Hautarzt in eigener SacheNeurodermitis bei Kindern

Die Zahl an Neurodermitis erkrankten Kindern nimmt leider zu. Gerade Neurodermitis ist für Kleinkinder sehr unangenehm und die Haut bedarf besonderer Pflege, damit der Juckreiz nicht unerträglich wird.

Hautarzt in eigener Sache: Neurodermitis bei Kindern
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"Am schlimmsten ist der Juckreiz!" Wenn Kinder an Neurodermitis erkrankt sind, leidet oft die ganze Familie mit. Hilflos sitzen Eltern am Bett ihres verzweifelten Kindes, das sich nachts mal wieder blutig gekratzt hat. Oft folgt ein Behandlungs-versuch nach dem anderen, mal mit Schulmedizin, mal mit alternativen Methoden. "Eine scheußliche Krankheit", sagt die Münchner Medizinprofessorin Erika von Mutius. "Was bei einem Patienten funktioniert, funktioniert beim anderen nicht."

Kleine Kinder sind besonders betroffen

In der Bundesrepublik leiden mehr als zehn Prozent der Mädchen und Jungen bis sechs Jahre unter Neurodermitis. In rund 60 Prozent der Fälle beginnt die Allergie im ersten Lebensjahr. Etwa 87 Prozent aller Neurodermitiker sind in ihren ersten fünf Lebensjahren erkrankt.

Die Zahl der Menschen, die an Neurodermitis erkrankt sind, hat sich in den letzten zwanzig Jahren verdreifacht. Noch ist ihre genaue Ursache nicht bekannt. Oft liegt eine genetisch bedingte Überempfindlichkeit vor, aber auch andere Risikofaktoren haben Wissenschaftler inzwischen identifiziert.

Behandelt werden bislang nur die Symptome der Neurodermitis. Für betroffene Kleinkinder gibt es allerdings auch eine gute Nachricht: Etwa 80 Prozent von ihnen sind ihre Beschwerden bis zur Einschulung los.

Es fängt mit Hautrötungen an. Schon bald beginnt es zu jucken. Stark entzündete, manchmal nässende Stellen deuten ebenso auf Neurodermitis hin wie auffallend trockene Haut. Besonders in den Arm- und Kniebeugen sowie an Händen und Hals ist die Haut entzündet und juckt. Kratzt das Kind - Kratzen unterliegt nicht dem Willen und kann nicht verboten werden -, irritiert das die Haut erneut. Sie verschlechtert sich, der Juckreiz wird stärker. So entsteht ein Teufelskreis aus Jucken und Kratzen.

Das Immunsystem spielt verrückt

Viele Risikofaktoren für Neurodermitis hat die Forschung inzwischen erkannt. Die Krankheit tritt häufig bei Menschen auf, in deren Familien bereits allergische Erkrankungen vorliegen. So beträgt etwa das Risiko, an Neurodermitis zu erkranken, 50 bis 70 Prozent, wenn beide Eltern die gleiche Krankheit haben. Ist ein Elternteil ein Allergiker, erkrankt in 20 bis 40 Prozent der Fälle auch das Kind.

Wie Asthma und Heuschnupfen ist Neurodermitis eine "atopische Erkrankung". Das Immunsystem von Atopikern richtet sich gegen eigentlich völlig harmlose Stoffe aus der Umwelt und bekämpft sie mit einer krankmachenden Überreak-tion.

Auslöser dieser Überreaktion sind die Allergene. Was einen Stoff zum Allergen macht, wissen die Forscher noch nicht. Sie können von Tieren, Pflanzen oder Chemikalien stammen oder von Mikroben übertragen werden. Allergenquellen sind beispielsweise Pollen, die Hausstaubmilbe, Schimmelpilze, Tierhaare, Kuh-milch, Hühnerei, Weizen, Soja, Erdnuss, Fisch oder Tabakrauch.

Je nach Alter kann ein Kind im Laufe seiner Erkrankung auf unterschiedliche Allergene reagieren. Zunächst reagiert es vielleicht auf Nahrungsmittelallergene, etwa auf Hühnerei, Kuhmilch, Soja, Weizen, Nüsse oder Fisch. Solche Nahrungs-mittelallergien können später wieder verschwinden. Manchmal folgt dann eine Empfindlichkeit gegenüber Pollen, Hausstaubmilben oder Tierhaaren.

Eine individuelle Therapie finden

Ein Patentrezept zur Behandlung von Neurodermitis gibt es nicht. Sie kann nur ganzheitlich und mit Mitwirkung des Patienten beziehungsweise seiner Eltern behandelt werden. "Am wichtigsten ist es, der eigenen Beobachtung zu trauen", sagt Erika von Mutius, die am Haunerschen Kinderspital in München die Abteilung Allergologie leitet. "Ausprobieren, was hilft", rät die Ärztin, mahnt aber auch davor, dass bestimmte Behandlungsmethoden zum Glaubensinhalt werden.

Als Hautarzt in eigener Sache gilt es herauszufinden, wie man auf Körperpflege-mittel, Textilien, Nahrung etc. reagiert. Für die Betroffenen und ihre Eltern beginnt damit die reinste Detektivarbeit, um krankheitsfördernde Faktoren zu erkennen - kommen doch Staubfänger, Sofapolster, Teppiche und Vorhänge ebenso in Betracht wie Haustiere, Blütenpollen oder Nahrungsmittelbestandteile.

Ärzte empfehlen beispielsweise, Ernährungstagebücher zu führen, um am eigenen Leib zu beobachten, wie verträglich ein Produkt ist. Eindringlich warnen sie vor Diäten mit Kindern. Gerade in der Wachstumsphase schadet eine Mangelernährung dem betroffenen Kind gewaltig. Wunderdiäten gegen Neuro-dermitis, "allergenfreie Vollwertkost" gebe es nicht. "Diäten sollen nur unter professioneller Anleitung durchgeführt werden", mahnt Erika von Mutius. Etwas anderes ist es, wenn ein Patient nach mehrfacher sorgfältiger Beobachtung feststellen kann, dass ihm ein Nahrungsmittel schadet, - und dies dann weglässt. Für Säuglinge gilt allerdings: Stillen. Säuglinge, die mehrere Monate Muttermilch bekamen, haben ein geringeres Erkrankungsrisiko.

Den Juckreiz überwinden

Wichtig ist auch, den Kreislauf von Juckreiz und Kratzen zu durchbrechen bzw. Kratzanfälle einzudämmen. Die erkrankte Haut kann durch äußere Reize stark irritiert werden, etwa durch Wolle, synthetische Stoffe und Kosmetika, die daher gemieden werden sollten. Mediziner empfehlen auch Entspannungstechniken, kühlende Fantasiereisen oder "Kratz-Klötzchen".

Nicht zuletzt können Krankheitsschübe und Kratzattacken durch psychische Faktoren begünstigt werden. Emotionale Spannungen, der Wunsch nach Auf-merksamkeit und Nähe - auch das kann mit der Krankheit ausgedrückt werden. Durch die Dramatik der Symptome und die verzweifelten Suche nach Hilfe stehen Familien manchmal unter großem Druck, der sich oft erst im Kreis von anderen Betroffenen - Selbsthilfegruppen, Spielnachmittage für kleine Neuroder-mitiker - wieder löst.

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