Rezensionen: Geschichte & Biografie

Magnis, Constantin: Gefallene Ritter. Malteserorden und Vatikan. Der Machtkampf zwischen zwei der ältesten Institutionen der Welt.
Hamburg: HarperCollins 2020. 290 S. Gb. 24,–.

Gelegentlich treten Internatsschüler, die nach einem längeren Machtkampf mit der Internatsleitung verloren haben, zum Abschied noch einmal eine Tür ein, meist in betrunkenem Zustand. Etwas Ähnliches muss am 30.1.2017 im Palast des Malteserordens geschehen sein (264). Matthew Festing, auf Druck von Papst Franziskus zurückgetretener Großmeister des Malteserordens, kehrte in der Nacht von einem Gutenacht-Trunk mit befreundeten Professrittern in den Palast zurück. „Jedenfalls wird am nächsten Morgen die abgeschlossene Tür zu Boeselagers [des wiedereingesetzten Großkanzlers] Büro eingetreten sein“ (264). Die Welt kennt inzwischen das Muster in solchem Verhalten von Donald Trump. Verwöhnte Jungs, die niemals erwachsen geworden sind, können auch mal zuschlagen. Ganz wichtig dabei: Sie verstehen sich als Opfer.

In Machtpositionen können sie viel Schaden anrichten: Am 6.12.2016 setzte der Großmeister Matthew Festing den Großkanzler Albrecht von Boeselager ab, angeblich auf Wunsch des Papstes. Der Vorgang erregt hohe mediale Aufmerksamkeit, zumal es scheinbar auch (eigentlich nur nebenbei) um das katholische Skandalthema Kondome/Verhütung geht. Doch es steckt mehr dahinter. Es geht um ein großes, international agierendes Hilfswerk, das als kleinster Staat im Kleinstaat Vatikan über ein eigenes Mini-Territorium verfügt – was wiederum die territoriale Basis für das „Geheimnis seiner humanitär-karitativen Effizienz“ (223) ist, nämlich die Akkreditierung bei über einhundert Staaten und damit der direkte Zugang zu Regierungen. Es geht um viel Geld – für kirchliche Fundraiser lohnt besonders die Lektüre 191 ff. Es geht um Ordensspiritualität – zum Beispiel um die Verwechslung von kirchlichem mit militärischem Gehorsamsbegriff (254). Es geht um intrigante oder einfach bloß dekadente Kardinäle, besonders um einen. Mal lässt der zu, dass ein Brief des Papstes an entscheidender Stelle missverständlich bis sinnwidrig übersetzt wird (168 ff.; 224); ein andernmal instrumentalisiert er den Willen des Papstes, um seinen eigenen Willen durchzusetzen, ohne ein intellektuelles Problem damit zu haben, denselben Willen unter anderen Umständen wieder kleinzureden (260).

Es geht um seltsame Bünde wie den „Vliesorden“, um „Edelmänner seiner Heiligkeit“, auch um angebliche Freimaurer, die dem Papst ein Dorn im Auge sind (168 ff.), aber zugleich ganz ernst auch um einen beispielhaften „Kampf zwischen allem, für das Papst Franziskus steht, und einer kleinen Clique von ultrakonservativen, schrulligen alten Sturköpfen“ (so der Präsident der deutschen Assoziation des Ordens, 242), die es mitten in der großen Krise ihres Ordens schaffen, sich nicht erreichbar zu machen, nach Yorkshire, Nottinghamshire und Budapest zu reisen, um tage- und wochenlang in verschneiten Wäldern und Feldern Sauen, Fasanen und Waldschnepfen zu jagen und es sich dabei gutgehen zu lassen (242 f.). Es geht schließlich um eine dysfunktional gewordene Ordensstruktur, die sich teilt in einen ersten Stand aus aktuell ca. fünfzig zölibatären Professrittern, und in einen zweiten Stand von ungeweihten haupt- und ehrenamtlichen Ehren- und Devotionsrittern, ca. 13.000 an der Zahl, die in der Hauptsache die globalen Werke des Ordens führen, zugleich ein „gesellschaftliches Naturreservat“ darstellen, „das es der Aristokratie inklusive Geburtsprivilegien ermöglicht, unverändert fortzubestehen“ (37).

Das Buch ist brillant geschrieben, mit Witz und zurückgehaltenem Zorn zugleich (der Autor stammt aus einer Malteser-Familie, ist aber selbst kein Malteser). Insbesondere das ausführliche Porträt des Werdegangs von Matthew Festing ist ein großes Lesevergnügen. Magnis macht ein Panorama der Absurditäten auf – man weiß stellenweise wirklich nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Die Spaltung des Ordens ist mit dem Sieg des Großkanzlers über den Großmeister und sein Umfeld nicht überwunden. Die Lügen leben weiter. Am Ende lässt der Autor dann versöhnliche Töne anklingen: Die Ritter knien auf einer Sakramentsprozession in Lourdes „in einem einzigen, bedingungslosen Glaubensakt der Unterwerfung“ vor der Monstranz nieder als vor einem Gott, „der nackt in die Welt gekommen und nackt am Kreuz gestorben war; der daran wahrscheinlich ähnlich schief gehangen und geächzt hat wie viele der behinderten Menschen in ihren Rollstühlen“ (287). Es wäre den Rittern allerdings zu wünschen, dass sie danach nicht einfach wieder aufstehen und weitermachen wie bisher, sondern knien bleiben – und ihre Strukturen, ihr Selbstverständnis zu denjenigen Teilen hinter sich lassen, die sie am Weiterknien hindern.

Klaus Mertes SJ

 

Faber, Eva-Maria: Finden, um zu suchen. Der philosophisch-theologische Weg von Erich Przywara.
Münster: Aschendorff 2020. 599 S. Gb. 74,–.

Der Religionsphilosoph und Theologe Erich Przywara SJ ist trotz seiner unbestreitbaren Bedeutung für die Kirche des hinter uns liegenden Jahrhunderts nach wie vor vergleichsweise wenig bekannt. Er stammte aus Kattowitz in Oberschlesien, wo er 1889 geboren wurde. 1908 trat er in den Jesuitenorden ein. Fast zwei Jahrzehnte lang (1922 bis 1941) gehörte er zur Redaktion der „Stimmen der Zeit“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte er in Hagen bei Murnau/Bayern, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1972 lebte. Im Kontakt mit vielen Persönlichkeiten publizierte er zahlreiche Aufsätze und Bücher. Das spirituelle und theologische Erbe des Ignatius von Loyola war für ihn eine Quelle zentraler Einsichten.

Eva-Maria Faber zeichnet den Weg Przywaras minutiös nach und stellt seine philosophischen und theologischen Anliegen und Einsichten umfassend dar. So hat sie ein Werk über Przywara geschrieben, auf das man noch lange Zeit zurückgreifen kann. Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil, „Das Werk Przywaras im Überblick“ (13-69), informiert die Verfasserin über die Situationen, in denen er sich mit diesem oder jenem Gesprächspartner getroffen und mit seinen Thema befasst hat. Viele Texte, auf die die Verfasserin im zweiten Teil – „Das religionsphilosophische Werk“ (71-213) – verweist, kreisen um das für Przywaras Denken zentrale Motiv der analogia entis, bei dem es das Verhältnisses zwischen der Göttlichkeit Gottes und der Geschöpflichkeit der Welt geht. Der dritte und ausführlichste Teil schließlich, „Das theologische Werk“ (235-570), stellt das weit gespannte theologische Schrifttum Przywaras vor. Ein wichtiges, mit drei Bänden sehr umfängliches Werk ist „Deus semper maior – Theologie der Exerzitien“. In ihm kommt authentisch zum Vorschein, was Przywara zeit seines Lebens bewegt hat.

Nicht im Entferntesten kann hier wiedergegeben werden, was die Verfasserin detailliert vorlegt. Stellvertretend sei hingewiesen auf einen Zwischenruf Przywaras aus dem Jahr 1964, der damals wie heute aktuell ist. Przywara steuerte einen kurzen Text zum Band II der FS für Karl Rahner „Gott in Welt“ bei: „Römische Katholizität – All-christliche Ökumenizität“ (ebd. 524-528). An diesen herausragenden Beitrag erinnert die Verfasserin in kurzer Form (68 f.). Przywara vertrat die These, dass die Spaltung in der Christenheit ihren letzten Grund in dem Neben-, ja Gegeneinander von Juden und Heiden in der Urgemeinde hat. Erst am Ende der Zeiten kommt es zur definitiven Versöhnung der Christenheit, wie in Röm 11 angedeutet wird. In der wechselseitigen Anerkennung der Taufe kommen schon jetzt Elemente dieser End-Einheit zum Tragen. „Der ‚all-christlichen Ökumene‘“ schreibt Przywara hier zu, sie bilde „kraft gültiger Taufe eine wahre, geheime Kirche“. Ein ausführliches Literaturverzeichnis rundet den für alle künftige Arbeit über Przywara unverzichtbaren Band ab.

Werner Löser SJ

 

Harper, Kyle: Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches. München: C.H. Beck 22020. 567 S. Gb. 32,–.

Aufstieg und Niedergang des Römischen Reiches sind seit jeher Gegenstand historischer Betrachtung: Wieso zerbrach das große Imperium, das einst die beinahe ganze bekannte Welt umfasst hatte? Diese Frage stellt der amerikanische Historiker Kyle Harper, durch die Brille von Umwelt und Klima. „Die Geschichte von Roms Ende ist ebenfalls eine Geschichte von Menschen. Es gab dramatische Augenblicke, in denen menschliches Handeln über Sieg oder Niederlage entschied. Es gab aber auch umfassende materielle Bedingungen – Agrarproduktion und Steuerwesen, demographische Probleme und soziale Entwicklungen –, die für den Spielraum und die Macht Roms ausschlaggebend waren“ (20). Mit anderen Worten: Der Untergang des römischen Reiches war nicht monokausal.

Wie für den Aufstieg, so war auch für den Niedergang das Klima wenigstens mitverantwortlich. Günstige klimatische Verhältnisse ließen das Römische Reich wachsen. Dabei führte eine immer weiter globalisierte Welt allerdings auch zur drastischen Ausbreitung von Krankheiten. Harper gibt den Seuchen im römischen Imperium breiten Raum. Er untersucht die Bedingungen, die immer neue Krankheiten vordringen ließen: „Die römische Zivilisation scheint gerade aufgrund ihrer Eigenart das Seuchenpotential der Umgebung freigesetzt zu haben“ (135). Die Landwirtschaft breitete sich immer weiter aus, Moskitos konnten sich in neu entstehenden Tümpeln und auf Feldern besser verbreiten als im Wald. Auch die Stadt Rom selbst trug zur Verbreitung von Krankheiten bei: Sie war immer Hotspot für Zuwanderer aus dem ganzen Reich, die schlechte Kanalisation tat ihr Übriges zu fatalen hygienischen Zuständen.

Epidemien waren also an der Tagesordnung. Gegen Ende des Imperiums trat dann die von Ratten übertragene Pest auf den Plan: „Das Zusammentreffen globalen Handels mit der Nagetierplage war die ökologische Voraussetzung für die schlimmste Seuche, die die Menschheit je erlebt hatte: die erste Pestpandemie“ (296). Harper stellt am Ende fest, „dass die Umwelt bei der Entstehung und beim Untergang einer der bedeutendsten Zivilisationen der Geschichte einen so großen Anteil hatte“ (419). Die Parallelen zur Gegenwart seien schließlich nicht ganz von der Hand zu weisen: „Eine schon frühzeitig globale Welt, in der die Rache der Natur spürbar zu werden beginnt, auch wenn man immer noch glaubt, die Kontrolle zu besitzen… das kommt einem vielleicht gar nicht so fremd vor“ (ebd.). Als das amerikanische Original 2017 erschien, konnte Harper noch nichts von der Corona-Pandemie wissen – und doch erweisen sich seine Worte schon wenige Jahre später als wahr. Diese Untersuchung begeistert: Sie bietet einen frischen und hervorragend geschriebenen Blick auf Aufstieg und Niedergang des Römischen Reiches, der Parallelen zur Gegenwart sichtbar macht.

Benedikt Bögle

 

Veerkamp, Ton: Abschied von einem messianischen Jahrhundert. Politische Erinnerungen.
Hamburg: Argument/Ariadne 2020. 317 S. Gb. 24,–.

Kein gängiger Lebenslauf: Ton Veerkamp, 1933 in eine Amsterdamer Arbeiterfamilie geboren, die Mutter katholisch, der Vater sozialistisch, wurde Jesuit, Priester, dann Marxist, evangelischer Pfarrer, Friedensaktivist, Familienvater und Wegbereiter einer soziologisch-ökonomisch informierten Bibellektüre. „Ich war und bin parteilos, um wirklich parteilich sein zu können“ (277), sagt er nach immer neuen Wegen und Wandlungen, und davon erzählt er in seinen „politischen Erinnerungen“ so hinreißend detailgenau, nachdenklich und ehrlich, dass ein von Anfang bis Ende bemerkenswertes Buch entstanden ist.

Wie kommt es, mag man sich bei der Lektüre fragen, dass ein Mensch von Anfang an mitten drin ist im Geschehen, von allem mitbekommt, seien es die Judendeportationen in Amsterdam, der Skandal um die von Jesuiten organisierte Fluchthilfe für hochrangige Nazis und SS-Männer, die Studentenstreiks am Canisianum in den 1960er-Jahren in Maastricht, die Antikriegsdemonstrationen und die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA, schließlich das Leben inmitten des Kalten Kriegs in Ost- und Westberlin, die vielfältigen Aktivitäten der Friedensbewegung und die Arbeit an der Überwindung des Antijudaismus in der Theologie? War es nur Zufall, dass Veerkamp überall dabei war? Kaum. Eher wird es eine Sache des hellwachen Blicks gewesen sein. Veerkamp nimmt genauestens wahr, was um ihn herum geschieht, ist offen für die Herausforderungen der Stunde. Keine Lebenslage erscheint ihm je so aussichtslos, dass er sie nur passiv erleiden könnte. Immer gibt es etwas zu tun, immer etwas zu lernen. Nie klammert er sich an ein für alle Mal gefestigte Auffassungen.

In den USA begegnet er einem politischeren Christentum, lernt Katholiken kennen, die lieber ins Gefängnis gehen, als sich für den Krieg rekrutieren zu lassen, hört Vorträge von Rabbi Abraham Heschel und von Martin Luther King, beteiligt sich an Demonstrationen und Protesten. Doch als ihm ein schwarzer Sozialarbeiter in East Harlem die blauäugigen Vorstellungen von Integration zerpflückt („Wir sind für euch nichts, nur Dreck. Wir sind nur ein Problem“), politisiert ihn das mehr als jede Lektüre: „Ich begann zu begreifen, worüber Martin Luther King in der Riverside Church geredet hatte. Theologie ist politischer Kampf oder sie ist gar nichts“ (158).

Die einst gelernte Theologie reicht ihm nicht mehr aus; er studiert die Zusammenhänge von ökonomisch-sozialer Situation und biblischen Texten, gründet mit Freunden die exegetische Zeitschrift „Texte & Kontexte“ und entwirft in mehreren Werken eine Theologie, in der es nicht um Glauben oder Nichtglauben geht, sondern darum, an was man glaubt: „Die Frage ist nicht: ‚Gibt es einen Gott?‘ Die Frage ist: ‚Wer oder was ist Gott, was funktioniert in einer gegebenen Gesellschaft als Gott?‘ ‚Gott‘ gibt es immer, die Frage ist, was für einen ‚Gott‘“ (258). Hält man sich an den Gott der Mächtigen oder an den Gott der Tora und ihrer Freiheitsordnung? Die kirchlichen Lehrformeln/Leerformeln treten für ihn immer mehr zurück, die messianischen Irrwege der Linken benennt er – dringlich wird das Auskundschaften neuer Wege. Wichtig ist ihm dabei das Wissen um die eigene Herkunft; Ankunft aber bleibt „für immer ein fremdes Wort“ (315).

Norbert Reck

 

Gottschalk, Maren: Wie schwer ein Menschenleben wiegt. Sophie Scholl. Eine Biografie.
München: C.H. Beck 2020. 347 S. Gb., 24,–.

Sophie Scholl ist zur Symbolfigur geworden – zur Symbolfigur der „Weißen Rose“, aber auch des deutschen Widerstands gegen das nationalsozialistische Terrorregime überhaupt. Dass sie vor ihrem Bruder Hans, vor Alexander Schmorell oder Christoph Probst mit der Münchner Widerstandsgruppe verbunden wird, mag an ihrem Alter liegen. Einen solchen Mut, eine solche Entschlossenheit, eine solch klare Unterscheidungskraft würde man intuitiv eher mit älteren, weise gewordenen Menschen in Verbindung bringen.

Dabei war Sophie Scholl nicht immer gegen Hitler. Gerade dies zeigt Maren Gottschalk in ihrer Biografie. Die Autorin zeigt deutlich, dass auch Sophie Scholl – wie beinahe alle ihre Geschwister – zunächst eine begeisterte Anhängerin Hitlers war und im „Bund Deutscher Mädel“ sogar führende Rollen übernahm. Im Laufe des Krieges aber wurde der Frau immer mehr bewusst, welch Unrecht das Hitler-Regime darstellte. Besonders klar sah sie, dass der von Hitler geführte Krieg im Untergang enden musste.

Zum Studium nach München gezogen, gehörte Sophie bald jenem Kreis um ihren Bruder Hans Scholl an, der sich nicht nur in Gedanken, sondern auch mit Taten gegen Hitler stellen wollte, ja musste. Sophie arbeitete aktiv an der Verbreitung der Flugblätter mit und begab sich damit in höchste Gefahr. Als sie gemeinsam mit ihrem Bruder Flugblätter in der Ludwigs-Maximilians-Universität verteilte, wurde sie verhaftet. In der anschließenden Vernehmung nahm Sophie kein Blatt vor den Mund, sondern äußerte gegenüber der Polizei: „Zusammenfassend möchte ich die Erklärung abgeben, dass ich für meine Person mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben will.“

All dies arbeitet Maren Gottschalk hervorragend heraus, indem sie in erster Linie Sophie Scholl selbst sprechen lässt. Ausführlich lässt sie Quellen zu Wort kommen, Briefe etwa, die Sophie Scholl schrieb. All dies gelingt Gottschalk in einer sehr flüssigen Form. Man mag diese Biografie nicht mehr aus den Händen legen. Das liegt möglicherweise an dem sehr ehrlichen Blick der Autorin auf Sophie Scholl. Sie muss etwa die Begeisterung des jungen Mädchens für Hitler und vor allem für seine Jugendorganisationen nicht verschweigen, nicht relativieren, nicht schönreden. Sie kann die Geschichte beschreiben, wie sie war.

Am Ende des Bandes wird der Leser gefangen von der Beschreibung dieser letzten Tage und Minuten von Sophie Scholl, von ihrer unfassbaren Geistesstärke, von ihrem großartigen Zeugnis für Recht und Gerechtigkeit. So kommt Maren Gottschalk zum Schluss: „Sophie Scholl stand in der ersten Reihe des Widerstands, weder vor noch hinter, sondern neben ihren Gefährten. Ihre Persönlichkeit war vielschichtig. Sie fühlte eine starke, lebensbejahende Kraft in sich, liebte die Natur und erkannte in ihr den Ausdruck göttlicher Liebe.“

Benedikt Bögle

 

Unseld, Siegfried: Reiseberichte. Hg. v. Raimund Fellinger.
Berlin: Suhrkamp 2020. 384 S. Gb. 26,–.

Ein hochinteressantes Buch, das ermöglicht, Mäuschen zu sein bei vielfältigen Kontakten, Verhandlungen mit Autoren des Verlags rings um die Welt und infolgedessen auch unsichtbarer Zeuge vielfältiger Erlebnisse des Suhrkamp-Verlagsinhabers seit 1959. Die Reiseziele sind so ausgewählt, dass das Buch die weltweiten literarischen und geisteswissenschaftlichen Kontakte des Verlegers ebenso wie seine hohe Wertschätzung in der Kulturpolitik der Bundesrepublik und der Gastländer spiegelt. Damit nicht genug, erfährt man auch viel über den Menschen Unseld.

Im Nachwort des Herausgebers wird erläutert, welche Funktion die Reiseberichte im Lauf der Zeit hatten, wie sie entstanden, und wie sich Person und Verlag in Siegfried Unseld ineinssetzten (373 ff.). Dass die aufgenommenen 35 Berichte in zeitlicher Reihenfolge nur einen Bruchteil der insgesamt mehr als 1500 ausmachen, wird ebenso betont wie die enorme Lebensleistung des Verlegers.

Die erste Reise führt 1959 nach Berlin (7 ff.), von wo Unseld im Laufe der Jahre fünfmal berichtet, die letzte 1998 nach München (370 ff.). Drei Reisen führen nach Bonn, vier nach Paris, drei nach Moskau, zwei nach Israel. Hinter dieser Aufzählung verbergen sich Kontakte mit Autoren, Einwerbung neuer Autoren, Besuche in Verlagen (z.B. Gallimard, 20) und Buchhandlungen, Anbahnung von Übersetzungen eigener und fremder Autoren sowie Verbindungen mit deutschen und ausländischen Kulturinstituten. Immer wieder müssen konkurrierende Vertragsverhältnisse gelöst werden. Und mündliche Verabredungen mit Autoren schriftlich fixiert werden. Daneben behauptet sich auch der kulturell interessierte Verleger als scharfer Beobachter und Anreger. Das wird ganz besonders während der Japanreise anschaulich (208 ff.).

Sorgen bereiten ihm unter anderem Nachlassverwaltungen von Autoren wie Brecht (7 ff.; 106 f.) und Hesse, aber auch komplizierte Autoren wie Peter Handke (93 f.), Uwe Johnson (18 f.), Samuel Beckett (98 ff.; 282 ff.) und Max Frisch (12 ff.). Mit letzterem hat Unseld in New York 1971 eine unangenehme Auseinandersetzung. Frisch beklagt sich über seiner Meinung nach zu geringe Geburtstagsehrung (141 ff.). Die Konsequenz für Siegfried Unseld lautet: Freundschaften mit Autoren sind Selbsttäuschung. Thomas Bernhard lässt sich nur mühsam von einem spontanen Abbruch der Verlagsbeziehungen mit Suhrkamp abhalten (193 f.). Die Situation erinnert Unseld an eine Bernhard-Szene. Auch Auslandsvertretungen und deren einsame Beschlüsse oder Untätigkeit/Ignoranz drängen auf Unselds Entscheidungen.

Faszinierend ist, wie er angeregt durch amerikanische Germanisten ein Textbook-Projekt für die Schulen anstößt, damit Deutschlernen auch ohne öffentliche Förderung möglich und unterstützt wird (50f; 184f;).

Die Beschreibung vom Begräbnis Hermann Hesses (55 ff.) zeugt ebenso von Unselds Einfühlungsvermögen, scharfer Beobachtungsgabe wie von seiner spontanen Hilfsbereitschaft gegenüber der Witwe angesichts der schier unüberschaubaren Nachlassverwaltung.
Auch die Schilderung der Trauerfeier und Beerdigung von Helene Weigel ist sehr berührend: Unseld wirft ein bezeichnendes Licht auf die Erben (109 f.). Dass ihm auch Selbstkritik nicht fremd ist, beweist sein Eingeständnis bezüglich der polnischen Literatur (72 ff.). Sympathisch ist Unselds Aufgeschlossenheit für weibliche Autoren und seine entschiedene Parteinahme für eine größere Ausgewogenheit zwischen Männern und Frauen.

Dieses Buch bietet Spuren eines vielseitigen, interessierten und hochgebildeten Verlegers, der sich seiner Kontakte mit Autoren bewusst ist und den Ausbau seines Verlages geschickt betreibt. Da die Reisen nur locker miteinander verbunden sind, lädt das Buch auch zum Stöbern ein. Eine Fundgrube für alle literarisch und philosophisch Interessierten.

Eberhard Ockel

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