Theologische Anthropologie

Die theologische Anthropologie kann insofern als »aposteriorisch« erscheinen, als sie die Aussagen der Glaubensbotschaft über den Menschen voraussetzt. Sie unterscheidet sich von den genannten aposteriorischen Anthropologien jedoch dadurch, daß die Deutung des Menschen in »von außen« kommender, geschichtlich kontingenter Form vorgelegt wird und dennoch die grundlegende und entscheidende Interpretation des Menschen ist, also sein »Wesen« bestimmt. In theologischer Sicht kann es eine »reine« apriorische Erkenntnisform nicht geben. Von seinem Wesen her ist der Mensch auf das geschichtlich Aposteriorische verwiesen; er »hat« sich in jeder Reflexion nur als den Bedingten und geschichtlich Konkreten, darin aber »hat er« sich selbst (Person, Subjekt). Wenn von theologischer Anthropologie die Rede ist, dann handelt es sich nicht um ein geschlossenes Lehrstück (Traktat) der theologische Systematik. Was die Offenbarung Gottes über den Menschen sagt und wie das Selbstverständnis des Menschen dem in der Offenbarung Gehörten korrespondiert, das ist zum Teil auf die einzelnen theologischen Wissenschaften (z. B. Anthropologie des AT, des NT), vor allem aber auf die Dogmatik verteilt. Hier können nur noch einzelne, besonders herausragende »Orte« und Zusammenhänge der theologischen Anthropologie angegeben werden:

a) Die Zeugnisse der biblischen Offenbarung erheben den Anspruch, den Menschen allein zur vollen Erkenntnis seines eigentlichen, konkreten Wesens zu bringen: als Subjekt, Person, Empfänger der Selbstmitteilung Gottes, Partner Gottes. Die genaue Untersuchung dieser biblischen Aussagen ist nicht allein Sache der Bibelwissenschaften.

b) Die Bestimmung des Menschen zum Empfänger der Selbstmitteilung und zum Partner Gottes läßt das Geschaffensein (die Kreatürlichkeit) als erste und umfassende Bestimmung des Menschen erscheinen. Sie wird in der Schöpfungslehre thematisiert.

c) Die Selbstmitteilung Gottes an den Menschen kann unterschieden werden in die Selbstoffenbarung im Wort, in die Schaffung der Voraussetzungen, die gewährleisten, daß die Freiheit des Menschen gewahrt bleibt, in die Aufnahme der Selbsterschließung Gottes in Liebe und Gnade, in der Vollendung dieser Selbstmitteilung in der Anschauung Gottes. Die entsprechenden Anteile der theologischen Anthropologie kommen in Fundamentaltheologie, Gnadentheologie und Eschatologie zur Sprache.

d) Das Sollen des Menschen unter dem Anspruch der Offenbarung Gottes und im Licht seines Selbstverständnisses, und zwar als ein individuelles Sollen und als eingebunden in die Gemeinschaft, wird in der Moraltheologie (theologischen Ethik) thematisiert; es handelt sich um wesentliche Aspekte einer theologischen Anthropologie.

e) Eine besondere Schlüsselfunktion für die theologische Anthropologie nimmt die Christologie ein, denn Mensch »ist genau das, was Gott selber (Gott bleibend) wird, wenn er sich selbst entäußert in die Dimension des Anderen seiner selbst, des Nichtgöttlichen« (K. Rahner). So erscheint die Christologie als die radikalste Gestalt einer theologischen Anthropologie.