Was zeichnet die gute Betreuung der Jüngsten aus?Das ganze Team muss es wollen!

Die Bertelsmann Stiftung setzt sich mit großem Engagement für gute Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern in den ersten Lebensjahren ein. Den rapiden Ausbau der Kleinstkindbetreuung begleitet die namhafte Institution u. a. mit wissenschaftlichen Projekten, Empfehlungen für Einrichtungsträger und Materialien für pädagogische Fachkräfte. Worauf müssen Kita-Teams achten, damit sie den Jüngsten wirklich gerecht werden? Wir haben nachgefragt.

Das ganze Team muss es wollen
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Frau Stein, immer mehr Kindergärten öffnen ihre Gruppen für unter Dreijährige. Sie warnen aber davor, freie Plätze einfach mit ein- oder zweijährigen Kindern zu belegen. Warum?
Weil die reine Öffnung der Gruppen nicht ausreicht. Das ganze Team muss zunächst generell befürworten, dass Kleinkinder aufgenommen werden! Wir erleben leider immer wieder, dass Fachkräfte sehr junge Kinder bedauern, weil diese von ihren Eltern in die Kita gebracht werden – diese Einstellung steht einem guten pädagogischen Konzept natürlich im Wege. Um sich auf die Bedürfnisse dieser Altersgruppe wirklich einstellen zu können, müssen außerdem alle Fachkräfte entsprechend vorbereitet werden – auch jene, die hinterher nicht direkt mit den Jüngeren arbeiten. Bindung und Sprache sind hier zwei zentrale Fortbildungsthemen. Was für eine gute Betreuungsqualität der Jüngsten später ebenfalls entscheidend ist, ist die Zusammenarbeit im Team. Wie erfahren sind die Fachkräfte z. B. in der kollegialen Teamberatung? Wenn das noch nicht gängige Praxis ist, muss auch daran gearbeitet werden.

Für eine gute Betreuungsqualität muss also das ganze Team an einem Strang ziehen. Was aber raten Sie Fachkräften, die mit unter Dreijährigen arbeiten sollen, ohne dass sie das wollen?
Jemand, der das nicht möchte, sollte nicht verpflichtet werden, mit den Jüngsten zu arbeiten. Als betroffene Erzieherin würde ich aber versuchen, die Ursachen meines Widerstands zu reflektieren: Habe ich Ängste, die sich evtl. durch eine Fortbildung mindern lassen? Natürlich kann es auch ganz rationale Gründe geben, warum eine Fachkraft nicht mit Kleinkindern arbeiten kann. Diese Arbeit erfordert z. B. eine hohe körperliche Fitness, da die Kinder oft noch getragen werden müssen.

Vor allem die Eingewöhnung scheint zentral für eine glückliche Kitazeit der Kinder zu sein. Warum hat sie einen so hohen Stellenwert? Und wie gelingt sie?
Die Kita ist ja die erste öffentliche Einrichtung, die ein Kind besucht. Gerade bei jungen Kindern ist dieser Übergang entscheidend dafür, ob sie sich positiv entwickeln können. Denn Kleinkinder müssen sich sicher fühlen, um ihren Forscherinteressen nachgehen zu können. Um dieses nötige Vertrauen in ihre neue Umgebung aufzubauen, brauchen sie unterschiedlich lange und mindestens einen Elternteil, der diesen Prozess begleitet und absichert: Wenn Kinder spüren, dass ihre Eltern die Erzieherin gutheißen, können sie leichter Vertrauen zu dieser neuen Person aufbauen. Wichtig ist auch, dass nur wenige Kinder gleichzeitig starten, damit Fachkräfte sie individuell begleiten können.

Wie schaffen es Fachkräfte, vor allem in altersgemischten Gruppen, den noch sehr individuellen Tagesrhythmus der Jüngsten zu berücksichtigen?
Voraussetzung dafür ist, dass die Fachkräfte genügend Zeit haben und die Gruppen nicht zu groß sind. Wenn Fachkräfte zu viele Kinder betreuen, können sie z. B. nicht mehr individuell auf deren unterschiedliche Essens- und Schlafbedürfnisse reagieren.

Ausreichend Zeit spielt ja auch bei Pflegeaspekten eine große Rolle. Was sollten Fachkräfte hier beachten?
Pflegesituationen sind Schlüsselsituationen, in denen ungeteilte Aufmerksamkeit nötig ist. Gerade beim Wickeln ist ganz viel möglich, etwa an sprachlicher Förderung, Interaktion und Beziehungsaufbau – die ja darüber entscheiden, ob es den Kindern gut geht und sie sich gut entwickeln.

Apropos Sprache: Ganz junge Kinder können ihre Bedürfnisse und Interessen ja noch nicht sprachlich vermitteln. Hier benötigen Fachkräfte eine besondere Interaktionskompetenz ...
Ja, sie müssen die Kinder bewusst und sensibel beobachten und ihre Aktionen, Reaktionen und Interaktionen wahrnehmen. In Fortbildungen lässt sich diese Fähigkeit sehr gut trainieren, z. B. durch den Einsatz von Videos.

Eine kontinuierliche Betreuung durch wenige Erzieherinnen ist für Kleinkinder besonders wichtig. Doch dies ist in den Kitas oft kaum zu gewährleisten. Wie beurteilen Sie das?
Da viele Fachkräfte in Teilzeit arbeiten, ist es gar nicht anders machbar, als mit mehreren Personen zu arbeiten. Umso wichtiger ist es für die Kinder, dass die Erzieherinnen, die ganztägig beschäftigt sind, fest in einer Gruppe bleiben. Generell muss darauf geachtet werden, dass die Bezugspersonen möglichst selten wechseln. Auch in Urlaubszeiten oder Krankheitsfällen sollten junge Kinder auf keinen Fall von Springern betreut werden, zu denen sie überhaupt keine Beziehung haben. Das heißt: Kitas brauchen eine ausreichende, wenn auch überschaubare Zahl an Fachkräften, die einen Bezug zu den einzelnen Kindern aufbauen. Das erfordert eine anspruchsvolle Planung, ist aber notwendig, damit es den Kindern gut geht.

Inwieweit bestimmt der Raum über die Qualität der Betreuung?
Er spielt eine große Rolle, gerade für diese junge Altersgruppe. Zunächst geht es darum, dass eine Einrichtung groß genug ist, um den Bedürfnissen von Kleinkindern gerecht zu werden. Ist dieser Platz nicht vorhanden, ist es schlicht nicht möglich, junge Kinder aufzunehmen. Außerdem müssen Kleinkinder selbstbestimmt ihren Bewegungsdrang ausleben können, ohne dass dies ein Risiko für sie darstellt. Für die Einrichtungen ist das eine große Herausforderung, zumal es ja gleichzeitig möglich sein muss, unterschiedliche Dinge feinund grobmotorisch auszuprobieren. Nicht zuletzt ist ein separater Schlafraum wichtig, um den unterschiedlichen Schlafbedürfnissen von jungen Kindern zu entsprechen.

Der neue Ländermonitor frühkindliche Bildungssysteme zeigt, dass die Voraussetzungen für gute Kita-Qualität bundesweit stark variieren. Brauchen wir ein einheitliches Kita-Qualitätsgesetz?
Ob ein Kind gut betreut wird, ist im Moment davon abhängig, wo es mit seiner Familie lebt. Wir sind der Meinung: Das geht so nicht! Deshalb: Ja, wir müssen uns auf bundesweite Standards für wesentliche Qualitätsmerkmale einigen. Das sind der Personalschlüssel, bzw. die Fachkraft-Kind-Relation mit Zeitanteilen für Aufgaben jenseits der Kinder, Zeitbudgets für Leitungsaufgaben, Standards für Weiterbildung und Praxisberatung sowie eine gesunde Verpflegung der jungen Kinder.

Vielen Dank für dieses Gespräch.  

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