brutal erscheint, gilt es, unsere christliche Berufung authentisch zu leben. Wie können wir aus unserem Glauben heraus die Botschaft der Barmherzigkeit in die gegenwärtige Situation einbringen? Unser Glaube an die Barmherzigkeit Gottes fordert uns auf, die Realität unseres Lebens und den Zustand unserer Welt nicht als unabänderliches Schicksal anzunehmen, sondern sie im Licht des Glaubens zu betrachten und nach Kräften zum Guten hin zu verändern und positiv zu gestalten.
Die Barmherzigkeit Gottes lädt uns ein, unsere christliche Berufung ernst zu nehmen, ihre Fülle zu erfassen und zu leben und sie in unseren barmherzigen Taten sichtbar zu machen. Die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes führt uns zu Bekehrung und Umkehr, Veränderung unseres Herzens und unseres Lebens. Darin liegt die heilende und heilsame Kraft der Erfahrung der Barmherzigkeit. 

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