Narzissmus und Führung

Führungspersönlichkeiten sehen sich häufig mit dem Vorwurf des Narzissmus konfrontiert. Was ist darunter zu verstehen? Ein kleines Ich mit wenig Selbstbewusstsein und vielleicht tiefsitzenden Kränkungen will groß sein; es ringt um Anerkennung, will die Bühne bekommen und bewundert werden. Kritisiert zu werden, würde dieses Ich neu herabsetzen oder alte Wunden schmerzhaft aufreißen. Je größer das kleine Ich sich wähnt, desto mehr erlebt es Kritik als Majestätsbeleidigung. Wer nicht applaudiert, ist verdächtig; wer gar offen kritisiert, ist ein Feind und wird entsprechend behandelt; wer lobt und bewundert, ist hingegen ein Freund und erhält Gunst – dazwischen gibt es nichts. Da alles persönlich genommen wird, fallen sachliche Kriterien für die Bewertung der Kritik aus.

Narzissten beuten andere aus: Sie setzen gnadenlos ihre Macht ein, um Gegner zu bekämpfen und ihre narzisstischen Bedürfnisse nach Glanz und Größe zu befriedigen. Narzissten hören nicht gern, was ihrem Weltbild, ihrem grandios erhöhten Selbstbild oder ihren Zielen widerspricht. Sie lassen sich von Leuten beraten, die ihnen nach dem Mund reden – und werden darüber weltfremd. Sie verleugnen Realität, die nicht zu ihren Idealen passt, ja sie verfälschen Wirklichkeit, um ihre aufgeblasene Fantasiewelt zu retten. Zu Empathie sind Narzissten nicht fähig – außer zu sich selbst. Von Kritikern fühlen sie sich verfolgt; sie isolieren sich und machen sich zum Opfer. Narzissten sind leicht zu manipulieren: Man schmeichelt ihnen – und bekommt dann, was man von ihnen will.

Diese leicht durchschaubare, krankhafte Form von Narzissmus korrespondiert mit einer „gesunden“ Form, die etwa einen Menschen motiviert, etwas aus sich zu machen, sich einzusetzen, voranzukommen. So gesehen haben die meisten beruflich erfolgreichen Frauen und Männer eine narzisstische Seite. Der Narzissmus-Vorwurf meint wohl, dass man sich zwischen beiden Formen mindestens im Graubereich bewege. Diesem wird niemand entkommen, der aufgrund einer gesunden narzisstischen Anlage nach Verantwortung und Gestaltungsmacht strebt.

Welches ist das richtige Verhältnis zwischen legitimen narzisstischen Bedürfnissen und selbstloser Hingabe? Narzissten wollen führen, sofern dadurch ihr Bedürfnis nach Größe und Glanz gestillt wird. Macht verleiht Anerkennung, Wirkung, Erfolg, Wichtigkeit. Macht eröffnet die Möglichkeit, Bühnen zu beanspruchen und Menschen für sich in Dienst zu nehmen. Hier beginnt die Gefahr des Missbrauchs: Die Aufgabe, für anvertraute Menschen zu sorgen – religiös gesagt: ihnen zu dienen – tritt zurück; stattdessen sorgt man vor allem für sich selbst. Führung wird egoistisch. Und wer sich nur unkritisch-positiv beraten lässt, wird wirklichkeitsblind. Entscheidungen werden fehleranfälliger. Narzissten umgeben sich mit Hofschranzen, die die narzisstische Kollusion umso erfolgreicher mitspielen, je mehr auch sie daran glauben, dass der Führer so groß ist, wie er zu sein meint. So entfremdet sich auch der Hofstaat vom Volk. Mit ihren Fehlern schaden Narzissten nicht nur der Institution und den Menschen, für die sie arbeiten, sondern sie sägen an dem Ast, auf dem sie selbst sitzen. 

Und religiöse Führer – fast immer sind es Männer? Hier kommt mehr erschwerend als rettend die Sakralität der Führung hinzu: Charismatisch begabt oder zum Amt geweiht (oder beides), hat der Führer Vollmacht „von oben“. So erhält er eine Aura des Erhabenen, ist nochmals weniger kritisierbar, beansprucht, die Wirklichkeit kraft des Amtes und kraft der Geistbegabung immer richtig wahrzunehmen, und erhebt moralisches Recht auf höfisches Gepränge und auf üppigen Lebensstil. 

Darf man Politikern oder Kirchenführern Narzissmus vorwerfen? Dazu gab es zuletzt kontroverse Debatten. Psychologisch-psychiatrische Ferndiagnosen, die sich oft nur auf Medienberichte stützen, sind sachlich und ethisch problematisch, denn für sie bedarf es einer fachlichen Diagnose des Klienten mit dessen Präsenz und Einwilligung. Wenn allerdings die öffentlich wahrnehmbaren Indizien für narzisstisches Verhalten stark sind, sollte man den Begriff – der ja auch positive Konnotation hat – respektvoll nutzen dürfen, mit dem Zusatz, dass man auf Indizien reagiert und nicht psychiatrisch be- oder verurteilt. 

Was kann einer narzisstischen Führungspersönlichkeit helfen? Der Grat zwischen gesunder Selbstliebe und problematischer Selbstverliebtheit ist schmal, der Übergang subtil. Die Motivation zum Dienst kann gestärkt werden: Das Wohl der Menschen steht im Fokus. Um Feedback, auch um kritisches, darf man bitten. Zur Beratung holt man Personen, die sich trauen zu widersprechen und die einen nüchternen Blick auf die meist nicht ideale Wirklichkeit eröffnen. Mitarbeiten dürfen nicht nur stromlinienförmige Spitzenbeamte, sondern auch kantige Geister und innovative Sucher. Ämter sollten nach einigen Jahren neu besetzt werden. Die eigene Größe soll man weder kleinreden noch aufblasen, sondern realistisch, also demütig einschätzen. Fehler darf man machen und zugeben und an ihnen wachsen. Führung ist ein Auftrag, von anderen verliehen, auf Zeit anvertraut, und sie ist verantwortlich auszuüben. Vor dem Ewigen ist Rechenschaft abzulegen.

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