Mit Tänzen und Liedern interkulturell arbeitenErfolgreiche Einrichtungsprofilierung über Musik

In der internationalen Berliner „KiTa am Kleistpark“ stehen Singen, Tanzen und Musizieren auf dem Tagesplan. Das musikbetonte Konzept hat besonders die interkulturelle Erziehung im Blick - mit großem Erfolg.

Uns stand ein Trägerwechsel bevor und wir mussten an einen neuen Standort umziehen: In dieser Situation wurde meinem Team und mir klar, dass wir uns ein unverwechselbares Profi l für unsere KiTa wünschten, das uns abheben sollte von den anderen Einrichtungen in der Umgebung. Wie es allerdings aussehen sollte, war uns noch keinesfalls klar. Wir wussten nur, dass wir unseren bisherigen Schwerpunkt - interkulturelle Erziehung und Sprachförderung - beibehalten wollten: Unsere Einrichtung liegt in einem Stadtteil, in dem viele Migranten leben. Sehr viele unserer Kinder kommen aus binationalen Familien - da haben wir als KiTa vor allem die Aufgabe, die Kinder optimal in ihrer Sprachentwicklung zu fördern. Der Impuls für das neue Profi l kam schließlich von außen. Eine deutschrussische Familie meldete ihr Kind bei uns an, beim Rundgang durch die Räume sagte die Mutter - eine Opernsängerin aus St. Petersburg: „Dass hier kein Klavier steht - so etwas gibt es in Russland nicht." Wenig später gab sie bei uns in der KiTa ein Konzert. In unserer Eingangshalle saßen 90 Kinder im Alter zwischen einem und sechs Jahren aus mehr als 20 unterschiedlichen Nationen und lauschten konzentriert den Liedern und Rhythmen. Das war das Schlüsselerlebnis. Wie an unseren Kindern zu beobachten war, fasziniert Musik über kulturelle Grenzen hinweg. Überall auf der Welt wird musiziert - es ist eine elementare menschliche Verhaltensweise. Daher ist Musik ein ideales Medium für die Annäherung an ungewohnte Sprachräume: Lieder anderer Länder schaffen ein erstes Gefühl für die Existenz und Schön- heit anderer Sprachen. Musik ist ein wunderbares Mittel, um Kinder in ihrer Sprachentwicklung zu fördern - das betrifft die Muttersprache ebenso wie die Zweitsprache.

Eine Musikschule wird Kooperationspartner

Aber wie sollte das im Einzelnen aussehen, den KiTa-Alltag musikalischer zu gestalten? Viele unserer Eltern leben von Hartz IV, viele sind alleinerziehend. Das Geld, um externe Musikpädagogen für Zusatz-Stunden zu engagieren, haben sie oft nicht. Da kam uns der Zufall zu Hilfe: Die nächstgelegene Musikschule, die Leo-Kestenberg-Musikschule, suchte dringend nach weiteren Räumen, die sie zusätzlich anmieten konnte. Räume hatten wir glücklicherweise genug. Im Gegenzug bekamen wir zunächst einmal ein Klavier und Hilfestellung beim Aufbau eines Musikraums. Aus diesem Tauschgeschäft entwickelte sich eine richtige Kooperation. Unser (damals neuer) Träger, das Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V., übernahm Stipendien für einige Unterrichtsstunden. Eine Musikpädagogin - Elena Marx - kam zu uns in die KiTa und unterrichtete zunächst drei Gruppen in musikalischer Früherziehung. Unser Ziel aber war: Musikunterricht für alle Kinder! Das ließ sich ohne Eigenanteil der Eltern nicht verwirklichen. Der Berliner Senat ermöglicht der Musikschule stark subventionierte Kooperationsverträge mit Schulen und KiTas. So konnten wir gemeinsam mit der Leo-Kestenberg-Musikschule einen Vertrag ausarbeiten, der mit rund 100 Euro im Jahr außerordentlich günstig ist. Das überzeugte schnell sämtliche Eltern, so dass schließlich für alle unsere KiTa-Kinder ein Vertrag abgeschlossen wurde.

Täglich stehen Singen und Tanzen auf dem Programm

Alle Kinder bekommen einmal in der Woche in altershomogenen Gruppen eine Stunde Musikunterricht. Angefangen mit den Babykursen, bei denen zum Teil die Eltern mit dabei sind, bis hin zu den Gruppen mit Vorschulkindern. Darüber hinaus gibt es die täglichen Singkreise, so dass wirklich jedes Kind täglich etwas mit Musik zu tun hat. Die Kinder singen gern und viel. Im Unterricht lernen sie außerdem elementare Instrumente zu spielen, hierbei steht die Freude am Instrumentalspiel und am „Sich-Ausdrücken" in Klängen und Rhythmen im Vordergrund. Auch in den Gruppenräumen stehen den Kindern elementare Instrumente zum freien Musizieren zur Verfügung. Sie erleben Klanggeschichten, tanzen, lernen Verse (die Kleinsten Fingerspiele) und hören Musik unterschiedlicher Stilrichtungen, Epochen und Herkunft. Wir laden auch Musiker ein, die ihre Instrumente vorstellen. Dabei erleben die Kinder das Instrumentalspiel als etwas Schönes und Bereicherndes - und bekommen vielleicht selbst Lust, ein Instrument spielen zu lernen.

Die Erzieherinnen machen auch Musik

In unserer KiTa musizieren nicht nur die Kinder: Wir verstehen elementare Musikpädagogik als lebenslanges Konzept. Alle 14 Tage treffen sich die Erzieherinnen und die Musikpädagogin zu einer Stunde, wir singen, tanzen und musizieren gemeinsam. Stimmbildung, Körperarbeit und Beweglichkeitstraining gehören ebenso zu unserer Weiterbildung wie das Erlernen von Liedern und Tänzen, die wir Erzieherinnen selbst in den Gruppen umsetzen können. Musikpädagogische Hintergründe werden erläutert und entwicklungspsychologisch besprochen. Wir erarbeiten gemeinsam den Einsatz von Instrumenten und anderen Materialien. So können wir Erzieherinnen die Arbeit der Musikpädagogin fortführen und ergänzen. Wir alle stehen im ständigen Austausch mit Elena Marx - sie nimmt auch an den Teamsitzungen teil. Die musikalischen Inhalte werden mit anderen Themen vernetzt, die wir gemeinsam in mehreren Bildungsbereichen planen und mit den Kindern erarbeiten, etwa Projekte wie „Afrika" in Liedern, Tänzen, Speisen, Malereien und Bastelarbeiten. So ist Musik im Alltag unserer KiTa-Arbeit allgegenwärtig. Das gesamte Team ist dabei hoch motiviert. Die Freude, die die Kinder an der Musik haben, hat auch die Erwachsenen in der KiTa erfasst.

Die Eltern bringen die Musik ihrer Heimat ein

Auch die Eltern sind in das Konzept eingebunden: Sie können am morgendlichen Singkreis, an der Wochenstunde und den Elternmitmachstunden teilnehmen. Selbstverständlich freuen wir uns über alle Mütter und Väter, die selbst Musikalisches zum Besten geben oder mit den Kindern erarbeiten. Es ist uns ein Anliegen, die Eltern optimal in die musikalische Arbeit zu integrieren. Dies bindet alle Beteiligten in einen gemeinsamen Erziehungsprozess ein. Das Angebot wird sehr gut angenommen. Die Eltern bringen die Musik ihrer Heimatländer mit ein: Ob Instrumentalspiel, Gesang oder Theaterkünste - alle Stilrichtungen sind willkommen. Wir haben sogar einen Elternchor.

"Wir könnten noch zwei KiTas aufmachen"

Unser musikalisches Konzept kommt an, wir haben mehr Anfragen, als wir Kinder aufnehmen können - die Bewerbungen würden für zwei weitere KiTas reichen. Inzwischen nimmt uns auch die Öffentlichkeit verstärkt wahr. Dazu hat unsere CD „Wir Kinder vom Kleistpark" sicherlich ebenso beigetragen wie die Auszeichnung „Felix", die uns kürzlich der Deutsche Chorverband für unser Engagement als „singender Kindergarten" verliehen hat. In die Öffentlichkeit treten wir auch bei Besuchen in der Komischen Oper und wir bemühen uns um die Besuchserlaubnis bei Orchesterproben. Das machen bereits viele Schulen, aber für eine KiTa scheinen derartige Aktionen ziemlich ungewöhnlich zu sein. Doch das ermuntert mich, oft und gern darüber zu berichten, schließlich sind wir KiTas ja ebenfalls Bildungseinrichtungen.

Was heißt eigentlich Musikalität? Musikalität gehört zu den Persönlichkeitsmerkmalen wie Intelligenz, Charakter, Temperament und ist ein Bündel von unterschiedlichen Fähigkeiten, die jeder Mensch besitzt. Musikalische Verschaltungen sind abhängig von persönlichen Erfahrungen, Empfi ndungen und äußeren Bedingungen. Musikalisches Talent ist nicht primär auf Vererbung zurückzuführen, sondern darauf, wie vorhandene Möglichkeiten genutzt werden. Zur Musikalität gehören u. a. folgende Faktoren:

  • feinmotorische Fähigkeiten
  • Neugier, Interessen
  • Koordination
  • Freude an tänzerischen Bewegungen, Ausdruck in Musik und Bewegung
  • Ehrgeiz und Konzentration
  • Singbedürfnis, Gefühl für Metrum und Rhythmus.
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