TschetschenienKonservativer Islam als Alternative zum radikalen Islamismus?

Terroristische Attentate in Europa wurden in den letzten Jahren mehrfach von Tschetschenen begangen. Der Mörder des Lehrers Samuel Paty, der Mitte Oktober bei Paris erschossen wurde, widersetzte sich seiner Festnahme und erlag später seinen Schussverletzungen – er wurde am 5. Dezember im Dorf seiner Familie im Norden Tschetscheniens mit allen Ehren beigesetzt. Woher kommt der Islamismus in Tschetschenien? Wie wird er in dem Land selbst gesehen und vom Staat bekämpft? Wie wirkt er bis nach Europa? Vladimir Pachkov SJ doziert am Thomas-von-Aquin-Institut in Moskau.

„Der Begriff ,gemäßigter Islam‘ wird häufig verwendet. Die Erfindung des ,gemäßigten Islam‘ gehört dem Westen. Es gibt keinen gemäßigten oder radikalen Islam; es gibt nur den einen Islam. Das Ziel der Verwendung solcher Begriffe ist es, den Islam zu schwächen.“

– Recep Tayyip Erdoğan, Präsident der Türkei

 

„Der Prophet hat uns im Einklang mit seinen Hadisen den Weg gezeigt und gesagt, dass dieser Weg gottgefällig ist. Dank des Glaubens an diesen Weg haben wir gekämpft… Ich habe mit den Wahhabiten für Allah gekämpft“1.

Ramzan Kadyrov, Präsident Tschetscheniens

 

 

Der Traum eines gemäßigten Islam und einer islamischen Aufklärung, die von Muslimen selbst durchgeführt wird, ist bis heute – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ein Traum geblieben. Er ist noch nicht ausgeträumt, aber liberale Muslime, die sich als solche zu erkennen geben, bleiben in vielen Ländern isoliert. Oft müssen sie von der Polizei beschützt werden, weil sie von ihren Glaubensgenossen bedroht sind. Es scheint, dass die wirkliche Scheidelinie im Islam nicht zwischen einzelnen Kämpfern für den liberalen Islam und für die Menschenrechte (im westlichen Sinn) verläuft, sondern zwischen dem traditionellen konservativen und dem radikalen Islam, wie er von Ibn Taymiya, Abd al-Wahhab und Sayd al-Qutb gepredigt wurde.

Die Grenzlinie in dieser Auseinandersetzung geht mitten durch die muslimischen Völker. In wenigen muslimischen Gesellschaften wird diese Trennlinie so deutlich und wird der Kampf zwischen diesen zwei Varianten, den Islam zu leben, so brutal geführt wie im Nordkaukasus, besonders in Tschetschenien. Dieses kleine Volk ist seit dem Krieg gegen Russland in den 1990er-Jahren in aller Welt bekannt. Aber damals blieb das Problem, wie man meinte, ein „russisches“. Seit dem Krieg in Syrien, wo mehrere tschetschenische Verbände an der Seite des Islamischen Kalifats kämpften, und seit der Entstehung der tschetschenischen Diaspora in Europa – hauptsächlich in Österreich, Deutschland und Frankreich – hat der innere Konflikt in Tschetschenien eine überregionale Bedeutung gewonnen. Deswegen hat alles, was in Tschetschenien passiert, auch für die Länder mit tschetschenischer Diaspora große Bedeutung. Deutlich zeigte dies die Krise, die nach der Ermordung eines französischen Lehrers durch einen achtzehnjährigen Tschetschenen ausgebrochen ist.

Die Tschetschenen haben sich einen Ruf als Sturmtruppe des Islamismus verdient, auch in Europa. Experten behaupten, dass die islamistische Szene in Deutschland von Tschetschenen dominiert wird.2 Andererseits ist Tschetschenien ein Land, in dem der Kampf gegen die Radikalisierung des Islams und den Wahhabismus auf schärfste geführt wird. Diese Auseinandersetzung zwischen der wahhabitischen, militanten Interpretation des Islams und dem eher auf die spirituelle Seite der Religion bedachten Sufismus begann schon im 19. Jahrhundert, als Imam Schamil im Widerstand gegen Russland den Heiligen Krieg bis zum letzten Mann zur Pflicht erklärte und als andererseits der Sufilehrer Kunta Hadschi eine pazifistische Variante des Islams predigte – sie wird im heutigen Tschetschenien von der Regierung propagiert.

Tschetschenien ist ein Land der Widersprüche: Es ist Teil der Russischen Föderation und zugleich ein Gebiet, in dem viele Gesetze nicht so genau umgesetzt werden, weil nicht nur die Gesetze der Russischen Föderation, sondern auch das Islamische Recht und zusätzliche nationale Bräuche („Adat“) das Leben regeln – nach einer Aussage des Präsidenten Ramzan Kadyrov steht das Islamische Recht über den föderalen Gesetzen.3 Tschetschenien ist das Land, das sich gegen die zentrale Regierung in Moskau aufgelehnt hat, in dem jedoch zugleich die Regierungspartei „Einiges Russland“ die höchste Zustimmungsquote erhält. Es ist ein Gebiet, in dem am häufigsten die Zugehörigkeit zur Russischen Föderation betont wird und das sich zugleich am stärksten von anderen Regionen Russlands unterscheidet. Mehr noch, es ist das Land, aus dem viele islamistische Terroristen, die Kämpfer des „Islamischen Staates“, kommen und zugleich das Land, dessen Leute in Syrien an der Seite der Regierung Assads für Ordnung und Sicherheit sorgen. Es ist wahr, dass einige Tschetschenen sich den radikalen islamistischen Organisationen angeschlossen haben, aber es ist ebenso wahr, dass die Mehrheit des Volkes sich dem Einfluss und dem Versuch der Machtübernahme durch radikale Islamisten im Namen seiner nationalen Besonderheit und im Namen des konservativen und traditionellen Islam widersetzt.

Es mag überraschen, aber Tschetschenien ist ein mögliches Beispiel dafür, dass der Widerstand gegen den radikalen Islamismus auch aus dem Islam selbst und von den Muslimen kommt. Alle Versuche seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, als Russland in das Gebiet des Nord-Kaukasus militärisch eindrang, bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, auf dem tschetschenischen Gebiet eine radikale, fundamentalistische Version des Islams zu etablieren, sind am Widerstand der Tschetschenen selbst gescheitert. Die Tschetschenen bleiben, wie sie sind: ein Bergvolk mit großem Stolz und mit strengen Traditionen, die sie auch mit Waffen verteidigen. Ihr Islam ist keine Variante dessen, was man „europäischen Islam“ nennt. Dennoch: In ihrer Mehrheit bleiben die Tschetschenen dem traditionellen Islam treu, und in seinem Namen bekämpfen sie den Islamismus.

Tschetschenien und Russland

Die Republik Tschetschenien wird auch „das innere Ausland”4 genannt. Sie ist ein Teil Russlands, aber fraglich bleibt, inwieweit dort russische Gesetze gelten, inwieweit sich Leute aus anderen Regionen Russlands dort zuhause fühlen und inwieweit dort die Macht der Zentralregierung wirkt.

Mit diesem Problem muss Russland leben, seit es das Gebiet Mitte des 19. Jahrhunderts eroberte, wobei man sagen muss, dass die Eroberung von dem Wunsch vorangetrieben wurde, die Einfälle der Tschetschenen in die von Russen bewohnten Gebiete zu beenden – ähnlich, wie es das Ziel des zweiten tschetschenischen Krieges unter Putin war, das Rückzugsgebiet der tschetschenischen Mafia und der Islamisten, die sich in ganz Russland breit gemacht hatten, zu unterwerfen.

Ebenso wie der Krieg am Ende des 20. Jahrhunderts haben die Kriege des 18. und 19. Jahrhunderts die Islamisierung dieser Gegend mitverursacht. Der Islam kam schon sehr früh, im 7. Jahrhundert, in den Nord-Kaukasus, zuerst nach Dagestan. Aber die Islamisierung dieser Gebiete war auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht abgeschlossen, als das russische Militär Tschetschenien unter Kontrolle zu bringen versuchte. Dessen Erfolg war dürftig, und der Widerstand ging weiter, aber immer mehr unter der Fahne des Islams, wobei es interessanterweise am Ende des 18. Jahrhundert auf dem gesamten tschetschenischen Gebiet keinen einzigen religiösen Gelehrten gab. Wie auch am Ende des 20. Jahrhunderts kam der Widerstand jener Zeit einfach aus dem Wunsch nach Unabhängigkeit und nahm erst später religiösen Charakter an. Der bekannteste Widerstandsführer war Imam Schamil, der den Dschihad gegen Russland führte und gleichzeitig einen harten Kurs zur Islamisierung der Bergleute fuhr. Aber wie am Ende des 20. Jahrhunderts waren der „Heilige Krieg“ und der Kampf für die Religion nicht das Hauptanliegen der Tschetschenen. Als Imam Schamil verhaftet wurde, kehrten die Tschetschenen zu den vorislamischen Bräuchen zurück. Schamil hatte auch gezeigt, dass die Einführung der strengen islamischen Bräuche für ihn nur ein Instrument war, das Volk zu mobilisieren und seine Macht zu konsolidieren. Nach seiner Festnahme lebte er auf einem Landgut in Zentralrussland und nahm am üblichen Leben des russischen Adels teil. Der Krieg, den Imam Schamil geführt hatte, wurde gut hundert Jahre später weitergeführt, und auch in diesem neuen tschetschenischen Krieg verband sich der Wunsch nach Unabhängigkeit mit dem Dschihad gegen „Ungläubige“.

Was die Gegenwart betrifft, so begann der Islam in Tschetschenien schon 1989 eine politische Rolle zu spielen. Auch wenn zu Beginn der Unabhängigkeitsbewegung keine sehr gläubigen Führer das Ruder in der Hand hatten, gab es schon damals, Anfang der 1990er-Jahre, also noch vor dem Krieg mit der Zentralregierung, Aufrufe zur islamischen Wiedergeburt. Die Erlangung der Unabhängigkeit wurde auch verstanden als die Bedingung zur Rückkehr zur islamischen Gesellschaftsordnung. Die Partei „Der Islamische Weg“ vertrat diese Position, aber sie wurde von der Mehrheit der muslimischen Gelehrten in diesem Anliegen nicht unterstützt, da diese die Religion vor politischer Vereinnahmung zu bewahren suchten und in ihr primär eine moralische und spirituelle Kraft sahen.5

Schon im ersten Tschetschenienkrieg von Dezember 1994 bis August 1996 war der Begriff „Heiliger Krieg“ weit verbreitet. „In Tschetschenien standen dem bewaffneten Widerstand gegen massive Militärintervention freiwillige Kämpfer aus dem islamischen Ausland zur Seite. In der Zeit nach 1996 verstärkte sich im bewaffneten Untergrund die ideologische Transformation hin zu einem trans-ethnischen islamischen Widerstand, der 2007 in das ‚Kaukasus-Emirat‘ mündete; in einen virtuellen Gottesstaat, der zwar keine territoriale Herrschaft ausübte, wie später der ‚Islamische Staat‘ (IS) in Teilen Syriens, Iraks und Libyens, der aber die Aktivitäten lokaler Untergrund-Gruppen (Dschama’at) in weiten Teilen des Nordkaukasus koordinierte und ideologisch legitimierte.“6

 Die radikalen Islamisten wendeten sich gegen den Sufi-Islam und verspielten die Unterstützung der meisten Tschetschenen.Das jedoch war Ausdruck einer sich schon auf dem Rückzug befindenden Bewegung, denn die radikalen Islamisten wendeten sich schon Ende der 1990er-Jahre, als Tschetschenien de facto unabhängig war, gegen den traditionellen Sufi-Islam und verspielten die Unterstützung der meisten Tschetschenen. Darauf konnte Moskau im zweiten Tschetschenienkrieg bauen und Gruppen der ehemaligen Widerstandskämpfer auf seine Seite ziehen. Unter ihnen waren Ahmat Kadyrov, der später durch ein Attentat getötet wurde, und sein Sohn Ramzan Kadyrov, der heutige Präsident der tschetschenischen Republik, der mit vielen seiner Anhänger auf die Seite der Zentralregierung Russlands übergegangen war.

Seit russische Streitkräfte die größeren Militärverbände der Islamisten weitgehend vernichtet haben und seit der neue Präsident Ramzan Kadyrov eingesetzt ist, der mit seinen Leuten hart gegen jede Opposition, auch gegen Islamisten, vorgeht, ging die Zahl der Gewalttaten stark zurück. Das was besonders nach dem Jahr 2014 deutlich. Gründe dafür waren Erfolge der Sicherheitskräfte, die die meisten Islamistenanführer beseitigten, und außerdem die massive Auswanderung der militanten Islamisten in den Nahen Osten, wo sie sich größtenteils dem Islamischen Staat anschlossen.

Der Kriegszustand in Tschetschenien endete und der Wiederaufbau begann, allerdings in einem Prozess der „Kadyrovisierung“ oder „Ramzanisierung“ (nach dem Namen des Präsidenten Ramzan Kadyrov). Die gewaltsame Unterdrückung der gewaltbereiten Islamisten mag gerechtfertigt sein, aber das Problem bleibt, dass die Unterdrückung aller, auch religiöser Meinungen, die mit der offiziellen Doktrin nicht im Einklang stehen, viele Menschen zu den Islamisten treibt.

Die Macht Kadyrovs und der
Kampf gegen die Terroristen

Wie in vielen anderen muslimischen Ländern ist in Tschetschenien der Kampf gegen den radikalen Islam mit der Frage der persönlichen Macht des Staatsoberhaupts und seiner Umgebung verbunden.7 In diesem Kampf wird auf Menschenrechte wenig Rücksicht genommen, und die Unterdrückung des radikalen Islams geht sehr oft mit einer schleichenden Islamisierung einher. Im Unterschied zu anderen muslimischen Ländern wird die Regierung der Tschetschenischen Republik allerdings von der Zentralregierung in Moskau finanziell und militärisch unterstützt und nur schwach kontrolliert. Parallelen zur Situation in Afghanistan unter der amerikanischen Besatzung legen sich nahe:8 Eine Außenmacht überlässt die Kontrolle den Einheimischen, wenn sie versprechen, die Islamisten zu beseitigen – sehr oft nutzen diese dann die Situation aus, um ihre eigenen Feinde und Konkurrenten zu beseitigen.

Im Unterschied zu Afghanistan aber, wo diese Politik nur zur Erstarkung der Taliban führte, konnten Kadyrov und seine Milizen die Islamisten auf dem Gebiet der Tschetschenischen Republik wirklich besiegen: Die Kadyrovzy (die bewaffneten Einheiten im Dienste von Kadyrow) waren gegen den islamistischen Aufstand, zu dem sich die tschetschenische Separatistenbewegung im Laufe der Zeit verwandelt hatte, erfolgreich:9 Das Kaukasus-Emirat, die örtliche Rebellengruppe, wurde fast gänzlich zerstört, und die Zahl der Terroranschläge in der Region ist erheblich gesunken. Im Jahre 2017 waren es 16 Todesopfer (14 Strafverfolgungs-/Sicherheitskräfte und zwei Zivilisten).10 Menschenrechtsorganisationen werfen aber den tschetschenischen Sicherheitskräften Verschwindenlassen, Folter, außergerichtliche Hinrichtungen und kollektive Bestrafung von Angehörigen islamistischer Aufständischer vor.11 Die Maßnahmen richteten sich gegen vermeintliche bewaffnete Aufständische und Kollaborateure“,12 auch gegen andere Kriminelle wie Drogenhändler und gegen unabhängige Journalisten.

Die dafür benutzen Methoden sind, gelinde gesagt, umstritten. Äußerst hart etwa ist die „kollektive Verantwortung“, die, wie Kadyrov selbst sagt, die wirksamste Waffe gegen Terroristen ist.13 Diese Strafe besteht hauptsächlich in der Vertreibung aus Tschetschenien, wobei die Angehörigen der beschuldigten Terroristen manchmal aus dem Gebiet der ganzen Russischen Föderation fliehen müssen.14 Bisweilen kürzte man ihnen die soziale Hilfe oder erschwerte die Arbeitssuche.

Der Staatsislam

Der Kampf gegen gewaltbereite Islamisten bedeutet jedoch keineswegs, dass die Rolle der islamischen Religion begrenzt wird. Eher umgekehrt: Der Islam spielt eine viel größere Rolle als noch in 1990er-Jahren, und Kadyrov stellt sich selbst als Verfechter der Religion dar. Er kritisiert die ersten Anführer des Aufstands gegen Russland, weil sie keine guten Muslime gewesen seien. Schon äußerlich ist die Islamisierung sichtbar. Immer mehr Frauen tragen nur Kleider, die ihnen von der Religion zugestanden werden, und es werden immer neue Moscheen gebaut: Angeblich steht die größte Moschee Europas – jedenfalls die größte Russlands – in der Hauptstadt Grosny.

Das wichtigste Zeichen der Islamisierung ist freilich die Rolle, die das islamische Gesetz der Scharia in der Republik spielt. Die moderne tschetschenische Gesellschaft ist einzigartig in Russland, weil sie, wie erwähnt, gleichzeitig nach mehreren Rechtsystemen lebt: der Gesetzgebung Russlands, die im Prinzip laizistisch sein soll, dem islamischen Gesetz der Scharia und dem Gewohnheitsrecht Adat. Innere Konflikte zwischen Tschetschenen werden nach dem islamischen Gesetz geregelt, wobei man sich zuerst an die Ältesten wendet, die den Fall nach Gewohnheitsrecht beurteilen. Auch wenn die Hoheit der russischen Gesetze nicht bestritten wird – mit Ausnahme einer Aussage von Kadyrov im Jahre 2010 – und die Entscheidungen nach dem islamischen Gesetz nur eine Empfehlung sein sollen, spielen sie gegenüber den Staatsgesetzen oft die größere Rolle.

Adat spielt eine manchmal noch wichtigere Rolle als die Scharia, weil viele Tschetschenen nicht nur Staatsgerichten nicht trauen, sondern auch den Scharia-Gerichten nicht; diese werden ebenfalls von den lokalen staatlichen Behörden kontrolliert. Ein Tschetschene drückt es so aus: „Ich bin Muslim, deswegen kann ich nicht gegen Scharia sein. Aber wir sind noch nicht reif genug, um nach dem islamischen Gesetz zu leben“. Allerdings ist zu ergänzen, dass viele Tschetschenen, insbesondere Frauen, sich zunehmend an Staatsgerichte wenden, weil diese ihre Rechte besser schützen. Früher war es undenkbar, dass Tschetschenen ihre Familienstreitigkeiten außerhalb ihrer Gesellschaft regeln. Jetzt kommt es immer häufiger vor, dass Frauen sich nach der Scheidung an „russische“ Gerichte wenden, um ihre Kinder bei sich zu behalten, denn nach dem Adat müssten die Kinder in der Familie des Vaters leben.15

Der Sufi-Islam ist das Schlüsselelement der nationalen Ideologie. Kadyrov positioniert sich selbst als religiöser Führer in der Tradition der Sufi-Gemeinschaften. Gemäß der Sufi-Tradition sollen die Mitglieder solcher Gemeinschaften ihrem Anführer folgen, um Gott zu gefallen. Auch wenn der Islam in seiner Sufi-Interpretation schon seit Jahrhunderten in Tschetschenien stark ist, ist der heutige Präsident Ramzan Kadyrov der erste, der aus dieser Interpretation des Islams eine Art Staatsreligion machte. Tschetschenien hat enge Beziehungen mit den Sufis anderer Länder etabliert, solchen des Nahen Ostens, Malaysias und Nord-Afrikas, und es empfängt regelmäßig Religionsgelehrte aus diesen Ländern. Auch wenn der Sufi-Islam als tolerant gilt, bedeutet dies nicht, dass er mit westlichen Werten kompatibel sei. Im Januar 2015 organisierte Kadyrov eine Massen-Demonstration auf den Straßen Grosnys, die gegen die Mohammed-Karikaturen der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“ protestierte.

Auch innere Feinde dieser Interpretation des Islams werden verfolgt und vertrieben.16 Kadyrov selbst erklärte, dass jene, die diesen einzig richtigen Weg nicht verstehen, keine Sekunde in Tschetschenien bleiben dürfen. Sie seien schlimmer als Terroristen – wörtlich: als die, die „in den Wäldern wandern“.17 Was diese Terroristen, genauer: die Wahhabiten betrifft, will Kadyrov sie im Namen des traditionellen Islam bis auf Tod bekämpfen: „Der Prophet hat uns im Einklang mit seinen Hadisen den Weg gezeigt, und er sagt, dass er gottgefällig ist. Dank des Glaubens an diesen Weg haben wir gekämpft… Ich habe mit den Wahhabiten für Allah gekämpft. Sie wissen die Fälle, wo ich sie getötet habe, weil für solche Leute kein Platz in Tschetschenien ist. Der Prophet hat uns befohlen, solche Leute zu töten.“18 In Tschetschenien sind auch äußere Erscheinungen des Wahhabismus wie der Hidschab oder der Bart ohne Schnurrbart verboten – auch wenn Kadyrov selbst auf Bildern in Zeitungen mit auffällig langem Bart und fast unsichtbarem Schnurrbart zu sehen ist.19

Diese Politik kann natürlich viele Tschetschenen, insbesondere junge, nicht überzeugen. Der Salafismus bleibt bestehen, wenn auch im Untergrund. Besonders junge Leute sehen die Politik der tschetschenischen Regierung als Eingriff in die religiöse Sphäre, die sie als eine der wichtigsten Bestandteile ihrer Identität betrachten, und widersetzen sich.20 Das zeigte sich in der großen Zahl junger Tschetschenen, die nach Syrien gingen, um an der Seite der Islamisten zu kämpfen. Mit ihrem Rückhalt entstand eine neue Welle bewaffneter Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften.21 Es wird behauptet, dass die Islamisten, die von Syrien nach Aserbaidschan gebracht wurden, um gegen die Armenier im Berg Karabach zu kämpfen, ihren Weg auch nach Tschetschenien finden. Im Gegensatz dazu sagen die Anhänger von Kadyrov, dass die religiöse Freiheit nicht eingeschränkt sei: Alles sei erlaubt, mit Ausnahme des Wahhabismus, weil dessen Anhänger Extremisten seien.22

Auch wenn Ramzan Kadyrov die Islamisten verfolgt, treibt er in der Wirklichkeit deren Agenda der Islamisierung voran: Frauen sollen strenge Kleiderregeln einhalten, die Ehe mit mehreren Frauen ist de facto möglich und der Verkauf von Alkohol ist auf dem Gebiet der tschetschenischen Republik verboten.23

Tschetschenien stellt ein Beispiel einer traditionellen islamischen Gesellschaft dar, die sich gegen die Neuerungen der islamischen Reformation – in der Form des Wahhabismus – wehrt, jedoch im Grunde die mögliche islamische Aufklärung ablehnt. Aussagen von Kadyrov beweisen dies, der sich in die letzten Ereignisse in Frankreich einmischte – und dafür eine Ermahnung aus dem Kreml erhielt: Er sagte, Muslime sollten sich allem widersetzen, was gegen die Regeln der islamischen Religion verstößt.24 Man dürfe nicht zulassen, dass die Religion, zumal die Religion des Islams, beleidigt werde. Darin ist er sich mit den radikalen Muslimen einig. Wodurch er selbst und die von ihm propagierte Version des Islams sich von den Radikalen unterscheiden: Er tritt anstelle der Konfrontation mit dem Zweck der Unterwerfung für den Dialog zwischen den Religionen ein – auch wenn wenig getan wird; so wurde die seit 2013 versprochene Synagoge bis jetzt nicht gebaut25 – und ebenso für den Dialog zwischen der Religion und der säkularen Gesellschaft. Eine Gesellschaft kann nur dann gesund sein, wenn Vertreter verschiedenen Religionen und Nationalitäten miteinander im gegenseitig respektvollen Gespräch sind.26

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