Christliche Versöhnung in IrlandBrüchiger Friede in Zeiten des Brexit

Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union reißt in Irland alte Wunden bei Katholiken und Protestanten auf. Insbesondere in Nordirland standen sich die Konfessionen über Jahrzehnte hinweg feindselig und un-versöhnlich gegenüber. Wenn die Kirchen ihre Rolle bei der Spaltung der irischen Gesellschaft aufarbeiten, können sie viel zu einem friedlichen Prozess der Versöhnung beitragen, schreibt Fergus O’Ferrall. Er ist Autor und Historiker in Irland. Er war Laienführer der Methodistischen Kirche Irlands und ist Mitglied der ökumenischen „Koalition der Hoffnung“, die sich um Dialog und um die Lösung aktueller Konflikte bemüht. Aus dem Englischen übersetzt von Philipp Adolphs.

Die derzeitige Situation in Nordirland, in der der sectarianism1 verankert bleibt und ein nur fragiler Frieden gewahrt wird, ist auf komplexe religiöse, historische und zeitgenössische Ereignisse zurückzuführen.2 Die Zerbrechlichkeit dieses Friedens wird an den Schwierigkeiten bei der Umsetzung des historischen „Abkommens von Belfast“ sichtbar, das am Karfreitag, den 10. April 1998, beschlossen wurde. Es folgten mehrere Zusammenbrüche des regionalen Parlaments und der Verwaltung, die wiederholte Versuche zur Wiederherstellung der Dezentralisierung in Nordirland erforderten: Der letzte Zusammenbruch dauerte drei kritische Jahre, bis eine neue Vereinbarung mit dem Namen New Decade, New Approach im Januar 2020 zur Wiederherstellung einer dezentralen, regionalen Verwaltung führte.3

Das „Abkommen von Belfast“ von 1998 beendete die jahrzehntelange Gewalt (1968 bis 1998), allgemein als The Troubles bezeichnet: Diese Gewalt hat ein traumatisches Erbe hinterlassen. Knapp jeder Dritte der heute in Nordirland lebenden 1,7 Millionen Menschen ist unmittelbar von der Gewalt betroffen: 3720 Menschen wurden getötet, wobei einige der Todesfälle nach 1998 auftraten, ungefähr 500.000 Menschen wurden verletzt und erlitten Gewalt. Die Menge der Schmerzen, der Traumata und der Wut liegt ganz nah unter der dünnen Oberfläche des Alltags in Nordirland, und das Erbe der Vergangenheit bleibt ein zentrales Anliegen beim Aufbau einer besseren Zukunft für alle in Irland und Nordirland.4

Angesichts der Rolle der christlichen Kirchen in der irischen Geschichte und in der heutigen irischen Gesellschaft ist es unerlässlich, dass die Herausforderungen der Versöhnung in Irland, im Norden und im Süden, von den Christen und ihren Kirchen angenommen werden. An dieser Stelle gilt es zu zeigen, was eine solche Annahme beinhalten muss: Die gegenwärtigen „Zeichen der Zeit“ erfordern nichts weniger als eine grundlegende Reform sowohl der Theologie als auch des gemeinsamen ökumenischen Zeugnisses der Kirchen in Irland.5 Neben den großen Schwierigkeiten, die in der Aufrechterhaltung der 1998 vereinbarten regionalen Strukturen liegen, wurde die im Rahmen eines Referendums im Jahr 2016 getroffene Entscheidung des Vereinigten Königreichs, die Europäische Union zu verlassen, nun im Rücktrittsvertrag zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland im Januar 2020 umgesetzt. Diese historische Entwicklung, die als Brexit bezeichnet wird, hat die Dynamik von Wirtschaft, Politik und Identität in Nordirland grundlegend verändert und die Schwierigkeiten der nationalistisch-katholischen und der unionistisch-protestantischen Bevölkerung, die für eine gemeinsame Zukunft zusammenarbeiten, erheblich verschärft.

Das demografische Gleichgewicht verlagert sich aller Wahrscheinlichkeit nach in Richtung einer katholischen Mehrheit in Nordirland in den 2020er-Jahren. Das bestärkt die Ängste der unionistisch-protestantischen Anhänger eines Vereinigten Irlands vor jeder seit 1998 vorgeschriebenen Bürgerbefragung zur Öffnung oder Schließung der Staatsgrenzen.6 Für ein geeintes Irland braucht es Referenden sowohl in der Republik Irland als auch in Nordirland, und viele argumentieren jetzt, dass Vorbereitungen getroffen werden müssen, bevor die Frage der Einheit gestellt wird, damit Einvernehmlichkeit und Transparenz über die neuen Verfassungsregelungen einen friedlichen Prozess ermöglichen. Es besteht die große Gefahr eines erneuten Auftretens von Gewalt, da sich Teile der unionistischen Bevölkerung dem Übergang zur Einheit widersetzen.

Der weise und angesehene nationalistische nordirische Politiker Seamus Mallon, der am 24. Januar 2020 nach einer bemerkenswert mutigen Karriere als Botschafter der gewaltfreien Politik von Frieden und Gerechtigkeit verstarb, hatte erklärt, dass eine „parallele Zustimmung“ erforderlich sein sollte, also Mehrheiten sowohl innerhalb der katholischen wie innerhalb der protestantischen Gemeinschaft anstatt einer einfachen Gesamtmehrheit, wie im Karfreitagsabkommen festgelegt.7 Die Kirchen mit ihrer umfassenden ökumenischen Theologie sollten eine  konstruktive Rolle bei der Sicherstellung der politischen Übereinstimmung mit dem langsamen, aber positiven Ansatz spielen, den Mallon für die ungewissen kommenden Jahre vorschlägt.

Versöhnung: das Gegenmittel zum sectarianism

Versöhnung ist ein zentraler Punkt in der Mission jeder Kirche, die dem Evangelium treu bleibt: Dies wird im zweiten Brief des Paulus an die Korinther klar dargelegt: „Wenn also jemand in Christus ist, ist er eine neue Schöpfung; Das Alte ist gegangen, das Neue ist gekommen! All dies von Gott, der uns durch Christus mit sich selbst versöhnte und uns den Dienst der Versöhnung gab: dass Gott die Welt mit sich selbst in Christus versöhnte, ohne die Sünden der Menschen gegen sie zu zählen. Und er hat uns zur Botschaft der Versöhnung verpflichtet“ (2 Kor. 5,17-19).

Eine Herausforderung für die irischen Kirchen ist es anzuerkennen, wie jede der christlichen Konfessionen im Laufe der irischen und britischen Geschichte zum sectarianism in der Gesellschaft beigetragen hat, insbesondere in der nordirischen Gesellschaft seit der Reformation. Der sectarianism hat die streitenden politischen Lager sowohl der unionistischen als auch der nationalistischen Bevölkerung geprägt.  Sectarianism wurde als „Komplex von Einstellungen, Überzeugungen, Verhaltensweisen und Strukturen definiert, in denen Religion ein wesentlicher Bestandteil ist und der (1) direkt oder indirekt die Rechte von Einzelpersonen oder Gruppen verletzt und/oder (2) Situationen destruktiven Konflikts beeinflusst oder verursacht“8. Die Politiker in Nordirland definieren sectarianism als „bedrohliches, missbräuchliches oder beleidigendes Verhalten oder entsprechende Einstellungen gegenüber einer Person aufgrund ihrer Religion oder ihrer politischen Meinung“9. In Professor Morrows Übersichtswerk „Sectarianism in Northern Ireland: A Review“  wurde der Begriff „mit all seinen Unsicherheiten verwendet, um einen Machtkampf zwischen den Gruppen zu beschreiben, bei dem sowohl Religion als auch Politik eine bedeutende Rolle spielen und der weit verbreitet ist, um die zunehmende Spaltung zu beschreiben. Was fortdauert, ist die Feindseligkeit: Was sich im Laufe der Jahre geändert haben mag, ist die genaue Rolle des Glaubens und der Lehre.“10 Morrow stellt fest, dass der sectarianism in der nordirischen Gesellschaft „in den Alltag ‚eingebaut‘ wurde“.11

Es liegt in der Verantwortung der christlichen Kirche Irlands, die „genaue Rolle des Glaubens und der Lehre“ im fortbestehenden sectarianism in Irland zu untersuchen. Die Politiker in „New Decade, New Approach“ haben in ihrem neuen Regierungsprogramm im Parlament den Entschluss gefasst, das Sektierertum zu beenden: „Die Parteien erkennen die Notwendigkeit an, sectarianism, Vorurteile und Hass zu bekämpfen, um die Diskriminierung zu beseitigen. Die Parteien … möchten, dass sectarianism rechtlich als ein Hassverbrechen bezeichnet wird. Zu diesem Zweck sind die Parteien der Ansicht, dass die Exekutive von allen öffentlichen Amtsträgern verlangen sollte, sich zu einem anti-sectarian Gelöbnis zu verpflichten.“

Was ist mit den Kirchen? Falls die Kirchen sich nicht dazu verpflichten, den sectarianism zu beenden: Werden die Politiker Erfolg in ihrem neuen Engagement haben können? Es gibt sicherlich kaum dringlichere Herausforderungen als die Beendigung des irischen sectarianism mit solch tiefen Wurzeln auch in den Ausdrucksformen des konfessionellen Christentums. Dies erfordert eine grundlegende und fortdauernde Prüfung der Theologien, die das sectarianism untermauert und  die Arbeit der Versöhnung zwischen denen verhindert haben, die einen gemeinsamen Glauben an Jesus Christus bekennen, und  in der Folge auch innerhalb der  zunehmend säkularen pluralistischen Gesellschaft, die in Angst lebt vor einer Rückkehr zur Gewalt und vor einem kollektiven Versagen gegenüber der erhofften blühenden Zukunft. Wie Johnston McMaster in einem wichtigen Buch feststellt: „Wir brauchen eine kritische Analyse der schlechten Theologie, der protestantischen und katholischen, die es seit Jahrhunderten gibt, und die Dekonstruktion des Mythos einer befreienden Gewalt.“12

Entwaffnung von Denkweisen

Die nordirische Gesellschaft ist in Bezug auf Wohnen und Bildung stark separiert. Dabei stechen zwei getrennte und durch den sectarianism geformte Gemeinschaften heraus. Über 90% der Schüler in Nordirland werden in überwiegend separierten Umgebungen unterrichtet, und das Wachstum der integrierten Schulbildung scheint unter der Dezentralisierung zum Stillstand gekommen zu sein. Paramilitarismus ist schwierig einzudämmen, vor allem im Arbeiter-Milieu, wo paramilitärische Organisationen erhebliche Kontrolle über die lokalen Gemeinschaften ausüben, vor allem durch Gewalt und Einschüchterung sowie durch kriminelle Aktivitäten und durch illegale Drogen-Geschäfte.  Bösartige Szenen von Gewalt wiederholen sich, etwa bei der tragischen Erschießung der Journalistin Lyra McKee in Derry im April 2019. „Friedensmauern“ bleiben bestehen, um in Belfast die separierten städtischen Gemeinschaften auseinanderzuhalten.

Irische Christen haben schon seit Beginn der Gewalt in den 1960er-Jahren individuelle und kollektive Anstrengungen unternommen, um zu helfen, den sectarianism zu beenden und zur Versöhnung beizutragen. Ein wichtiges und kürzlich dokumentiertes Beispiel ist die bemerkenswerte Geschichte von Gerry Reynolds CSsR, einem Redemptoristen, der in Belfast ein starkes christliches Zeugnis für die essentielle Einheit der Christen und für das Überschreiten der Spaltung während der Unruhen gab.13 In jeder christlichen Kirche gibt es weitere Beispiele für heldenhafte Friedensstifter, die während der Jahrzehnte der Gewalt mutig und nachhaltig ihr Zeugnis für Christus ablegten. Seit den 1970er-Jahren haben sich die irischen Kirchen im „Irish Inter-Church Meeting“ getroffen, und die meisten nichtkatholischen Kirchen haben seit den 1920er-Jahren am irischen Kirchenrat teilgenommen. Beide dieser Instrumente der ökumenischen Zusammenarbeit werden jetzt von einem Büro und Mitarbeitern betreut.14 Die persönlichen Beziehungen unter den Kirchenoberhäuptern sind freundlich und sie treten zu einigen Anlässen geschlossen auf, etwa um außerparlamentarische Treffen der politischen Gegner zu ermöglichen oder um die politischen Parteien zur Wiederherstellung der Dezentralisierung zu ermutigen. Auf lokaler Ebene gibt es Beispiele für christliche Zusammenarbeit in Gesprächsforen, die die Beziehungen zwischen den Gemeinden verbessert haben, beispielsweise in Omagh nach den Bombenanschlägen von 1998. Von den Kirchen wird nun verlangt, dass sie selbst tun, was sie von den Politikern verlangen: nämlich eine historische und mutige Zusammenkunft zu unternehmen, um das Gift des sectarianism aus der nordirischen Gesellschaft herauszusaugen.

1996 stellte der „Report of the International Body on Decommissioning“ (Bericht des Internationalen Gremiums zur Entwaffnung), der sich mit dem Thema der illegalen Waffen befasst, zu Recht fest: „… was wirklich benötigt wird, ist die Entwaffnung von Denkweisen in Nordirland.“15 Es ist die Aufgabe, spalterische Denkweisen umzuwandeln. Diese Aufgabe muss weiterhin von den irischen Kirchen angegangen werden, und zwar gemeinsam, entschlossen, nachhaltig und engagiert. Es ist eine Aufgabe, der die Kirchen bislang aus dem Weg gegangen sind, trotz einiger vielversprechender Bemühungen in den 1980er- und 1990er-Jahren, als die Gewalt schlicht nicht ignoriert werden konnte.16 Während die dezentralisierten Institutionen und regionalen Parlamente gemäß dem Abkommen von Belfast 1998 gegründet wurden, konnte man beobachten, dass die institutionell organisierten Kirchen eher zu ihren traditionellen konfessionellen Rollen zurückkehrten, vielleicht in der Annahme, dass der unmittelbare Druck einer gemeinsamen fundamentalen theologischen Reflexion nachgelassen habe.17

Theologische Ressourcen zur Versöhnung

Aus einigen Aussagen der irischen Kirchenführer geht hervor, dass sie sich darüber im Klaren sind, was im irischen Kontext erforderlich ist. Am Sonntag, 8. Oktober 2017, sprach Erzbischof Eamon Martin, der Primas von Irland, in der anglikanischen St.-Patrick‘s-Kathedrale der Church of Ireland in Armagh über das „Versöhnen der Reformation“. Er betonte die Bedeutung der Versöhnung zwischen den christlichen Kirchen und stellte fest, dass Menschen, die die Kirche von außen betrachten, „insbesondere auf dieser Insel eine Geschichte der Spaltung, der Intoleranz, der gegenseitigen Beschuldigungen und der offenen Feindseligkeit innerhalb der christlichen Familie sehen“. Dies sei „eine Quelle der Schande“, und er argumentierte, dass wir „vom Konflikt zur größeren Gemeinschaft übergehen müssen, um die Freude des Evangeliums in unsere unruhige Welt zu bringen“. Viele Kirchenführer in Irland würden dem zustimmen, aber sie scheinen nicht bereit zu sein, die notwendige Führung zu übernehmen, um eine „größere Gemeinschaft“ zu erreichen, wahrscheinlich zum großen Teil, weil sie ihre Gläubigen nicht auf dieses ökumenische Unterfangen vorbereitet haben.

Ich glaube, in der Führung der irischen Kirchen geht die Angst vor den Auswirkungen dessen um, was die weltweiten christlichen Kirchen in ihren vielen ökumenischen Dialogen in Bezug auf  die von der Reformation geprägten Kerninhalte und Lehren längst vereinbart haben, etwa in Bezug auf die Rechtfertigungslehre. Die römisch-katholische Kirche, der Lutherische Weltbund, die anglikanischen, methodistischen und reformierten Weltorgane haben jeweils die 1999 verabschiedete „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ gebilligt: Die Kirchen teilen nun „ein gemeinsames Verständnis unserer Rechtfertigung durch Gottes Gnade durch den Glauben an Christus.“ Diese Beendigung eines 500 Jahre alten Lehrkonflikts ist im irischen Kontext ignoriert worden: Sie muss dringend in vollem Umfang von jeder irischen Kirche angenommen werden. Dies würde eine sichere Grundlage für die gemeinsame Entwicklung einer neuen öffentlichen ökumenischen Theologie bieten. Eine historische Versöhnung könnte die Kirchen in die Lage versetzen, den noch tief verankerte sectarianism zu bekämpfen, den die Kirchen in der Vergangenheit selbst durch ihre Spaltungen und Kämpfe um die Vorherrschaft in der irischen und nordirischen Gesellschaft gefördert haben.

Einige Theologen haben wichtige Beiträge geleistet, die von den irischen Kirchen übernommen werden könnten, um zu erproben, wie ihr Versöhnungsdienst am besten gefördert wird. Zum Beispiel ist die Arbeit von Miroslav Volf in dieser Hinsicht bedeutend: Seine Bücher „Exclusion and Embrace A Theological Exploration of Identity, Otherness and Reconciliation“ (1996) und „The End of Memory: Remembering Rightly in a Violent World“ (2006) sind meines Erachtens Schlüsselinstrumente für die Entwicklung einer wirksamen Theologie der transformativen und versöhnenden Jüngerschaft im irischen Kontext. Ein zentrales Thema in Nordirland ist, wie das Erbe unserer gewalttätigen Vergangenheit angegangen werden kann, insbesondere in dieser irischen „Dekade der Hundertjahrfeier“, wenn so viele Ereignisse der Gründungsphase von 1912 bis 1922 in Erinnerung gerufen werden, ebenso wie natürlich das Trauma der Gewalt und die jüngsten Auseinandersetzungen, die dabei stets im Vordergrund stehen. Volfs Konzept des embrace („Umarmung“) zeichnet sich dadurch aus, dass es großzügig gegenüber Tätern böser Handlungen ist und durchlässige Grenzen sowie flexible Identitäten als einen Modus der Gnade beibehält. Eine solche „Umarmung“ steht nicht im Widerspruch zur Gerechtigkeit, einer Dimension der Gnade, die auf Übeltäter ausgedehnt wird. Die Aufrechterhaltung „durchlässiger Grenzen“ ermöglicht es uns, Reisen mit dem Anderen zu unternehmen, um Versöhnung und gegenseitige Bereicherung zu erlangen und das Bild Gottes im „Anderen“ zu erkennen.

Volfs Theologie betont Gottes bedingungslose Liebe, die Rechtfertigung des Gottlosen, die Feindesliebe und die Vergebung: Das ist es, was wir als Christen nachhaltig in die Gesellschaft einbringen und vorleben sollten. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, mit  Hannah Arendt festzuhalten: „Was das Verzeihen innerhalb des Bereiches menschlicher Angelegenheiten vermag, hat wohl Jesus von Nazareth zuerst gesehen und entdeckt.“18 Darüber hinaus  unterstreicht Volf, die Wahrheit zu sagen, wenn wir die Vergangenheit auf richtige und ehrliche Weise zu erinnern versuchen. Er erklärt, dass das eigentliche Ziel der Erinnerung die Versöhnung sein sollte: Wenn man sich richtig erinnert, führt dies letztlich zu einer positiven Form der Nichterinnerung des Fehlverhaltens: Wenn man die Gnade und Liebe Gottes anbietet, können zerbrochene Beziehungen geheilt werden, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass den früheren Fehlern der emotionale Treibstoff fehlt, um weiterhin toxische Beziehungen zu entfachen. Mir scheint, dass Volf den Christen tatsächlich die Schlüsselfrage stellt: Was für ein Selbst müssen wir sein, um in Harmonie mit anderen zu leben? 

Wenn die irischen Kirchen gemeinsam die harte Arbeit einer neuen theologischen Reflexion leisten, sind sie meines Erachtens am besten gerüstet, Christen auszubilden, die in der Lage sind, sich gerechte, wahrheitsgemäße und blühende Gesellschaften vorzustellen und zu erschaffen. Dies erfordert einen Bund zwischen den Kirchen, die bereit sind, ihr Volk in eine neue und versöhnte Zukunft zu führen. Aus einem solchen Bund müssen erhebliche Investitionen für eine angemessene öffentliche und ökumenische Theologie folgen: als Grundlage für das, was man lebendige Versöhnung nennen könnte.19 Dies wird sich aus der Art von Christsein ergeben, die auf lokaler Ebene nur dann umfassend gefördert werden kann, wenn es auch auf institutioneller Ebene in den Kirchen eine neue und radikale Theologie der Versöhnung und außerdem die Verpflichtung gibt, eine solche Theologie anstelle einer derzeit defensiven und angsterfüllten Haltung zu predigen und zu praktizieren. 

Bischof Richard Hanson erklärte 1973: „Alle großen Konfessionen in Nordirland: Katholiken, Presbyterianer, die Church of Ireland und Methodisten … sind gefangene Kirchen. Sie haben vor langer Zeit ihre Integrität sowie ihre geistige und intellektuelle Unabhängigkeit an politische Ideologien verkauft, als Gegenleistung für die massive Unterstützung der Menschen in Nordirland.“20 Diese „Gefangenschaft“ fordert die Kirchen nach wie vor heraus, sich mit den in ihnen verankerten giftigen Ideologien auseinanderzusetzen. Ihre Zukunft als treue Zeugen des Evangeliums hängt jedoch davon ab, dass sie den kostspieligen Weg des „Dienstes der Versöhnung“ einschlagen.

Jenseits des sectarianism

Die irischen Kirchen müssen das gesamte Volk Gottes so in Freiheit setzen, dass es zum Agenten der Versöhnung wird, und zugleich die Christen so ausrüsten, dass sie in erster Linie den sectarianism herausfordern. Was dazu beitragen könnte, wurde in einem Buch, das nach sechs Jahren intensiver Forschung von Joseph Liechty und Cecilia Clegg im Jahr 2001 veröffentlicht wurde, gut analysiert.21 Diese wichtige Studie wurde von den institutionellen Kirchen weitgehend ignoriert, bleibt jedoch eine wichtige Ressource für die Kirchen in den 2020er-Jahren, wenn sie bereit sind, sich mit dem sectarianism zu befassen. Liechty und Clegg beschreiben die Art, die Tiefe und das Ausmaß des sectarianism in Nordirland und zeigen auf, was es bedeuten würde, darüber hinauszugehen. 

Erstens erfordert es eine ausformulierte Vision einer versöhnten, transformierten und erlösten Gesellschaft in Nordirland, denn „wenn sie von einer Vision ergriffen werden‚ sind die Veränderungen, zu denen Menschen in der Lage sind, erstaunlich“. Sectarianism ist ein spirituelles Problem, und wir müssen das wegweisende Modell einer Ökumene in Irland entwickeln: Michael Hurley SJ spricht von einer „Spiritualität der Versöhnung“: „Eine solche Spiritualität der Versöhnung erkennt die Heiligkeit des anderen, den Primat der Liebe und die Existenz Gottes an, der in Christus als derjenige offenbart ist, der vergibt, ohne wegzusehen, und dessen Vergebung unsere Umkehr inspiriert. Sein Beispiel bewegt uns, selbst zu Gesandten der Versöhnung zu werden, denen zu vergeben, die uns verletzen, und Wiedergutmachung bei denen zu erbitten, die wir unsererseits verletzen.“22

Paulus fordert die Christen auf, „durch die Erneuerung ihres Geistes verwandelt zu werden“ (Röm 12,2). Daher müssen zweitens die Menschen in Nordirland ihre mentalen Gewohnheiten ändern, die seit Jahrhunderten von spalterischen Einstellungen geprägt sind. Wie Liechty und Clegg beobachten, nimmt der sectarianism die Form destruktiver Beziehungsmuster  an: Muster wie Beschuldigen, Trennen, Übersehen, Herabsetzen, Entmenschlichen, Dämonisieren, Dominieren und Angreifen sind in Nordirland endemisch. Das politische Zusammenleben zwischen den beiden dauerhaft getrennten und religiös geteilten Gemeinschaften kann nicht erfolgreich sein: Es hat bereits drei Jahre lang (bis 2020) zum Zusammenbruch der dezentral organisierten regionalen Politik geführt.

„Die fortlaufende Transformation von Beziehungen in einem Spektrum von bloßer Höflichkeit bis hin zu einem vollen Leben in Koinonia (Gemeinschaft) wird ein wesentliches Merkmal einer Gesellschaft sein, die jenseits des sectarianism lebt … Ein Ort jenseits des sectarianism wird also ein Ort sein, an dem Schuldverhältnisse proaktiv und ohne Anreiz oder Zwang der Übernahme von Verantwortung und Reue weichen; Trennung weicht Engagement und Vergebung; Andere zu übersehen weicht der Selbst-Zurücknahme und der Inklusivität; Herabsetzen, Entmenschlichen und Dämonisieren weicht einer gegenseitigen Anerkennung und gegenseitigem Respekt; Dominieren weicht gegenseitiger Abhängigkeit, und Angriff weicht dem friedlichen Zusammenleben“.23

Die Kirchen mit ihrer Reichweite in alle lokalen Bereiche sowie ihrem Einfluss auf Bildung und Zivilgesellschaft sind am besten in der Lage, diese positive Beziehungsdynamik zu entwickeln, wenn sie sich zu ihrer richtigen Versöhnungsmission bekennen: Liechty und Clegg erklären, dass dies „eine Kernstrategie der Friedenskonsolidierung ist, was in Nordirland einer der am meisten benötigten und markantesten Beiträge ist, den Kirchen und Glaubensgemeinschaften leisten können. Es ist auch eine Mission, für die sie eine reiche Vielfalt an biblischen, theologischen und praktischen Ressourcen besitzen.“24 Mein Vorschlag besteht darin, dass die Kirchen diese Ressourcen jetzt in Zeiten relativen Friedens mobilisieren, also sozusagen das Dach reparieren, während die Sonne scheint, und nicht erst auf heftige Stürme warten, die ja eine unheilvolle Möglichkeit bleiben: Es wäre dann tragischerweise zu spät, den Verlust von Leben und weitere Traumata in einer bereits traumatisierten Gesellschaft zu verhindern.25

Wie Liechty und Clegg hervorheben, besteht ein erster Schritt für die Kirchen bei der Vorbereitung ihres Beitrags zur positiven Beziehungsdynamik darin, „daran zu arbeiten, Beziehungen intern und zwischen sich selbst zu transformieren“. Dies wird meiner Ansicht nach die Aufgabe miteinschließen, die Ängste vor der Ökumene offen anzugehen, die besonders stark in der protestantischen Gemeinde verbreitet sind und die der inzwischen verstorbene Ian Paisley während seiner langen und unheilvollen Karriere aufgepeitscht hat.26 Diese Ängste dürfen christliche Kirchen nicht daran hindern, die biblischen Gebote zu erfüllen, indem sie in ihrem Versöhnungsdienst prophetisch die Grenzen überwinden.

Die irischen Kirchen sind nicht allein damit, sich mit dem sectarianism und einem inneren Konflikt mit religiösen Wurzeln auseinandersetzen zu müssen. Leider gibt es zu viele weitere Beispiele auf der Welt, in denen dies der Fall ist. Wenn die irischen Kirchen aktiv versuchen, eine kollektiv vereinbarte, öffentliche und ökumenische Versöhnungstheologie zu schaffen, werden sie ein wichtiges Vorbild für andere gespaltene Gesellschaften sein. Natürlich gibt es im Hinblick auf die Versöhnung viele wichtige Dimensionen: historische, kulturelle, politische, sozioökonomische und religiöse, und jede muss angesprochen werden. Die religiöse Dimension ist jedoch von grundlegender Bedeutung für die konfliktbeladenen Mentalitäten im irischen Kontext, und diese wurden seit Jahrhunderten geprägt durch den Prozess der Konfessionalisierung in eine katholische und in eine protestantische Mentalität. Dies führte zu der „britischen“ oder „irischen“ politischen Identität in Nordirland. Diese lähmenden Mentalitäten ermahnen die Kirchen, sich mit den giftigen Theologien zu befassen, die zu Hass und Gewalt geführt haben, und sie im Lichte des Evangeliums der Versöhnung, der Liebe und des menschlichen Gedeihens, wie es von Jesus Christus gelehrt wird, zu kritisieren.

Fazit

Die Herausforderung, vor der die irischen Kirchen jetzt bei ihrer Versöhnungsmission stehen, wird nur über einen langen Zeitraum hinweg bewältigt: Sie wird kostspielig und in ihrem traditionelleren Umfeld oft nicht beliebt sein. Die Kirchen müssen ihre Kräfte bündeln, um eine christliche Vision einer versöhnten Gemeinschaft zu artikulieren, sie müssen sich darin üben, spalterische Dynamiken zu benennen und aufzudecken, sie müssen Risiken in Situationen inter-kommunaler Konflikte eingehen, indem sie über Traditionen hinweg arbeiten, und sie müssen Führung demonstrieren, um ihre Gläubigen in eine gemeinsame versöhnte Zukunft zu geleiten. Liechty und Clegg schließen daraus: „Der sectarianism kann nicht weggewünscht werden und wird auch nicht von selbst verschwinden. Wenn Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Menschen in der Gesellschaft im Allgemeinen nichts tun, bedeutet dies, weiterhin mit dem spalterischen System zusammenzuarbeiten.“27

George Morrison (1925-2016), ehemals Präsident der methodistischen Kirche Irlands, sagte 1989: „Würden wir versagen zu versöhnen, verleugneten wir unsere christliche Nachfolge“. Er schieb auch folgende Zeilen:

 

 

Während andere in Ulster Krieg führen,

Lasst Christen sich vereinen, um Liebe sichtbar zu machen.

Während andere Hass und Verzweiflung verbreiten,

Lasst uns Vertrauen schaffen und Hoffnung wecken.

Während andere zerbrechen und zerstören,

Lasst uns zusammenarbeiten, um zu erbauen das

Königreich von

Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und

Versöhnung.

Im Namen des verwundeten Heilers,

Lasst uns alle uns

der höchsten Berufung der Welt widmen,

aktiv mitzuwirken am Gottesdienst der

Versöhnung. 

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