Vom Kindergarten zur SchuleDie erste Lehrerin

Im Leben eines Kindes ist die erste Lehrerin in der Schule eine sehr wichtige Person. Sie ist Mentor, Beziehungsperson und sollte auch beschützend zur Seite stehen. Natürlich kann es auch zu Konflikten mit der Lehrerin kommen.

Vom Kindergarten zur Schule: Die erste Lehrerin
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Als ich Ostern 1960 eingeschult wurde, enttäuschte mich mein Lehrer zunächst. "Morgen bekommt ihr alle ein Plätzchen!", versprach er uns. Als ich am nächsten Tag einen Sitzplatz von ihm zugewiesen bekam, fühlte ich mich um den erwarteten Keks betrogen. Trotzdem: Ich liebte meinen Lehrer heiß und innig.

Aus Elternsicht ist solch ein Ereignis sicherlich das geringste Problem. Da herrscht eher die Sorge vor, ob sich das Kind in der Schule gut einleben, an den neuen Tagesrhythmus und die Klassengemeinschaft gewöhnen wird. Eltern von Schulanfängern hoffen - das äußern sie seit der PISA-Studie noch häufiger als zuvor - auf eine gute Lernentwicklung ihrer Kinder. Und natürlich fragen sie sich auch, wie ihr Kind mit seiner Lehrerin oder seinem Lehrer (über 90 Prozent aller Grundschul-Lehrkräfte sind weiblich!) zurechtkommen wird. Sie wissen, dass Kinder in diesem Alter noch besonders "für die Lehrerin" lernen und hoffen deshalb, dass "die Chemie stimmt".

Heiße Liebe

Fast alle Kinder geben ihrer ersten Lehrerin einen großen Vertrauensvorschuss und lieben sie heiß und innig. Eine Lehrerin muss schon sehr viel falsch machen, sehr ungerecht sein, sehr viel Angst verbreiten, um von einem Schulanfänger abgelehnt zu werden. Genau das wird für manche Eltern (und für Mütter mehr als für Väter) zum Problem: Das Wort der Lehrerin gilt jetzt häufig mehr als ihres. "Frau L. hat aber gesagt, wir sollen das so machen!", heißt es dann oft, wenn Mama etwas anderes verlangt.

Für die Erstklässler spielt ihre Lehrerin besonders deswegen eine so große Rolle, weil sie es ist, die sie durch die Unsicherheiten des neuen Umfeldes führt. Schule ist nicht nur etwas Neues, sondern auch anders als der Kindergarten. Sie konfrontiert die Kinder mit Pflichten und neuen Anforderungen. Viele sind auch von der neuen Umgebung eingeschüchtert. Auf dem Schulhof toben viele Kinder herum, die manchmal rücksichtslos sind. Die Großen ärgern oftmals die Kleinen, zu denen die Schulanfänger jetzt wieder dazugehören. Als Abc-Schützen möchten sie gerne immer alles richtig machen und stehen daher unter großer Anspannung. All das verunsichert Kinder. Ihre Lehrerin bietet ihnen die gesuchte Orientierung; sie ist der berühmte "Fels in der Brandung". Bedenken Sie, dass Ihr Kind möglicherweise in einen Loyalitätskonflikt gerät, wenn Sie sich kritisch über seine erste Lehrerin äußern.

Die Lust am Lernen wecken

Schon vor dem Schuleintritt lernen Kinder unendlich viel: zu Hause, auf dem Spielplatz, im Kindergarten. Gerade der Kindergarten ist nicht nur Spiel-, sondern jeden Tag auch Lernort. Die Schule unterscheidet sich jedoch von ihm durch die Systematik, mit der das Lernen organisiert wird.

Der Frontalunterricht alter Prägung ist in der Grundschule mehr und mehr durch Formen des "Offenen Unterrichts" (Freie Arbeit, Wochenplanarbeit, Projekt- und Werkstatt-Unterricht, Stationenlernen usw.) in den Hintergrund gedrängt worden. Aber auch dann, wenn die Kinder in unterschiedlichem Tempo an verschiedenen Themen und Materialien arbeiten können, verfolgt die Lehrerin die Lern-entwicklung aller Kinder und achtet darauf, dass möglichst jedes seinen individuellen nächsten Lernschritt macht. In der Grundschule gilt dabei das Motto: "Wir unterrichten nicht Fächer, sondern Kinder." Mit dieser Einstellung versucht die Lehrerin, jedem Kind dabei zu helfen, eine positive Lernhaltung zu entwickeln:

  • Sie lobt es für seine Bemühungen, nicht nur für seine Ergebnisse, um so die Anstrengungsbereitschaft zu stärken.
  • Sie weist es auf seine persönlichen Lernfortschritte hin, ohne es mit den anderen Kindern zu vergleichen, um dadurch sein Selbstbewusstsein und angstfreies Lernen zu fördern.
  • Sie gibt ihm Anregungen für die Organisation der Hausaufgaben und Tipps für das Üben in allen Lernbereichen, um die "Schlüsselqualifikation Lernkompetenz" auf- und auszubauen.
  • Sie ermuntert die Kinder, sich darüber auszutauschen, wie sie lernen. Damit regt sie zum Ausprobieren neuer Lerntechniken an.
  • Indem sie den Schülerinnen und Schülern Gelegenheiten zum paar- und gruppenweisen Arbeiten verschafft, fördert die Lehrerin Teamfähigkeit und Sozialverhalten.

Probleme mit der Lehrerin

Was ist aber, wenn die heiße Liebe rasch abkühlt? Was, wenn die Schule bald "doof" ist, die Lehrerin "blöd" und das Kind sagt: "Da geh' ich nicht mehr hin!"? Dann sollten Sie Ihrem Schulkind mögliche Probleme mit seiner Lehrerin nicht nehmen. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget sagt: "Wer einem Kind die Lösung eines Problems sagt, betrügt es um seine eigenen Erfahrungen." Machen Sie seinen Ärger nicht gleich zu Ihrem eigenen. Sie müssen sich auch nicht sofort zur Lehrer-Sprechstunde anmelden. Hören Sie Ihrem Kind zunächst einmal zu und versuchen Sie zu verstehen, welche Gefühle es bewegen. Folgende Grundsätze helfen Ihnen, Ihr Kind dabei zu unterstützen, mit einer problematischen Lehrer-Schüler-Beziehung zurechtzukommen:

  • Hören Sie Ihrem Kind zu, wenn es sich beklagt, ohne Partei zu ergreifen.
  • Zeigen Sie, dass Sie seine Gefühle verstehen, auch wenn Sie sie vielleicht nicht bejahen.
  • Vermeiden Sie Schuldzuweisungen wie "Du wirst schon wissen, weswegen sie mit dir geschimpft hat" oder "Das war aber nicht richtig von deiner Lehrerin", denn Sie waren ja nicht dabei.
  • Sprechen sie stets respektvoll über die Lehrerin Ihres Kindes, denn sie hat den gleichen Anspruch auf unantastbare Würde wie Sie und Ihr Kind.
  • Sagen Sie Ihrem Kind bei passender Gelegenheit, was Ihnen an seiner Lehrerin gefällt.
  • Lassen Sie keinen Zweifel daran aufkommen, dass Ihr Kind auch bei Schwierigkeiten zur Schule gehen muss. Das Fernbleiben löst kein Problem.
  • Sollte es einen echten Konflikt geben, suchen Sie das Gespräch mit der Lehrerin. In den meisten Fällen ist das Dreiergespräch gemeinsam mit dem Kind der beste Weg, um Probleme auszuräumen und zwischen allen Beteiligten abgestimmte Absprachen zu treffen.
  • Pflegen Sie den Kontakt zur Lehrerin schon, bevor es ein Problem gibt. Bringen Sie sich ins Schulleben ein, so weit es Ihre Zeit ermöglicht. Dann lassen sich mögliche Konflikte besser bereinigen.
  • Loben Sie die Lehrerin ruhig mal, wenn sie etwas Schönes mit den Kindern gemacht hat. Erzählen Sie ihr, wenn Ihrem Kind im Unterricht etwas gut gefallen hat.

Lehrerinnen und Lehrer sind auch nur Menschen und haben ihre Stärken und Schwächen. Aber sie sind die Profis in der Schule und wissen in aller Regel, was sie tun. Und: Auch sie lieben "ihre" Kinder und wollen ihnen von Herzen gerne helfen, einen guten Start in der Schule zu haben.

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