Grundprinzipien des christlichen GlaubensBarmherzigkeit und Gerechtigkeit

Barmherzigkeit ist offensichtlich das große theologische Leitthema von Papst Franziskus. Bei näherer Betrachtung aber ist es einer der Leitgedanken, der die Verkündigung von Papst Franziskus, Papst Benedikt XVI. und Papst Johannes Paul II. verbindet. Sie alle erinnern in ihrer Lehrverkündigung an ein entscheidendes Grundmotiv der christlichen Tradition und auch der Katholischen Soziallehre: Ohne Liebe und Barmherzigkeit kein Christentum!

Fazit

Barmherzigkeit und Gerechtigkeit scheinen uns nach rein menschlichen Maßstäben oft als Widersprüche. Aber beide gründen für den Christen in Gott und gehören untrennbar zusammen. Gottes Barmherzigkeit hat den äußersten Ausdruck gefunden im Kreuzestod Jesu Christi. Ein Christentum ohne Liebe und Barmherzigkeit gibt es nicht! Deshalb sind diese Begriffe Grundmotive auch für das kirchliche Handeln.

Die Kirche verkündet die Barmherzigkeit Gottes und ermutigt die Menschen zur Barmherzigkeit. Aber diese Aufforderung zur Barmherzigkeit bereitet uns Menschen doch einige innere Konflikte. Dazu kommt, dass Barmherzigkeit aus verschiedenen Richtungen in Gesellschaft und Kirche verdächtigt wird: sie sei die Ideologie der Inkonsequenten und Konfliktscheuen; sie individualisiere die Solidarität und liefere die Hilfsbedürftigen der Willkür der Vermögenden aus; Barmherzigkeit erniedrige ihren Adressaten und sei letztlich ungerecht. Angesichts dieser verbreiteten Kritik an Barmherzigkeit ist es Aufgabe der ganzen Kirche, fest zu stehen im Glauben an den Gott, der in Jesus Christus offenbar geworden ist. Mit dieser Intention müssen im Verständnis der Barmherzigkeit auch Verkürzungen überwunden werden, die ihre Ursache oft in einer problematischen Entgegensetzung von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit haben.

Die Einheit von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in Gott

Nur wer Gott einbezieht, kann die letztlich unbegrenzten Möglichkeiten der Menschen richtig erfassen. Das gilt auch für das richtige Verständnis der Barmherzigkeit und ihr Verhältnis zur Gerechtigkeit. Diese Perspektive stellt auch Papst Franziskus heraus, wenn er in der Verkündigungsbulle zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit schreibt: „In Jesus von Nazareth ist die Barmherzigkeit des Vaters lebendig und sichtbar geworden und hat ihren Höhepunkt gefunden.“ (Papst Franziskus in der Verkündigungsbulle zum Außerordentlichen Jubiläum der Barmherzigkeit „Misericordiae vultus“ vom 11. April 2015, Nr. 1) Unüberbietbar ist die Zuwendung Gottes zu den Menschen, weil er selbst Mensch geworden ist und zugleich Gott bleibt. Gott ist wahrer Mensch geworden, er hat die extremsten Erfahrungen, die Menschen machen müssen – Schmerzen, Leiden, ja Gottverlassenheit und Tod – geteilt. Weil Gott seinem Sohn und in ihm uns die Treue hielt und ihn am dritten Tag von den Toten auferweckte, ist der Kreuzestod Jesu Christi die äußerst denkbare Form der Barmherzigkeit, denn im Tod seines Sohnes gibt er aus barmherziger Liebe alles! Die Barmherzigkeit Gottes ist in der Auferstehung offenbar geworden und allen Menschen verheißen.

Diese Verheißung wird sich erst im Jüngsten Gericht erfüllen. Der allmächtige, gütige Gott wird – so glauben und hoffen wir – in seinem Gericht barmherzig sein, ohne jemanden zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Gottes Gnade ist so überreich, dass sie nur jenseits der menschlichen Logik der Verteilung knapper Güter begriffen werden kann. Das, was jemandem zugesprochen wird, muss im Himmel keinem anderen weggenommen werden. Am Ende der Zeit wird sich vollständig zeigen, dass Gottes Barmherzigkeit und seine Gerechtigkeit sich nicht gegenseitig einschränken, sondern erfüllen. Kardinal Walter Kasper sagt mit Blick auf die Bibel, dass „Barmherzigkeit die Gott eigene Gerechtigkeit“ (Walter Kardinal Kasper, Barmherzigkeit, Freiburg 2012, 27) sei.

Weil Gott der barmherzige Gott ist, lässt er uns Anteil nehmen an seiner Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Das ist zunächst eine Gnade, ein Geschenk, das wir in Freiheit und Verantwortung annehmen können, und das sich in unserem Streben nach Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verwirklichen soll. Aber: Wir sind nicht Gott! Der Unterschied zwischen dem unendlichen Gott und den endlichen Menschen bleibt. Auch im Glauben und im tiefsten Vertrauen auf Gottes Liebe können Menschen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit nicht von sich aus gänzlich zur Übereinstimmung bringen. Jedoch können sich im Licht des Glaubens beide Grundprinzipien gegenseitig ergänzen und verstärken.

Gerechtigkeit unter den Bedingungen endlicher Wirklichkeit

Ein allgemeiner Begriff der Gerechtigkeit ist eine große Errungenschaft gegenüber antiken Gerechtigkeitsvorstellungen. Für die antiken Philosophen war etwa die Gerechtigkeit gegenüber Sklaven etwas anderes als die gegenüber Patriziern. In modernen Vorstellungen gewinnt Gerechtigkeit ihre Unteilbarkeit und Allgemeinheit dadurch, dass sie von der gesellschaftlichen Stellung einer konkreten Person absieht. Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, weil alle Menschen die gleiche Würde in sich tragen. Diese universale Vorstellung von Gerechtigkeit kann als eine Art Statthalter göttlicher Gerechtigkeit und des christlichen Menschenbildes gelten, so wie es im Glauben an die Geschöpflichkeit der Welt grundgelegt ist. Gott will das Leben jedes einzelnen Menschen, und er will, dass das Leben jedes Einzelnen gelingen kann.

Eine umfassende, ja universale Gerechtigkeit muss Ziel und Anspruch gesellschaftlichen Handelns sein und bleiben, auch wenn uns das – etwa wegen vielfältiger Menschenrechtsverletzungen – oft als sehr abstrakt erscheinen mag. Aber, wer an der Auffassung festhält, dass jedem Menschen unabhängig von seinem gesellschaftlichen Stand, seiner Herkunft und seiner ethnischen Zugehörigkeit eine unverfügbare Würde zukommt, wird die faktischen Verletzungen dieser Würde zumindest als Herausforderung empfinden müssen, und die feste Überzeugung von der unbedingten gleichen Würde aller Menschen im eigenen moralischen und politischen Handeln ebenso bewähren wollen, wie in der Gestaltung von Strukturen und Institutionen.

In vielen gegenwärtig prominenten Demokratietheorien gibt es ein waches Bewusstsein für die Grenzen des Rechtsstaates. Er kann seine eigenen Grundlagen und Voraussetzungen nicht selbst garantieren. Einerseits bietet die Demokratie ein Verfahren, mit dem es prinzipiell möglich ist, dass sich alle Menschen einer Gesellschaft an politischen Entscheidungen beteiligen. Es stellt damit die beste Möglichkeit für das friedliche Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Grundüberzeugungen dar. Andererseits kann der demokratische Rechtsstaat die tatsächliche Inanspruchnahme des Rechts an Beteiligung nicht erzwingen.

Barmherzigkeit ist eine grundlegende Motivation, durch die sich Christen an demokratischen Entscheidungsprozessen beteiligen und sich für gesellschaftlichen Frieden einsetzen. Es ist zugleich diejenige Motivation, mit der Christen dem Ziel einer gerechten Gesellschaft näher zu kommen bemüht sind, die allen Menschen und jedem Einzelnen gerecht wird.

Barmherzigkeit und Gerechtigkeit

Für Papst Franziskus ist Barmherzigkeit wichtig für die ganze Statik der Kirche: „Der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt, ist die Barmherzigkeit. Ihr gesamtes pastorales Handeln sollte umgeben sein von der Zärtlichkeit, mit der sie sich an die Gläubigen wendet; ihre Verkündigung und ihr Zeugnis gegenüber der Welt können nicht ohne Barmherzigkeit geschehen.“ (Misericordiae vultus, Nr. 10) Im Glauben der Christen gehören Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zusammen. Auf dem Lebensweg der Menschen bleiben Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in einer Spannungseinheit. Sie macht das Leben reicher, statt eine Harmonie zu suggerieren, die es so noch nicht geben kann. So wie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Eigenschaften Gottes sind und sich nicht gegenseitig aufheben, sondern ergänzen und vollenden, so führt die Haltung der Barmherzigkeit zu mehr Gerechtigkeit.

Viele Christen engagieren sich für das Gemeinwohl. Je mehr sie dies aus dem Glauben tun, desto mehr erhöhen sie auch den moralischen Grundwasserspiegel unserer Gesellschaft, ohne den es kein wirkliches Streben nach Gerechtigkeit geben kann. Der Glaube an Gott wird lebendig in der Praxis der Nächstenliebe, die im Horizont aller Menschen geübt wird.

Barmherzigkeit befreit

„Barmherzigkeit ist … wesensgemäß ein nicht ableitbares freies Geschehen.“ So beschreibt Kardinal Walter Kasper einen der Grundzüge von Barmherzigkeit. Sie kommt aus dem Innersten, dem Herzen des Menschen und wendet sich dem anderen Menschen vorbehaltlos zu. Sie macht sich nicht abhängig von günstigen Umständen oder zu erwartendem Lohn. Barmherzigkeit will nicht nur der Situation des Anderen gerecht werden, sondern anerkennt ihn als von Gott zur Freiheit berufenes Subjekt. Barmherzigkeit vollzieht sich im Dialog und in der Auseinandersetzung mit der Selbst- und Weltdeutung des Anderen. Sie ist Grundprinzip nicht nur des Handelns der ganzen Kirche in der Öffentlichkeit, sondern auch jeder Seelsorge und Verkündigung des einzelnen Gläubigen.

Verantwortung in Gesellschaft und Kirche

Unsere Gesellschaft braucht Barmherzigkeit, weil sonst die allgemeinen Gesetze der Gerechtigkeit leer bleiben oder zur Härte verleiten können. Insbesondere stellt sich die Praxis der Barmherzigkeit den Exklusionsmechanismen entgegen, mit denen ausdifferenzierte und arbeitsteilige Gesellschaften zuweilen versucht sind, Probleme dadurch zu lösen, dass sie die Verursacher des Problems ausschließen. Vor allem die systemtheoretischen Ansätze der Soziologie stellen fest, dass Exklusion ein Mechanismus der Selbsterhaltung und Stabilisierung von hochentwickelten Gesellschaften sein kann.

Für die Kirche gehören jedoch unheilbar Kranke, Menschen, die den Leistungsstandards nicht entsprechen können, Randständige, Alte, Schwache und Fremde zur Gemeinschaft dazu. Papst Franziskus lenkt in seinem Reden und vor allem in seinem Tun unsere Aufmerksamkeit immer wieder hierhin. Er ermutigt uns alle dazu, diesem Kern des christlichen Auftrags wirklich gerecht zu werden, und dafür auch die gewohnte Perspektive zu verändern. Die Kirche, die die Barmherzigkeit Gottes verkündet und mit menschlichen Mitteln praktiziert, verkündet darin die unbedingte Liebe Gottes und ist solidarisch zu den Menschen, die oft an den Rand der Gesellschaft gestellt werden. Diese Haltung gilt im Übrigen auch gegenüber den Menschen, die sich durch eigenes schuldiges Handeln selbst von der Gemeinschaft der Menschen getrennt haben, weil sich nach dem Gesetz von Sühne und Vergeltung der unsolidarische Gesetzesbrecher selbst aus der Solidargemeinschaft entfernt.

Die Solidarität und Nähe zu den Ausgestoßenen und zu den Sündern ist ein zentraler Impuls Jesu. Gerade darin, dass er sich denen zugewandt hat, die für die Menschen nicht mehr dazugehörten, erweist er die Universalität seiner Sendung: Alle Menschen sind gemeint, weil bei Gott auch die dazugehören, die die Menschen nicht zu ihrer Gemeinschaft rechnen. Gott übersieht keinen Menschen!

Eine Barmherzigkeit, die die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes mit menschlichen Mitteln im Glauben erfahrbar macht, ist offen für diejenigen, die nicht mehr oder noch nicht dazugehören. Auch für die Menschen, die schuldig geworden sind oder deren eigene Lebenspläne gescheitert sind, steht die Kirche ein, weil sie den Gott verkündet, der auch das zum Guten führen kann, was Menschen nicht wieder gutmachen können. In den verschiedenen Aufgabenfeldern der Seelsorge, z. B. im Gefängnis, in der Seelsorge für Behinderte, in der Hospizarbeit, in den Sozialstationen der Caritas, in der Telefonseelsorge wird diese Hoffnung für viele Menschen schon jetzt erfahrbar.

Kritiker werfen der kirchlichen Verkündigung der Barmherzigkeit Gottes zuweilen vor, dass sie den Glauben aufweiche und seine klaren Normen durch ein wohlfeiles Laisser-faire ersetze. Dem ist entgegenzuhalten, dass die Barmherzigkeit Konsequenz und Entschiedenheit fordert. Sie kann nicht zurückweichen vor der Unbarmherzigkeit und sie gewähren lassen. Lieblosigkeit und Menschenverachtung ignoriert sie nicht, sondern tritt ihr entgegen. Damit nimmt die Kirche die göttliche Gerechtigkeit ernst, die Barmherzigkeit ist. Aber auch gegenüber den Unbarmherzigen wird sie keine andere Haltung einnehmen, als die der Barmherzigkeit. Dadurch festigt sie auch ihren Anspruch der Universalität und Wahrheit ihres Glaubens.

Barmherzigkeit gegeneinander zu üben, bereichert das Zusammenleben der Menschen. Von anderen Menschen Zuwendung und Hilfe zu erfahren, ist eine beglückende Erfahrung. Barmherzigkeit empfangen zu können, erweitert die Möglichkeiten des uns von Gott geschenkten Lebens. Die freie Zuwendung und Barmherzigkeit anderer Menschen in Freude anzunehmen, ist eine wunderbare Vorübung dafür, die Barmherzigkeit und Gnade unseres Gottes empfangen zu können.

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