Vom EntscheidenNotizen über die 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin

Viele der Heldinnen und Protagonisten zeitgenössischer Filme haben schwerwiegende existentielle Entscheidungen zu treffen. Melanie Pollmeier sieht Bezüge zu den religiösen Erfahrungen der Personen im Alten Testament. Die Autorin ist Pfarrerin und Religionslehrerin bei Bern in der Schweiz. Sie war Mitglied der Ökumenischen Jury auf der diesjährigen Berlinale.

Es ist Sonntag. Ruhetag. Berliner Stille mit nachklingendem Grundrauschen der vergangenen Nacht: Berlinale-Abschluss-Party. Nachklang eines gelungenen Festivals der bewegenden Bilder, des einbrechenden Lichts. Gleissendes Strahlen in dunklen Zeiten – nicht nur in Kinosälen: Vor wenigen Tagen die rechtsextremistischen Morde in Hanau. An der türkisch-griechischen Grenze Hunderttausende von Flüchtlingen, die nicht vor und nicht zurückkommen. Sich feindlich gegenüberstehende, durch die Türkei und Russland ausgerüstete Kämpfer im Rebellengebiet um die Stadt Idlib. Das Coronavirus auf dem Vormarsch. Dunkle Zeiten, die die Feierlaune der Berlinale kaum eintrüben. Doch Manchem gingen die Scheinwerfer und Blitzlichtgewitter rund um den Berlinale-Palast vielleicht, so wie mir, auf die Nerven. Der trotzige Versuch, das Elend der Welt zu überblenden: teilweise erfolgreich, teilweise auch im Widerspruch zu den schwierigen, existenziellen Fragen, die in vielen der 340 Filmen thematisiert wurden. Immerhin eine Schweigeminute für die Todesopfer in Hanau gab es, beim Ökumenischen Empfang im Haus der EKD sogar ein Gebet.

Es ist Sonntag und ich sitze im Gottesdienst. 18 Uhr, St. Matthäus. Kulturkirche am Potsdamer Platz. Angekündigt ist eine Predigt durch den Filmbeauftragten der „Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz“ (EKBO). Darauf freue ich mich, passend zum Anlass.

Doch vorher hören wir die alttestamentliche Lesung des Sonntags. Es geht um Eva im Garten Eden, ihr Gespräch mit der Schlange, ihre Entscheidung, vom Baum der Erkenntnis zu essen und auch Adam von seinen Früchten zu geben, die sie für gut erachtet. Es geht um ihren Wunsch, endlich zu erkennen, in welchem Gesamtzusammenhang sie lebt, in welchem Schöpfungshorizont. Dabei begreift sie zwar auch, dass sie nackt ist, dass sie schön ist so wie Adam, dass sie ihrem Begehren schutzlos ausgeliefert ist, aber auch selbst verantwortlich für sich und ihre Umwelt.

Es ist Sonntag und wir hören von einer Frau, die eine Entscheidung trifft. Im biblischen Kontext ist dies die erste Entscheidung der Menschheit. Eine Entscheidung, die einen Rattenschwanz an Auswirkungen nach sich zieht. Angelegt war die Möglichkeit der Entscheidung bereits von Anfang an. Gott hatte Adam und Eva in den Garten gesetzt als aufeinander bezogene und angewiesene Menschen. Er selbst hatte ihren Handlungsspielraum liebevoll umgrenzt. Die Früchte der beiden Bäume in der Mitte des Gartens waren zwar greifbar, aber verboten – bis Eva beginnt, selber zu denken. Sie entscheidet sich zum Genuss der Früchte des Baums der Erkenntnis und nimmt später mit offenen Augen die Strafsprüche Gottes entgegen: unter Schmerzen wirst du Kinder gebären. Mit Mühe wirst du den Boden bestellen, von dem du dich ernähren wirst. Verloren war das sorglose Dasein im Paradies – gewonnen das richtige Leben: Leben, das wahre Lust empfinden wird. Leben, das sich vermehren wird. Leben, das Leben gebären wird. Und Leben, das von nun an der Gefahr des Todes ausgeliefert ist.

Viel Später, lange nach dem Verlassen des Gartens, wird Eva klar werden, dass sie erst durch das Gewahrwerden ihrer Sterblichkeit zur Gestalterin ihres Lebens geworden ist, indem sie Antworten auf die Frage sucht: Wie wollen wir gelebt haben? All das nimmt in dieser ersten Entscheidung seinen Anfang.

Paradiesischer Komfort oder wirkliches Leben?

Es ist Sonntag und wir hören von einer Frau, die eine Entscheidung trifft. Ihre Geschichte erklingt in der gleichen Wellenlänge wie das nachklingende Grundrauschen des zurückliegenden Festivals. In ihrer Geschichte klingen all die Entscheidungsgeschichten der Berlinale mit. Denn auch in den Filmen der diesjährigen 70. Ausgabe des Festivals wurden Geschichten von Männern und Frauen erzählt, die Entscheidungen treffen: Entscheidungen, die einen Rattenschwanz an Auswirkungen nach sich ziehen, die teilweise schwer auszuhalten sind, aber notwendig, um wirkliches Leben zu spüren, jenseits der liebevollen Umgrenzung der paradiesischen Komfortzone oder der kleinmütigen Unterordnung unter gegebene Ge- und Verbote.

In fiktiven Erzählungen und dokumentarischen Filmen hat die Berlinale Menschen abgebildet, die in Konfliktsituationen zu wahren Gestalterinnen und Gestaltern ihres Lebens wurden. Oftmals begegneten dem Publikum starke Frauen wie Eva und weniger starke Männer wie Adam, der sich als kompletter Mitläufer darstellt. Hier und da gab es aber auch echte männliche Helden zu sehen.

Einen dieser Helden hat die Ökumenische Jury dann auch ausgezeichnet: den Vater („Otac“), der trotz extremen Drucks in liebevoller, Menschen und Tieren zugewandter Weise an seiner Aufgabe als Vater festhält. Wegen der finanziell prekären Familiensituation und einer daraus resultierenden, verzweifelten Kurzschlusshandlung seiner Frau, war ihm das Sorgerecht für die Kinder kurzfristig entzogen worden Er beschließt, 300 Kilometer zu Fuß zurückzulegen – aus der Provinz Serbiens in die Hauptstadt Belgrad –, um seine Kinder wieder zu bekommen. Der Film zeigt das noch in sozialistischer Willkür verhaftete kommunale System und korrupte Strukturen. Dennoch gelingt es dem Vater, zurückhaltend und gewaltfrei mit der immensen Anspannung umzugehen. Der Film erzählt von der täglichen Entscheidung dieses Mannes, gegen alle Anfechtung und gegen alle Aussichtslosigkeit seines Unterfangens durchzuhalten. Er verkörpert ein Männerbild, das zärtlich und zugewandt bleibt, bescheiden und ohne Aggression, obwohl er emotional und körperlich angegriffen wird. Zuletzt sammelt er ohne ein böses Wort, ohne auch nur einen Vorwurf zu machen, nach und nach die Stühle, Tische, den Fernseher und die Wanduhr wieder ein, die die Nachbarn während seines Martyriums aus seinem Haus geklaut hatten. Still hängt er sie zurück an ihren Platz in der unbeirrbaren Hoffnung, dass alles sich bald zum Guten wenden wird.

Eine Entscheidung trifft auch ein kleines Mädchen („Petite Fille“), welches als Junge geboren wurde. Auf die Frage, was sie einmal werden wolle, wenn sie groß sei, antwortete sie bereits im Alter von zwei Jahren: ein Mädchen. Der ganze Film handelt von Entscheidungen, die – angefangen bei der kleinen Sasha – alle zu ihr gehörenden Menschen treffen müssen: ihre Eltern, ihre Geschwister, ihre Freundinnen und Freunde in der Schule, die Schulleitung, die Ballettlehrerin. Sie alle entscheiden, teilweise widerwillig und nur auf Nachdruck der Eltern, der kleinen Sasha gute Vorbilder zu sein, damit sie zu der werden kann, die sie ist.

Im Gewinnerfilm des Goldenen Bären und des Hauptpreises der Ökumenischen Jury („Es gibt kein Böses“) geht es um die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen in einem totalitären System. Der Film portraitiert vier Männer, die entscheiden müssen, ob sie Mittäter bei praktizierten Todesstrafen werden. Im Iran fällt diese Aufgabe unter anderem jungen Männern zu, die ihren Militärdienst ableisten. Es geht im Grunde darum, das Richtige zu tun, was einfach klingt, aber bei genauem Hinsehen Auswirkungen auf alle anderen Lebensbereiche hat. Der Mut der Protagonisten ist bewundernswert und die gefühlte Ausweglosigkeit im politischen System beelendend. Der Film stellt das Publikum vor die Frage, wie es selbst entscheiden würde: ob es eher sein eigenes, komfortabel eingerichtetes, sicher umgrenztes Leben oder seine eigene Integrität gefährden würde. Eine Frage, die wir uns jeden Tag stellen müssen, nicht nur im Hinblick auf das Thema Todesstrafe.

Im Dokumentarfilm „Saudi Runaway“ wird die schwierige Entscheidung einer jungen Frau filmisch begleitet, die aus ihrer Heimat und vor ihrer eigenen Familie weglaufen muss. Wie jährlich weitere 1000 junge Frauen will Muna dem Gefängnis ihres Lebens als Frau in Saudi-Arabien entkommen. Sie lebt in saturierten Verhältnissen, darf aber nicht alleine das Haus verlassen, sondern nur in Begleitung eines männlichen Verwandten und von oben bis unten verschleiert. Sie darf nur mit Einwilligung ihres zukünftigen Ehemanns den Führerschein machen oder ihren Pass verlängern. Zudem muss sie die Gewaltexzesse ihres Vaters ertragen, der vor allem ihren kleinen Bruder regelmäßig grün und blau schlägt. Obwohl sie fürchtet, dass ihre Mutter und ihre Geschwister ihre Flucht werden büßen müssen, trifft sie die Entscheidung wegzulaufen. Unterstützt durch eine Hilfsorganisation, über die auch der Kontakt zur Schweizer Filmemacherin Susanne Regina Meures hergestellt wird, gelingt ihr in den Flitterwochen in Abu Dhabi die Flucht, die sie selbst mit ihrer eigenen Handykamera filmt.

Ganz ähnlich verhält es sich mit den lesbischen, schwulen, bi-sexuellen, transsexuellen, queeren und intersexuellen (LSBTQI*) Menschen, die unter der systematischen Verfolgung durch das tschetschenische Regime leiden. Sie fürchten um ihr Leben aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Auch für sie ist die Flucht mithilfe von Aktivistinnen und Aktivisten, die sich dem politischen Klima entgegenstellen, ein emotionaler Kraftakt. Niemand von den durch die dokumentarische Kamera („Welcome to Chechnya“) begleiteten jungen Menschen will seine Heimat oder seine Familie verlassen. Doch zu Hause droht ihnen der Tod auf offener Straße. Die Entscheidung, sich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hilfsorganisation anzuvertrauen, braucht ungeheuren Mut und die Hoffnung, dass da noch mehr kommt als die Unterdrückung, in der sie in Tschetschenien leben.

Besonders bewegt hat mich die Geschichte der 17-jährigen Autumn („Never  Rarely Sometimes Always“), die angesichts einer ungewollten Schwangerschaft und mangelnder Unterstützung durch ihr Umfeld aus dem ländlichen Pennsylvania nach New York City aufbricht, um sich Hilfe zu holen. Begleitet von ihrer Cousine Skylar setzt sie sich in den Bus in die große Stadt. Autumn entflieht einer in mehrfacher Hinsicht bedrückenden Situation: von ihrer Mutter weitgehend ignoriert, von ihrem Vater klein gemacht, vom Kindsvater öffentlich sexuell belästigt, stößt ihre Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit auf taube Ohren. In der örtlichen gynäkologischen Praxis wird ihr vor allem Druck gemacht, sollte sie einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen. In New York kommen neue Probleme hinzu. Ohne einen Penny in der Tasche müssen die zwei jungen Frauen irgendwo draußen übernachten. Ihr Argwohn der gesamten Männerwelt gegenüber lässt sie selbst bei dem bestgemeinten Hilfsangebot zurückschrecken. Sorgfältig begleitet von einer Sozialarbeiterin schafft Autumn es dann, sich zu entscheiden. Nicht eigentlich gegen die Schwangerschaft, aber für die Wiederherstellung des Zustands vor dem sexuellen Übergriff, den sie erlitten hat und mit dessen Folgen sie nun komplett alleine fertigwerden muss. Obwohl Autumns Mine weitgehend unbewegt ist während der drei Tage, die die Kamera sie begleitet, merkt man ihr an, wie schwer ihr die Entscheidung fällt. Der Blick in ihr Gesicht lässt einem das Herz schwer werden. Sie trägt die Last der ganzen Welt mit sich in ihrem Unterleib. Und man freut sich mit ihr, als sie am Tag nach dem Eingriff das erste Mal wieder lachen kann, so wie eine 17-Jährige es sollte.

Keine Zukunft im Garten Eden

Es ist Sonntag und ich sitze im Gottesdienst. Die Predigt des filmbeauftragen Pfarrers der EKBO rauscht an mir vorbei, weil die alttestamentliche Lesung meine ganze Aufmerksamkeit fordert: die Geschichte einer Frau, die eine Entscheidung trifft. Es ist eine Urgeschichte, vielleicht die Urgeschichte, vielfach interpretiert und weitererzählt: der Garten Eden als Paradies und Ort des Friedens, Eva als Verräterin und Verführerin. Doch wer genau liest, der begreift, dass das Leben im Garten zwar ungefährdet war, aber auch ohne Zukunft, ohne Sexualität, ohne Geburt, freilich auch ohne Tod. Erst mit dem „Sündenfall“ erkennen sich die Geschlechter, fangen an sich zu begehren und zu lieben, fangen an, sich vor Gott zu schämen und werden ins Leben außerhalb des Paradiesgartens verbannt. Doch das Land jenseits des Gartens ist nicht nur der Ort der Mühen und des Todes, wie wir wissen, sondern auch der Ort wahren Lebens. Wir sind geworden wie Gott, haben die Fähigkeit erhalten, Leben hervorzubringen, die Schöpfung weiterzutragen oder uns dagegen zu entscheiden. Der Preis ist, dass wir sterblich geworden sind und dazu verdammt, selbstbestimmt zu leben und die schmerzhaften Seiten des Lebens auszuhalten.

Es ist Sonntag und wir hören von einer Frau, die eine Entscheidung trifft. In ihrer Geschichte klingen all die Entscheidungsgeschichten der Berlinale mit. Neben den angerissenen Filmen könnten noch viele andere genannt werden, die ebenfalls mitklingen: „Pari“, „Minyan“, „Håp“, „Berlin Alexanderplatz“, „First Cow“, „Volevo Nascondermi“… Alles Entscheidungsgeschichten, die der einen Ur-Entscheidung Evas folgen, der Entscheidung für ein selbstverantwortetes Leben, in dem es Geburt und Tod, Kummer und Verzweiflung, aber auch wahre Freude und echte Freiheit gibt.

In der Stille des Sonntags verklingt das Grundrauschen des vergangenen Festivals. Die Entscheidungen, die dem Publikum vor Augen geführt wurden, werden noch lange nachwirken. Die bewegenden Bilder der realen oder fiktiven Protagonistinnen und Protagonisten haben uns eindrücklich gezeigt, dass es darum geht, das Richtige zu tun. Zum Beispiel endlich den rechtsnationalen Terror als im Untergrund europaweit vernetzte Gefahr zu erkennen, und nicht immer von Einzeltätern zu sprechen. Oder an den fest in die DNA Europas eingeschriebenen Werten wie Solidarität und Barmherzigkeit festzuhalten und helfend statt abwehrend in die Flüchtlingskrise an der griechisch-türkischen Grenze einzuwirken sowie den Kommunen und Städten in Deutschland, die sich im Bündnis „Städte Sicherer Hafen“ bereit erklären, Flüchtlinge aufzunehmen, die Möglichkeit zu geben, zu helfen. Verantwortlich Leben zu gestalten tut manchmal weh und fordert uns immer heraus. Persönlich und als Gesellschaft. Eva hat es uns vorgemacht. 

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