Lange Stoffbahnen als BewegungsmaterialRaumentdecker

Streifen aus ausgedienten Bettbezügen unterstützen Kleinkinder dabei, sich im Raum zu orientieren, ihre motorischen Fähigkeiten zu trainieren und fantasievolle Spiele zu entwickeln.

Raumentdecker
© Harald Neumann, Freiburg

Stoffstreifen aus alter Bettwäsche eignen sich besonders gut für vielfältige Bewegungsarrangements, die Kinder oft auf weiterführende Spielideen bringen. Durch die Beschäftigung mit dem flexiblen Material machen sie neue Erfahrungen mit sich selbst, den anderen und dem sie umgebenden Raum. Sie üben sich u. a. in Bewegungssicherheit, Gleichgewicht und Auge-Hand-Koordination. Da sie sich bei den meisten Angeboten außerdem auf andere Kinder sowie auf die Gegebenheiten des (Außen-)Raumes einstellen müssen, erweitern die Mädchen und Jungen beim Spiel mit dem Stoff nicht zuletzt ihre emotionalen und kognitiven Fähigkeiten.

Vorbereitung

Ein bislang unbekanntes Material erkunden, einem vertrauten Ort wie dem Kita-Außengelände eine neue Gestalt geben und über Bewegung in Kontakt mit sich und anderen treten – all das geschieht für Kleinkinder keineswegs beiläufig. Damit sie behutsam in die folgenden Angebote hineinfinden können, sollten deshalb auch schon die Vorbereitungen ganz bewusst und gemeinsam mit den Kindern gestaltet werden. So haben sie Zeit für selbsttätige Materialerkundungen, können sich an der Herstellung des Bewegungsmaterials beteiligen und eigene Spielideen entwickeln. Benötigte Materialien: alte Bettwäsche Stoffschere So wird’s gemacht: Gemeinsam mit einer kleinen Kindergruppe suchen Sie sich zunächst einen ruhigen Platz, evtl. im Außenbereich. Beginnen Sie anschließend damit, alte Bettwäsche der Länge nach in einem Abstand von ca. 20 cm einzuschneiden und an den Schnittstellen in Streifen zu reißen. Lassen Sie die Kinder an diesen Vorbereitungen teilhaben, indem Sie Ihr Vorgehen sprachlich begleiten. Geben Sie den Jungen und Mädchen außerdem die Möglichkeit, sich mit dem neuen Material vertraut zu machen, indem sie z. B. ebenfalls am brüchigen Stoff reißen oder einzelne Fäden aus den Stoffstücken ziehen können. Knoten Sie drei bis fünf Stoffstreifen aneinander und wickeln Sie diese anschließend auf. Diese Stoffknäuel haben für Kleinkinder einen hohen Aufforderungscharakter, bunte Stoffe erhöhen diesen Reiz zusätzlich. Stellen Sie möglichst viele dieser Knäuel her, je nachdem, wie viele Bettbezüge Ihnen zur Verfügung stehen. Optimal ist es, wenn alle Kinder ein eigenes Stoffknäuel in den Händen halten und uneingeschränkt damit spielen können. Nachdem Sie den Mädchen und Jungen ihre Knäuel übergeben haben, lassen Sie ihnen zunächst Zeit, frei mit diesen zu hantieren, sie auf- und abzuwickeln oder sie durch die Gegend zu rollen. Unterstützen Sie die Kinder, indem Sie sich als Spielpartnerin anbieten und ihnen den Stoffball immer wieder zurollen bzw. diesen, entsprechend dem kindlichen Impuls, ebenfalls kicken oder werfen. Wenn Sie, für alle hörbar, benennen, auf welche Weise sich einzelne gerade mit ihrer Stoffbahn beschäftigen, werden die Kinder offener füreinander und für die sich entwickelnden Spielbeziehungen in der Gruppe.

Räume entdecken

Nah und fern, oben und unten: Motivieren Sie die Kinder, mittels der rollenden Stoffknäuel die Raumausdehnung zu erkunden. Geben Sie ihnen dabei ausreichend Gelegenheit, eigene Ideen umzusetzen und begleiten Sie diese sprachlich: „Habt ihr gesehen, das Stoffknäuel von Ben ist bis hinter den Sandkasten gerollt!“ – „Ob der Stoff von Jonas auch noch bis zur Gartentüre reicht?“ Dabei müssen die Stoffbahnen nicht unbedingt den direkten Weg nehmen, auch Kurven, Umwege, Labyrinthe und Stoffberge sind erlaubt. In einem Außengelände mit nur wenigen Spielgeräten bietet es sich an, mit zwei parallel verlaufenden Stoffbahnen einen Weg zu markieren, den die Kinder abgehen und dadurch die Raumrichtung wahrnehmen können. Die Mädchen und Jungen erkennen im Spiel u. a. die Raumlagepositionen: „Schaut mal, das Stoffknäuel von Naomi liegt oben auf der Rutsche!“ – „Und das Knäuel von Max ist unter der Rutsche hindurchgerollt!“ Sie lernen außerdem, den eigenen Standort und die Entfernung zu anderen Kindern und Objekten räumlich einzuschätzen. Durch das ungewohnte Material im vertrauten Spielbereich erleben sie Spielgeräte wie Rutsche oder Sandkasten aus einem anderen, neuen Blickwinkel und entwickeln nach und nach innere Bilder zu den Kategorien „oben und unten“, „vorn und hinten“ oder „fern und nah“.

Kletterhindernisse

Mit reichlich Stoffbahnen und ein paar Möbeln schaffen Sie Bewegungslandschaften, die es den Kindern ermöglichen, ihre motorischen Fähigkeiten selbstgesteuert zu erproben und zu trainieren. Zu diesem Zweck werden Möbel bewusst zweckentfremdet und mithilfe von Stoffstreifen fixiert, gepolstert oder mittels größerer Stoffstücke zu Fantasiebauten wie bspw. einer Höhle umgestaltet. Untendurch krabbeln oder doch lieber obendrüber steigen? Indem die Kinder versuchen, ein Hindernis aus Stoff und liegenden Stühlen zu überwinden, werden sie zu ungewohnten Bewegungsabläufen angeregt. Ein umgedrehter Stuhl, an dessen Bein ein Stück Stoff befestigt ist, wird zum Segelboot und fordert die Kinder immer wieder zum Ein- und Aussteigen auf. Ein Stoffstreifen, an einen Schemel geknotet, lädt die Kinder ein, das Möbelstück hinter sich herzuziehen. Auch bei einem Ausflug in den Wald lassen sich Stoffstreifen gut an Baumstämmen befestigen und werden so zum herausfordernden Kletterhindernis oder zur motivierenden Wegmarkierung. Im freien Spiel erproben die Kinder die Bewegungslandschaften und lassen dabei ihrer Fantasie freien Lauf. Greifen Sie die Impulse und Ideen der Mädchen und Jungen auf und stärken Sie die kindlichen Bewegungsaktivitäten durch Ihre Kommentare zu den Spielhandlungen. Beschränken Sie Ihre Unterstützung auf ein Minimum, um den Kindern ein Maximum an Selbstständigkeit zu gewähren und achten Sie während des Spiels vor allem auf Sicherheit: Stoffstreifen dürfen nicht um den Hals gelegt (Strangulationsgefahr) oder zur Stolperfalle werden. Auch wenn der Aufforderungscharakter einer aufgerollten Stoffbahn für die meisten Kleinkinder hoch ist, werden manche, vor allem sehr junge Mädchen und Jungen, zunächst nur zuschauen wollen. Lassen Sie ihnen Zeit, anderen bei ihrem Spiel zuzusehen. Nach einer Weile beteiligen sie sich meist gerne, wenn sie sich frei von Druck und Zwang fühlen.

Wickeln und Fädeln

Das Wickeln und Fädeln von farbigen Stoffstreifen ist für Kleinkinder ein weiteres, spannendes Element der entdeckenden Materialerfahrung. Anschaulich erleben die Mädchen und Jungen bei diesen feinmotorisch anspruchsvollen Tätigkeiten, dass ihr Bewegungshandeln konkrete Effekte hat. Zeigen Sie den Kindern, wie sich z. B. ein Maschendrahtzaun als Fädelgerüst nutzen lässt, indem Sie für jedes Kind in entsprechender Höhe einen „Bilderrahmen“ fädeln. Solch ein Rahmen animiert Kinder im dritten Lebensjahr voraussichtlich, es Ihnen gleichzutun und den Rahmen auszufüllen. Ein Pfeifenputzer, befestigt am Ende eines Stoffstreifens, erleichtert es ihnen, das weiche Material durch das Zaungitter hindurchzufädeln. Eine weitere spannende Herausforderung für ältere Kleinkinder: der Versuch, mit Stoffbahnen gemeinsam einen Baum zu umwickeln. Tipp: Bitten Sie die Eltern in einem Aushang oder Brief, Ihnen für die Gestaltung der Bewegungsarrangements alte, ausgediente Bettwäsche zu überlassen. Sollten Ihnen trotz des Aufrufs keine oder nur wenige Bezüge zur Verfügung stehen, lassen sich einige der beschriebenen Aktionen auch mit herkömmlichem Absperrband durchführen.

Vielfältige Lerngelegenheiten  

Das Spiel mit den Stoffknäueln ermöglicht Kindern, über die Erkundung des Raums hinaus, viele weitere Erfahrungen:

  • Physikalische / mathematische Erfahrungen: beobachten, wie das Stoffknäuel einen kleinen Hügel hinabrollt bzw. sich von alleine entrollt; messen, wie weit der Weg von der Rutsche bis zum Sandkasten ist
  • Ästhetische Erfahrungen: bei der Gestaltung eines Legebildes verschiedene Farben und Formen von Stoffen wahrnehmen
  • Sprachliche Erfahrungen: beim Abstimmen mit anderen Kindern und bei der einfühlsamen Begleitung durch die pädagogische Fachkraft
  • Fein- und körpermotorische Erfahrungen: werfen, spannen, fädeln, rollen, klettern, krabbeln, kriechen

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