Bald Seliggesprochen?Pedro Arrupe SJ (1907-1991)

Am 13. September 1983 kam es in der Aula der Jesuitenkurie in Rom zu einer einzigartigen Begegnung: Als die 216 Mitglieder der Generalkongregation des Ordens den neuen Generaloberen, Peter-Hans Kolvenbach, gewählt hatten, wurde der von einem Schlaganfall schwer gezeichnete Vorgänger im Amt, Pedro Arrupe, in die Mitte der Versammelten geführt. Unter dem Applaus der Mitbrüder umarmten sich die beiden – ein Moment, der für alle unvergesslich blieb. Im Saal war auch ein Delegierter aus Argentinien namens Jorge Bergoglio, der heutige Papst, ebenso ein junger venezolanischer Provinzial namens Arturo Sosa, der heutige Generalobere. Ähnlich wie ich empfanden viele: Pedro Arrupe ist ein Heiliger. Seit damals rufe ich ihn im Gebet an, den in meinen Augen heiligen Freund.

Damals war Pedro Arrupe nicht unumstritten. Aber er war inmitten jener Umbrüche in der Welt, in der Kirche und im Orden der rechte Mann zur rechten Zeit am rechten Ort. Was ihn auszeichnete, war sein Charisma der Glaubwürdigkeit. Auf ihn passt in besonderer Weise, was Papst Paul VI. 1974 den Jesuiten gesagt hatte: „Überall in der Kirche waren und sind Jesuiten stets an der schwierigsten, vordersten Front, an Scheidewegen, dort, wo verschiedene Lehren einander gegenüber stehen, wo soziale Konflikte aufbrechen, wo die leidenschaftlichen Forderungen der Menschen und die ewige Botschaft des Evangeliums aufeinander stoßen.“

Ich rufe ihn im Gebet an, den in meinen Augen heiligen Freund.

Viele Stunden am Tag verbrachte Pedro Arrupe, dieser Mann der Aktion, im Gebet. Er ermutigte zu Experimenten, verlangte aber von den Vorwärtsstürmenden eine solide Unterscheidung der Geister. Wenn man ihm vorhielt, dass die Jesuiten Fehler machten, konnte er sagen: „Es ist nicht unsere Absicht, Irrtümer zu verteidigen. Aber wir sollen auch nicht den Irrtum begehen, aus lauter Angst, dass wir irren könnten, überhaupt nichts zu tun.“ Für jene, die einer angeblich glorreichen Vergangenheit nachtrauerten, zeigte er Verständnis, führte sie aber auch zu einer neuen Sicht des Konzils und der mit ihm verbundenen Herausforderungen. Diese Sicht wusste er in der Tradition zu verankern, aber nicht in allen möglichen liebgewordenen Traditionen, die für ewig ausgegeben wurden, ohne es zu sein. Nicht Angst bestimmte ihn in den damaligen Wirren, sondern eine Zuversicht, die im Gebet, in der Bibel und in den Exerzitien verankert war. Bezeichnend war die Antwort auf die Frage eines Reporters nach dem tragenden Grund seines Glaubens, seiner Hoffnung und seiner Liebe: „Jesus Christus.“ „Was bedeutet er Ihnen?“ „Alles!“

Pedro Arrupe musste viel Leid erfahren, und doch war er von einer geduldigen und freundlichen Liebenswürdigkeit, die uns oft erstaunte. Wenn wir über bestimmte Personen abfällig redeten, rief er uns in einer Weise zur Ordnung, die uns das Messer aus der Hand nahm: „Ihr liebt sie noch nicht richtig?“

Papsttreu war er mehr als wir alle, aber er verband damit eine Freiheit des Geistes, die uns neue Sichtweisen eröffnete. So zeigte er uns einen Gehorsam, der mit Geducktheit nichts zu tun hatte, vielmehr mit Demut und Hingabe. Vollendet wurde er darin in der Ohnmacht seines Krankenlagers. In aller Welt hat er bedeutende Reden gehalten, etwa 1976 in der Frankfurter Paulskirche: „Glaube und Gerechtigkeit als Auftrag der europäischen Christen“. Drei Vorträge aus seinen letzten Jahren bezeichnete er mir gegenüber als sein Testament: „Unsere Weise des Vorgehens“ (1979); „Die Trinitarische Inspiration des Ignatianischen Charismas“ (1980); „Verwurzelt und gegründet in der Liebe (1981)“. In prophetischer Voraussicht gründete er 1980 den Jesuit Refugee Service (JRS), den weltweiten Flüchtlingsdienst des Ordens. Dem Orden zeigte er damit, wes Geistes Kind er zu sein und auf wessen Seite er zu stehen hat.

Es geht um Umkehr und Wagemut, um Grundfragen der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit, um Glaube und Gerechtigkeit, um Standfestigkeit und Barmherzigkeit. Pedro Arrupe kämpfte darum täglich. In alledem tapfer und zuverlässig und freudig, gelebt zu haben, machte ihn glaubwürdig und ist sein Zeugnis, das wir so dringend brauchen. Als Patron würde er der Kirche heute guttun. Nachdem unter den letzten Päpsten ein Seligsprechungsprozess für ihn kaum vorstellbar war – kirchenpolitisch passte er überhaupt nicht ins Bild –, ist dieser nun eröffnet. Wird Pedro Arrupe bald unter die Seligen der Kirche gerechnet?

Der baskische Jesuit wurde 1907 geboren; er war jahrzehntelang in Japan tätig und erlebte in Hiroshima 1945 den Abwurf der ersten Atombombe. Von 1965 bis 1981 leitete er in Rom als Generaloberer den Jesuitenorden. Nach langer Agonie starb er am 5. Februar 1991. Zur weiteren Lektüre empfehle ich Martin Maier: „Pedro Arrupe. Zeuge und Prophet“ (Würzburg 2007).

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