Bindung

„Bindung ist existenziell für eine gesunde psychische und soziale Entwicklung des Menschen. Säuglingen binden sich automatisch an die Hauptbezugsperson(en). Entgegen früheren Forschungsergebnissen ist heute klar, dass sich Bindungen zu mehreren Personen, die einem Säugling nahestehen, entwickeln können. Säuglinge sind in der Lage, unterschiedliche Qualitäten von Bindungen zu Familienmitgliedern, aber auch Personen außerhalb des familiären Systems, z. B. pädagogischen Fachkräften, zu entwickeln. Die Bindung ist eine wichtige Voraussetzung, damit Kinder ihre Entwicklungsaufgaben bewältigen können. Die primäre Bindung beginnt in den ersten Lebensmonaten und endet ca. zum Ende des zweiten Lebensjahres. Eine sichere Bindung ist die Voraussetzung für Compliance (Fähigkeit von Kindern, sich die Erziehungs- und Verhaltensziel der Eltern zu eigen zu machen und zu verfolgen), die Entwicklung eines helfenden, prosozialen Verhaltens und die Entwicklung sozialer Kognition. 

In den 1970er Jahren entwickelte der englische Kinderpsychiater John Bowlby seine Bindungstheorie. Er bezeichnet als Bindungsverhalten das Verhalten des Kindes, mit dem es sich die Zuwendung einer Bezugsperson sichern möchte (z. B.: Das Kind weint, damit die Mutter bei ihm bleibt, wenn es in einer fremden Umgebung ist). (...) Fühlt sich ein Kind sicher gebunden, dann kann es die Umwelt erkunden. Fühlt es sich unsicher, so zeigt es das entsprechende Bindungsverhalten. Das bedeutet: Je besser die Qualität der Bindung ist, desto mehr ist ein Kind in der Lage, seine sichere Umwelt zu verlassen und eine ihm neue Welt zu entdecken. Dies ist auch Voraussetzung für Bildungs- und Lernprozesse. Bindung bietet Kindern Schutz und Hilfe und ist Voraussetzung für eine gelingende Entwicklung. Das Bindungsverhalten ist genetisch (endogen) angelegt, benötigt jedoch Anregung und Unterstützung von außen, d. h. durch Bezugspersonen. (...)

Nach Bowlby entwickelt sich eine personenspezifische Bindung bei Kindern in drei Schritten:

  1. In der Vorphase sind die Kinder offen für verschiedene Personen.
  2. Ab ca. drei Monaten lernt ein Kind über die Interaktionen, seine Aufmerksamkeit einer bestimmten Person bzw. bestimmten Personen zuzuwenden.
  3. Die eigentliche Bindung beginnt im Alter von ca. acht Monaten. Im Zusammenhang mit der motorischen und kognitiven Entwicklung vermissen Kinder ihre Bezugspersonen bei deren Abwesenheit. (...)

Bindungstypen, Synonym: Bindungsmuster

Sicher gebundene Kinder

Die Bezugspersonen zeigen ein feinfühliges, emotional und körperlich positives Fürsorgeverhalten mit einer entsprechenden Freude und positiven Grundeinstellung im Kontakt mir dem Kind. Somit entsteht für das Kind Sicherheit und damit auch ein positives Selbstwertgefühl, die die Basis für das Explorationsverhalten bilden. 

Bei der Trennung von einer Bezugsperson können die Kinder Bindungsverhalten zeigen, größere Probleme entstehen aber nicht, da die bestehende Basis solide ist. Kehren die Bezugspersonen wieder zurück, sind die Kinder leicht zu beruhigen. Wenn die Kinder sich in belastenden, schwierigen Situationen befinden, wissen sie, dass sie zu ihrer Bezugsperson zurückkehren können.

Unsicher-vermeidend gebundene Kinder

Die Bezugspersonen zeigen wenig Interesse am Kind, suchen emotional und körperlich keine Nähe, zeigen sich abweisend. Auf Bedürfnisse des Kindes wird nicht eingegangen. Die Kinder erlebt man äußerlich als gleichgültig, sie zeigen aber innerlich deutliche Stresssymptome. Kommt nach einer Trennung die Bezugsperson zurück, wenden sich die Kinder der Bezugsperson eher nicht zu. Die Kinder zeigen wenig Gefühle, und es gelingt ihnen nicht, ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Unsicher-ambivalent gebundene Kinder

Die Bezugspersonen zeigen ein schwer einschätzbares und vorhersagbares Fürsorgeverhalten. Für die Kinder ist das Verhalten unberechenbar, was sie ängstlich, unsicher, aber auch wütend und ärgerlich gegenüber den Bezugspersonen macht. Bei einer Trennung zeigen die Kinder starkes Bindungsverhalten und Stress, lassen sich bei der Rückkehr der Bezugsperson nicht beruhigen und können dieser gegenüber auch Ärger zeigen. Die Kinder entwickeln wenig oder kein Selbstwertgefühl und trauen sich nicht, ihre Umwelt zu erkunden.

Desorganisiert gebundene Kinder

Die Bezugspersonen zeigen gegenüber den Kindern ein Angst machendes Verhalten, das bis hin zu Missbrauch und Vernachlässigung führen kann. Die Folge ist ein geringes oder kein Selbstwertgefühl, gekoppelt mit einem schwierigen Verhalten, wie z. B. auffällige Mimik, Grimassen. Die Bezugspersonen stellen keine sichere Basis dar, was das Explorationsverhalten verhindert. Entfernt sich die Bezugsperson, zeigen die Kinder ein widersprüchliches Verhalten. Gleiches gilt, wenn die Bezugsperson zurückkehrt.“

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