Grundlagen für die BildungsarbeitTheorie und Praxis der Frühpädagogik U3 (2)

Neurowissenschaftler untersuchen den Lerneifer von Kindern und blicken fasziniert auf die sensiblen ersten Jahre. In diesem Beitrag werden Erkenntnisse vorgestellt, die für die konzeptionelle Gestaltung der pädagogischen Bildungsarbeit wichtig sind.

Die moderne Säuglingsforschung hat den Blick auf die ersten Lebensjahre verändert. Kinder sind Erforscher ihrer Welt. Sie sind eigenaktiv und von Beginn an mit enormen Potenzialen ausgestattet, um sich die Welt anzueignen. In den ersten Jahren vernetzt sich das kindliche Gehirn so komplex, wie es zu keiner anderen Lebensphase später möglich sein wird.

Die Besonderheit der ersten Jahre

Neuere Forschungsbefunde belegen, dass Kinder schon in den ersten Jahren gezielt Beziehungen zu Spielpartnern aufbauen, die gegenüber Kontakten zu Erwachsenen einen besonderen Charakter aufweisen. Bisher wurde das Spiel von Kindern unter drei Jahren als „Parallelspiel“ bezeichnet. Genaue Beobachtungen der Spielkontakte von sehr jungen Kindern untereinander zeigen aber, dass sie sich schon viel früher als bislang gedacht in ein komplexes Beziehungsgefüge einbringen können. Soziale Kontakte zu Kindern verschiedener Altersstufen stellen Erfahrungspotenziale bereit, die für die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung in hohem Maße förderlich sind. Um die kindlichen Bildungspotenziale zu entfalten, ist ein professionelles Handeln in Kitas erforderlich, das eine sichere, vertraute und anregungsreiche Umgebung bietet. Bildungsprozesse in der frühen Kindheit benötigen eine stabile Basis. Man könnte sogar so weit gehen zu formulieren, dass Bildung ohne Bindung nicht zu denken ist. Die Bindungsforschung untermauert die Bedeutung der Bezugspersonen für die kindlichen Selbstbildungsprozesse mit dem Aufbau einer tiefen Bindung von Geburt an. Diese Basis versetzt das Kind erst in die Lage, sich dem Erforschen seiner Umwelt zu widmen. Das Kind ist dabei ein aktiver Lerner: Es erforscht und studiert seine Umgebung und zieht im Rahmen seiner jeweiligen Wahrnehmungsmöglichkeiten Schlussfolgerungen. Verschiedene Forschungsrichtungen im Bereich der frühen Kindheit, wie zum Beispiel neurowissenschaftliche und entwicklungspsychologische Disziplinen, stellen die einfachen kindlichen Tätigkeiten unter die gleichen Fragestellungen: Wie lernen Kinder? Wie speichert das Gehirn Erfahrungen? Welche förderlichen Bedingungen sind dazu notwendig?

 Das Konzept der Selektion

Die Neurobiologie untersucht Aufbau und Funktion von Neuronen und ihren Verbindungen im Gehirn. Die neuronalen Netze werden besonders durch Erfahrungen ausgebildet. Diese Netzwerke müssen von jedem Kind zu Beginn seines Lebens neu ausgebildet werden. Das bedeutet: Das Gehirn besitzt in dieser Zeit seine größtmögliche Flexibilität. So betrachtet ist die frühe Kindheit eine entscheidende Lebensphase, in der das kindliche Gehirn lernt, eigenaktiv die gewonnenen Erfahrungen aufzunehmen, zu ordnen und mit den schon vorhandenen abzugleichen. Die Forscher gehen dabei von einem Konzept der Selektion und der sensiblen Phasen in der Entwicklung des Gehirns aus. Sie vermuten, dass Entwicklungen zu bestimmten Zeitpunkten auftreten, ein sogenanntes Zeitfenster bilden, in der die Entwicklung des Gehirns wirksam gefördert werden kann. Das bedeutet, dass in jeder kleinen Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrung, die das Kind in der Auseinandersetzung mit der Umwelt macht, Nervenverbindungen angesprochen und ausgebaut werden. In diesen Prozessen werden vorhandene Erfahrungen mit neuen Eindrücken verknüpft. Zu einer überdauernden Verbindung werden aber nur diejenigen Verknüpfungen ausgebildet, die öfter angesprochen und dadurch angeregt werden. In der Sprache der Neuropsychologen wird von einer Verstärkung der Nervenbahnen gesprochen. Um diese Zeitfenster zu nutzen, ist Kindern zudem ein Neugierverhalten angeboren. Das explorative Verhalten ermöglicht Kindern (...), diese besonders günstige Zeit des Lernens intensiv zu nutzen“ (Scheunpflug 2001, S. 54f.). Neurowissenschaftler können dennoch keine genauen Zeittafeln erstellen, aus denen abzulesen wäre, in welchem Entwicklungsstadium welche Tätigkeiten und Inhalte für Kinder besonders wichtig und interessant sind. Singer gibt pädagogischen Fachkräften dazu folgenden Rat: „Da bislang nur wenig experimentelle Daten darüber vorliegen, wann das menschliche Gehirn welche Informationen benötigt, ist es wohl die beste Strategie, sorgfältig zu beobachten, wonach die Kinder fragen“ (Singer 2001, S. 54).

Der Selektionsmechanismus des Gehirns hilft dem Kind auch, sich in der jeweiligen sensiblen Phase auf das Wesentliche zu konzentrieren. Beim Laufenlernen wird zum Beispiel keine gleichzeitig stattfindende sprunghafte Sprachentwicklung zu beobachten sein. Das Kind, bzw. das Gehirn, konzentriert sich in dieser Phase auf die Feinabstimmung der Bewegungsabläufe. Vergleicht man Kinder in einer altershomogenen Gruppe, wird es kaum überraschen, dass es individuelle Unterschiede in der Entwicklungsgeschwindigkeit gibt. Genauso finden die sensiblen Phasen nicht bei allen Kindern zur gleichen Zeit statt. Für Erzieherinnen, die in ihrer alltäglichen Praxis viele Kinder in ihrer Entwicklung begleiten, ergibt sich daraus der pädagogische Auftrag, die Förderung auf jeweils individuelle Bedingungen und Bedürfnisse des Kindes abzustimmen.

Qualifiziertes pädagogisches Handeln

Diese Erkenntnis untermauert deutlich, wie wichtig es ist, dass Kinder Dinge selbst tun und aktiv handeln dürfen und zwar auf vielfältige Art und Weise. Dabei geben die Kinder das Tempo vor. Bereits Montessori und Piaget sprachen von einem „Kind als Akteur seiner eigenen Entwicklung“. Aus heutiger Sicht betrachtet war dies ein sehr modernes Bild vom Kind. Die Selbstbildung des Kindes fördern, unterstützen und herausfordern bedeutet, ihm zur rechten Zeit Anregungen und Impulse zu geben. Dagegen wäre es kontraproduktiv, Inhalte anzubieten, die nicht verarbeitet werden können, weil Entwicklungsfenster (sensible Phasen) noch nicht offen sind. Da nur wenige Erkenntnisse vorliegen, wann was an Informationen benötigt wird, ist es umso notwendiger, das Kind sorgfältig zu beobachten. Wonach fragt das Kind? Wofür interessiert es sich? Wonach verlangt es? Wodurch wird es glücklich? Die Basis für die Herausforderung von Selbstbildungsprozessen liegt in der Neugier und Wissbegierde des Kindes. Nach dem Verständnis der modernen Neurowissenschaften sind Bildungs- und Lernprozesse aktive Prozesse, die das Kind aus sich heraus entwickelt und die weniger von außen „zugeführt“ werden. Singer betont folgenden Aspekt: „Wer Lernen für einen passiven Vorgang hält, der sucht nach dem richtigen Trichter. Wer aber lernen als eine Aktivität versteht, wie beispielsweise das Laufen oder das Essen, der (...) denkt über die Rahmenbedingungen nach, unter denen diese Aktivität am besten stattfinden kann“ (Spitzer 2002, S.4).

Anhand der Erkenntnisse aus den aktuellen Forschungen ergeben sich Hinweise auf die Bedürfnisse der jüngeren Kinder. Im Folgenden soll anhand einiger ausgewählter Praxisfelder beleuchtet werden, welche konzeptionellen Überlegungen für die unter 3-Jährigen im Besonderen berücksichtigt werden sollten. Bildung braucht qualifiziertes pädagogisches Handeln. Doch wie begleitet man Selbstbildungsprozesse?

Beobachtendes Wahrnehmen

Um Bildungsprozesse von Kindern angemessen begleiten und unterstützen zu können, hat sich die Bedeutung des beobachtenden Wahrnehmens im Alltag herausgestellt. Das beobachtende Wahrnehmen ist eine offene Form von Beobachtung und ein professionelles Instrument der Erzieherin. Dabei werden kurze Notizen, Fotos und kürzere Videoaufnahmen gemacht. Die offene Form der Beobachtung versetzt die Erzieherin in die Lage, Bildungsprozesse als ganzheitliches und komplexes Geschehen wahrzunehmen. Sie bleibt offen für Neues und Unerwartetes und kann Zugang zu den kleinsten alltäglichen Bildungsprozessen finden. Ein zunächst unerklärliches Verhalten eines Kindes, wie zum Beispiel viele Male Sand durch die Hand rieseln zu lassen oder mehrere Minuten eine Hand unter einen Wasserstrahl zu halten, erkennt sie als Ausdruck kindlichen Lernens (hier Differenzierung von Wahrnehmungserfahrung).

Das Dokumentieren dieser Bildungsprozesse hilft, an den Bedürfnissen der Kinder anzusetzen, und ist darüber hinaus Basis für die Zusammenarbeit mit den Eltern.

Angebote und Herausforderungen

Neue Erfahrungsmöglichkeiten und Anreize sollten bewusst sparsam eingesetzt werden, je jünger und neuer die Kinder in der Einrichtung sind. Beim Erkunden einer Sache sind die Zeit und die Dauer, die ein Kind dafür braucht, wichtiger als ständig neues Material. Ein Zwang, sich mit neuen Gegenständen oder Erfahrungsräumen auseinanderzusetzen, sollte in dieser Altersstufe vermieden werden. Das Kind muss entscheiden können, wie und wann es Angebote aufgreift. Daraus ergibt sich, dass die zur Verfügung stehenden Materialien vom Kind selbstständig benutzt und verwendet werden können. Für pädagogische Fachkräfte bedeutet das: n Frühkindliche Bildungsprozesse sich entfalten lassen bedeutet, von eigenen Vorstellungen Abstand nehmen zu können. Ein Beispiel aus der Praxis: Eine kleine Gruppe von Kindern bekommt einige Trommeln und Schlegel, um Rhythmen mitspielen zu können. Nach einigen Momenten verändern die jüngeren Kinder das Spiel: Statt zu schlagen nutzen sie untereinander den Schlegel und fahren sich gegenseitig über die Wangen. Diese Veränderung geschehen zu lassen und die Kinder in ihrem Erforschen nicht zu unterbrechen, ist für das Verständnis von Selbstbildungsprozessen im U3-Bereich von großer Bedeutung. Nicht immer nehmen die Kinder Impulse so auf, wie es pädagogisch geplant war, sondern entwickeln eigene Spielthemen.

  • Frühkindliche Bildungsprozesse unterstützen bedeutet, Lernerfahrungen aushalten zu können. Im Bereich der Bewegungsentwicklung bedeutet das zum Beispiel, motorische Übungsversuche der Kinder sensibel und aufmerksam zu begleiten, die mögliche Verletzungsgefahr abzuschätzen und gegenüber dem Zutrauen in die sich täglich entwickelnden Fähigkeiten abzuwägen.
  • Frühkindliche Selbstbildung begleiten bedeutet, sich mit den Kindern wundern zu können. Die Jüngsten entdecken jeden Tag einen neuen Teil ihrer Umwelt. Sich von ihrem Entdeckerdrang immer wieder neu begeistern zu lassen und ihnen die Bedeutung ihrer Entdeckungen zu spiegeln, ist ein wichtiger Teil der Wertschätzung.
  • Frühkindliche Bildungsprozesse anregen bedeutet, sich bereichern zu lassen von den kleinen Fortschritten, die leicht im Alltag übersehen werden können (z.B. ein kleines Stück mehr gelebte Selbstständigkeit des Kindes), und nicht, große Ergebnisse oder vorzeigbare Projekte zu erwarten.
  • Frühkindliche Bildung bedeutet, elementare Situationen als Bildungsorte neu zu entdecken. So kann die tägliche Routine für vertraute Gespräche oder die Festigung der Beziehung genutzt werden. Aus dieser Sicht wird der Wickeltisch oder der Essplatz zum Bildungsort. Als Vorbedingungen für eine Arbeit, die Bildungsprozesse der Kinder unter drei berücksichtigt, müssen also die Bereiche Eingewöhnung, Beziehungsaufbau zu Erwachsenen und Kindern, Raumgestaltung, Materialauswahl, Bewegungsmöglichkeiten, Wahrnehmungserfahrungen, Rückzugsmöglichkeiten, nachahmendes Spiel, kreatives Gestalten mit einfachen Materialien und Lernen in altersgemischten Gruppen konzeptionell entwickelt werden. Um dies umsetzen zu können, bedarf es neben wiederkehrenden Strukturen im Tagesablauf einer offenen und flexiblen Gestaltung des pädagogischen Alltags. Immer wieder sollten die individuellen Bedürfnisse der Kinder im Team kritisch betrachtet werden. Dabei können Fragen auftauchen wie: Passt die Raumgestaltung für die speziellen Bedürfnisse der gesamten Altersspanne? Wie können ungeeignete Materialien wie Kleinteile für Kleinstkinder unzugänglich, für die Älteren aber zugänglich gemacht werden? Welches Material wird wann und wo eingesetzt? Sind neben den Schlafräumen Rückzugsmöglichkeiten vorhanden? Diese aufgeworfenen Fragen werden in den noch folgenden Beiträgen betrachtet.  
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