Laudate Deum. "Ohrfeige und Vision"

KNA Bild Papst Franziskus empfängt Luisa Neubauer, Aktivistin bei der Klimaschutzbewegung Fridays for Future, vor der Pressekonferenz zum neuen Umweltschreiben
Pressekonferenz zu Laudate Deum. Papst Franziskus trifft Luisa Neubauer.© KNA Bild

Acht Jahre nach der bahnbrechenden Sozial- und Umweltenzyklika Laudato Si’ legte Papst Franziskus am 4. Oktober 2023 nach und veröffentlichte Laudate Deum, in seinen eigenen Worten einen „Teil 2“ zu genanntem Text. Im Folgenden möchte ich Struktur und wesentliche Aussagen des apostolischen Schreibens darlegen und anschließend zwei bedeutende Aspekte herausgreifen.

Laudate Deum umfasst 73 Nummern. Die Einleitung macht deutlich: Laudato Si’ bleibt als Grundlagentext maßgeblich (es ist die mit Abstand am häufigsten zitierte Quelle) und soll genauer bestimmt und ergänzt werden, hier mit dem Fokus auf die Klimakrise. Allerdings hat sich die tiefe Sorge von 2015 noch einmal enorm gesteigert, denn eine politische Antwort auf die Krise bleibt weitgehend aus, „während die Welt, die uns umgibt, zerbröckelt und vielleicht vor einem tiefen Einschnitt steht“ (LD 2). Das erste Kapitel fasst den Stand der Forschung zur globalen Klimakrise knapp zusammen und betont dabei überdeutlich, dass an deren menschengemachten Ursachen kein Zweifel mehr bestehen kann. Das zweite Kapitel greift das „technokratische Paradigma“ als tiefere Wurzel der Umweltkrise erneut auf: Der einseitig machtförmige Zugriff des Menschen auf die nicht-menschliche Schöpfung, gesteigert durch unbegrenzte technische Möglichkeiten und ohne angemessene ethische Reflexion, führt zu einer ungehemmten Ausbeutung und gefährdet letztlich unser eigenes Überleben. Das dritte Kapitel kritisiert die Schwäche internationaler Klimapolitik und spricht sich gleichzeitig für eine grundlegend neue Ausgestaltung des Multilateralismus aus. Im vierten Kapitel werden die wesentlichen Fortschritte und Misserfolge der vergangenen Weltklimakonferenzen sehr kundig und schonungslos zusammengefasst. Entsprechend richtet sich der Papst im 5. Kapitel an die bevorstehende 28. Weltklimakonferenz in Dubai („COP 28“ vom 30. November bis 12. Dezember), die einen entscheidenden Wendepunkt darstellen könnte, sofern endlich wirksame Maßnahmen für den Klimaschutz beschlossen würden, die drei Merkmale erfüllen: effizient, verpflichtend und leicht zu überwachen (cf. LD 59). Das 6. und letzte Kapitel wendet sich (wie seinerzeit in Laudato Si’) den spezifisch christlichen Ressourcen des Klima-Engagements zu. Letzteres könne als Beitrag zur „Versöhnung mit der Welt, die uns beherbergt“ verstanden werden (LD 69).

Welche Neuerungen bringt dieser Text gegenüber Laudato Si’? In meinen Augen setzt der Papst zwei Akzente. Als Erstes fällt die bemerkenswert scharfe Abwehr von Klimawandelleugner*innen auf, wobei der Pontifex aktuelle einschlägige Quellen zitiert (IPCC) und massiv und wiederholt jedwedes Kleinreden (6), Ins-Lächerliche-Ziehen (7), Nicht-Informiert-Sein (8) oder das Abschieben der Schuld auf die Armen (9) widerlegt. Auch dass bestimmte Diagnosen „apokalyptisch“ anmuten (etwa in Bezug auf einen möglichen Point of no return), dürfe uns nicht davon abhalten, sie ernst zu nehmen (17). Explizit richtet sich der Papst auch gegen relativierende Stimmen innerhalb der katholischen Kirche (14). Die Bedeutung dieser Klarstellungen sollte nicht unterschätzt werden, denn in einigen Ländern wie den USA sind in manchen kirchlichen Kreisen die Leugnung oder Verharmlosung der Klimakrise immer noch salonfähig.

Vor allem aber ist die vorgeschlagene Neukonfigurierung des Multilateralismus zu nennen: Franziskus plädiert für einen Multilateralismus „von unten“, bei dem sich zivilgesellschaftliche Akteur*innen global vernetzen, um bei der Bekämpfung des Hungers oder der Klimakrise wirksamen Druck auf die Mächtigen auszuüben, und zwar als subsidiäre Ergänzung zu bestehenden politischen Institutionen (37-41). Es brauche in einer multipolaren und immer komplexeren Welt neue globale Mechanismen und auch „ein neues Verfahren der Entscheidungsfindung und der Legitimierung dieser Beschlüsse“, „Räume des Gesprächs, der Konsultation, der Konfliktlösung und der Supervision“, und das auf Weltebene. Dabei gehe es um die Wahrung der Rechte aller, nicht nur der „Stärksten“ (42-43). Dies ist m.E. die visionärste Idee in Laudate Deum, und es ist auch eine Ansage an kirchliche Player, die ja bereits heute vielfach in globale Advocacy-Themen und Konsultationsprozesse involviert sind. Die vom Papst als Beispiel genannte Ottawa-Konvention gegen Anti-Personen-Minen wurde vom Jesuitenflüchtlingsdienst mitinitiiert und auch von anderen christlichen Hilfsorganisationen wie Misereor und Brot für die Welt mitgeprägt. Auch über den kirchlichen Rahmen hinaus scheint hier eine hoffnungsvolle Vision der Transformation internationaler Politik durch, bei der demokratische Bottom-up-Prozesse (Multilateralismus von unten, Konsultationsprozesse) den Druck auf klassischere Top-Down-Verfahren (etwa die COP 28 in Dubai) wesentlich erhöhen und so über die bisherigen Blockaden hinausführen könnten.

Laudate Deum ist also sowohl Ohrfeige als auch politische Zukunftsvision. Man darf auf eine wirksame Rezeption hoffen.

Von Fabian Moos SJ

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