Offen für das Wahre und WesentlicheDavid Foster Wallace (1962-2008)

Das Werk des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace, der sich vor zehn Jahren das Leben nahm, verweist auf etwas Größeres, das sich – ebenso wie der Autor selbst – seinen Leserinnen und Lesern häufig entzieht. Jörg Nies SJ deutet das vielschichtige Werk des Autors als Kampf um Moral und Achtsamkeit für die Mitmenschen – gegen den Trend von Konsum und Gleichgültigkeit, der durch Technologie und moderne Medien verstärkt wird.

Als sich vor zehn Jahren die Nachricht vom Tod des US-amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace verbreitete, wurde kurz darauf ein kleiner Text des Verstorbenen populär, der seither eine unglaubliche Rezeption erfahren hat. Es handelt sich dabei um eine 2005 für den Abschlussjahrgang des Kenyon Colleges gehaltene Rede. Diese war nicht zur Publikation bestimmt, sondern wurde aufgezeichnet und später transkribiert.

Heute gibt es dennoch viele Zugänge zu dieser Ansprache, denn neben verschiedenen Buchausgaben finden sich Collagen und Videos im Internet, die die Ausführungen von Wallace mit Bildern und Musik unterlegen. In den letzten Jahren kamen zudem etliche Abhandlungen hinzu, die sich mit verschiedenen Aspekten und Implikationen von Das hier ist Wasser beschäftigen. Schon dies ist für eine kaum länger als 20 Minuten dauernde Rede, die schriftlich nur wenige Seiten umfasst, erstaunlich. Doch nicht nur deshalb scheinen die Interpretationen in einem Missverhältnis zu stehen. Wallace beabsichtigt zudem, auf „das Wahre und Wesentliche“ hinzuweisen, auf das, was also gerade nicht weiter erklärt werden muss. Seine Sätze wollen suggestiv überzeugen: „Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist wahre Freiheit.“

Die Diktion ist einfach, die Aussagen sind von großer Bestimmtheit, wirken aber auch phrasenhaft. Doch Wallace postuliert nicht unbedarft. Er weiß um die formulierten Klischees und Gemeinplätze, hält daran aber aufgrund der Überzeugung fest, „dass Plattitüden in den alltäglichen Grabenkämpfen des Erwachsenendaseins eine lebenswichtige Bedeutung haben können.“

Der Titel des veröffentlichten Transkripts ist einer Parabel entlehnt, die verdeutlicht, dass die zentralen Dinge oft nicht wahrgenommen werden, da sie selbstverständlich sind. Im Fall des Gleichnisses sind es Fische, die sich des Wassers, in dem sie schwimmen, nicht bewusst sind. In der Einfachheit und Klarheit der Einsichten machen jedoch die angestellten Deutungen eine tiefere Ebene aus, die aufgrund des Werkes und der Person des Autors angenommen wird. Der Text wurde auch deshalb berühmt und übt eine Faszination aus, da er in einem doppelten Spannungsverhältnis steht. Er scheint nicht zu den sonstigen Schriften des als ebenso genial wie schwer zugänglich geltenden Verfassers und dessen Tod zu passen – David Foster Wallace nahm sich am 12. September 2008 das Leben.

Unendlicher Spaß

Wallace war durch seinen 1996 erschienen Roman Infinite Jest zu einer Art Superstar der US-amerikanischen Literaturszene geworden. Das Buch erregt schon allein durch seine enormen Ausmaße Aufmerksamkeit. Die deutsche Ausgabe umfasst 1403 Textseiten und weitere 388 Endnoten auf 144 Seiten. Diese Zahlen verweisen auf eine komplizierte Struktur. Die Handlungsstränge sind lose miteinander verbunden. Es gibt viele Nebenerzählungen, doch in allen Variationen lassen sich Themen einer aus den Fugen geratenen Ordnung erkennen: In einer nicht näher bestimmten Zukunft hat sich eine Widerstandsgruppe innerhalb einer fiktiven nordamerikanischen Staatengemeinschaft gebildet. Ziel der Aufständischen ist es, die von einer Spaß- und Konsumkultur getragene Gesellschaft mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Das eingesetzte Kampfmittel ist dabei der Film „Unendlicher Spaß“, der in Dauerschleife gezeigt so unterhaltsam ist, dass er nicht abgeschaltet werden kann. Diejenigen, die ihn sehen, amüsieren sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode.

Durch den Film entsteht eine Verbindung zur Familie Incandenza, an deren Mitgliedern anschaulich wird, wie verschieden und letztlich aussichtslos sich vielseitig begabte und intelligente Menschen in einer grotesk geworden Gesellschaft verhalten und scheitern. Um die Protagonisten versammeln sich zusätzlich eine Vielzahl von Einzelschicksalen, die alle auf verschiedene Weisen von Abhängigkeiten und Süchten bestimmt sind.

Das Buch wimmelt von beziehungsunfähigen und isolierten Figuren. Anstalten spielen dabei eine besondere Rolle und so sind zwei bedeutende Handlungsorte eine Entzugsklinik und eine Tennisakademie. Auch wenn der Titel „Unendlicher Spaß“ aufgrund witziger, skurriler und absurder Einschübe ein vordergründiges Recht beanspruchen kann, verdeutlichen die Übertreibungen, dass die beschriebene Wirklichkeit von einer „unendlichen Traurigkeit“ bestimmt ist.

DFW und Saint Dave

Zwar wurde der Roman nicht nur positiv aufgenommen. Er ist schwer zu lesen, nicht chronologisch aufgebaut, hat viele Ebenen, verwendet Dialekte, triviale und anspruchsvolle Passagen stehen nebeneinander – den Leserinnen und Lesern wird viel abverlangt. Dennoch entwickelte sich schnell ein Kult um das Buch. Gerade weil es in keine Kategorie passen will und so unüberschaubar ist, wurde es als Sinnbild einer Generation gesehen. „Unendlicher Spaß“ ist aber auch ein großes Rätsel, das es zu lösen gilt. So bildeten sich verschiedene Initiativen zum besseren Verstehen des komplizierten Werkes. Eine beachtliche Anzahl von Sekundärliteratur entstand und arbeitet vermeintliche Einflüsse, Bezüge und Zusammenhänge auf. Entscheidend für das Entstehen einer Fangemeinde waren jedoch Initiativen wie Foren, die sich primär im Internet bildeten.

Diese Faktoren haben wesentlich zu einem bestimmten öffentlichen Bild von DFW, wie Wallace oft kurz benannt wird, beigetragen: ein Hochbegabter, ein ehemaliger Philosophiestudent, ein scharfer Beobachter, der die Tonlagen und den Jargon verschiedener Gesellschaftsschichten beherrscht und darüber hinaus noch ein ehemaliges Tennistalent. Um wenige biografische Informationen spannen sich Legenden, die Wallace in eine andere Sphäre rücken.

Nach seinem Tod wurden zwar auch Versuche einer Entmystifizierung unternommen – allen voran eine kenntnisreiche Biografie –, jedoch hatte sich längst die Vorstellung eines säkularen Heiligen verbreitet, der für Werte, Moral und Wahrhaftigkeit eintrat. Sein Suizid wurde als Martyrium, als Ausdruck einer Kapitulation gegenüber seines langen persönlichen Leidens gesehen, das wiederum als Resultat der Ideale und Einsichten verstanden wurde, für die Wallace eingetreten war.

Die Vorstellung von Saint Dave mit den Attributen „lange Haare unter einem Kopftuch“, „randlose Brille“ und „legere Kleidung“, nahm ikonographische Züge an. Mit diesem Bild werden bis heute öffentlichkeitswirksam und mit hohem Wiedererkennungswert seine Bücher beworben, die jedoch gegenüber der Kunstfigur popkultureller Größe, die ihr Schöpfer angenommen hat, längst in den Hintergrund getreten sind. Es gibt Auftritte des imaginären Wallace in einer Zeichentrickserie, einen Kinofilm, der eine Promotionstour für Infinite Jest dramatisiert und immer neue Portraits und Gemälde entstehen, die eine bestimmte Vorstellung des Autors variieren.

Krankheiten und Süchte

Der Darstellung, die Wallace auf einen Nenner bringt, steht ein vielstimmiges Werk und eine komplexe Persönlichkeit gegenüber. Neben Unendlicher Spaß ist zu Lebzeiten nur ein weiterer Roman erschienen: Der Besen im System. Dieses Erstlingswerk war zugleich die Abschlussarbeit des Englisch- und Philosophiestudenten Wallace. Einflüsse von Wittgensteins Sprachphilosophie und Anleihen postmoderner Autoren wie DeLillo oder Pynchon lassen sich hier finden. Auch wenn Wallace sich später distanziert bis abwertend über sein Debüt äußerte, war es ein erster Erfolg und machte ihn einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Viele Motive, die er immer wieder aufgreifen sollte, sind hier bereits vorhanden.

Es waren vor allem Kurzgeschichten, die das belletristische Schaffen von Wallace entscheidend prägten. Aber auch diese kürzeren Texte kann man als „schwierige Geschenke“ bezeichnen. Dies liegt sowohl an der Erzählweise als auch an den Themen. Wie ein roter Faden ziehen sich durch die Texte einsame und abhängige Charaktere, die häufig – vornehmlich psychische – Krankheitsbilder aufweisen.

Bereits in der ersten Veröffentlichung des Studenten Wallace, Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache, geht es um eine Depression, jene „Üble Sache“, an der ein Student erkrankt ist und die dieser aus der Ichperspektive beschreibt. Die Behandlung durch Medikamente hilft zwar in manchen Bereichen, gibt dem Protagonisten aber andererseits das Gefühl, in einer anderen Welt zu leben.

Wallace schrieb die Erzählung im Alter von 22 Jahren, hatte selbst Psychiatrieerfahrung nach Zusammenbrüchen erlebt und unterzog sich diversen Behandlungen – doch ein Verweis auf autobiografische Referenzen greift zu kurz. Wallace geht es nicht nur um die Schilderung von Krankheiten und Süchten, sondern um die Bedeutung von Therapie und der Möglichkeit, Auswege aus einem Teufelskreis zu finden. Seine Geschichten beschränken sich nicht nur auf ein Individuum, sondern fragen nach Wechselwirkungen von Beziehungen und nach der Bedeutung von gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Isolation, in der sich viele seiner Protagonisten befinden, hat deren Selbstwertgefühl erschüttert. Sie sind beziehungsunfähig, da sie sich und der Echtheit ihrer Gefühle und Gedanken nicht mehr vertrauen. Es sind nicht nur Medikamente und Drogen, die ihre Wahrnehmung verzerren, sondern sie begegnen einer Welt, die sie nicht verstehen und die sie der Manipulation verdächtigen. Der Mensch als bloßer Teil einer Konsummaschinerie ist ein zentrales Thema. So wird nicht nur eine Spaßgesellschaft mit ihren systemimmanenten Widersprüchen dargestellt, sondern diese wird ernsthaft hinterfragt.

New Sinceritiy

In diesem Punkt positionierte Wallace sich auch außerhalb seiner Erzählungen eindeutig. In Essays und Artikeln bezog er Stellung zu kulturellen Entwicklungen. Er war Co-Autor eines Buches über Rap, verfasste Rezensionen zu aktuellen Büchern, doch am nachhaltigsten beschäftigte ihn die Präsenz des Fernsehens. Wie beeinflusst starker TV-Konsum den Menschen? Wie verändert sich eine Kultur und wie reagiert diese, wenn die Realität so dominant durch ein Medium bestimmt wird? Das Thema griff Wallace in zwei Beiträgen explizit auf und mit dem 1993 veröffentlichen Essay E Unibus Pluram setzte er sich an die Spitze einer Bewegung, die als New Sinceritiy bezeichnet wird. Die Namensgebung greift den zentralen Gedanken auf, dass durch weit verbreitete Ironie nicht adäquat auf die Fragen der Zeit reagiert wird und diesen mit einer neuen Aufrichtigkeit begegnet werden müsse.

Wallace blieb jedoch nicht bei theoretischen Überlegungen stehen, sondern zeigte insbesondere in seinen Reportagen, dass er auch selbst darum bemüht war, sie umzusetzen. Der scharf beobachtende Schriftsteller ist in den Texten zu erkennen, wenn er groteske Situationen witzig beschreibt, aber das Alter Ego ist einfacher strukturiert und stellt grundsätzliche Fragen direkt und unverblümt: Wozu nutzt aller Aufwand, wenn es nicht um den Menschen geht, sondern nur darum, ein Produkt zu verkaufen?

Im Gegensatz zu den Romanen und Erzählungen sind die journalistischen Texte leicht zugänglich. Wallace gelingt der Spagat zwischen Gesellschaftssatire und Empathie, da er nicht nur von außen auf die Logik des Konsums schaut, sondern um die unausweichliche Verstrickung in diese weiß. Sein Bericht über eine einwöchige Luxuskreuzfahrt zeigt wie nebenbei die Mechanismen eines Marktes auf, in denen der Mensch als Teil eines wirtschaftlichen Systems betrachtet wird, echte Bedürfnisse benutzt und verändert werden, um sie durch eine Erholungsindustrie oberflächlich und kurzfristig zu befriedigen. Von der Beschreibung wechselt er dabei immer wieder ins Grundsätzliche: „Die aus Berechnung unternommene Simulation zweckfreier Freundlichkeit bringt langfristig alle unsere Maßstäbe durcheinander und führt dazu, dass irgendwann auch das echte Lächeln, die genuine Kunst, die wahre Freundlichkeit unter Kommerzverdacht stehen. Andauernder Vertrauensbruch macht ratlos und einsam, hilflos und wütend und ängstlich. Er ist die Ursache von Verzweiflung.“

Auch wenn sich die Sachtexte deutlich von den literarischen abheben, verbindet sie viel. Wallace bleibt nicht nur seinem Stil von Anmerkungen und Nebenerklärungen treu – in vielen Reportagen finden sich ebenfalls zahlreiche lange Fußnoten –, sondern auch die Themen haben eine große Schnittmenge. Die nicht literarischen Texte zeigen jedoch eine deutlich moralischere Ebene auf. Sie fragen offener nach wahr und falsch. Am Beispiel des Hummers etwa wird erörtert, ob es richtig ist, in erster Linie an den eigenen Genuss zu denken und dafür ein Lebewesen in kochendes Wasser zu werfen.

Der Schwerpunkt bei Wallace liegt dabei nicht auf den Antworten, sondern auf dem Bewusstwerden der eigenen Handlungen. Doch ist dadurch eine Veränderung möglich? Hilft die Erkenntnis oder verdeutlicht sie nicht nur eine schwierige Lage? Auch die Sachtexte sind von einer Traurigkeit und Unausweichlichkeit negativer Entwicklungen geprägt, die oft ratlos zurücklassen. Insbesondere zwischenmenschliche Beziehungen ermöglichen in Wallaces Werk aber durchaus Alternativen zur Resignation, indem sie neue Perspektiven aufzeigen. Im Unendlichen Spaß sind es die Anonymen Alkoholiker, die „zu einem, wenn nicht zu dem positiven Sinnzentrum des Romans“ werden. Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, die sich in ihrer Krankheit und in häufig zerbrochenen Lebensentwürfen beistehen. Es gibt in den Erzählungen Interaktion, Formen von Liebe und Augenblicke der Schönheit und Zweckfreiheit, die eine andere Realität aufzeigen.

Im Tennisspiel Roger Federers etwa konnte Wallace sich einer religiösen Erfahrung annähern und umschreibt deren Ästhetik theologisch. Auch in mathematischen Systemen konnte er Schönheit entdecken. Er schrieb ein Buch über Georg Cantor, das von der Faszination der „Entdeckung des Unendlichen“ getragen ist. Doch an erster Stelle stand für Wallace sicher die Literatur. In ihr sah er eine Möglichkeit sich zu verwirklichen, eigene Themen zu bearbeiten und nach einer (Er-)Lösung zu suchen.

Der Tod und seine Deutung

Die letzten Jahre seines Lebens waren für Wallace durch die Arbeit an dem posthum veröffentlichten Roman Der bleiche König geprägt. Nach seinem Tod setzte sich schnell die Ansicht durch, dass er mit diesem Buch eine neue Erkenntnisebene erreichen und einen möglichen Ausweg aus Abhängigkeiten und Süchten aufzeigen wollte. Diese Interpretation wird durch das Wissen bestärkt, dass Wallace in einer stabilen, glücklichen Beziehung lebte und seine Psychopharmaka nach über zwanzig Jahren abgesetzt hatte, wozu ihm, so eine Lesart, Liebe, Verantwortung und der Wunsch nach Aufrichtigkeit gebracht hatten. Der Suizid manifestiert dann zwar ein Scheitern, aber Wallace wird in dieser Deutung endgültig zu einem Helden stilisiert, der sich den eigenen Abgründen und denen seiner Kultur gestellt habe.

Bei einer Gedenkfeier für seinen verstorbenen Freund hat der Schriftsteller Jonathan Franzen mit einer Ansprache selbst zu dieser Interpretation beigetragen. Drei Jahre später blickt er zurück und fügt seiner Deutung noch eine andere Ebene hinzu. Das öffentliche Bild von Saint Dave hatte sich zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2011 bereits durchgesetzt und Franzen beschreibt den großen Unterschied zur realen Person, die er ekannt hat. Wallace sei oft in sich selbst gefangen gewesen, habe nach Anerkennung und Bestätigung gesucht. Franzen habe ihn misstrauisch und immer wieder von seiner psychischen Erkrankung bestimmt erlebt.

Diese Beobachtungen decken sich mit Themen, die der Schriftsteller in seinen Texten verarbeitet hat und die vor allem seine Widersprüchlichkeit aufzeigen. Dies trifft auch für eines der Lieblingsbücher von Wallace zu, die Dienstanweisungen für einen Unterteufel von C.S. Lewis. Franzen verweist auf das Buch, wenn er in seinem Freund eine dunkle und mächtige Seite als aktiv erkennt. Wie in den Dienstanweisungen gebe es bei Wallace eine Stimme, die einflüstert, dass der Suizid eine Lösung sei.

Tatsächlich hat das Thema eine schillernde Seite und spielt im gesamten Werk von Wallace eine Rolle. Immer wieder gibt es verzweifelte Menschen, die sich aufgrund eines Leidensdrucks umbringen und noch auf dem Luxusschiff – oder vielleicht gerade in der monotonen Vergnügungsindustrie – ist der selbst gewählte Tod präsent. Auch in der Rede vor den Absolventen des Colleges geht es um die Frage, „wie man dreißig oder sogar fünfzig Jahre alt wird, ohne sich die Kugel zu geben.“ Zugleich vermutet Franzen jedoch den abgründigen Gedanken, Wallace habe im Suizid auch die Möglichkeit auf Ruhm und Unsterblichkeit gesehen.

Wenn Suizide von Prominenten in der öffentlichen Wahrnehmung auch als Ausdruck von Geniehaftigkeit und Künstlertum ästhetisiert werden, dann steht dies in krassem Widerspruch zu dem Leid und der Not, die die Person selbst, aber auch ihr Umfeld durchlebt. Hatte Wallace das Vertrauen auf sein Talent, auf die Möglichkeit einer Rettung und Erlösung durch Literatur verloren? Wurde er so anfällig für einen teuflischen Gedanken? Mit seinem letzten Roman, mit dem Selbstanspruch, etwas Großes und Neues zu liefern, kam Wallace in eine Schaffenskrise, die bisher gekannte Ausmaße übertraf.

Bleibende Bedeutung

Wallace hatte immer wieder Kontakt zu verschiedenen Glaubensrichtungen und Religionen. Seine Motivation war dabei stark vom Wissen um die Bedeutung einer Weltanschauung für ein gelingendes Leben getragen. Der Zugang war daher pragmatisch und zunächst von einer negativen Abgrenzung geprägt: „Es gibt keinen Nichtglauben. Jeder betet etwas an. Aber wir können wählen, was wir anbeten. Und es ist ein äußerst einleuchtender Grund, sich dabei für einen Gott oder ein höheres Wesen zu entscheiden – ob das nun Jesus ist, Allah, Jahwe, die Wicca-Göttin, die ‚vier edlen Wahrheiten‘ oder eine Reihe unantastbarer ethischer Prinzipien –, denn so ziemlich alles andere, was Sie anbeten, frisst Sie bei lebendigem Leib auf.“

Der Tod von David Foster Wallace wirft einen Schatten auf diese Aussagen und es schließen sich Fragen an: Wurde von ihm die Wahlfreiheit in diesem Zusammenhang falsch eingeschätzt? Hat er selbst sein Talent, die Literatur angebetet? Oder war es seine Krankheit, die Depression, die ihm keine Wahl ließ?

 Der bleiche König wurde aus verschiedenen Texten, die sich im Nachlass fanden, zusammengestellt. Das Werk von Wallace bleibt vorläufig und fragmentarisch. Viele seiner Erzählungen und Geschichten sind unabgeschlossen, gleichen einem Einblick in das Innenleben einer Person. In seinen Texten kämpft Wallace für Werte, Moral und Achtsamkeit – aber er formuliert sie nicht. Er gibt nur wenige Antworten und fordert nicht zu bestimmten Handlungen auf. Aber in seinem Werk ist ein Autor zu erkennen, der seine Leserinnen und Leser nicht nur aufmerksam machen will, sondern einen Dialog mit ihnen sucht.

In einem Interview hat Wallace nach mehreren Versuchen einer Antwort, Stottern und Überlegen seiner Gesprächspartnerin auf eine Frage entgegnet: „Ergibt das irgendwie Sinn für Sie? … Wissen Sie, was mir helfen würde? Sagen Sie mir, was Sie denken!“ Diese Grundhaltung findet sich in all seinen Texten. Wallace spricht nicht nur viele verschiedene Bereiche an, die man reflektieren kann, sondern er fordert heraus und verweist auf etwas Größeres, das sich ebenso wie der Autor selbst einer abschließenden Interpretation entzieht. Auch wenn sich die Kultur in den letzten zehn Jahren verändert hat und der Abstand zu Entwicklungen der 80er- und 90er-Jahre – gerade bei beschriebenen Technik-, Zukunfts- und Gesellschaftsvorstellungen – immer größer wird, besteht die bleibende Bedeutung von Wallaces Werk im Fragen, das sich für den und die anderen interessiert, ihnen begegnen will und dazu den ersten Schritt aus der Einsamkeit heraus wagt.

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