Rezensionen: Philosophie & Ethik

Hastedt, Heiner: Macht der Korruption. Eine philosophische Spurensuche. Hamburg: Meiner 2020. 143 S. Kt. 16,90.

Über Macht und deren Missbrauch wird derzeit innerhalb wie außerhalb der Kirche viel geredet, über die nahe angesiedelte Korruption jedoch kaum. Heiner Hastedt, Philosoph in Rostock, füllt mit seinem schmalen, auch für Nichtfachleute verständlichen, gut lesbaren und sehr anregenden Buch eine Lücke.

Korruption ist „Missbrauch von Macht zum partikularen Vorteil“ (31). In dieser Definition kann der „Vorteil“ nicht nur ein privater sein, sondern auch ein kollektiver oder öffentlicher, und er ist nicht nur materieller Nutzen, sondern er betrifft auch Beziehungen. Im weiteren Sinn des Begriffs sind auch Netzwerke oft korrupt, weil sie ihren Mitgliedern Vorteile verschaffen. Ist US-Präsident Abraham Lincoln, der 1865 nach dramatischen Auseinandersetzungen die Sklaverei nur abschaffen konnte, indem er sich im Repräsentantenhaus Stimmen kaufte, korrupt? Nach Hastedt ist auch korrupt, wer gute Zwecke mit unmoralischen Mitteln durchsetzt, aber das Beispiel zeigt, dass Korruption differenziert zu bewerten ist. Korrupt sind nicht nur aufgedeckte Spitzenfälle, die strafrechtlich relevant sind und in den Medien und in der Politik Skandal machen. Hastedt weitet den Begriff aus: Jede Familie, in der man sich gegenseitig unter die Arme greift, betreibt „Nepotismus“ und ist damit korrupt; in jeder Partei gibt es eine „Mikropolitik“, die man als korrupt bezeichnen muss… Andererseits spricht er von mildernden Umständen: Schon Adam und Eva ließen sich korrumpieren, und wo es unter Menschen Macht gibt, wird immer Korruption sein – ein gewisses, begrenztes Maß gehört zum Leben und ist wohl auch notwendig.

Aber es gilt auch: Korruption lässt schlechter wirtschaften, sie erhöht die Ungleichheit, und sie lässt eine Gesellschaft oder eine Nation in der Armut verharren. Was hilft gegen Korruption? Hastedt nennt drei Momente: Moralität fällt prinzipienorientierte Urteile, empört sich öffentlich und schießt dabei oft über das Ziel hinaus – bleibt aber in den Grauzonen der Korruption stecken, kann meist wenig verändern. Rechtsstaatlichkeit mit passender Gewaltenteilung hilft im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich sehr viel gegen Korruption – bleibt aber auf der justiziablen Ebene und funktioniert auch nur, wenn es gute Gesetze und gute Richter gibt. Sittlichkeit (im hegelschen Sinn) meint genau die gute Richterin, das zivilgesellschaftliches Engagement, die Orientierung an graduell steigerbaren Fähigkeiten. In dem Dreischritt werden Moralität und Rechtsstattlichkeit letztlich in Sittlichkeit aufgehoben. Hastedt meint auch, dass Monopole – auch sozialistische Staatsmonopole – grundsätzlich die Korruption steigern, während gesunder Wettbewerb, der staatlich reguliert und gefördert wird, ebenso wie Pluralität an Ideen und Formen sie verringern. Menschlicher Egoismus muss durch klug gesetzte Anreize einbezogen werden: „Wenn auf Regeln basierende Kooperation auf die Dauer erfolgreicher ist als lediglich kurzfristig erfolgreiche Missbräuche, dann kann es auch ganz egoistisch nützen, nicht korrupt zu sein“ (99). – Man kann viel lernen, auch, aber nicht nur in der Kirche. 

                Stefan Kiechle SJ

 

Böhmer, Otto A.: Brüder im Geiste – Heidegger trifft Hölderlin. Freiburg: Karl Alber 2019. 144 S. Gb. 19,–.

„Vor lauter Lauschen und Staunen sei still, du mein tieftiefes Leben.“ – Mit diesen Worten hat Rainer Maria Rilke den auf die Ewigkeit verweisenden Auftrag des Dichters, zum Empfänger des Seins zu werden, zum Ausdruck gebracht. Als vermutlich einzig würdiger Nachfolger Friedrich Hölderlins war auch er in der Lage, zu hören und Kunde zu geben vom „Göttlichen, Ewigen, Einen“ (Böhmer). Der „Weltinnenraum“ (Rilke) war beiden Dichtern Resonanzraum und Schauplatz des unendlichen Empfangs zugleich.

Die dichterische Filiation der Poeten jedoch nur am Rande erwähnend hat der Autor und Journalist Otto A. Böhmer mit viel Tiefe und Einfühlungsvermögen die geistige Bruderschaft Friedrich Hölderlins und Martin Heideggers zum Thema seiner Erzählung gemacht. Beide, der Dichter und der Philosoph, wollten zum Sein vordringen – der eine dichtend, der andere denkend und dankend.

In einer gekonnt geschriebenen, fesselnden und sich wie von selbst lesenden Komposition aus biografischen Passagen, Originalzitaten, hinreißenden Naturbeschreibungen und vor allem erstaunlichen inneren Monologen der Hauptpersonen lässt Böhmer den Leser tief in die Gefühls- und Lebenswelt Hölderlins und Heideggers eintauchen. Wie er die kindliche Sanftheit und Zerrissenheit Hölderlins, sein Leben „zwischen Tag und Traum“ (Rilke) auch in Zeiten geistiger Umnachtung in Worte fasst, ist beeindruckend – fast scheint es, als wäre Böhmer Zeuge des Geschehens gewesen. Mit den dürren und seelenlosen Worten heutiger Diagnosemanuale, in denen sogenannte psychische Pathologien beschrieben werden, hat dieses tiefe Wissen um das Menschliche und um die Nachtseiten des Lebens rein gar nichts zu tun.

Während für Hölderlin die Dichte der Kindheit als bleibende Grundschicht der Existenz den Zugang zum Lebendigen, Heiligen und Erhabenen ermöglicht, sind für Heidegger die Landschaft des Schwarzwalds und der Zuspruch des Feldwegs die Pforten ins Offene. Für den „großen Meister des Staunens“ (G. Steiner) ist es die unerschöpfliche Kraft des Einfachen, die das Unsagbare anklingen lässt, das auch im abendlichen Schweigen der Bauern zu vernehmen ist. Doch auch für Heidegger fällt alles Vollendete „heim zum Uralten“ (Rilke), denn glaubt man seinem Bruder Fritz, so kann Heideggers Philosophie nur verstehen, wer ihn als Messdiener in der Kirche seines Heimatorts erlebt hat.

Bei all der Fülle an Literatur, die es über den Tübinger Dichter und den Philosophen aus Meßkirch gibt, gelingt es Böhmer, im Hölderlin-Jahr etwas bahnbrechend Neues zu schaffen. Das Kunststück, Fachfremden einen Zugang zu Heideggers nicht leicht zu erschließendem Denken zu bahnen, vollführt Böhmer mit spielender Leichtigkeit, und auch den eigenen Ton der Hölderlinschen Poesie lässt er virtuos erklingen.

Getragen und beseelt von einem mächtigen Bilder- und Gefühlsstrom stolperte ich kurz vor Ende des Buchs über Elfride Heideggers innere Monologe, und was ich las, versetzte mir einen Stich. Wie konnte Böhmer in diese Figur nur so viel Hass und Missgunst legen? Warum hätte Elfride ihren Mann als lächerlichen, dicklichen Zwerg beschreiben sollen, der brabbelnd und raunend durch die Wohnung schlurft? Wozu das slapstickartige Schleichen der beiden durch die Enge der Wohnstube, woher die Mordlust, mit der sie ihn zum Straucheln bringen will? Was beabsichtigte Böhmer, der so einfühlsam zu schreiben vermag, mit dieser profanen Wendung der Handlung, und zerstörte er damit nicht alles? Erst als ich das Buch einige Tage später erneut zur Hand nahm, erkannte ich Böhmers Kunst, die tiefe Tragik im Leben eines alten Ehepaares zu schildern, die Kränkungen Elfrides, das Gefühl, immer zu kurz gekommen zu sein, den Versuch, dem Anderen die gesamte Schuld für das eigene verpfuschte Leben zuzuschreiben. Übersehen hatte ich bei der ersten Lektüre die Zuneigung, die allen Hass grundierte, das Oszillieren zwischen Stolz, Bewunderung und Verachtung für Martin, den größten und gleichzeitig kleinsten damals noch lebenden Philosophen des Abendlandes. Nein, auch diese Tragikomödien gehören zum Leben: Warum also nicht auch bei den Heideggers?

Während sich die Heideggers in der Stube nach langjährigem Abnutzungskampf in inniger Feindschaft verbunden waren, brachte der neben Heidegger wirkmächtigste Philosoph des 20. Jahrhunderts, Ludwig Wittgenstein, in Cambridge die tiefe mystische Einsicht seines Denkens mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Denk nicht, sondern schau“. Vielleicht lässt sich Otto A. Böhmer von diesem knappen Imperativ zu einem neuen Werk inspirieren, mich jedenfalls würde es freuen.

                Barbara Gründler

 

Negel, Joachim: Freundschaft. Von der Vielfalt und Tiefe einer Lebensform. Freiburg: Herder 2020. 533 S. Gb. 45,–.

Ein Opus magnum legt der Fundamentaltheologe aus Fribourg hier vor: In 20 essayartigen Annäherungen an Aspekte der Freundschaft umkreist er einen großen Teil der abendländischen Geistesgeschichte, mit einer stupenden Verarbeitung von Philosophie und Theologie, von Kunst und Literatur, von Soziologie und jeder Form der Geisteswissenschaft. Dabei ist sein Denken im guten Sinn spirituell, aber zugleich literarisch hochstehend, begrifflich präzise und denkerisch konsistent, es ist in Fragestellung und Sprache höchst aktuell und greift dennoch das Erbe des menschlichen Geistes in faszinierender Weise auf.

Aus Eros wird Agape wird Philia: Aus der begehrenden Liebe wächst die hingebend-fürsorgende Liebe, und aus dieser wird Freundschaft, die höchste Form der Liebe – wer zu dieser fähig ist, wird gottesfähig, denn Gott ist die Liebe. Der trinitarische Gott ist die Urform von Freundschaft, dieses Motiv zieht sich durch das ganz Buch. Auf weiten Strecken liest es sich dennoch wenig theologisch, vielmehr ganz irdisch, praktisch, menschlich, erfahrungsgesättigt, auch psychologisch, mit vielen literarischen Beispielen. Negel betritt auch Gelände, das für Theologen als vermint gilt, etwa das der Intimität und Sexualität in der Freundschaft, oder das der Homosexualität, das der Freundschaft alter Menschen zu jungen und das des klassischen oder auch des modernen Eremitentums. Dass es dämonische Anteile und Kräfte in der Freundschaft geben kann, wird in einem eigenen Essay ausgeführt – der Autor kennt sehr wohl die Abgründe der menschlichen Seele. Der Abschnitt über Jesus als Freund beginnt mit einem schönen Text darüber, was an Jesus als Freund so besonders war (422ff.). Freundschaft als „Nachreligion“ wird mit Popsong-Texten der 1970er-Jahre (Bridge over Troubled Water…) illustriert. Eine schöne Zusammenfassung bietet der Schlussgedanke „Freundschaft – das Band, das hält, wenn alle Stricke reißen“.

Das Buch ist stellenweise anspruchsvoll, aber zugleich durchgehend gut lesbar. Jeder Essay steht für sich und kann unabhängig von den anderen gelesen werden. Ist es kleinlich, einen Fehler anzumerken? Im Exerzitienbuch des Ignatius richtet sich das Gespräch „wie ein Freund mit seinem Freund“ (Nr. 54) nicht an „Gott“ (399), sondern an den Gekreuzigten – ein doch sehr anderer und eigener Fokus; außerdem bietet es als Alternative „oder wie ein Knecht mit seinem Herrn“ – das bedeutende Freundschaftsmotiv wird gleichsam durch ein hierarchisches ergänzt; die traditionelle und eine neue Sicht stehen nebeneinander.

Mit der Freundschaft rückt Negel ein Phänomen, das in allen Epochen der Geistesgeschichte zwar literarisch bedacht, ja besungen, allerdings nach Aristoteles kaum mehr für systematisches Denken gewürdigt wurde, ins Zentrum nicht nur seiner Theologie, sondern eines ganz umfassenden humanen und spirituellen Denkens. Das Buch ist nicht nur in seiner thematischen Aktualität, sondern auch in seiner enormen Belesenheit, in vielen Details, und ebenso als Gesamtwurf ungewöhnlich lehrreich und zugleich persönlich bereichernd. Es setzt Maßstäbe für heutiges theologisches Denken.

  Stefan Kiechle SJ

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