Warum gibt es physische Übel?Gott und der Virus

Angesichts der Corona-Pandemie stellt sich einmal mehr die Frage nach dem Sinn des Leids in Gottes guter Schöpfung. Die physischen Übel sind jedoch eine Folge unserer an die Materie gebundenen Freiheit. Gott kann sie deshalb nicht aus der Welt schaffen. Aber der Mensch kann es.

Das Virus
© pixabay

Wie ist es möglich, dass ein Gott, der die Welt in ihrer Vielfalt einschließlich der Menschen geschaffen hat, und der es auch noch in irgendeinem Sinne gut mit diesen Menschen meint, innerhalb seiner Schöpfungsordnung Krankheiten und Leiden zulässt, die für uns Menschen gefährlich werden und nicht nur das Leben Einzelner, sondern sogar unsere Kultur und unsere Zivilisation gefährden?

Hier und da gibt es Christen, die halten den Corona-Virus für eine „Botschaft Gottes“. Dem Virus wird im Weltenlauf ein Sinn zugewiesen – sei es als „Strafe“ oder als „Mahnung“ –, der uns Menschen „helfen“ soll, mit dem Unkalkulierbaren einer Pandemie zurechtzukommen. Bekanntlich hat dieses Deutungsmuster in der Geschichte großer Heimsuchungen und Seuchen bis in die Bibel hinein viele Vorbilder. Aber ist eine solche Deutung vor dem Hintergrund philosophischer und theologischer Theorien über das Verhältnis Gottes zu seiner Schöpfung plausibel?

Die Wissenschaften sind grundsätzlich in der Lage, die Funktion von Viren in der Evolution immer besser zu verstehen. Dazu gibt es bereits Theorien. Diese Erklärungen berühren allerdings nicht unsere menschlich-existentiellen Fragen nach Sinn, geschweige denn unsere religiöse Irritation angesichts des Leidens Unschuldiger. Die Auskunft der Virologie, dass Viren selbst Teil unseres Erbgutes sind oder gar am Anfang der Entwicklung des Lebens stehen, macht „Sinn“, lässt uns aber ratlos zurück angesichts des Leides, das sie anrichten können. Eine „Gottesperspektive“ kann die Virologie nicht einnehmen – das heißt eine Gesamtschau aller Wirklichkeit, in der das konkret und momentan erfahrene Leid am Ende dann doch wieder einen Sinn haben könnte. Das ist die Perspektive der „Theodizee“, der Frage nämlich, wie ein gütiger Gott und das faktisch von Menschen erfahrene Leid und Unrecht zusammengedacht werden können. Weder Virologie noch eine andere Wissenschaft können eine alles erschöpfende Zustandsbeschreibung der Welt liefern, in der Viren einen „Sinn“ ergeben. Mit solchen umfassenden Weltdeutungen sind eher Mythen und Religionen beschäftigt.

Als besonders hartnäckig erweist sich in diesem Zusammenhang durch die Zeiten hindurch die Auffassung, dass Gott Menschen durch Krankheit und Seuchen für ihre Sünden und ihr Fehlverhalten straft. Ein derart strafender Gott ließe sich auch in der Bibel finden. Befragt man die biblischen Zeugnisse etwas genauer, wird hingegen deutlich, dass von Krankheiten und Katastrophen in der Regel im Zusammenhang mit „Heilung“ und „Heilwerden“ die Rede ist (vgl. zum Beispiel 2 Könige 20,1–12). In der Bibel, und zwar auch schon in der hebräischen Bibel, setzt sich die Erkenntnis durch: „Gott wird sein Volk heilen, trösten und verbinden“ (Jesaja 57,18; 30,26).

Insofern Gott als „Arzt“ des Menschen erfahren wird, weil Gott die „Liebe“ ist, die den Menschen zur Gemeinschaft mit ihm bestimmt, ist es ausgeschlossen, dass er sich einer Pandemie bedient, um irgendwen damit zu strafen. Die Gottesbotschaft Jesu macht dies unmissverständlich deutlich. Als beispielhaft dafür darf die Heilung des Blindgeborenen im Johannesevangelium (Kapitel 9) angesehen werden. Jesus antwortet seinen Jüngern, dass weder der Blinde selbst noch seine Eltern gesündigt und damit die Krankheit ausgelöst haben. Vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Das Übel dient dazu, durch Gottes Liebe überwunden zu werden. Ihm wird keinerlei eigener Zweck oder Wert zuerkannt.

Den Schuld-Ergehen-Zusammenhang aufheben

Es geht Jesus darum, den Zusammenhang zwischen einer moralischen Verfehlung und einem physischen Übel aufzuheben. Es handelt sich dabei auch theologisch um eine falsche Kausalität. Man könnte das Denken, dass gute und schlechte Taten ihre Folgen in sich tragen oder dass man von einem Wohlergehen oder Krankheit auf gutes oder böses Verhalten zurückschließen kann, auch als ein mythisches Denken bezeichnen. Im Buch Ijob begegnet uns dieses Konzept ebenfalls, wenn die Freunde Ijobs versuchen, bei ihm irgendeine und sei es eine verborgene Verfehlung zu finden, die die Ursache seines Leidens sein könnte. Im Laufe der Ijob-Erzählung wird dieses Konzept korrigiert und zugunsten eines weiteren Gottesbildes aufgehoben.

Die Bibel selbst scheint wenig geeignet, die Auffassung von Krankheit als Strafe Gottes zu untermauern. Vielmehr versuchen ihre Erzählungen, den von Menschen hergestellten verhängnisvollen Schuld-Ergehens-Zusammenhang im Lichte eines barmherzigen Gottes in Frage zu stellen und Menschen aus solchen unheilvollen Gesetzmäßigkeiten zu befreien.

Das von uns Menschen empfundene physische Übel des Virus‘ fügt uns Leid zu und entzieht sich einer Sinnzuschreibung im menschlichen Sinne. Es steht insofern nicht mit einem Gott in Zusammenhang, der es mit uns Menschen gut meint und deshalb kein Leiden will.Die weiteren Überlegungen ergeben sich aus den Grunddaten einer theologischen Anthropologie, die sich in den vergangenen Jahrzehnten um eine Rezeption des neuzeitlichen Freiheitsverständnisses in der Theologie verdient gemacht hat. Von daher lässt sich sagen, dass unsere Grundverfassung als vernunftbegabte, von Gott ins Leben gerufene Geschöpfe darin besteht, dass wir uns an Materialität gebundene Freiheiten vorfinden. Endliche Freiheit kann nicht anders als leibgebunden existieren. Leiblichkeit und Materialität sind Voraussetzungen für Kommunikation und Realisierung von Freiheit. Will Gott eine andere als seine eigene Freiheit, dann kann sie nur als endliche existieren.

Physische Übel sind die zwangsläufige Folge einer an endliche Materialität gebundenen Freiheit. Als solche hat Gott sie nicht „gewollt“, kann sie aber auch nicht aus der Welt schaffen, weil sie Teil der von ihm gewollten Schöpfung sind. Damit Schöpfung als eigenständige und im Falle des Menschen „freies Seiendes“ überhaupt möglich ist, muss Gott das Seiende aus sich in eine Selbstständigkeit entlassen. Mit diesem Akt schließt sich das Sein gewissermaßen über sich selbst ab und nimmt sein eigenes Sein – im Falle des Menschen seine Freiheit – auf sich.

Auf diese eigenständige Schöpfung nimmt Gott nur noch bedingt Einfluss. Geschaffenes Seiendes bleibt zunächst seinem gottfernen Schicksal überlassen. Der Mensch allerdings hat als Ebenbild des Schöpfers den Auftrag, die Schöpfung zu gestalten und zum Guten zu führen. Dazu ist er mit Freiheit und Vernunft ausgestattet, hat also die Aufgabe, ja sogar die sittliche Pflicht, Leid zu minimieren, das heißt konkret, dem Virus zu bekämpfen wie überhaupt alle Übel zu bekämpfen. Dazu kann ihn Gott ermutigen, inspirieren und bestärken. Allerdings bleibt jegliches Handeln des Menschen in diesem Sinne menschliches Handeln und ist nicht als ein buchstäbliches Eingreifen Gottes zu verstehen.

Wenn Gott Freiheit will, muss er physische Übel in Kauf nehmen und nimmt auch nur bedingt Einfluss auf seine Auswirkungen.

Übel überwinden

Unser gesamtes Weltverständnis resultiert aus unserer Verfasstheit als endliche, an Materialität gebundene Vernunft und Freiheit. Dazu gehören auch die Naturgesetze, die keine Schöpfungen Gottes, keine objektiv von Gott in das Sein gelegte Strukturen, sondern Verstandesleistungen sind, die uns bedingt darüber Auskunft geben, wie die Welt, in der wir uns vorfinden, funktioniert. Mit ihrer Hilfe verstehen wir die Welt, aber sie wird uns dabei nicht komplett transparent, sondern nur ausschnittweise. Wir verstehen die Welt als ein Wechselspiel von Werden und Vergehen und von Neuentstehen aus Vergangenem. Das ist das Grundprinzip der Welt und somit auch das Grundprinzip der Schöpfung.

Was wir innerhalb der Schöpfung als Gefahr erleben, ist im Kontext natürlicher Abläufe Teil des Werdens, Vergehens und Neuentstehens. Ein Schöpfergott kann uns also dementsprechend nicht vor den Gefahren bewahren, aber er kann uns qua Vernunftwesen die Fähigkeit geben, die Gefahr als Gefahr zu sehen und zu deuten, besonnen zu handeln, aus Leiden und Gefahren zu lernen, gemeinsam und in gegenseitiger Hilfe den Gefahren zu begegnen und damit klüger und verständiger aus den Gefahren hervorzugehen.

Fazit: Natürlich haben wir die Fähigkeit, uns am Guten zu orientieren, aber dadurch werden wir die Übel der Welt nicht endgültig überwinden. Leiden ist und bleibt eine menschliche Realität. Der Mensch ist von sich aus nicht fähig, die Voraussetzungen des Übels, auch des moralischen Übels aufzuheben. Deshalb ist er erlösungsbedürftig.

Die Pandemie kann allenfalls im indirekten Sinne als ein „Zeichen“, ein „Warnsignal“ Gottes verstanden werden. Der Mensch hat die aktuelle Pandemie teilweise mitverursacht. Sie kann durchaus als Ergebnis der rasanten Säkularisierung und Technisierung der Welt, in der alles für machbar, berechenbar und beherrschbar gehalten wird, verstanden werden. Die Ausbreitung der Seuche im Weltmaßstab ist nur nachvollziehbar vor dem Hintergrund einer umfassenden Globalisierung aller unserer Lebensbereiche. Technisierung und Globalisierung sind letztlich Ergebnisse der neuzeitlichen Freiheitsgeschichte und als solche ambivalent.

Der Virus bildet die unliebsame Kehrseite all dessen, was wir an Vorzügen globaler Vernetzung „normalerweise“ nutzen und für selbstverständlich halten. Die Dialektik neuzeitlicher Modernisierungsschübe ist philosophisch und kulturgeschichtlich hinlänglich mit verschiedener ideologischer Stoßrichtung beschrieben worden. Klar ist, dass der Mensch hierfür mitverantwortlich ist, dass die Resultate zur Last seiner Freiheitsgeschichte gehören.

Versteht man die oben genannte Entwicklung als ein Ergebnis (neuzeitlicher) Freiheitsgeschichte, so gibt es schon rein innerweltlich betrachtet „Gewinner“ und „Verlierer“ dieser Entwicklung: Menschen, die von Technik und Globalisierung profitieren, und solche, die von den Schattenseiten stärker betroffen sind. Obgleich es in diesem Sinne immer auch konkrete Verantwortlichkeit und auch Schuldzusammenhänge gibt, kann man mit Blick auf das Gesamtsystem von einer „Schicksalsgemeinschaft“ sprechen, der sich kein Mensch entziehen kann. In einer solchen Schicksalsgemeinschaft betrifft schuldhaftes Verhalten Einzelner immer auch alle.

Darüber hinaus gibt es für jeden Einzelnen die Möglichkeit, auch innerhalb einer alle betreffenden Situation moralisch zu handeln. Theologisch und vor allem biblisch bleibt aber die Möglichkeit offen, die durch offensichtlich schuldhafte Strukturen verursachten Übel als „Warnsignal“ zu verstehen, im Sinne eines Weckrufes, sündhafte oder ungerechte Strukturen zu ändern. Diese Deutung kann gleichermaßen auch auf den von Menschen gemachten Klimawandel Anwendung finden.

Gott, der Mensch und seine Freiheit

Theologisch gesprochen hat Gott uns zur Gemeinschaft mit sich bestimmt und uns als sein Abbild mit Freiheit ausgestattet, die sich natürlich auch gegen ihn und seine Ordnung richten kann. Sonst wäre sie keine echte Freiheit.

Das heißt aber nicht, dass Gott die üble Tat gutheißen oder tatenlos hinnehmen würde. Die Theologie kennt neben der Schöpfungsordnung noch eine Erlösungsordnung, in der es darum geht, den Menschen bei der Erreichung seines schöpfungsmäßigen Ziels durch Offenbarung zu unterstützen. Ein Gott, der dem einmal ausgelösten Drama der Freiheit (nur) zuschaute wie ein Dramaturg seinen Figuren auf der Bühne, wäre zwar philosophisch denkbar (und viele antike Götter entsprechen einer solchen Vorstellung), müsste sich aber fragen lassen, was er mit einer mit Freiheit begabten Schöpfung eigentlich beabsichtigt hat. Er würde schlicht unseren moralischen Kriterien nicht gerecht werden und in Konkurrenz zu menschlicher Freiheit treten. Wenn ernsthaft erwogen wird, dass Gott es gut mit uns meint, dann muss diese Güte sich in irgendeiner Weise auch für seine Schöpfung engagieren. In dieser Weise hoffen Christen auf das solidarische „Mitsein Gottes“ mit den Menschen durch Jesus Christus – auch in der Corona-Krise. Dieses Mitsein wird spürbar in dem engagierten Handeln vieler Menschen für die, die hart getroffen sind, und in dem Beitrag zu einem gesellschaftlichen Zusammenhalt, der jetzt in besonderer Weise benötigt wird.

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