Alltagsintegrierte SprachförderungErste Erfahrungen aus dem Bundesprogramm „Offensive Frühe Chancen“

Die Kita St. Michaelis in Osnabrück ist eine der Kindertageseinrichtungen, die am Bundesprogramm „Offensive Frühe Chancen: Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration“ teilnehmen. Sowohl für die Zusatzkraft für Sprachförderung als auch für das ganze Team stellen sich damit viele neue Herausforderungen - ein ermutigender Bericht aus der Praxis.

Die Kita St. Michaelis liegt in einem Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf, betreut sehr viele Kinder und Familien mit Migrationshintergrund sowie Kinder unter drei Jahren (140 Kinder in sechs Gruppen, ab 2014 in zwei zusätzlichen Krippengruppen). Mit der konzeptionellen Arbeit der Kita ist ein Familienzentrum eng verknüpft. Die Kita-Teams erhalten im Programm u. a. Unterstützung durch zusätzliche, in der Sprachbildung und -förderung qualifizierte Fachkräfte, die eine alltagsintegrierte sprachliche Bildung und Begleitung, mit besonderem Blick auf Kinder unter drei, im Konzept der Einrichtung verankern sollen. Dazu gehören drei Aufgabenfelder: die sprachpädagogische Arbeit mit Kindern, die fachliche Begleitung und Qualifizierung des Teams und die Zusammenarbeit mit den Eltern.

Im Sommer 2011 begann meine Arbeit als Zusatzkraft für Sprachförderung – dafür wurden 19,25 Wochenstunden bewilligt. Alltagsintegrierte Sprachförderangebote und eine sprachanregende Umgebung sind bereits seit einigen Jahren fest in unserer Konzeption verankert. Mit dem Bundesprojekt begann dennoch etwas Neues.

Projektbeginn

Die ersten Informationen zum Programm zeigten, dass die Grundsätze und Ziele zu unserer pädagogischen Konzeption passten, und die Aussicht auf eine zusätzliche Fachkraft für voraussichtlich mehrere Jahre weckte Vorfreude. Mit dem Bewilligungsbescheid erhielten wir ausführliche Informationen, klare Vorgaben und Aufgabenbeschreibungen in Form einer Praxishilfe der Regiestelle Schwerpunkt-Kitas. Obwohl mir das Thema Sprachförderung seit Langem sehr „am Herzen lag“, rückte es jetzt so in den Vordergrund, dass ich eine weitere Orientierung brauchte und die Praxishilfe dabei sehr hilfreich fand. Die umfangreichen Materialien des Deutschen Jugendinstituts (DJI) (Jampert, Zehnbauer, Best u. a. 2009), das das Projekt wissenschaftlich begleitet, boten weitere Unterstützung, insbesondere für die Arbeit mit Kindern unter drei.

Auf dem Weg

Die erste Projektphase durfte ich für meine Selbstbildungsprozesse nutzen, mich intensiv mit den Praxismaterialien auseinandersetzen, Umsetzungspläne entwickeln, den Blick für eine sprachanregende Raum- und Alltagsgestaltung noch mehr schärfen und Rückzugsmöglichkeiten für Kleingruppenaktivitäten schaffen. Dieser Einstieg erleichterte mir meine neue Rollenfindung. Nach meiner Einarbeitung hielt ich mich mehrere Wochen in allen Gruppen und Räumen auf, nahm an Gruppenkreisen und am Frühstück teil. Freie Beobachtungen gewährten mir erste Eindrücke zur Sozial- und Sprachkompetenz der Kinder. Bei Kindern, die schon länger in der Einrichtung waren, konnte ich auf Entwicklungsdokumentationen zurückgreifen. Es folgten gezielte Beobachtungen bei einigen Kindern zur Einschätzung des Sprachentwicklungsstandes, zur Kontaktaufnahme und zum Beziehungsaufbau. Ich ergänzte meine Eindrücke mit den Informationen von Eltern (Herkunftsland, Erstsprache usw.). Zum Dokumentieren nutzte ich einen selbst überarbeiteten Auszug aus den Arbeitsmaterialien „Wir verstehen uns gut“ (Schlösser 2001). Darüber hinaus erwiesen sich die Orientierungsleitfäden des DJI (zu den Bereichen: Laute und Prosodie, Wörter und ihre Bedeutung, Grammatik: Syntax [Satzbau], Grammatik: Morphologie [Wortbildung], Kognition, Kommunikation) (Jampert, Zehnbauer, Best u. a. 2009) als sehr gute Beobachtungshilfe. Das Ergebnis war eindeutig: Es besteht noch ein hoher Förderbedarf im Bereich sprachlicher Bildung in unserer Einrichtung. Das führte zu einem Konflikt, der erst einige Monate später gelöst werden konnte: Überzeugt, dass wir durch die Lernwerkstätten und die „Offene Arbeit“ allen Kindern weitgehend die Voraussetzungen bieten, die sie für ihre Entwicklung und Bildung benötigen, verstanden wir auch Sprachförderung bisher als eine Querschnittsaufgabe im Kita-Alltag. Aber die schlechten Rahmenbedingungen (große Gruppen, wenig reale Verfügungszeiten) hatten uns immer wieder Grenzen gesetzt. Nun tauchten neue Fragen auf: Reichen eine sprachanregende Umgebung und Alltagsgestaltung, die Förderung in Kleingruppen und die Begleitung der Selbstbildungsprozesse aus? Wären nicht doch bei vielen Kindern individuelle Einzelförderungen „nach Plan“ nötig? Sollten wir meine Stunden dafür nutzen? Wie aber sollte das bei mehr als 40 Kindern im Alter von 2 bis 5 Jahren, die ins Blickfeld geraten waren, möglich sein? Es bedurfte einer Auseinandersetzung mit dem Begriff „individuelle Förderung“. Das erneute Studium der Praxismaterialien des DJI und das Fachbuch „Das einzelne Kind im Blick“ (Behrensen, Sauerhering, Solzbacher u. a. 2011) waren mir dabei eine wertvolle Hilfe. Das in dem Fachbuch beschriebene Verständnis von Bildung und Förderung baute eine Brücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit und unterstrich die Ziele des Bundesprojektes: Martina Vogel ermutigt darin zum Vertrauen in die eigenständigen Entwicklungsfähigkeiten von Kindern. Sie ist überzeugt, dass Kinder all das, was sie brauchen, an jedem Ort der Kita und bei jedem Thema lernen können, wenn wir die Voraussetzungen durch eine Pädagogik der Offenheit und durch eine kreative Lernkultur schaffen. Im Herbst 2012 waren es mehr als 50 Kinder, die „ins besondere Blickfeld“ rückten. Zu diesem Zeitpunkt erhielten wir von der Regiestelle die überarbeitete Auflage der Praxishilfe (Regiestelle Schwerpunkt-Kitas 2012). Sie war aufgrund der Rückmeldungen aus der Praxis angepasst worden und griff genau das auf, was uns verunsichert hatte. Hier wurde Bildungsarbeit im Bereich Sprache deutlich als ganzheitliche, vielschichtige Aufgabe beschrieben, bei der es vor allem um das Nutzen alltäglicher Situationen an vielen Orten geht. Eine erneute Aufgabenbeschreibung für die Zusatzkraft hob die Qualifizierung des gesamten Teams und die Zusammenarbeit mit Eltern als vorrangige Aufgaben hervor. Wir waren nun sicher: Sprachförderung ist eine Aufgabe, die von Anfang an auf den Schultern aller Erwachsenen ruht, die das Kind begleiten. Wenn sie in allen Kitas selbstverständlich geworden ist, sind wir Zusatzkräfte überflüssig!

Qualifizierung des Teams

Zu Beginn erstellte ich mit unserer Leiterin ein Arbeitskonzept, das ich dem Team vorstellte. Es beinhaltete meine Einbindung in das Team und den pädagogischen Alltag, die Aufgabenfelder als Zusatzkraft sowie die Arbeit im Familienzentrum. Wir vereinbarten, dass die Integration der ganzheitlichen Sprachförderung in den Alltag weiterhin unser gemeinsames Ziel sein sollte. Die regelmäßige Arbeit mit den Praxismaterialien zeigte uns vielfältige Umsetzungsmöglichkeiten und wurde zum Bestandteil aller Teambesprechungen. Ich nutze jeweils 30 Minuten für Impulse zur sprachpädagogischen Arbeit mit Kindern. Zu einem der fünf Orientierungspunkte des DJI werden Spiele ausprobiert, Materialien vorgestellt, Kommunikationsverhalten „trainiert“ usw.

Team-Studientage

Die Studientage dienten der Qualitätssicherung und -entwicklung im Bereich Sprache. Ausgangspunkt waren unsere durch das Projekt entstandenen Fragen. Zuerst stellten wir uns die Frage „Wo und wie findet Sprachbildung und -förderung in den unterschiedlichen Funktionsbereichen statt?“. Beim zweiten Studientag begannen wir, unser internes Sprachförderkonzept zu überarbeiten und rückten die Verknüpfung von Sprache und Bewegung sowie die Bedeutung von Räumen mit Lernwerkstattcharakter in den Vordergrund.

Zusammenarbeit im Alltag

Ein kurzer Austausch nach Beobachtungen, Elterngesprächen usw. fand im ersten Jahr zwischen den Kolleginnen und mir häufig im Alltag statt. Für einen intensiven, fachlichen Austausch eigneten sich nur die (viel zu kurzen) Verfügungszeiten. Um meine Dokumentationen zur Sprachentwicklung der Kinder und zu Aktionen regelmäßig zu lesen, fehlte den Kolleginnen oft die Zeit.

Zusammenarbeit mit Eltern

Seit dem zweiten Projektjahr bin ich häufig an den „Schnuppertagen“ und Aufnahmegesprächen in der zukünftigen Stammgruppe beteiligt. Die ersten Begegnungen mit Eltern und Kindern können eine Chance für die weitere Zusammenarbeit sein. Wir erfahren etwas über das Herkunftsland, Kultur, Religion, Familiensituation und manchmal auch schon über den Sprachentwicklungsstand. Gerade den Eltern mit Migrationshintergrund kann signalisiert werden: Ihr als Familie seid uns wichtig, wir alle haben euer Kind im Blick. Ich bemühe mich, mindestens ein weiteres Gespräch im Kitajahr mit allen Eltern zu führen, deren Kinder „in besonderem Maße“ an den Sprachförderangeboten teilnehmen, oder mich an den Elterngesprächen der Kolleginnen zu beteiligen. Diese Gespräche erscheinen für eine individuelle Begleitung und Unterstützung der Kinder bei der Sprachentwicklung unverzichtbar. Leider zeigt sich, dass auch meine zur Verfügung stehenden Stunden bei 40 bis 50 Kindern und Familien nicht ausreichen.

Kunst- und Büchercafé

Mit unserer Atelier-Fachfrau richtete ich einen Flurbereich als „Kunst- und Büchercafé“ ein. Bücher und Zeitschriften in unterschiedlichen Sprachen, Bildkarten und Künstlerporträts laden Kinder und Erwachsene zum Stöbern und zum Austausch ein. Es gibt Platz für Ausstellungen und Sammlungen der Kinder, ein Tageslichtprojektor mit Legematerialien regt zum künstlerischen Gestalten an. Die Kunstwerke an der Flurwand sind immer wieder Anlass zum Gespräch. Alle Materialien und Aktivitäten der Kinder dort spiegeln das aktuelle Projektthema wider und rücken die Verknüpfung von Kunst, Schrift und Sprache für Eltern ins Blickfeld. Ich nutze den Flurbereich oft für sprachfördernde Aktionen und lasse Eltern dabei bewusst zu Beobachtern werden.

 

Elternfrühstück

 

Beim Elternfrühstück stellten wir Eltern, deren Kinder eine „besondere Entwicklungsbegleitung“ im Bereich Sprache benötigten, das Bundesprojekt und die Sprachförderung in unserer Einrichtung anhand praktischer Beispiele und Materialien vor. Für Eltern mit Migrationshintergrund hoben wir die Bedeutung der Erstsprache hervor und baten um die dringend erforderliche Zusammenarbeit und den Austausch in Einzelgesprächen. Die Eltern zeigten ihre Bereitschaft, uns mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen über das eigene Kind zu unterstützen. Dennoch sahen einige die Hauptverantwortung für den Spracherwerb und eine altersentsprechende Sprachentwicklung in der Kita.

Familiencafé

Einmal im Monat treffen sich Eltern, Großeltern und Interessierte aus dem Stadtteil zum gemeinsamen Frühstück, Kennenlernen und Informationsaustausch im Gemeinderaum. Es gibt eine Spielecke für jüngere Kinder, ein Angebot für ältere Kinder in der Turnhalle und auf Wunsch werden Fachleute eingeladen, die über unterschiedliche Themen referieren (Ergotherapie, Logopädie, Antragstellung für finanzielle Unterstützungen usw.).

Sprachpädagogische Arbeit mit Kindern – Beispiele aus der Praxis „Kennenlernkörbchen“

Ein kleiner Korb weckt die Neugierde und erleichtert die Kontaktaufnahme zwischen Kind und Sprachförderkraft. Häufig wechselnde Materialien (Biegepuppen, Tierfiguren, Naturmaterialien, Spieluhren, Kreisel usw.) werden sofort zum Erzählanlass, regen zum Spielen mit sprachlicher Begleitung an und ermöglichen eine erste Einschätzung der Sprachentwicklung.

Treffpunkt „Sprachinsel“

Kinder kommen spontan oder auf Einladung in diesen Raum, weil sie einen Rückzugsort suchen. Sie sind neugierig auf die ungewöhnlichen, wechselnden Materialien, die zum Ausprobieren, Spielen und Sprechen einladen. Die sich verändernde Jahreszeitenpyramide wird ebenso zum Sprech- und Erzählanlass wie ein Korb mit Blechdosen, eine Schnecken- und Spiralensammlung oder ein Tisch mit Obst und Gemüse. Die Materialien rücken für mich die verschiedenen sprachlichen Aspekte (siehe Orientierungsleitfäden DJI) in den Vordergrund und erlauben eine Einschätzung der Sprachentwicklung.

Kitabücherei

Zusammen mit Kindern richtete ich in der „Sprachinsel“ eine kleine Bücherei ein und initiierte den wöchentlichen „Büchereitag“. Aus allen Gruppen kommen Kinder, wählen Bücher aus, dokumentieren mit ihren Unterschriften oder Zeichen, dass sie für die ausgeliehenen Bücher verantwortlich sind und bringen ihre „Schätze“ mit Büchertaschen in die Leseecken der Gruppenräume.

Kinder-Garten“

Eltern gestalteten mithilfe der Kinder einen Obst- und Gemüsegarten im Außengelände neu. Ich begleitete die Aktionen und ließ den Ort anschließend zu einem Treffpunkt für kleine Gruppen werden. Bei Naturbeobachtungen, der Gartenpflege und beim Ernten ergaben sich immer wieder sprachanregende Situationen, und jedes Treffen ermöglichte eine differenzierte Beobachtung und intensive, sprachliche Selbstbildung. Mit Fotos von Obst- und Gemüsesorten gingen Kinder im Garten auf die Suche – zuerst ganz ohne Worte, aber sichtbar stolz über jede Entdeckung und später voller Neugierde auf die für manche lustigen Pflanzennamen. Einige nahmen die gleichen Wortendungen mehrerer Früchte wahr und erforschten den Ursprung der Namen. Andere fanden Fantasienamen für die Früchte und begannen sie zu rufen oder zu singen.

Fazit

Das veränderte Rollenverständnis der Zusatzkräfte führte, als Folge der neuen Aufgaben, in manchen Einrichtungen auch nach fast zwei Jahren noch zu Konflikten. Das könnte mit unerfüllten Erwartungen der Kolleginnen und Kollegen oder der Leitungskräfte zu tun haben (z. B. „Warum kein fester Zeitplan für Kleingruppenarbeit außerhalb der Gruppe?“), mit dem Bildungsverständnis der Kita oder dem neidvollen Blick auf eine Personalstelle, die auch viel Gestaltungsraum lässt. Die Praxishilfe der Regiestelle sowie ein im Team erarbeitetes Sprachbildungskonzept als Grundlage für die tägliche Arbeit können helfen, diese Konflikte zu lösen.

Mit einem geschärften Bewusstsein für das Thema, mit Offenheit und Achtsamkeit für die Entwicklungswege der Kinder werden meine Kolleginnen die begonnene Arbeit fortsetzen. 

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