Postfaktisch

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) wählte das Adjektiv „postfaktisch“ zum Wort des Jahres 2016. Viel und kontrovers ist seither darüber diskutiert worden, ob es eine Art Angstvokabel sei, die für eine neue Zeit der Verunsicherung stehe oder eher ein Kampfbegriff, mit dem es gelte, die Strategie der Populisten zu entlarven. Beide Betrachtungsweisen dominierten anfangs den Diskurs, es sind mittlerweile mitnichten die einzigen. Eine Reihe weiterer, teils divergierender Interpretationen aus unterschiedlichen Fachbereichen kam hinzu und sorgte nicht gerade für Begriffsklarheit.

Im Kern geht es beim postfaktischen Sprechen oder Handeln um einen Autoritätsverlust von Sachlichkeit, Argumenten, Fakten und zuletzt auch Institutionen. Zumeist ist damit die Leugnung oder Relativierung von Fakten zugunsten einer gefühlten Wahrheit angesprochen. „Perception is reality“ dominiert immer mehr Lebensbereiche: Auch das, was ich fühle, gilt verstärkt als Faktum meiner Wirklichkeit, im Zweifelsfall vertrete ich die Meinung, die sich besser anfühlt. Diese Einstellung gegenüber sachlich und pluralistisch ausgerichteten Argumenten zu verteidigen, scheint auch zwei Jahre nach dem „Wort des Jahres 2016“ noch en vogue, zumal es auf der politischen Weltbühne vielfach vorgezeigt wird: Trumps Politik- und Wahlkampfstil mit der systematischen Missachtung von Fakten, emotional aufgeladene Rhetorik, populistische Umtriebe, Verschwörungstheorien, das Aufkommen von Fake News oder die Rede von „alternativen Fakten“ – aber eben auch deren Verbreitung durch die Mechanismen und Dynamiken der sozialen Medien. Über die Frage, weshalb solcherart Politik vielfach Anklang findet und viele sich mit (ver)einfachen(den) Antworten zufrieden geben, ist im Umfeld von „postfaktisch“ viel spekuliert worden. Sind es Politikverdrossenheit, Bequemlichkeit, Resignation und Rückzug vor der Komplexität („information overload“) oder sind es die viel beschworenen Filterblasen mitsamt der Algorithmen, die geistig einengen und kaum andere Sichtweisen zulassen? Will man befriedigende Antworten auf diese Fragen geben, sollte bedacht werden, dass stets politische, ökonomische, gesellschaftliche und mediale Entwicklungen ineinandergreifen und „postfaktisch“ daher nicht auf den politischen Kontext beschränkt bleiben darf.

(Politische) Meinungsbildung, Entscheidungsfindung, Einstellungen, Vorurteile, Stimmungen, Debatten, (soziale) Medien – ein „postfaktisch“ laxer, gefühlsbetonter Umgang mit Fakten scheint all dies irgendwie zu betreffen. Will man ihm begegnen, muss auf verschiedenen Feldern und in mehreren Disziplinen ein vernunftgeleiteter Umgang damit stattfinden. Politik-Unterricht, Sozialkunde, Medienpädagogik, Medienethik, daneben Sozialpsychologie, Kommunikationswissenschaft und journalistische Diskurse sind angehalten, zu eruieren, in welchen Ausprägungen die „gefühlten Wirklichkeiten“ auftreten (z.B. in Form von Vorurteilen, Hate Speech, populistischer Propaganda) und welche Folgen sie nach sich ziehen (z.B. für Prozesse des Informierens, des Wissenserwerbs, der Persönlichkeitsbildung). Dabei gilt es ferner, zu einer verloren gegangenen Sachlichkeit und Normalität des Diskurses abseits von Empörungen, Zuschreibungen, Verkürzungen und Emotionalisierungen zurückzukehren. Dazu gehört zweierlei: zum einen, „postfaktisch“ nicht als Modevokabel abzutun, die nach zwei Jahren nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hätte. Stattdessen sind die verschiedenen Interpretationen des Begriffs ernst zu nehmen, zwischen Angst- und Kampfbegriff liegt schließlich ein breites Spektrum an Anknüpfungsmöglichkeiten. Zum anderen wird der Terminus „postfaktisch“ ad absurdum geführt, wenn er als Ausschlusskriterium Verwendung findet. Wer sich an Debatten beteiligt und abwertend von „den Postfaktischen“ im Sinne von „bildungsfern“, „weltabgewandt“ spricht, wie es bisweilen festzustellen ist, macht sich selbst unglaubwürdig und trägt nicht zu einer Versachlichung des Diskurses bei.

„Postfaktisch“ sollte uns, wie immer die Ausdeutung im Einzelnen auch aussehen mag, stets an ein Bonmot des Schweizer Philosophen Eduard Kaeser erinnern: „Wo die Leitplanken des Faktischen demontiert werden, beginnt die Wildbahn der Stimmungsmache.“ Inwieweit die Leitplanken intakt bleiben, hängt auch davon ab, wie wir die Wildbahn und die Unfälle, die vielerorts bereits passiert sind, mit den Instrumentarien unseres Verstandes zu analysieren vermögen. Kants „Sapere aude“ heißt dabei insbesondere, den Mut aufzubringen, in sachlich geführten Debatten die Unfall-Verursacher klar zu benennen und die Werte einer demokratischen Zivilgesellschaft hochzuhalten.

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