Papst Franziskus in Lund

Im Jahr 2014 war es noch ein Aprilscherz in der Jesuitenzeitschrift Signum. Am 25. Januar 2016 war es allen Medien eine Schlagzeile und eine ausführliche Berichterstattung wert: Der Papst besucht Schweden - ein Ereignis, das alle überrascht hat, selbst Insider. Die Nachricht kam am Tag des liturgischen Gedenkens Pauli Bekehrung. War das ein Zufall? Vielleicht, aber dennoch ein interessanter.
Wem haben wir diesen Besuch zu verdanken? Natürlich vielen nachdrücklichen Einladungen seitens des katholischen Bischofs Anders Arborelius OCD und Königin Sylvias. Letztlich aber ist es die Reformation: Ihres 500. Jahrestags wird auch in Schweden gedacht. Der Vatikan und der Lutherische Weltbund (LWB) haben zum Reformationsgedächtnis nach Lund eingeladen. Es geht also streng genommen nicht um einen Schweden-Besuch des Papstes. So steht die internationale Dimension des Ereignisses klar im Vordergrund. In Lund wurde 1947 der LWB gegründet. Ursprünglich war nur ein Gottesdienst der verschiedenen Kirchenvertreter am 31. Oktober im Dom geplant: der Papst und Kardinal Kurt Koch, zusammen mit der Spitze des LWB und den schwedischen Vertretern, Bischof Arborelius und der lutherischen Erzbischöfin Antje Jackelén. Der Besuch wurde jedoch ausgeweitet. Am Nachmittag desselben Tages wird in einem Stadion in Malmö ein Event für 10 000 vor allem junge Menschen stattfinden, an dem auch die Spitzenvertreter der Kirchen teilnehmen. Es soll eine Botschaft der Hoffnung und Verantwortung für die Welt senden.
Papst Franziskus wird der zweite Papst sein, der in das Land reist. Als Johannes Paul II. Schweden 1989 besuchte, lag es, katholisch gesehen, am Ende der Welt. Er kam, um die wenigen Katholiken im Glauben zu stärken. Klein und randständig ist die Kirche immer noch (2 % der Bevölkerung), jedoch dynamisch und stark wachsend. Als die Nachricht des neuerlichen Besuchs bekannt wurde, äußerten viele Katholiken den Wunsch, der Papst möge auch sie besuchen und eine Messe mit ihnen feiern. Das wird er am 1. November in Malmö tun.
Wendet er damit den ökumenischen Akzenten der Reise den Rücken? Offiziell wurde das bisher nicht geäußert. Doch gibt es im Netz in protestantischen Kreisen eine gewisse Enttäuschung darüber. Also keine echte Bekehrung zur Ökumene? Die Medien sprechen eine andere Sprache. Viele heben gerade die Dialogfähigkeit und -bereitschaft des Papstes hervor. Den Besuch nehmen viele zum Anlass, sein Pontifikat überhaupt in diesem Zeichen zu deuten. Und zum ersten Mal in der gemeinsamen 500-jährigen Geschichte laden Katholiken und Protestanten zu einem Reformationsgedächtnis ein.
In Schweden ist man vor allem am Dialog des Papstes mit allen Menschen guten Willens interessiert, mit denen, die sich für Menschenrechte, Flüchtlinge und Umweltschutz einsetzen. Diese Art des Gespräches ist hier anschlussfähig - zumal in einer Zeit, da das politische Klima im Blick auf die Einwanderung deutlich abgekühlt ist. Vermutlich wird der Papst die Schweden an ihre - bis Anfang 2016 auch politisch gezeigte - Großzügigkeit bei der Aufnahme von Flüchtlingen erinnern. Die Umweltenzyklika „Laudato Si’“ wird in diesem Jahr in einem Verlag gedruckt, der ansonsten kein religiöses Profil hat.
Es sind also vor allem praktische Themen und Fragen, die Brücken zwischen Kirche und Gesellschaft und den Kirchen untereinander bauen. Innerkirchlich stehen theologische Fragen eher hintan. Zudem ist das Interesse an Luther auch innerhalb der verschiedenen protestantischen Gemeinschaften gering. Wo das eigene theologische Profil undeutlich ist: Wie soll man da in ein theologisches Gespräch eintreten? Darf man von einer Verschiebung zu einer praktischen Ökumene sprechen, da man theologisch derzeit auf der Stelle tritt oder die denkerische Anstrengung scheut?
Nachdenklichere Stimmen scheinen sich jedoch mit dem Primat des Praktischen nicht zu begnügen. Die Journalistin Lotta Lundberg vom Svenska Dagbladet wies ihre Landsleute auf einen blinden Fleck hin: den Verlust der religiösen Sprache. Äußerungen des Papstes, die im Ausland auf den ersten Seiten der Zeitungen gedruckt werden, sind in Schweden keine Schlagzeile wert. Äußerungen etwa im Blick auf die Geschichte von Katholiken und Protestanten: „Wir können das Geschehene nicht einfach ausradieren, wollen aber nicht, dass das Gewicht alter Sünden unser Verhältnis weiterhin vergiftet ... [Ich bitte um] Vergebung und Barmherzigkeit für das unevangelische Verhalten seitens der Katholiken gegenüber den anderen christlichen Gemeinschaften.“ Warum hört man davon nichts in Schweden? Weil - so Lundberg - die meisten Schweden ihre religiöse Sprache verloren hätten.
Der Papst kommt tatsächlich in ein Land, das aus historischen Gründen Religionsfreiheit in erster Linie als Freiheit von Religion versteht. Fast immer, wenn die Sprache auf das Christentum kommt, wird es still. Heben deutsche Literaturkritiker etwa die religiösen Seiten in Tomas Tranströmers Poesie hervor, werden diese in schwedischen Kommentaren meist übergangen. Gerade eine religiöse Sprache ist aber vonnöten, „wenn wir über den Unterschied von Schuld und Verantwortung, Trauer und Krankheit, Vergebung und Versöhnung reden wollen. Sie gibt uns Bilder zurück, Deutungsmuster und Metaphern.“ Dies sei umso dringlicher, als das Land vor der großen Herausforderung stehe, Hunderttausende meist religiöse Einwanderer zu integrieren. Wie, fragt Lundström, können wir das tun ohne Kontakt zu unserer eigenen Sprache, einer „Heimatreligion“? Religionsfreiheit gelingt nur, wenn man weiß, was Religion ist, wenn man also ihre Sprache kennt.
Der Besuch des Papstes als Erinnerung an die verlorene religiöse Sprache? Als Aufmunterung, sie neu kennenzulernen? Wenn das ein Ergebnis des Besuches wäre, dann hätte er eine Bedeutung, die tiefer reichte als die praktische Verständigung über zweifelsohne wichtige tagesaktuelle Fragen. Und dann hätte die Visite auch eine ursprünglich nicht intendierte schwedische Note.

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