Gendergerechte Sprache?

Vermintes Gelände. Hoch emotional besetzt, bis in die eigentlich ganz rationale Sprachwissenschaft hinein. Mit wütenden Leserbriefen – halt: LeserInnenbriefe; oder Leser*innenbriefe? – protestieren manche gegen das Gendern, andere jedoch gegen das Nichtgendern. Werden Beziehungen daran zerbrechen?

Was spricht für das Gendern? Frauen sollen besser in der Sprache vorkommen, und mit dem Genderstern auch diverse Personen. Die Dominanz des Mannes in der Gesellschaft und der Androzentrismus unserer Kultur spiegeln sich in männerlastiger Sprache; diese ist einerseits Symptom der dominanten Kultur, anderseits auch eine ihrer Quellen. Gegenderte Sprache ist daher gerechter. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Frauen sich von einem gegenderten Text mehr angesprochen fühlen, sie ihn folglich aufmerksamer lesen, er bei ihnen mehr Wirkung hat. Wenn etwa eine Stellenanzeige einen Arzt sucht, bewerben sich weniger Frauen, als wenn sie einen Arzt/eine Ärztin sucht.

Was spricht gegen das Gendern? Das generische Maskulinum meint – die Linguistik ist da sehr klar – alle. Konsequentes Gendern führt zu überkomplexen Wendungen, zu hässlicher Sprache, ist langatmig und kaum noch vorlesbar; auch zu Absurdem wie MitgliederInnen, BürgerInnenmeisterInnen – oder gleich "Bürgerinnen- und bürger-Meisterinnen und -meister". Deswegen entfalten gegenderte Texte weniger Wirkung. Und wer der Mensch, der Gast, gendern will, muss auch die Geisel, die Leiche und ebenso das Mitglied, das Opfer gendern – auch generisches Femininum oder Neutrum wäre zu problematisieren.

Gendern ist in manchen Sprachmilieus ein Muss: in Wissenschaften wie Pädagogik oder Psychologie, in jüngeren Generationen, in liberalen oder feministischen Medien; wer nicht gendert, disqualifiziert sich, gilt als rechts – der Ton wird leicht moralinsauer. Manche Behörden verordnen das Gendern, auch der Duden ist dabei umzusteigen. Hingegen ist in anderen Sprachmilieus Gendern eine kulturelle Todsünde: in mancher Germanistik, unter Fans guter Literatur, in bürgerlich-konservativen Medien wie der FAZ oder der NZZ; wer hier gendert, wird als kulturlos verächtlich gemacht – der Ton wird leicht ironisch, überheblich.

Wie gehen die „Stimmen der Zeit“ mit der Frage um? Ich schlage vor, die Frage nicht mit den Kategorien von falsch und richtig anzugehen; will sagen: Wer mal nicht gendert, ist keine ewig Gestrige, kein Macho; und wer mal gendert, ist kein Ideologe, keine Sprachverdreherin… Wer für die „Stimmen“ schreibt, sollte im Rahmen eines eher pragmatisch gesehenen Mittelwegs selbst darüber entscheiden. Dieser könnte in etwa so aussehen:

  • Maßvoll gendern, aber nicht hässlich und nicht stur. Stur wäre, wenn man nicht mehr Gast sagen darf, weil Gästin sprachlich nicht vorgesehen ist.
  • Gendersatzzeichen wie _ / () * usw. eher vermeiden; stattdessen doppeln: Leserinnen und Leser; gelegentlich mal ein Binnen-I: LeserInnen – damit Texte auch vorlesbar bleiben.
  • Nur selten das Partizip I wählen: Studierende. Dieses meint nur Personen, die im Augenblick aktiv sind; so vermeidet man Verqueres wie Studierende tanzen.
  • Das generische Maskulinum usw. darf gelten. Frau Müller ist der beste Lehrer der Schule ist ein höheres Lob als Frau Müller ist die beste Lehrerin der Schule, denn im ersten Fall ist sie auch besser als alle Lehrer-Männer; einfacher wäre: Frau Müller gibt den besten Unterricht an der Schule. Ein anderes Beispiel: Die Leser Goethes sind meist Frauen – man stutzt etwas, empfindet jedoch den Satz noch als okay. Hingegen klingt Die Leserinnen und Leser Goethes sind meist Frauen schräg und Die Leserinnen Goethes sind selten Männer unsinnig. Übrigens anerkennen romanische Sprachen das generische Maskulinum meist unproblematisch, siehe Fratelli tutti – im Deutschen haben wir Geschwister.
  • Das neutrale man zu verwenden, ist nicht schön; wenn man es dennoch (selten) gebraucht, so nicht, indem man daneben frau setzt – man hat sprachlich nichts mit der Mann zu tun. Und statt durch ein Passiv das generische Maskulinum vermeiden zu wollen (Es wird empfohlen…), besser den im Deutschen geschlechtsneutralen Plural verwenden (Mächtige sollten...).
  • Bisweilen kann man von Absatz zu Absatz das Geschlecht wechseln: der Mensch, die Person, das Individuum; oder konkreter: ein Leser, die Ärztin.
  • Auch gendern sollte man nach dem Maßstab der Gerechtigkeit: So hat die „Bibel in gerechter Sprache“ für Gott neben den traditionell männlichen eine beachtliche Reihe weibliche Worte gefunden, für den Teufel fand sie jedoch ausschließliche männliche Wörter.

Ich hoffe, dass die „Stimmen der Zeit“ aus den Grabenkämpfen um gendergerechte Sprache herausgehalten werden. Es ist zu wünschen, dass die Sprachentwicklung in Deutschland einen Weg findet, der Schönheit mit Gerechtigkeit und Offenheit für Neues mit klassischer Klarheit zu verbinden weiß.

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