Der Befund einer zu großen Teilen menschengemachten, gefährlichen Erwärmung des Weltklimas ist ein mit naturwissenschaftlichen Mitteln erhobener Befund. Ob dieses Phänomen wirklich stattfindet, warum, in welcher Drastik und wie es sich verlangsamen und aufhalten lässt, sind alles Fragen, die nur von naturwissenschaftlichen Disziplinen bzw. von deren Kombination in einer Klimawissenschaft beantwortet werden können. Wie wir aber angesichts dieser Resultate, Prognosen und Hypothesen als Menschen weiterleben wollen, ist keine naturwissenschaftliche Frage, vielmehr eine ethische. Deswegen können uns die Klimawissenschaften nicht sagen, wie wir leben sollen. Ähnliches erleben wir derzeit in der Corona-Krise: Virologen können nur sagen, was aus virologischen Gesichtspunkten das Beste wäre. Da dies aber nur ein Gesichtspunkt unter vielen ist, können sie eben nicht sagen, was unter Berücksichtigung aller Gesichtspunkte das Beste wäre. Die einzige Wissenschaft, die alle Gesichtspunkte einbezieht, ist die Philosophie. Sie besteht geradezu in der Weigerung einer Einschränkung ihrer Gesichtspunkte, welche Einschränkung alle anderen Wissenschaften zu jeweils der Wissenschaft machen, die sie sind. Sie schaut so auf das Ganze, dass keine der möglichen Perspektiven einfachhin ausgeblendet wird. Und nur, wenn und weil sie diesen umfassenden Blick hat, kann sie nach dem Guten fragen. Denn das Gute, das in Frage steht, wenn wir nach dem richtigen Handeln fragen, ist ja gerade nicht das eingeschränkt Gute der angewandten Wissenschaften (gut, wenn Du das und das erreichen willst), sondern das schlechterdings Gute. Jenes Gute also, das, wenn ein Mensch es verwirklichte, uns ihn einen guten Menschen nennen ließe. Sie versucht, allen Aspekten gerecht zu werden, indem sie sie zueinander in Beziehung setzt und hierarchisiert. Damit tut sie genau das, was jeder Mensch nicht umhinkommt, zu tun, wenn er angesichts einer komplexen Problematik ein Urteil fällt, aber sie nimmt sich die Zeit, genau diese so unerlässliche, wie oft verborgene und deshalb häufig fehlerhafte, bisweilen schlampige, manchmal verfälschende Form der Gesamtreflexion explizit, transparent und im synchronen wie diachronen Dialog durchzuführen.
Die Frage «How dare you?», mit der Greta Thunberg die Politiker auf dem UN-Klimagipfel 2019 konfrontierte, – also etwa: «Wie wagt Ihr es, so mit dem Planeten und damit der Zukunft Eurer Kinder umzugehen?» – ist rhetorischer Natur. Sie verlangt so wenig eine Antwort wie die Frage: «Was fällt Dir eigentlich ein?» Man könnte sie aber auch anders verstehen: Wie wagst Du es – trotz aller Gefahren und Herausforderungen, in denen diese Zeit durch die Klimakrise steht? Woher nimmst Du genug Gelassenheit, Antrieb, Mut und Freude, um das Wagnis des Lebens heute anzugehen? Und da dies, wenn es eine ernste Frage sein soll, nicht bloß eine Frage an die Anderen sein kann, sondern wie jede ernste Frage nur dann auf ernsthafte Weise gestellt werden kann, wenn man sich in die Anfrage miteinbezieht: How dare we? – Wie können wir es trotz allem wagen?
Wagen können wir es nur, wenn es einen Weg gibt, der uns wesensgemäß ist. Wesensgemäß ist dem Menschen die Menschlichkeit. Dass er diese verfehlen kann, indem er allzumenschlich oder gar unmenschlich wird, gehört paradoxerweise zu seinem Wesen. Es gehört zu seinem Wesen, dass es ihm als Aufgegebenes gegeben ist. Unsere Frage lautet also: Was sind Kriterien eines menschlichen Umganges mit der Klimakrise?
1. Klimaskepsis oder Klimaglaube?
Der Klimawandel findet statt, und er ist zu einem großen Teil menschengemacht.1 Dies der Konsens von weit über 90%2 der Klimaforscher. Laut Deutschlandtrend vom Mai 2019 haben in der deutschen Bevölkerung 86% der Bürger Vertrauen in diesen wissenschaftlichen Konsens. Immerhin 13% haben dies nicht.3 Sie werden etwas ungenau Klimaleugner oder -skeptiker genannt, und man wird ihnen sicher am wenigsten damit gerecht, dass man sie, wie wir es zur Vereinfachung unserer Konflikte so gerne handhaben, für «dumm, böse oder am besten beides» ( J. Splett) erklärt.
Denn natürlich gibt es Grund zur Skepsis gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens. Schon deshalb, weil es ohne Skepsis die Wissenschaft, die den Konsens hervorbringt, gar nicht gäbe. Dogmatische Wissenschaftsgläubigkeit ist geschichtsblind und deshalb für Gegenwart und Zukunft äußerst gefährlich. Der erste Fehler der Wissenschaftsgläubigkeit ist die Annahme, Wissenschaft geschehe konsensual – «die Wissenschaft hat festgestellt….». Weit mehr ist Wissenschaft davon beherrscht, dass etwas strittig, als dass man sich einig ist. Einig ist man sich in wissenschaftlichen Schulen, die man eben deshalb nicht mit der Wissenschaft, der sie zugehören, verwechseln sollte. Bei so etwas unübersehbar Komplexem wie dem Klima der Welt muss es deshalb eine Fülle von abweichenden Positionen geben.
Auch da, wo die Wissenschaft sich weitgehend einig ist, kann sie irren (das eben herauszufinden, ist präzise ihr Fortschritt) — und sie irrt ständig. Der in der jüngeren Geschichte unrühmlichste Irrtum war wohl der szientifische Rassismus, ohne den die nationalsozialistische Bewegung kaum möglich gewesen wäre – und auch und gerade wissenschaftliche Vorhersagen stimmen sehr oft nicht.4 Auch hier ist die Corona-Krise lehrreich, die sozusagen über Nacht quer durch die Disziplinen zu einem Massensterben der Prognosen geführt hat.5 Weiter: Wissenschaft kennt Moden und Gruppendruck. Sie ist ein System, dessen allgegenwärtige und fraglos hingenommene Feedbackloops in krassem Gegensatz zur ihrem Rationalitätsanspruch stehen. Und diese Tatsache wird durch das Drittmittelsystem, das ihrer ja eigentlich wehren sollte, noch einmal befeuert: Wo schon Gelder sind, kommen noch mehr Gelder hin; wo keine sind, kommen auch keine hin. Ein sogenannter Klimaskeptiker hat damit kaum Chancen auf Anerkennung in der Community und wenig Chancen auf die Gelder, ohne die man Wissenschaft nicht betreiben kann (zumindest auf Gelder, die nicht von vorneherein die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit untergraben – wie etwa Unterstützung durch die Industrie, die von der Verbrennung fossiler Brennstoffe lebt).
Sodann: Es liegt überaus nahe, dass diejenigen, die an einen rapiden menschengemachten Klimawandel glauben, die Situation überdramatisieren, um überhaupt die träge Menschheit in Gang zu bringen. Beispiele dafür gibt es zuhauf. (z. B. die Eisbären, denen es zumindest im Moment sehr viel besser geht als noch vor 60 Jahren [damals 5–19.000, heute ca. 26.500] – ähnliche Beispiele unhaltbarer Hyperdramatisierung lassen sich zuhauf finden6).
Es gibt weitere sehr ernstzunehmende Gründe zur Skepsis am Klimawandel-Konsens, die nicht unmittelbar mit dem (Un-)Wesen von Wissenschaft zu tun haben. So ist ein apokalyptisches Lebensgefühl, das sich seine Gründe sucht, eine anthropologische Grundkonstante. Und – viel gefährlicher noch – es gibt immer politische Interessenten an einer Krise, restaurative wie umstürzlerische. Denn in der Not lassen sich die schönsten Machtexzesse rechtfertigen.
Reichen diese Verdachtsmomente, um die These des menschengemachten Klimawandels abzulehnen? Die, wie mir scheint, einzig vernünftige Antwort lautet: Nein, sie reichen bei weitem nicht. Denn es gibt noch bessere Gründe zur Skepsis an der Skepsis. Hier sind einige:
Unter den Fachleuten ist die Verteilung zwischen Befürwortern der These und deren Gegnern von erdrückender Eindeutigkeit – und das zu einer Zeit und in Systemen, in der die Wissenschaft so viel Freiheit genießt wie selten, wenn je, zuvor. Dahinter eine generelle Verschwörung zu vermuten, hat eine hohe Beweislast, die man nicht einlöst, indem man auf den Goldstandard jeder über zu wenig Argumente verfügenden Verschwörungstheorie zurückgreift, nach dem die herrschende Theorie deshalb so evident wirkt, weil die Verschwörung so perfekt ist.7 Hat sich ein solches Denken erst einmal eingefleischt, ist jeder Konsens ein Gegenbeweis und jedes überzeugende Argument für den bekämpften Standpunkt eines, das gegen ihn spricht.
Sodann: Es gibt nicht bloß eine allgemeinmenschliche und eine politische Neigung zu apokalyptischen Szenerien. Es gibt genauso das gegenteilige Interesse: Menschen haben es schon immer vorgezogen, angstmachende Wahrheiten zu verdrängen. Und der Verdrängungsimpuls wird noch verschärft durch die Abneigung gegen Veränderungen und seiner Liebe zu Bequemlichkeit. Denn wenn sich eines mit Sicherheit über die These vom menschengemachten Klimawandel sagen lässt, dann, dass sie äußerst besorgniserregend und unbequem ist. Die angemessene Reaktion auf den Klimawandel bedarf der Einschränkung und des Verzichtes. Menschen verzichten ungern.
Außerdem: Menschen verdienen sehr gut an klimaschädlichem Verhalten. Wenn es eine Lobby hinter den Climate-Change-Vertretern gibt, müsste es eigentlich eine viel stärkere Lobby hinter den Skeptikern oder Leugnern geben (denn diese Lobby hat – zumindest noch – mehr Geld).
Nach Abwägung des Für und Wider, dessen Existenz zu verleugnen immer Ideologie ist (gleich auf welcher Seite die Verleugnung stattfindet), kommt es mir hier weit vernünftiger vor, den 97,5 % der Klimawissenschaftler zu glauben, die eine gefährliche Krise, auf die wir zu reagieren haben, prognostizieren, als den 2,5% Vertretern der Zunft, nach denen keine Krise und damit auch kein Handlungsbedarf besteht.
Ja, aber – könnte jemand fragen – geht es denn hier überhaupt um die Frage, wem zu glauben sei? Nun: Die Alternative ist, die Modelle selbst durchzurechnen, aber wenn man sich nicht gerade die Klimawissenschaft zum Beruf gemacht hat, ist dies schlicht nicht möglich. Ja, selbst für Klimawissenschaftler gilt, dass sie ohne Glaube ihre Wissenschaft nicht betreiben können; denn keiner vermag, all die Fülle an Daten und Gesetzlichkeiten, die in die Prognosen eingehen, selbst zu erheben oder auch nur zu überprüfen. Das macht den Glauben unerlässlich; umso wichtiger ist es, dass er sich als vernünftig ausweisen kann.
Und zu den bereits genannten Gründen für dessen Vernünftigkeit kommt nun ein weiterer, sehr erheblicher hinzu: Die Gefahren sind ungleich verteilt. Wenn die Warner recht haben, stehen wir vor einer großen Gefahr, und es gibt dringenden Handlungsbedarf. Haben die Beruhiger recht, stehen wir vor keiner großen Gefahr. Sollten die Beruhiger recht haben und wir den Warnern folgen, ist die Gefahr die, dass wir uns mehr einschränken, als wir müssten (angesichts der allgemein menschlichen Bedeutung von Askese wäre das nicht weiter schlimm), und dass wir unsere Technologie umstellen, obwohl wir das nicht müssten – da die fossilen Brennstoffe endlich sind, geschähe das vielleicht früher als nötig, wäre aber sowieso irgendwann geboten. Wer sich früh darauf eingestellt hat, steht besser da, wenn es soweit ist. – Haben aber die Warner recht und wir folgen den Beruhigern, gefährden wir hunderte Millionen von Menschen (ganz zu schweigen von den Tieren). Wer 100 Gutachter beauftragt mit der Frage, ob sein Haus erdbebensicher ist und in dieser Gegend Erdbeben stattfinden, und er erhält von über 90 Gutachtern die Antwort, es sei nicht sicher und es seien Erdbeben zu erwarten, wird sich, wenn er bei Verstand ist, nicht an die verbliebenen Gutachter halten, die sagen, sein Haus sei einwandfrei erdbebensicher oder es seien keine Erdbeben zu erwarten. Dies zumal, wenn er nicht bloß für sich Verantwortung trägt, sondern auch noch für seine Mitbewohner.
2. Wie schlimm wird es?
Erwies es sich nach Abwägung des Für und Wider als eindeutig vernünftiger, der Prognose einer Klimakrise Glauben zu schenken, als dies nicht zu tun, schließt sich daran die Frage nach dem Ausmaß der schädlichen Folgen einer solchen klimatischen Entwicklung an. Hier stoßen wir erneut auf die Grenzen der Wissenschaft. Ihre Möglichkeit, die Zukunft vorherzusagen, ist sehr begrenzt. Gerade zu den wissenschaftlichen Prognosen gehört das Wissen um ihre Irrtumsanfälligkeit. Wer die IPCC-Berichte8 liest, sieht, dass sie eine große Spannbreite der Wahrscheinlichkeit bestimmter Gefahren und eine große Spannbreite des Ausmaßes dieser Gefahren nennen (womit sich der Verdacht der Skeptiker widerlegt, dass die Wissenschaft hier konsensualer sei, als es ihr eigentlich eigen ist – der Konsens besteht im «Dass» einer menschengemachten Erwärmung, das Ausmaß hat eine weite Amplitude).
Man wird also auch hier wieder als Nichtfachmann so etwas wie einen vernünftigen Instinkt befragen müssen. Meist ist es dabei hilfreich, von den Extremen her eine wahrscheinliche Mitte zu eruieren. Das eine Extrem – das der Leugnung einer Krise – haben wir schon als unvernünftig ausgeschlossen. Das andere Extrem ist es nicht minder: Ende des Planeten? Sicher nicht. Des Lebens? Auch nicht. Des Menschen? Kein wissenschaftlich satisfaktionsfähiges Modell prognostiziert das.
Schließt man die Extreme aus, bleibt genug Anlass zu großer Sorge. Steigende Meeresspiegel, Missernten, extremes Wetter, Artensterben, Migrationsströme, Verteilungskämpfe, Feedbackloops. Aber wie schlimm uns all diese Faktoren treffen werden, können wir heute nicht genau wissen. Zum einen aus einer inneren Begrenzung der Wissenschaften heraus, die aufgrund der Multifaktorialität und der langen Zeiträume über die hinaus sie ihre Vorhersagen treffen muss, mit großen Unsicherheiten umzugehen hat.9 Zum anderen, weil es offen ist, wie gut es der Menschheit gelingen wird, den CO2-Ausstoß zu drosseln. Zum dritten, weil es offen ist, wie gut es uns gelingen wird, uns auf die zu erwartenden Probleme einzurichten.
Dass wir die Krise vollkommen abwenden können, ist sehr unwahrscheinlich, weil die Systeme, die sehr schnell reagieren müssten, sehr langsam sind. Dies zum einen, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist, zum anderen, weil natürlich überall auch gewissenlose Gier mitmischt, die über gehörige Machtpotenziale verfügt, sodann aber, und diesen Punkt zu übersehen, wäre fatal, weil diese Systeme – Volkswirtschaften genannt – sich nicht monothematisch auf die Lösung eines isoliert angesehenen Problems ändern lassen, ohne dass damit Schäden entstehen könnten, die das durch den Klimawandel zu erwartende Leid bei weitem in den Schatten stellen.
Wir werden die Krise nicht verhindern können. Wenn wir es je konnten, können wir es jetzt sicher nicht mehr, aber ihr Ausmaß ist offen. Wir können sie abfedern durch Änderungen unserer Lebensweise und unserer Technik. Und: Wir müssen uns auf sie vorbereiten. Aber dies keineswegs bloß technisch. Die wichtigste Adaption, wichtiger noch als Deiche und Bewässerungssysteme, ist internationale Mitmenschlichkeit und Solidarität. Es kann alles sehr unangenehm werden. Dass es zur Hölle wird, liegt nicht am Klima, sondern an unserer Unfähigkeit, füreinander da zu sein. Hierhin gehört z. B., dass die internationale Gemeinschaft die Last der zu erwartenden Migration gerecht aufteilt. Denjenigen, deren Heimat durch den Klimawandel unbewohnbar geworden ist, schulden die anderen eine Heimat bei sich. Zumal da die Länder, die am meisten betroffen sind, häufig die sind, die die Zerstörung am wenigsten verschulden.
Zur Krise gehört nicht nur ihre Gefahr und das mannigfaltige Leid, das sie mit sich bringen wird, zu ihr gehört auch (wie zu jeder Krise), dass sie uns neue Chancen erschließt. Dazu nun.
3. Chancen der Krise?
Die globale Krise macht ein Zusammenrücken der Menschheit als Ganzer notwendig. Es ist eben wirklich ein «gemeinsame Haus»10, in dem wir miteinander leben. Man hat es immer schon geahnt, aber erst durch die ökologische Herausforderung ist es unabweisbar zu Tage getreten, dass wir nur gemeinsam eine Zukunft haben. Die Erwärmung des Klimas kennt keine Staatsgrenzen und zwingt dadurch die Länder, in einer Weise zu kooperieren, wie das vorher nie nötig war. – Diese Lektion gilt es zu lernen. Sie könnte die zarten Triebe einer globalen Mitmenschlichkeit, die wir seit der Gründung des Völkerbundes sehen können, weiter wachsen lassen. – «Könnte», denn keine der an dieser Stelle beschriebenen Chancen ist mehr als dies: eben eine Chance, die man nutzen oder vertun kann. (Auch dies sollten Zukunftsprognostiker stärker betonen, als es meist geschieht: Kein Mensch weiß, wie die Klimakrise – oder die diese zur Zeit überschattende Corona-Krise – «uns» verändern wird; es gibt Chancen und es gibt Gefahren. Hoffentlich nutzen wir jene und meiden diese).
Zu den Chancen gehört sodann, dass die Situation uns dazu drängt, die Askese wieder zu entdecken. Verzichten ist etwas Gutes. Es schadet uns nichts. In Gegenteil: Immer alles zur Hand zu haben führt zur Entwertung der Werte. Begrenzung macht kreativ, offen und dankbar.
Auf einer ähnlichen Ebene liegt die Wiederentdeckung der Kostbarkeit des Reichtums der Natur, der dem Menschen, weil er von seiner (Un-)Natur her durch Gewöhnung und Undankbarkeit blind ist, erst durch ihre Bedrohtheit vor Augen tritt. Nie singen die Vögel so süß wie am Morgen vor einer Schlacht, kann man immer wieder in den Berichten von Soldaten lesen, nie scheint die Natur so lebendig, wie wenn jemand eine todbringende Diagnose erhalten hat; und nun, wo ihr selbst so ungünstige Diagnosen gestellt werden, offenbart sie uns erst ihren ganzen Zauber.
Sodann – und dies scheint mir das Kostbarste: Die Krise führt uns zur Wiederentdeckung der je persönlichen Verantwortung, wie sie uns seit den vielen Jahrzehnten, in denen wir Ethik als Veränderung von Systemen verstanden haben, beinahe schon entfallen war. Über 200 Jahre ist es her, dass Kant den kategorischen Imperativ formalisiert hat, und er erweist gerade hier und jetzt seine Zeitlosigkeit. Die Systemfrage ist komplex; man stellt ein Wirtschaftssystem nicht über Nacht um. Was aber jeder jetzt tun kann, ist den kategorischen Imperativ auf die ökologische Krise anzuwenden. Lässt sich meine Maxime als Gesetz für alle denken, und könnte ich das für mich und meine Kinder wollen? Kann ich vernünftigerweise wollen, dass alle Menschen nach der Maxime leben, nach der ich lebe. Wenn nicht, ist das inakzeptables Schmarotzertum, das ich besser heute als morgen ablege.
4. Versuchungen der Krise
So wie in der Krise Chancen für unsere Menschlichkeit liegen, birgt sie zugleich Gefahren für dieselbe. Gefahren also, die sich nicht unmittelbar aus der klimatischen Situation, sondern aus unserem Umgang mit ihr ergeben.
Allgegenwärtig, sozusagen als Grundversuchung des Klimaschutzes, ist eine Haltung der Misanthropie. Wie ein Menetekel mutet es an, dass der Club of Rome 1975 seinen zweiten Bericht unter das Motto «The world has cancer and the cancer is man»11 gestellt hat. Das Bedrohliche ist nicht, was hier gesagt wird (das ist vielmehr schlicht widerwärtig), sondern dass es gesagt wird, und dies von einer Institution, die zwei Jahre zuvor den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte. Was für ein Satz! Krebsgeschwüre sind unheilbar, man muss sie herausschneiden und entsorgen. Das war 1975, und von dort zieht sich eine misanthropische Konstante durch die Geschichte des Clubs bis in die Gegenwart. Der Bericht von 2016 wird von J. Randers mit den denkwürdigen Worten vorgestellt: «Meine Tochter ist das gefährlichste Tier der Welt», weil sie 30-Mal mehr Ressourcen als Kinder in Entwicklungsländern verbrauche.12 Rhetorische Zuspitzungen in allen Ehren, aber wer so – gleich von welchem – Menschen spricht, muss sich gesagt sein lassen, dass kein Zweck das Stilmittel solcher Antihumanismen rechtfertigt. Worte haben die gefährliche Eigenschaft, dass ihnen entsprechende Taten folgen können.
Zugrunde liegt hier eine in ihrer Einseitigkeit empörend ungerechte Geschichtsbetrachtung: Man vermag im Menschen kaum mehr zu sehen als den großen Ausbeuter der Natur. Dagegen gilt es zu verstehen, wie neu die jetzige Situation für den Menschen ist. In menschheitsgeschichtlichen Dimensionen gesehen ist es gerade einmal einen Augenblick her, dass der Mensch sich vorrangig gegen die Natur behaupten musste, um zu überleben, und in dieser Auseinandersetzung war nicht die Natur das Zerbrechliche, sondern er. Wir stehen auf dem urbaren Land, das er sich in diesem Kampf erstritten hat, und bevor man auf die durch die industrielle Revolution entstandenen bösen Folgen dieses Kampfes schaut, könnte man zunächst einmal dankbar sein. Es geht uns unter sehr vielen Hinsichten deutlich besser als früheren Generationen. Kindersterblichkeit, Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Katastrophentote, Länder mit Todesstrafe, Welthunger sind über die letzten 100–200 Jahre drastisch verringert worden und befinden sich auf historischen Tiefpunkten. Umgekehrt haben Alphabetisierung, Zugang zu sauberem Wasser, Impfungen, Anteil der Menschen, die in einer Demokratie leben, Frauenrechte (z. B. Frauenwahlrecht, Zugang der Mädchen zur Schulbildung) im selben Zeitraum in ungeheurem Tempo zugenommen und befinden sich auf historischen Höchstständen.13 Der medizinische Fortschritt ist weiter atemberaubend. Viele Krankheiten, die früher ein Todesurteil bedeutet hätten, sind heute heilbar; manche – wie etwa die Pocken – sind ganz ausgerottet. Und so revolutionär wie oft übersehen und selten gewürdigt ist die Reduzierung der Armut in den letzten Jahrzehnten. In den letzten 20 Jahren ist der Anteil der Weltbevölkerung, der in absoluter Armut lebt, von 29 % auf 9% zurückgegangen.14 – Niemand muss sich von diesen vielen Fällen echten Fortschritts seinen zivilisatorischen Pessimismus madig machen lassen; natürlich lassen sich auch immer Hinsichten finden, unter denen es mit uns bergab geht, und davon ist die Klimaproblematik eine der gewichtigsten. Aber man sollte sich schon bewusst sein, dass sich die pessimistische Diagnose einer eigenen Auswahl und Gewichtung verdankt, die nur dann nicht willkürlich, undankbar und misanthropisch wird, wenn sie den Sinn für den Wert all des menschheitlichen Zugewinns, der sich in der nach eigenem Ermessen leichteren Waagschale befindet, nicht verliert.15 Vermutlich ist die Frage, ob es sich mit der Menschheit zum Besseren oder Schlechteren wendet, in dieser Abstraktion schlicht unbeantwortbar, und selbst, wenn es eine Antwort gäbe, würde sie uns nicht weiterhelfen, denn Probleme und Fortschritte sind nicht abstrakt, sondern konkret und nur in dieser Konkretion anzugehen bzw. zu unterstützen. Wie auch immer: Wer im Ringen des Menschen mit seinen Existenzbedingungen nur Ausbeutung am Werk sieht, blickt durch eine derartig wertblinde, undankbare und respektlose Brille, dass man ihm nur bedingt über den Weg trauen sollte (auf jeden Fall sollte man ihm keine Verantwortung anvertrauen).
Dass in diesem Prozess der Naturbeherrschung die massive Beschädigung von Lebensgrundlagen droht, ist geschichtlich eine Neuheit, und wer meint, die Menschheit könnte ohne Weiteres innerhalb einiger weniger Jahrzehnte ihre – bis dahin überlebensnotwendige – Mentalität ändern, ist naiv. Dass nun einer ganzen Generation im Gefolge von Greta Thunberg eingebläut wird, in «den Erwachsenen» Monstren zu sehen, die ihnen ihre Kindheit gestohlen haben, ist nicht hilfreich. Alles, was ihnen ihren Protest ermöglicht, verdanken sie «den Erwachsenen». Natürlich ist Selbstgerechtigkeit in gewisser Weise ein Privileg der Jugend, aber zugleich ist sie eine Kinderkrankheit, die loszuwerden nur gelingen kann, wenn «die Erwachsenen» sie mit Argumenten herausfordern, anstatt sie zu befeuern. Diese Kritik richtet sich weder an Thunberg noch an andere Führungsfiguren der »Friday-for-Future«-Bewegung, sondern an diejenigen «Erwachsenen», und dies sind viele, die ihr auf kritiklose Weise den Hof machen. Ja, es ist ein hohes Gut, wenn junge Menschen sich wieder politisch engagieren. Aber diesem erwachenden Engagement entspricht man gerade nicht, indem man ihm kritiklos begegnet. Jede Jugendbewegung hat das Recht, sich an der Erwachsenenwelt zu reiben, und in diesem Reibungsprozess, Dialog genannt, die andere Seite zu belehren, wie selbst zu lernen. Genau dieses wird ihr verunmöglicht, wenn sich der politische Mainstream entzückt über den Idealismus der Jungen die Kritik verbietet. Am Beispiel von «Fridays for Future» wäre das zunächst ein Diskurs darüber, dass auch junge Leute nicht davor gefeit sind, sich heuchlerisch aufzuführen ( jedenfalls sind es nicht bloß die Erwachsenen, die dafür gesorgt haben, dass seit Beginn der Proteste bis zum Beginn der Corona-Krise die Personenzahlen im Flugverkehr von Monat zu Monat weiter zugenommen haben16 – und die Neigung, stets das neueste Handy zu haben, findet man keineswegs nur bei den Erwachsenen). Und zum zweiten vielleicht eine Debatte darüber, dass Demonstrationen hilfreich sind, da sie auf Probleme hinweisen. Für deren Lösung ist allerdings genau jene Bildung nötig, um die man sich bringt, wenn man sie bestreikt. Und darüber, dass es vielleicht ein Gebot der Ehrlichkeit ist zuzugeben, dass man Schüler eher auf die Straße bekommt, wenn das eine Alternativveranstaltung zur Schule ist, als wenn es eine Alternativveranstaltung zur Freizeit wäre. Und dann noch vielleicht darüber, wie sinnvoll ein Streik ist, der von den Bestreikten unterstützt wird und nicht primär diesen, sondern den Streikenden schadet.
Eine weitere Gefahr innerhalb der Gefahr ist die Einseitigkeit. «Nur noch eines ist wichtig», heißt es. Das kann nicht stimmen. Schon für einen gelingenden Klimaschutz ist mehr als eines notwendig. Die konkreten Maßnahmen setzen funktionierende internationale Beziehungen und integre Staaten voraus. Das Bedingte ist nicht ohne die Bedingungen zu haben. Das vielgeschmähte «Reden» ist also das, was die «Erwachsenen» weiter pflegen müssen, wenn sie zu tragfähigen internationalen Maßnahmen kommen wollen. Und auch für nationale Maßnahmen wird man reden müssen. Es kommt aber ein Weiteres hinzu: Wer meint, es sei jetzt nur noch der Klimaschutz nötig, der setzt die möglichen Todesopfer von morgen über die tatsächlichen massenhaften Todesopfer heute, deren Tod rein gar nichts mit dem Klimawandel zu tun hat. Während manch einer seine Kindheit zerstört wähnt, weil ihm keiner seine Sorgen vor der Zukunft nehmen konnte, gibt es Millionen von Kindern, deren Kindheit zerstört wird, nicht weil sie sich Sorgen vor der Zukunft machen, sondern weil ihre Gegenwart grauenhaft ist. – Es gibt also eine Fülle von Maßnahmen, die wichtig und überaus drängend sind und bleiben, obwohl sie nicht zum Klimaschutz gehören.
Morgen und Heute stehen nicht gänzlich gleichberechtigt nebeneinander. Es stimmt: Man darf das Morgen nicht dem Heute opfern. Dies tun wir, indem wir von unserem vermeidbaren Raubbau nicht ablassen, und das müssen wir beenden. Aber das Umgekehrte gilt ebenso: Man darf das Heute nicht dem Morgen opfern. Und beide Verdikte stehen nicht gleichrangig nebeneinander. Im Konfliktfall hat das Heute den Primat: Denn wer kein Heute hat, hat kein Morgen; und zukünftige, also mögliche, Menschen sind nachrangig zu wirklichen Menschen. Zum Konfliktfall gehört freilich, dass dieselben Güter in Frage stehen: Luxus auf Kosten der Morgigen geht nicht; Überleben sehr wohl – und eben deshalb können nur Klimaschutzmaßnahmen in Frage kommen, die sich mit der Sicherung eines menschenwürdigen Lebens der Heutigen in Einklang bringen lassen, und verbieten sich solche, die zu Massenarbeitslosigkeit, Armut, Hunger, Chaos und Krieg führen könnten. Zum Überleben gehören auch Dinge wie Jobs und politische Ordnung, die man deshalb bei der Klimarettung zu berücksichtigen hat.
Damit ist schon die nächste Gefahr innerhalb der Gefahr angedeutet: Klimaschutz als anti-demokratisches U-Boot oder autoritäre Bewegungen als letzte Hoffnung für das Klima. An vielen Orten wird der Klima-Notstand gefordert und verkündet. Schon der Begriff Notstand ist ein schwieriger. In den 60ern haben die Studenten gegen die Notstandsgesetze demonstriert. Heute wird der Notstand gefordert. Je größer ein Notstand, desto stärker die Eingriffe in die Freiheitsrechte der Menschen. Die großen totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts haben Notstände konstruiert, die es ihnen erlaubt haben, die Menschenrechte mit Füßen zu treten. «Not kennt kein Gebot» – wer ums Überleben kämpft, darf alles. Natürlich können Einschränkungen der Rechte Einzelner um des Gemeinwohls willen legitim sein, aber man muss die Perzeption einer Notlage so weit im Griff halten, dass sie nicht zum alle Freiheitsrechte verschlingenden Monstrum wird. Das politische Monster, das dann herrscht, ist schlimmer als die Gefahr, der es Herr werden soll. Denn wie groß das Leid, das die Natur hervorbringen kann, auch sein mag, verglichen mit dem Grauen, das der Mensch entfesseln kann, ist die Natur ein Stümper. Und abgesehen davon wird es der Gefahr nicht Herr, sondern – weil die Kontrolle durch die Demokratie wegfällt – korrupt. Und wer meint, es bräuchte eine Expertendiktatur für die Zeit der Krise, dem sei gesagt, dass, wenn die Demokratie erst einmal geschliffen ist, die dann herrschenden Experten immer eine Krise finden, der es zu wehren gilt (und sollte das Klima jemals so sein, dass seine Entwicklung nicht Grund zur Besorgnis gibt?17).
Mit ähnlichem Misstrauen ist dem antikapitalistischen Unterton mancher Klima-Aktivisten zu begegnen. Die freie Marktwirtschaft bedarf sicher einer Fülle regulatorischer Maßnahmen, um Problemen gerecht zu werden, die die unsichtbare Hand eben nicht adressiert. Aber zugleich gilt: Zu den Menschenrechten gehört auch die Freiheit des Wirtschaftens, und zudem ist ein ökonomisch funktionierendes nicht-marktwirtschaftliches System nie gefunden worden. Vielmehr haben alle radikalen Abschiede vom Prinzip der Marktwirtschaft zur Explosion von Armut, Ungerechtigkeit, Korruption und Grausamkeit geführt.18 Alles drei gibt es auch in marktwirtschaftlichen Systemen, aber bei weitem nicht in demselben Ausmaß.
Kommen wir zu einer weiteren Gefahr des Umganges mit der Krise: So wie es auf der einen Seite borniertes Nicht-wissen-Wollen oder gewissenlose Gier gibt, begegnet am anderen Extrem eine sehr unangenehme Kinderkrankheit ethischer Gesinnung. Man ist Moral nicht mehr gewöhnt und deshalb in Gefahr, in den ältesten Fettnapf der Moral zu treten: Selbstgerechtigkeit. Sich berauschen an der eigenen Gerechtigkeit und Verachtung der Ungerechtigkeit der Anderen. Dazu: Man sollte nicht meinen, dass das ökologische Gewissen das ganze Gewissen umfasst. Königsdisziplin des Gewissens bleibt der direkte Umgang mit den Anderen und vor allem mit den Notleidenden. – Wer sich hier nicht ökologische Reinheitsformen, die phänomenologisch, trotz ihrer motivationalen Unterschiede, Ähnlichkeiten mit den kultischen Reinheitsformen pharisäischer Ausprägung haben können, sondern die Nächstenliebe zum Richtmaß setzt, wird nicht so schnell auf die Idee kommen, dass seine Weise, zu konsumieren und politisch aktiv zu sein, ihn schon gut machen (denn je mehr sich einer für die Liebe entscheidet, desto weniger kommt er auf die Idee, er habe sie erreicht). – Man kann nicht mehr wirklich den Nächsten lieben, ohne die Umwelt in den Blick zu nehmen. Man kann aber sehr wohl gegenüber der Umwelt ein Heiliger sein, aber seinen Nächsten hassen. Mit anderen Worten: Der ökologisch Heilige kann menschlich ein Ungeheuer sein.19
Die Beurteilung der Anderen muss sich immer hüten, nicht ungerecht zu sein. Nicht jedem ist jeder Verzicht zuzumuten. Das ist das Elegante am kategorischen Imperativ. Es geht nicht um die Generalisierbarkeit meines Handelns, sondern von dessen Maximen. Eine solche kann zum Beispiel sein, dass dem mehr an Umweltgerechtigkeit abzuverlangen ist, der über die Mittel dazu verfügt. Wer auf engstem Raum in einem hässlichen Viertel wohnt, hat vielleicht eher ein Recht, nach Mallorca zu fliegen, als derjenige, dessen Wohnort und Umgebung so ist, dass andere dort Urlaub machen würden. Und der ökologisch perfekte Einkauf ist auch nicht jedem abzuverlangen – zumal es Menschen geben mag, die sich für ein anderes drängendes menschliches Problem massiv engagieren und deshalb nicht die Mittel haben, zugleich ökologisch perfekt einzukaufen.20
Zudem: Verachtung hat noch in den seltensten Fällen jemanden überzeugt. Stattdessen führt sie in die Polarisierung (wer verachtet wird, verachtet die, die ihn verachten; dann trifft ihn deren Verachtung nämlich nicht mehr). Polarisierung scheint mir aber eine der drängendsten Gefahren für die demokratisch-rechtsstaatlichen Staaten in diesen Tagen zu sein. Eine Gesellschaft, die aus Gruppen besteht, die nichts mehr gemein haben und sich deshalb nichts zu sagen haben als Beschimpfungen und nichts miteinander zu tun haben als den Kampf um Macht, ist in der realen Gefahr, dysfunktional zu werden.
5. Wie also können wir es wagen?
Die skizzierten Gefahren innerhalb der Gefahr lassen zum Teil schon ex negativo erkennen, wie ein menschlicher Weg durch die ökologische Krise denk- und lebbar ist. Aus dem im vorigen Abschnitt Letzten ergibt sich das hier erste Kriterium eines menschlichen Weges durch die Krise:
Miteinander. Keine Verschärfung des «Us and We»-Denkens. Dazu gehört der Verzicht auf Monothematik: Verständnis und Anerkennung anderer Nöte. Statt Selbstgerechtigkeit und Verachtung des politischen Gegners geduldige und demütige Überzeugungsarbeit.21
Als Sterbliche. Dass der zeitgenössische Mensch ein massives Problem mit seiner Sterblichkeit hat, mischt die Situation zusätzlich auf. Denn: Das verdrängte eigene Ende wird in die Natur projiziert. Weil es aber das verdrängte eigene Ende ist, spiegelt es dessen Unausweichlichkeit und Radikalität wider. So real und drängend die Erwärmung des Klimas auch ist, sie ist zugleich eine Chiffre für unser Sterben (weil wir uns lieber mit Chiffren unseres Sterbens als mit diesem selbst befassen, hat es kaum je Zeiten gegeben, zu der es nicht auch ein aktuelles apokalyptisches Szenario gegeben hätte). Diese Verdrängung des Todes gibt der Klimabewegung ihren bisweilen panikhaften Unterton und droht, jene Gelassenheit zu nehmen, ohne die man in keiner Gefahr bestehen kann.
Aber auf der Gegenseite, jener des ängstlichen, bequemen oder gierigen Nicht-wissen-Wollens, ist die Sterblichkeit nicht minder virulent: Im Konsumismus als Versuch, die Frist, die uns bleibt, mit so vielen Gütern zu füllen, wie nur irgend hineingehen. Verzicht ist immer eine Vorwegnahme des Todes, deswegen fällt er uns so schwer. Angesichts der heute vorherrschenden totalen Diesseitigkeit wird er fast unzumutbar.
Dagegen wäre es wichtig, unsere Sterblichkeit anzunehmen. Die unsere, die unserer Nachfahren und die unserer Erde. Das sollte nicht leichtfertig machen, aber gelassen. Leben in Fülle gibt es, wenn überhaupt, erst jenseits der Zeit. Und was immer wir zur Rettung unserer Nachkommen tun können, sie werden doch sterben. Das entpflichtet uns keineswegs, alles zu tun, damit ihnen wenigstens das vergönnt ist, was uns vergönnt war (wenigstens, denn eigentlich sagen Eltern: unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir), aber man muss gegenüber den Härten, die der Klimawandel bringen wird, vielleicht etwas weniger verzweifeln und in Panik verfallen, wenn man weiß, dass der Tod das Ende einer jeden Biographie ist.
Demokratisch-rechtstaatlich. Keine Gefahr erlaubt es, hinter diesen Standard zurückzufallen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Welches Elend auch immer wir mit totalitären Mitteln verhindern wollen, wir verbreiten ein mindestens ebenso Schlimmes. Kein Klima ist so heiß wie die Hölle, die Menschen einander bereiten können – und das tun sie verlässlich, wo sie in ihrer Machtausübung nicht mehr kontrolliert werden. Das impliziert: Es gibt keine Alternative zur Debatte – und zum Mitnehmen der Menschen.
Umsichtig. Bei aller Entschiedenheit, unsere Systeme zu modifizieren, gilt es eines nicht zu vergessen: Es gibt wenige Weisen, wie ein komplexes System, wenn auch leidlich, funktioniert, dagegen unzählige, wie man es vor die Wand fahren kann. Ein System ist wesentlich leichter und schneller zerstört als aufgebaut. Arbeitsplätze, eine funktionierende Wirtschaft, Energie- und Versorgungssicherheit sind nicht als zweitrangig zu behandeln. Es sei denn, die Gefahren der Hitze wären per se schlimmer als Armut, gesellschaftliches Chaos und Kriege.
Eigenverantwortlich. Wie immer die Politik handeln wird und welche politische Richtung meine Unterstützung findet, das Politische ist nur eine Weise, dem Problem zu begegnen. Ich, und das meint: jeder, kann jetzt handeln, und nichts rechtfertigt, dies nicht zu tun. Denn nach einer Maxime zu handeln, deren Allgemeingültigkeit ich nicht wünschen kann, ist unfair und des Menschen nicht würdig. Und gerade wer Zwangs- und Erziehungsmaßnahmen des Staates fürchtet, sollte sich so benehmen, dass er der Erziehung gar nicht erst bedarf. Umgekehrt: Wer sich Änderung nur als Änderung von Systemen denken kann, sollte nicht vergessen, dass am Ende ein System allenfalls eine Realität zweiter Ordnung ist; es existiert nur in den Einzelnen, und wenn die sich nicht ändern, ändert sich nichts. Was heißt diese Eigenverantwortlichkeit konkret? Gegenwärtig gelten als die wirksamsten Maßnahmen des Einzelnen: Nicht fliegen, wenn es sich vermeiden lässt. – Öffentliche Verkehrsmittel statt Auto. – Anders essen (weniger Fleisch, regional, saisonal, in weniger Verpackung). – Nicht ständig neue Sachen kaufen. – CO2-Kompensation bezahlen, wenn man es sich leisten kann.22 – Am Ende besteht jedes System aus Einzelnen, und deren Summe macht es. Für das System gibt es gute Gründe, vorsichtig voranzugehen, für den Einzelnen nicht.23
Dankbar. Für das, was uns, trotz aller Probleme, als Menschheit gelungen ist, und für die Kostbarkeit der Leben schenkenden Natur. Es gibt eine Vorwegnahme der Apokalypse, in welcher schon heute die Natur nur noch als Zerstörte gesehen wird; das wird ihr nicht gerecht. Selbst wenn die dunkelsten Prognosen wahr werden sollten, wäre man dumm, wenn man heute nicht in vollen Zügen das schätzte und würdigte, was es an Gütern der Natur noch gibt – nicht zuerst, aber auch nicht zuletzt deshalb, weil Schätzung Bedingung für Schutz ist.
Ohne Angst. Angst ist kein guter Ratgeber. Panik schon gar nicht. Bricht Panik aus, gibt es nur noch die blinde Flucht vor einer Gefahr. Dabei werden in der Regel andere totgetrampelt und, wer nur eine Gefahr sieht, läuft der nächsten in die Arme. Angst hat noch nie zum Gewinn eines Kampfes geführt. Vielmehr: Wer gewinnen will, muss zuerst seine Angst besiegen. Nicht seinen Realitätssinn und auch nicht seinen Respekt vor dem Gegner, aber seine Angst.
Voller Hoffnung. Greta Thunbergs Frage «How dare you?», lässt sich weiterschreiben: Wie können wir es wagen? Sicher nicht mit Pessimismus, Angst und Panik. Die großen Gestalten haben nach den Sternen navigiert – gegen allen Pessimismus. Wir schulden unseren Kindern nicht bloß eine einigermaßen intakte Welt, sondern auch eine einigermaßen intakte Hoffnung. Bei aller Schulung zur Klimasensibilität ist es seelische Grausamkeit, Kindern zu verkaufen, dass sie keine Zukunft haben. Immer war die Zukunft in Gefahr, und sie wurde bestanden von Menschen, die vor der Gefahr die Augen nicht verschlossen, die Gerechtigkeit nicht über Bord warfen, die Ruhe bewahrten und mit Herz und Hirn die Herausforderung angenommen haben.