Synodale Kirche, solidarisch mit Armen

Teile der Weltkirche blicken misstrauisch auf den synodalen Weg der Kirche in Deutschland. Wie lässt sich das Bild einer Kirche, die zugleich synodal ist und solidarisch mit den Armen, sowohl aus der Tradition der Kirche wie aus den Texten von Papst Franziskus aufzeigen? Michael Kardinal Czerny SJ ist im vatikanischen „Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen“ Untersekretär der „Abteilung für Migranten und Flüchtlinge“. Der hier leicht gekürzte Text erschien auf Italienisch in La Civiltà Cattolica und auf Englisch bei thinkingfaith.org; Übersetzung aus dem Italienischen von Johannes Beutler SJ.

Wenn man den Ausdruck „Synodalität“ auf die Kirche anwendet, dann meint das nicht einfach einen Entscheidungsprozess, der zu einer Option führt, die Beratung einer Maßnahme oder den Erlass einer Anordnung, nach Art eines beliebigen collaborative decision making. Vielmehr entfaltet sich hier ein Grundzug der kirchlichen Identität: ihre grundlegend auf Gemeinschaft angelegte Dimension, ihre wesenhaft evangelisierende Sendung unter der Führung des Heiligen Geistes.

Als Ereignis der communio¸ die ihren Ursprung im Geheimnis des einen und dreifaltigen Gottes hat, zeigt und verwirklicht sich die Kirche in ihrer Versammlung als „Volk Gottes“, das gemeinsam unterwegs ist. Wir können sagen, dass Synodalität die Form ist, in der sich die ursprüngliche Berufung der Kirche und ihre innere Sendung vergeschichtlicht: alle Menschen dieser Erde, zu jeder Zeit und Epoche, zusammenzurufen und zu sammeln, um sie am Heil und an der Freude Christi teilnehmen zu lassen.

Bei mehreren Gelegenheiten hat Papst Franziskus unterstrichen, wie die Synodalität das Leben der Kirche, aber auch ihr Zeugnis und ihren Dienst, die ihr gegenüber der Weltfamilie aufgetragen sind, begründet, prägt und verstärkt: „Gemeinsam unterwegs zu sein, ist der grundlegende Weg der Kirche; der Schlüssel, der uns erlaubt, die Wirklichkeit mit den Augen und mit dem Herzen Gottes zu sehen; die Bedingung, um dem Herrn Jesus zu folgen und Diener des Lebens in dieser verletzten Welt zu sein. Synodales Aufatmen und Aufbrechen offenbaren das, was wir sind, und den Dynamismus der Gemeinschaftlichkeit, der unsere Entscheidungen beseelt.“1

Die Synodalität – „Weg“, „Schlüssel“, „Bedingung“, „Atem“ für das gläubige Leben – ist der modus vivendi et operandi, in dem die Kirche der Mitverantwortung aller ihrer Mitglieder Rechnung trägt, deren Charismen und Dienste zu schätzen weiß und die wechselseitigen Bande geschwisterlicher Liebe fördert.

Für den Papst kommt die Reform der Kirche „von innen“, d.h. kraft eines geistlichen Prozesses, der die Formen verändert und die Strukturen erneuert. Im Rückgriff auf das mystische ignatianische Erbe unterstreicht Franziskus den engen Zusammenhang zwischen innerer Erfahrung, Sprache des Glaubens und Erneuerung der Strukturen.2 Prozesse der Bekehrung auszulösen ist also eine grundlegende Form der Leitung und die einzige wirkliche Garantie, die sich die Kirche als Institution zu Eigen machen kann, um erfolgreich den gemeinsamen Weg der Nachfolge Jesu weiter zu verfolgen, eben in der Synodalität. Die Intuition ist diese: Der Geist will nicht nur, dass wir gute Entscheidungen treffen, sondern er versichert uns durch den Prozess der Synodalität seines Beistands, um das gesteckte Ziel zu erreichen.

In den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils finden wir den Ausdruck „Synodalität“ noch nicht. Doch auch wenn das Wort ein Neologismus und eine Frucht der anschließenden theologischen Reflexion ist, übersetzt es doch die Communio-Ekklesiologie des Konzils und fasst sie zusammen. Die Kirche der ersten Jahrhunderte war es in der Tat gewohnt, sich als Gemeinschaft, die auf den Geist hört, ihren Problemen zu stellen. Um die Synodalität als ein ressourcement, ein Zurückgehen auf die Quellen aufzuzeigen, greifen wir auf einzelne Konzilsaussagen zurück.

Die Ekklesiologie von Lumen gentium,
Voraussetzung der Synodalität

In der Konstitution Lumen gentium (LG) lassen sich die theologischen Voraussetzungen erkennen, die der nachkonziliaren Rede von der Synodalität zugrunde liegen. Die Weltkirche wird dort dargestellt als „Sakrament“ (LG 1) und „Gottesvolk“ (LG 4); diese Rückkehr zu den biblischen und patristischen Kategorien hat sicherlich dazu beigetragen, das gesellschaftliche Modell der Kirche zu überwinden (die Kirche als societas perfecta). Das Dokument half, die wichtige Lehre vom „allgemeinen Priestertum der Gläubigen“ (LG 10) wiederzugewinnen, was die Laien im Leben der Kirche neu wertschätzte. Kraft der Taufe erhalten alle Glieder der Kirche die „Würde von Gotteskindern“. Ihre aktive Teilnahme an der Sendung der Kirche ist unverzichtbar und notwendig. Mit diesen Aussagen beendet das Konzil endgültig die jahrhundertelange Gewohnheit, zwischen einer lehrenden Hierarchie und einer lernenden Laienwelt zu unterscheiden.3 Viele Laien haben sich hier ermutigt gesehen, über ihre Berufung in neuer Weise nachzudenken.

Mit der Würde der Kindschaft ausgestattet und mit dem Auftrag, allen das Evangelium zu verkünden, sind die Laien aufgerufen, an der Leitung der Kirche teilzunehmen im Rahmen ihrer Aufgaben und Rollen und der ihnen zukommenden Verhaltensweisen. Der Geist verleiht ihnen Charismen und besondere Gnaden, er „macht … sie geeignet und bereit, für die Erneuerung und den vollen Aufbau der Kirche verschiedene Werke und Dienste zu übernehmen“ (LG 12). Es wird auch betont, dass sie „die Möglichkeit, bisweilen auch die Pflicht (haben), ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären“ (LG 37).

Wenn der Heilige Geist das Prinzip der Einheit ist, das in einem einzigen dynamischen Subjekt alle Glieder der Kirche vereint, verschieden nach Amt, Berufung und Sendung, dann ist die Eucharistie „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (vgl. LG 11; Sacrosanctum Concilium [SC], Nr. 10), bei dem die vielen Körner ein einziges Brot werden. Das Zweite Vatikanische Konzil verweist damit im Wirken des Geistes, der die Kirche durch die sakramentale Gnade belebt, vor allem in der eucharistischen Feier, auf die grundlegende Wirklichkeit und die Quelle, der das kirchliche „Wir“ entspringt.

Zwei weitere Präzisierungen erlauben es, die revolutionäre Bedeutung von Lumen gentium für das anschließende Verständnis der Synodalität als „kirchlichen Stil“, also einer der Kirche Jesu Christi entsprechenden Verhaltensweise zu verstehen.

Die erste betrifft den sensus fidei des Gottesvolkes (vgl. LG 12), d.h. jenen übernatürlichen Instinkt4 bezüglich der Wahrheit, der sich in der Gesamtheit der Gläubigen zeigt und ihr erlaubt, spontan die Authentizität einer Glaubenslehre zu beurteilen und ihr oder einem Element der christlichen Praxis gemeinsam zuzustimmen (vgl. LG 12). Da diese Übereinstimmung (consensus fidelium) ein unverzichtbares Kriterium der Unterscheidung für das Leben der Kirche darstellt, bildet sie eine kräftige Ressource für deren evangelisierende Sendung.

Die zweite Präzisierung betrifft die Sakramentalität des Episkopats (vgl. LG 21). Das Konzil lehrt, dass mit der Bischofsweihe die Fülle des Weihesakraments verliehen wird und damit auch das Amt zu heiligen, zu lehren und zu leiten (Einheit der potestas sacra). Diese Vollmachten können freilich von ihrer Natur her nicht ausgeübt werden ohne die hierarchische Gemeinschaft mit dem Haupt und den Gliedern des Kollegiums. Für den kollegialen Charakter der Bischofsweihe bildet die Einheit der Bischöfe eine umfassende Realität, die der diaconia gegenüber den einzelnen Partikularkirchen vorausgeht, d.h. der Tatsache, dass einer zum Hirten einer einzelnen Diözese eingesetzt wurde. Die höchste kollegiale Vollmacht über die Kirche kann von den Bischöfen, vereint mit dem Papst, entweder in der feierlichen Form eines ökumenischen Konzils oder in kontextgebundenen und auf verschiedene Weltgegenden verteilten Aktivitäten ausgeübt werden.

Synodalität und Kollegialität in der Kirche:
Die umgekehrte Pyramide

Das erneuerte kirchliche Bewusstsein über die Sakramentalität des Episkopats und die Kollegialität ist Voraussetzung für eine angemessene theologische Hermeneutik der Synodalität. In der Tat erlaubt dieses Bewusstsein die Entwicklung eines weiter gefassten Begriffs der „Synodalität“ in Abgrenzung zur „Kollegialität“: Während „Synodalität“ die Teilnahme und die Einbeziehung des ganzen Gottesvolkes am Leben und an der Sendung der Kirche bedeutet, verweist „Kollegialität“ auf die spezifische Form, in der sich der Dienst der Bischöfe cum et sub Petro – also mit und unter Petrus – vollzieht.

Der bischöfliche Dienst verbindet die partikulare, auf einen Teil des in einer Ortskirche versammelten Gottesvolkes bezogene Dimension mit der universalen, die sich auf die Ausübung des Amtes in Verbindung mit den anderen Bischöfen und mit dem Papst bezieht. So verlangt jede wirksame Ausübung der Synodalität den Vollzug des kollegialen Amtes der Bischöfe.

In Weiterführung der Implikationen der analogen Beziehung zwischen dem inneren Geheimnis der Trinität und der forma ecclesiae, wie sie im Prolog der Konstitution Lumen gentium zur Sprache kommt (vgl. LG 2-4), hat die nachkonziliare Theologie herausgestellt, wie die innere Struktur der Dreifaltigkeit das Leben der Kirche bestimmt: die liebevolle Einheit der Personen in ihrer Verschiedenheit als Vor- und Abbild der Synodalität.

Franziskus benutzt den Ausdruck „Synode – Synodalität“ in einem weiten Sinne, d.h. mit der Absicht, die theologische Orthodoxie in die pastorale Orthopraxie zu übersetzen: „Synode“ meint die sichtbare Form der communio, den Weg der kirchlichen Geschwisterlichkeit, an der alle Getauften teilhaben und zu der sie persönlich beitragen. Eine Kirche, die in ihrer Ausrichtung auf Universalität die Verschiedenheit der kulturellen Identitäten bewahren möchte, da sie diese als einen unverzichtbaren Reichtum ansieht, kann sich nur die Synodalität zu Eigen machen als einigendes Band zwischen der Einheit des Leibes und der Vielfalt der Glieder.

In der ekklesiologischen Perspektive des Zweiten Vatikanischen Konzils und in Übereinstimmung mit der Lehre der Konstitution Lumen gentium betont Papst Franziskus, dass „der Weg der Synodalität der Weg ist, den Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet“5. Er unterstreicht, dass die Synodalität „uns den geeignetsten Deuterahmen bietet, um den hierarchischen Leitungsdienst zu verstehen“, und skizziert das Bild einer Kirche, die – wie eine umgekehrte Pyramide, die auf der Spitze steht – alle ihre Mitglieder harmonisch vereint: Volk Gottes, Bischofskollegium, Nachfolger Petri6.

Im nachsynodalen Schreiben Evangelii gaudium (EG) hat Papst Franziskus neu auf die Bedeutung des sensus fidelium (vgl. EG 119) hingewiesen und zum Ausdruck gebracht, dass der Weg der Synodalität eine unverzichtbare Voraussetzung dafür ist, dass die Kirche einen erneuerten missionarischen Schwung erhält: Alle Mitglieder der Kirche sind aktive Träger der Evangelisierung und „missionarische Jünger“ (EG 120). Die Laien machen die übergroße Mehrheit des Gottesvolkes aus, und von ihnen ist viel zu lernen: Volksfrömmigkeit, Einsatz für die gewöhnliche Seelsorge, Kompetenz im Bereich der Kultur und des sozialen Zusammenlebens (vgl. EG 126). Und wenn der Status des Klerus und die lebendige Erfahrung mit ihm bisweilen eine Reihe von unbewussten Vorurteilen gegenüber dieser Gruppe hervorrufen, sollten wir uns die Präsenz einer loyalen Laienschaft wünschen. Zu erinnern sind auch die Worte John Henry Newmans zur Rolle der Laien: „Die Kirche erschiene dumm ohne sie“7.

Die Mitverantwortung des gesamten Gottesvolkes für die Sendung der Kirche verlangt, dass man Beratungsprozesse in Angriff nimmt, die die Anwesenheit und die Stimme der Laien mehr einbeziehen. Es geht nicht darum, eine Art „laikalen Parlamentarismus“ einzuführen, sondern die Ressourcen und die Strukturen zu nutzen, mit denen die Kirche bereits ausgestattet ist.

 In diesem Sinne hat der Heilige Vater am 18. September 2018 mit dem Apostolischen Schreiben Episcopalis communio (EC)8 alle Bestimmungen, die die den Weg einer „konstitutiv synodalen Kirche“ kennzeichnen, normativ umgesetzt. Die Apostolische Konstitution bedeutet einen Fortschritt gegenüber dem Zweiten Vatikanischen Konzil: Das Konzil hat die Handlungsträger in der Kirche und den ihnen zukommenden Dienstauftrag in den Blick genommen, hingegen geht es in diesem Dokument darum, die theoretische Argumentation in kirchliche Praxis umzusetzen. Der Schwerpunkt liegt beim Zuhören: Jede synodale Praxis „beginnt damit, das Volk Gottes anzuhören“, „setzt sich fort mit dem Anhören der Hirten“ und kulminiert im Anhören des Bischofs von Rom, dazu aufgerufen, als „Hirt und Lehrer aller Christen“ zu sprechen.9

Da die Kollegialität im Dienst der Synodalität steht, erklärt der Papst, „die Bischofssynode muss immer mehr ein bevorzugtes Instrument zum Anhören des Gottesvolkes werden“. Und wenn sie sich im Wesentlichen als ein Organ von Bischöfen darstellt, ist sie doch „nicht getrennt vom Rest der Gläubigen“, „sie ist im Gegenteil ein Instrument, das geeignet ist, dem ganzen Volk Gottes eine Stimme zu verleihen“. Deshalb ist es „von großer Bedeutung, dass auch bei der Vorbereitung der synodalen Versammlungen die Konsultation aller Partikularkirchen eine besondere Aufmerksamkeit findet“ (EC 7).

Auf diese Konsultation der Gläubigen muss „die Unterscheidung vonseiten der Hirten folgen“: Aufmerksam auf den sensus fidei des Gottesvolkes, müssen sie die Hinweise des Geistes „von den oft schwankenden Flüssen der öffentlichen Meinung zu unterscheiden wissen“ (ebd.). Aus diesem Vorgehen muss die „Unterscheidung in Gemeinschaft“ bestehen, eine Papst Franziskus besonders teure Vorgehensweise, auf die er häufig Bezug nimmt im Rückgriff auf seine ignatianische Spiritualität: In Gemeinschaft zu unterscheiden heißt, auf den Willen Gottes in der Geschichte zu achten, im Leben nicht einer einzelnen Person, sondern des gesamten Gottesvolkes. Wenn dies auch im Herzen geschieht, in der Innerlichkeit, so ist der Stoff der Unterscheidung doch stets das Echo, das die Wirklichkeit im Inneren auslöst. Es geht um eine innere Haltung, die dazu antreibt, für den Dialog offen zu sein, für die Begegnung, dazu, Gott zu finden, wo immer er sich finden lässt, und nicht nur in vorbestimmten, wohl definierten und abgegrenzten Bereichen (vgl. EG 231-233).

Das Schreiben Episcopalis communio gliedert die synodale Praxis in drei Phasen: Vorbereitung, Diskussion und Umsetzung, und jede Synode im gegenwärtigen Pontifikat – über die Familie (2014, 2015), über die Jugend (2018), über Amazonien (2019) – hat in steigendem Maße versucht, diese Vorgehensweise zu verwirklichen. Wie der Heilige Vater selbst bemerkt hat, „gehen die bisher eingeführten Veränderungen in die Richtung, die alle zwei bis drei Jahre in Rom stattfindenden Synoden freier und dynamischer werden zu lassen, indem der Diskussion und dem aufrichtigen Zuhören mehr Raum gewährt wird“10.

Die bevorzugte Option für die Armen

Die bevorzugte Option für die Armen geht zurück auf die Propheten und auf Mt 25 und kommt in ähnlicher Formulierung in den Anfangsworten von Gaudium et spes (GS) zur Sprache. Sie wurde ein Angelpunkt bei den Beratungen der Synode von 1971 „Gerechtigkeit in der Welt“, und in der Folge haben die Päpste­­­ Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sie in die soziale Lehre der Kirche integriert. Dass diese Option einen charakteristischen Zug des gegenwärtigen Pontifikats ausmacht, bedeutet nicht, dass wir es hier mit etwas Neuem zu tun hätten, sondern nur, dass Papst Franziskus die Konsequenzen der Verkündigung des Evangeliums kraftvoll herausstellt. Ich möchte nun einen Blick darauf werfen, wie die Ekklesiologie der communio, der Kollegialität und der Synodalität eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung der genannten Option spielt.

Für Franziskus folgt die bevorzugte Option für die Armen (vgl. EG 48) der umstürzenden Logik der Inkarnation des Wortes. Sie leitet sich von dem ab, was uns das Wort, Jesus Christus, mit seinen Worten und mit seinen Taten bezüglich der Armen gelehrt hat. So muss die Kirche in dieser Vorliebe die grundlegende Prärogative des Dienstes an der Liebe erkennen. Der Papst stellt klärend fest, dass es sich bei dieser Option nicht um einen Vorzug im soziologischen, sondern im theologischen Sinne handelt, da sie auf das Heilshandeln Gottes zurückgeht: „Ohne die Sonderoption für die Armen läuft die Verkündigung, die auch die erste Liebestat ist, Gefahr, nicht verstanden zu werden oder in jenem Meer von Worten zu ertrinken, dem die heutige Kommunikationsgesellschaft uns täglich aussetzt“ (EG 199).

Im Übrigen ist diese Option integraler Bestandteil nicht nur der Evangelien, sondern auch des vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewünschten und angestoßenen kirchlichen Veränderungsprozesses. Die Konzilsväter sahen in den Letzten und Verlassenen im Laufe der Geschichte ein „Zeichen der Zeit“ und vertraten, dass die Kirche gerufen sei von einer karitativen Praxis, die jeweils zu Hilfe kommt und bei der der Arme zum reinen „Gegenstand“ der Sorge wird, zu seiner Anerkennung als „Mitglied“ des Gottesvolkes und „Subjekt“ der eigenen Befreiung zu gelangen.

In der Enzyklika Fratelli tutti (FT) unterstreicht der Papst unter all den Situationen der Zerbrechlichkeit das dringende Problem der Flüchtlinge, der Migranten und der im eigenen Land Entwurzelten, andernorts definiert als Not der „Beschränkung von Grenzen“ (FT 129-132). Alle in der Kirche und in der Gesellschaft sind zu vier Taten aufgerufen: „Aufnehmen, Schützen, Fördern und Integrieren“ derer, die sich gezwungen sahen, das eigene Land zu verlassen. Dies bedeutet, von einer Sicht der Gesellschaft, in der Fremde diskriminiert werden, zu einem Verständnis des sozialen Zusammenlebens zu gelangen, in dem die volle Bürgerschaft allen zuteil wird. Eher als „von oben her Hilfsprogramme zu verordnen“ (FT 129) geht es darum, Möglichkeiten der Integration anzubieten, die umsetzbar und konkret sind: Gewährung von Visa, menschliche Korridore, Zugang zu den wesentlichen Dienstleistungen und zur Bildung, religiöse Freiheit (FT 130).

Die Worte von Papst Franziskus bringen im Grunde nur ins Bewusstsein zurück, was schon das Zweite Vatikanische Konzil in der Notwendigkeit sah, die Armen bevorzugt zu lieben. Den Armen einen privilegierten Platz unter den Gliedern des Volkes Gottes zu gewähren (vgl. EG 187-196), bedeutet nicht nur, sie als privilegierte Empfänger der Evangelisierung anzusehen, sondern sie als deren Subjekte, als ihre aktiven Träger anzuerkennen.

Das nachsynodale Schreiben Evangelii gaudium ermutigt in der Tat alle Getauften, Begegnungen mit Armen als eine bevorzugte Gelegenheit zu erkennen, sich von Christus evangelisieren zu lassen (vgl. EG 121; 178). So zeichnen sich die Konturen der Unterscheidung von Evangelisierenden und Evangelisierten ab: „Daher müssen wir uns alle gefallen lassen, dass die anderen uns ständig evangelisieren“ (EG 121; 174). Deshalb zögerte Papst Franziskus bei seiner Ansprache an die armen Mitglieder der Volksbewegungen nicht zu sagen: „Ihr seid für mich wahre ‚soziale Dichter‘, die von den vergessenen Rändern her würdige Lösungen für die bedrängenden Probleme der Ausgeschlossenen schaffen.“11

Die an die Gläubigen gerichtete Ermutigung, mit der der Papst sie einlud, „von den Peripherien“ aufzubrechen – nicht nur den geografischen, sondern auch den existentiellen –, nimmt so unterschiedliche Formen und Ausdrucksweisen an: Sie bedeutet, auf die sozialen Ungerechtigkeiten und auf die persönlichen Schwierigkeiten von Menschen zu achten, die sich in verzweifelten Lebenssituationen befinden (Schmerz, Armut und Elend); sie bedeutet, sich zu Herzen zu nehmen, was in Mt 25 und in der reichen Tradition der Werke der Barmherzigkeit zur Sprache kommt; sie bedeutet, sich den Reichtum der Amazonas-Synode zu diesem Thema anzueignen, „neue Felder für die Kirche und für eine integrale Ökologie“, mit den beiden Elementen, die voneinander abhängen und miteinander in Beziehung stehen.

Die Kirche muss gemeinsam unterwegs sein und die Last des Menschlichen tragen.

 Aus der in Lumen gentium ausgedrückten Berufung der Kirche und aus ihrem synodalen Weg entströmen die Evangelisierung, die Förderung der Menschlichkeit und die Sorge für unser gemeinsames Haus. Sobald diese neue Weise, die Probleme der Menschheitsfamilie anzugehen (vgl. EG 30), entschlossen angegangen wird als eine wesentliche und notwendige Frage, dann findet die Kirche darin Unterstützung, dass sie sich dezentralisiert und zu den Peripherien hin orientiert. Die Kirche muss gemeinsam unterwegs sein und die Last des Menschlichen tragen, mit dem Ohr offen für den Schrei der Armen, bereit, sich und das eigene Handeln zu erneuern, vor allem im Hören auf die Niedrigen, die anawim der hebräischen Bibel, die im Mittelpunkt der öffentlichen Wirksamkeit Jesu standen.

Die Erneuerung, zu der uns Franziskus einlädt, gelingt, wenn sie aller weltlichen Logik „entleert“ wird, sowohl der „Ideologie des Wandels“ als auch derjenigen des „Immobilismus“. Die Welt schätzt die Fähigkeit, Dinge zu tun oder Veränderungen an den Institutionen einzuführen. Die Reform ermutigt alle, Zeiten und Gelegenheiten zur „Entschlackung“ ausfindig zu machen, damit die Sendung Christus besser aufleuchten kann. Und wenn sich Franziskus an „jeden Christen“ (EG 3) und an „jeden Menschen“ (Laudato si‘ [LS] 3) wendet, unabhängig davon, wo jemand geboren ist oder lebt (vgl. LS 1), dann richtet sich sein Aufruf zur Verantwortlichkeit, der sich in der „Sorge um die Gebrechlichkeit“ (EG 209-216) zusammenfassen lässt, nicht allein auf die „armen“ Menschen, sondern auch auf die „arme“ Erde.

Wenn wir auf den „Schrei der Armen“ hören, versetzt uns das in die Lage, den Schrei der „Schwester, Mutter Erde“ (LS 1) hören zu können. Franziskus betont die Beziehung zwischen der Sorge um die Umwelt und der Achtsamkeit auf die Armen (vgl. LS 49) und kommt darauf mit noch größerem Nachdruck in dem nachsynodalen Schreiben Querida Amazonia (QA) zu sprechen, ebenso wie in seiner Katechese „Guarire il mondo“ vom August und September 2020. Der Zusammenhang zwischen Armen und Umwelt erlaubt es aufzuzeigen, wie die Zukunft der gesamten Menschheit mit derjenigen der Umwelt engstens verknüpft ist. Die Interessen der Schwächsten zu schützen fällt somit zusammen mit der Erhaltung des Geschaffenen. Wie es Laudato si‘ verkündet: „Alles ist verbunden“ (LS 16; 91, 117; 138; 240).

Wenn sie das Volk Gottes anhört und in ihm den Schrei der verlassenen Armen und der misshandelten Erde, kann die Kirche die Gefahr vermeiden, auf die Realität ein vorgefasstes Schema zu übertragen. Dieser Irrtum ist dann gegeben, wenn die Kirche in ihrer Absicht der Reform einem idealen Plan folgt, der sich aus durchaus guten Absichten ergibt, aber doch selbstbezogen bleibt. Wäre es so, dann folgte man einer anderen Ideologie, der rein „weltlichen“ des Wandels. Wenn die Kirche jedoch die Armen bei ihrer Befreiung begleitet, helfen diese ihr, sich aus jenen Fallen zu befreien, in die jede Institution hineingeraten kann.

Was tun, damit die Synodalität
in der Kirche zunimmt?

Der synodale Prozess konfrontiert das Leben der Kirche mit der Notwendigkeit eines neuen Verständnisses des Begriffs „Kommunion“, verstanden als „Einbezug“: alle Teile des Gottesvolkes einbeziehen, besonders die Armen, unter der Autorität derer, die der Heilige Geist als Hirten der Kirche eingesetzt hat, in der Weise, dass alle sich mitverantwortlich fühlen können im Leben und in der Sendung der Kirche.

Doch wie die Synodalität in der Kirche fördern? Es gilt, Prozesse der Umkehr einzuleiten, d.h. „der Unterscheidung, der Läuterung und der Reform“ (EG 30), damit alle sich für die Prinzipien einer „inklusiven“ Gemeinschaftlichkeit öffnen. Ohne eine wirkliche Bekehrung im Denken, im Beten und im Handeln, ohne eine effektive metanoia, die ein beharrliches Training mit dem Ziel der wechselseitigen Annahme bedeutet, könnten sich die äußeren Instrumente der Gemeinschaftlichkeit – synodale Strukturen, die sich aus dem Konzil ergeben haben – als untauglich erweisen, das Ziel zu erreichen, zu dem sie geschaffen worden sind.

Der Papst besitzt weder vorgefertigte Ideen, die auf die Wirklichkeit anzuwenden wären, noch einen ideologischen Reformplan, den man sich nur überziehen muss, sondern er schreitet fort auf der Grundlage einer geistlichen und im Gebet gewonnen Spiritualität, die sich umsetzt im Dialog, in der Beratung, in der konkreten Antwort auf die Situationen der Verwundbarkeit, des Leidens und der Ungerechtigkeit. Dies ist seine, wie Ignatius sagen würde, „Vorgehensweise“. Franziskus schafft die strukturellen Bedingungen für einen wirklichen und offenen Dialog. Er verfolgt weder vorgefertigte institutionelle Optimierungen noch am grünen Tisch ausgedachte Strategien mit dem Ziel, bessere statistische Resultate zu erreichen.

Es wird noch einige Zeit brauchen, diese grundlegende Reform unserer institutionellen Existenz als Jüngerschaft Christi zu verstehen. Darüber hinaus gilt es, die Kirche als semper reformanda (stetig zu erneuernde) in ihrer Beziehung zu den Zeitläufen, in denen wir leben – einschließlich der gegenwärtigen Pandemie – zu verstehen und dabei zu versuchen, die Ortskirche, die nationale, die regionale und die kontinentale Kirche in Einklang zu bringen und wertzuschätzen. Das nachsynodale Schreiben Evangelii gaudium richtet sich „an die Mitglieder der Kirche, um einen immer noch ausstehenden Reformprozess in Gang zu setzen“ (LS 3). Diese Reform besteht in der niemals abgeschlossenen synodalen und missionarischen Bekehrung jedes Mitglieds des Gottesvolkes und des Gottesvolkes in seiner Gesamtheit.

In ihrem synodalen Leben bietet sich die Kirche entschlossen an zum Dienst an der Förderung eines wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens, das von der Geschwisterlichkeit und sozialen Freundschaft gekennzeichnet ist. Vorrangiges Ziel und Kriterium jedes sozialen Einsatzes des Gottesvolkes ist das Hören auf den Schrei der Armen und den der Erde (vgl. LS 49), im nachdrücklichen Rückgriff in der Bestimmung der Präferenzen und der Projekte der Gesellschaft auf die fundamentalen Prinzipien der Soziallehre der Kirche: die unveräußerliche Menschenwürde, die Zugehörigkeit der Güter zu allen, den Primat der Solidarität, den auf den Frieden ausgerichteten Dialog, die Sorge um das gemeinsame Haus.

Die Ermutigung von Papst Franziskus, „die Synode möge immer mehr ein privilegiertes Instrument des Zuhörens des Gottesvolkes“ und gleichzeitig des Gebetes und der Anrufung Gottes sein, geht aus folgendem Abschnitt einer Ansprache hervor: „Vom Heiligen Geist erbitten wir in erster Linie für die Synodalväter den Geist des Zuhörens: Anhören Gottes und von dort her mit ihm den Schrei des Volkes hören; Anhören des Volkes und von dort aus den Willen Gottes erspüren, zu dem er uns aufruft“12.

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