Drehort KitaEin Interview mit dem Filmemacher Kurt Gerwig

Seine Protagonisten sind Kinder und pädagogische Fachkräfte. Kurt Gerwigs Filme entstehen größtenteils im sozialen Bereich und erreichen die Menschen nicht nur in den Köpfen, sondern auch in den Herzen. Was den Erfolg des Produzenten ausmacht und was ihn motiviert, erzählt er kindergarten heute.

Kindergarten heute: Wie kamen Sie zum Filmemachen?

Kurt Gerwig: Ich bin absoluter Autodidakt. Während meiner praktischen Arbeit als Diplom-Sozialpädagoge hatten Jugendliche während einer Freizeit gefilmt und wollten das Ergebnis am Elternabend zeigen. Drei Stunden waren jedoch viel zu lang und so habe ich mich hingesetzt und meinen ersten Film geschnitten, ausgewählte Sequenzen von der Kamera direkt auf den Videorekorder überspielt. Das war 1985. Danach hatte es mich gepackt! Weitere kleine Filme folgten, bei denen ich immer mehr dazugelernt habe, und bald wusste ich: Das ist meine Berufung! Und wenn man etwas mit großer Begeisterung macht, dann lernt man auch sehr schnell.

Wie kommen Sie auf Ihre Filmthemen?

Bei der Suche nach neuen Filmthemen versuche ich stets durch „die Brille der pädagogischen Fachkräfte“ zu schauen und dabei entdecke ich dann neue Filmprojekte. Dabei frage ich mich: Was ist innovativ? Wie beispielsweise 1996 die Waldkindergärten. Was ist erklärungsbedürftig? Wie etwa das neue Bildungsverständnis beziehungsweise Bild vom Kind. Oder was ist vielleicht sehr kompliziert in der Praxis der Elementarpädagogik, wo kann ich mit einem Film praktische Tipps und Hilfen vermitteln? Wie zum Beispiel mit unseren Sprachförderfilmen oder ganz aktuell mit unserem neuesten Projekt „Kinder mit Fluchterfahrung in der Kindertagesbetreuung“, bei dem es darum geht, die Herausforderungen, Wege und Chancen in diesem Kontext aufzuzeigen. Wenn man erstmal eine Vision von einem Filmthema hat, ist es nicht schwer, es mit Leidenschaft und Engagement umzusetzen.

Und wie spüren Sie Entwicklungen auf?

Ich habe das Ohr ganz nah an der Praxis. Meine Frau war in der Elementarpädagogik tätig, meine Tochter ist es immer noch, ich lese viele Fachzeitschriften, wie beispielsweise kindergarten heute, recherchiere im Internet, um herauszufinden, was die Erzieher und Erzieherinnen vor Ort bewegt, und ich habe beste Kontakte zu zahlreichen renommierten Wissenschaftler(inne)n und Expert(inn)en der Elementarpädagogik, beispielsweise zu dem Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther oder zu Detlef Diskowski, dem ehemaligen Referatsleiter Kindertagesbetreuung im Brandenburger Ministerium für Bildung, Jugend und Sport. Mit diesen beiden bin ich inzwischen auch gut befreundet und von ihnen erhalte ich viele Ideen, Hinweise und Anregungen für neue Filmthemen. Ich muss also neue Entwicklungen nicht aufspüren, sie kommen oft zu mir. Die Liste für neue Filmthemen, die wir zukünftig bearbeiten wollen, ist lang und ständig kommen neue hinzu.

Welches Thema können wir als nächstes in der Palette pädagogischer Filme erwarten?

Ganz aktuell beschäftigt uns der Film über „Kinder mit Fluchterfahrungen …“, das ist eine sehr aufwendige und spannende Produktion. Im Oktober dieses Jahres werden wir den dritten „Pädagogik-Talk“ aufzeichnen, bei dem es um den oft sehr inflationär gebrauchten Begriff „Haltung“ gehen wird. Und ein weiteres wichtiges Thema, das wir demnächst filmisch umsetzen wollen, ist „Bewegung als Motor der Bildung“. Manchmal setzen wir aber auch zwischendurch und ganz spontan ein Thema filmisch um, eben weil es sich gerade anbietet, wie zum Beispiel mit dem Film über die innovative Fröbelschule im thüringischen Keilhau („Das Leben als Lernplan“).

Wann wird ein Thema für Sie zu einem Filmthema?

Ein Thema wird für mich zu einem Filmthema, sobald ich darin eine praktische Verwertbarkeit für die pädagogischen Fachkräfte erkennen kann. Welchen Nutzen kann es für die engagierten Erzieher/-innen, Fortbildner/-innen, Fachund Fachhochschullehrer/-innen vor Ort und „am Ende der Kette“ dann immer auch für die Kinder haben, mit denen die Fachkräfte arbeiten? Außerdem müssen Vertriebschancen erkennbar sein, denn ich finanziere die Produktionen ja meist selbst und versuche anschließend über den Verkauf der DVDs in unserem Shop meine Investitionen zu refinanzieren. Es gibt also auch einen monetären Aspekt, denn letztlich müssen wir ja auch davon leben. Meistens klappt das ganz gut, aber es gibt eben auch immer wieder mal Flops, bei denen wir unsere Kosten nicht wieder einspielen können. Doch wenn die genannten Voraussetzungen weitgehend stimmen, wird ein Thema bei uns zu einem Filmthema.

AV1 Pädagogik-Filme - war das Ihre Motivation zu Beginn?

Als Sozialpädagoge in der Praxis habe ich früher oft gehört: „Tue Gutes und rede nicht drüber!“ Gleichzeitig hatte die soziale Arbeit ein noch recht unterbelichtetes Image. Das wollte ich so nicht akzeptieren. Mein Credo lautete damals: Gute pädagogische Arbeit kann man nicht unmittelbar erkennen, also muss man sie sichtbar machen! Und dafür gibt es kein geeigneteres Medium als bewegte Bilder, die aufbereitet mit ansprechender Musik zudem noch emotionalisieren, also die Menschen nicht nur in den Köpfen, sondern auch in den Herzen erreichen können. Das war meine anfängliche Motivation: Filme im sozialen Bereich zu machen … und sie ist es heute immer noch.

Welches ist Ihr bester Film in der Palette der pädagogischen Filme? Warum dieser?

Unser bester und auch erfolgreichster Film ist der „Erzieher/-innen-Film“ („ErzieherIn - Beruf oder Berufung“). Das war seinerzeit eine höchst aufwendige Produktion: umfangreiche Recherchen, intensive Drehbuchentwicklung und viele Drehorte, an denen zahlreiche renommierte Expert(inn)en interviewt wurden. Herausgekommen ist ein zeitloses Standardwerk, das auch heute noch wichtige Grundlagen vermittelt und wesentliche Fragen beantwortet. Er gehört eigentlich in die Hand jeder pädagogischen Fachkraft. Wir sind immer noch sehr stolz auf diesen Film.

Wir stellen uns vor, dass Filmemacher ständig lustige Szenen erleben. Ist das so?

Na ja, lustige Szenen gibt es auch mal, wie neulich in einer Kita in Guben, als der Interviewer rückwärts ins Bällchenbad gefallen war. Aber in der Regel sind es andere Szenen, die mich bewegen, zum Beispiel, wenn der 5-jährige Malik das Mikro in die Hand nimmt und uns in professioneller Manier seinen Kindergarten vorstellt, wie voriges Jahr bei der Produktion eines Filmes in Ulm geschehen. Jedes Mal wenn ich diese Szenen sehe, bekomme ich Gänsehaut! Beeindruckend ist für mich aber auch, mit welcher Kompetenz und Souveränität die Erzieher/-innen vor unsere Kamera treten und dabei professionell und selbstbewusst Auskunft geben. Ich kenne keine andere Zielgruppe, die so offen und medienkompetent ist, auch wenn sie vorher meist aufgeregt sind, einen starken Adrenalinschub haben. Aber ich sage ihnen immer: „Das gehört dazu, denn dann sind Sie hellwach!“

Wie reagieren die Kinder auf Sie, wenn Sie filmen?

Kinder zu filmen ist für einen Kameramann die schwierigste Aufgabe, die es gibt, denn er kann nichts inszenieren oder stellen - aber das wollen wir ja auch nicht -, sondern er muss die Kamera laufen lassen und abwarten, bis ihm die Kinder die Szenen anbieten, die wir uns gemäß Drehbuch erhoffen. Das erfordert viel Geduld, Antizipation und noch mehr Empathie. Ich glaube, das ist es aber auch, was mein Team auszeichnet. Viele Menschen bestätigen uns das immer wieder: Eure Filme sind so einfühlsam gedreht. Ich denke, das liegt daran, dass wir, wenn wir in die Kita kommen, nicht einfach die Kamera anschalten und losdrehen, sondern erst ein Warm-up mit den Kindern machen, ihnen unsere kleine Kamera in die Hand geben, sie damit experimentieren lassen und so eine Nähe zu den Kindern herstellen und Angst abbauen. Danach reagieren die Kinder meist gar nicht darauf, dass sie gefilmt werden, und wir bekommen schöne Szenen in den Kasten.

Wie kann man Authentizität rüberbringen?

Authentizität bedeutet ja „echt sein“ und das ist ein wesentliches Kriterium unserer Filme, denn wir wollen filmen, was wir tatsächlich vorfinden. Unsere Filme haben immer etwas Dokumentarisches. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass wir die Situation möglichst wenig beeinflussen und uns mit unserem Dreierteam und der Kamera möglichst zurücknehmen. Außerdem glaube ich, ganz gut auf Kinder zugehen und mit ihnen umgehen zu können. Ich denke, sie spüren, dass ihnen jemand gegenübersteht, der sich für sie und ihre Tätigkeiten wirklich interessiert und sie nicht zum Objekt macht. Das ist eine weitere wesentliche Voraussetzung für Authentizität.

Was zeichnet einen guten pädagogischen Fachfilm aus?

Ein guter pädagogischer Fachfilm entsteht, wenn man etwas vom Thema versteht, also sich gut auskennt oder genau recherchiert. Außerdem dann, wenn man weiß, was die Zielgruppe will und braucht - und die Zielgruppe kennen wir inzwischen sehr gut -, wenn man eine klare Botschaft hat, einem bewusst ist, was man vermitteln will, und das alles letztlich auch filmisch gut umsetzt. Von der empathischen Kameraarbeit habe ich ja schon gesprochen. Ähnliche Anforderungen werden bei der Nachbearbeitung benötigt: einfühlsame Auswahl der Motive, eine didaktisch wirkungsvolle Montage der Szenen sowie die Auswahl ansprechender Musik. Zudem wird ein Sprecher benötigt, der dem Genre gerecht wird. Ich bespreche die meisten Filme selbst und nicht selten erkennt man meine Stimme am Telefon wieder und sagt mir: Ach, Sie sind der mit der schönen „Bärenstimme“! Das freut mich dann. Jeder Filmemacher hat ja seinen eigenen Stil. Unsere Filme leben von überzeugenden Konzepten und deren einfühlsamer visueller Umsetzung; da kann ich mich auf mein Team, das ich selbst ausbilde, absolut verlassen.

Welche Situation beim Filmen von Kindern war für Sie eine tolle Erfahrung?

In 30 Jahren gab es natürlich viele tolle Erfahrungen und manch eindrückliche Begegnung. Vom Jungreporter Malik habe ich ja schon erzählt. Kürzlich hatte ich noch eine wunderbare Erfahrung, als ich bei einem Fußballspiel des 1. FC Köln gefilmt habe und mein 9-jähriger Enkelsohn Mats mich begleiten durfte. Als wir neben der Ersatzbank standen, auf der auch Timo Horn, der Kölner Torhüter, saß, sagte Mats, selbst Torhüter, „Opa, den frag ich jetzt mal was“, nahm das Mikro und führte ein nahezu professionelles Interview. Die anderen Profi-Reporter standen wartend und staunend daneben und fragten, was das denn für ein „cooler Typ“ sei. (Das Interview gibt’s übrigens auf unserem YouTube-Kanal zu sehen.) Mein Fazit: Wenn Kinder sich für etwas begeistern und sich in sicherer Umgebung wissen, dann können sie über sich hinauswachsen. Das ist bei den Begegnungen mit den Kindern im Rahmen unserer Dreharbeiten in den unzähligen Kitas sehr oft so und immer wieder eine tolle Erfahrung.

Was motiviert Sie?

Den Job, den ich mache, kann man nur gut machen, wenn man Kinder liebt. Das ist genauso wie bei den pädagogischen Fachkräften. Die Kinder haben so viel Entdeckerfreude und Neugier, von ihnen kommen absolute Echtheit und ständige Inspiration, das motiviert mich immer wieder aufs Neue, ihnen mit unseren Filmen - indirekt über die Arbeit der Erzieher/-innen - etwas geben zu können, das sie unterstützt und in ihrer Entwicklung voranbringt. Das ist es, was mich antreibt.

Kann man Filme im pädagogischen Alltag „planen“? Und wenn ja, wie planen Sie?

Jeder Film wird genau geplant: Nach der Ideenfindung gibt es ein Brainstorming darüber, was wir filmisch „transportieren“ können und wollen. Dann folgen die Recherche, also Materialsammlung, Hintergrundgespräche, Expert(inn)enbefragung. Als Erstes schreiben wir ein Exposé und kalkulieren auch durch, was der Film kosten wird und wie die Absatzchancen sein werden. Ist das alles positiv, schreiben wir das Skript oder ein Drehbuch und suchen Einrichtungen, in denen wir drehen können. Das alles sieht man ja als Außenstehende/-r meist nicht. Erst danach folgt das, was den meisten als Filmemachen bekannt ist, die Dreharbeiten. Die Nachbearbeitung findet wieder nicht-öffentlich statt, nimmt aber die meiste Zeit in Anspruch. Ich vergleiche das immer mit einem Puzzlespiel, Teilchen für Teilchen zu einem Ganzen Zusammenfügen, aber in aller Ruhe, oft auch nachts. Insofern bedeutet Filmemachen Planung von Anfang an, ganz gleich ob im pädagogischen Feld oder woanders.

Wenn Sie morgen einen Termin bei der Bundesfamilienministerin hätten, was würden Sie ihr sagen?

Witzig, wir haben gerade eine Anfrage für einen Drehtermin bei der Bundesfamilienministerin gestellt, nämlich für ein Interview für unseren Film über „Kinder mit Fluchterfahrung“. Wenn wir eine positive Antwort erhalten werden, weiß ich natürlich genau, was ich sie (gemäß unserem Drehbuch) fragen werde. Aber Sie meinen das ja wahrscheinlich etwas anders: Nun, was ich ihr sagen würde? Ich finde, sie macht ihren Job gut, trotzdem würde ich ihr sagen: „Hängen Sie im Kabinett das Thema ‚Bildung‘ höher, erfolgen Sie Investitionen in Bildung mit noch größerem Nachdruck, denn Bildung ist die wichtigste Ressource für unsere Zukunft.“ Und ich würde ihr sagen, dass ich sie dabei natürlich gern unterstützen würde - mit unseren Filmen.

Gibt es eine Protagonistin oder einen Protagonisten, die oder den Sie unbedingt einmal vor die Kamera bekommen möchten?

Nein, ich habe da keine besondere Präferenz. Ich freue mich über jedes Kind und jede pädagogische Fachkraft, die vor unserer Kamera steht.

Kurt Gerwig ist Inhaber von AV1 Pädagogik- Filme. Er ist Autor und Produzent der Filme und einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Filmemacher im pädagogischen Bereich. Seit über 30 Jahren und mit großer Begeisterung setzt der praxiserfahrene Diplom-Sozialpädagoge wichtige Themen für Kitas, Schulen und Eltern in Bild und Ton um. Dabei sind viele DVDs entstanden, deren Inhalte für die Arbeit mit Kindern sehr hilfreich sind. Mehr Infos zu AV1 Pädagogik-Filme unter: www.paedagogikfilme.de

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