Philippe Jaccottet

Das Kind kauerte sich
zu Füßen der uralten und sanften Frau
im schwarzen Kleid aus anderer Zeit.

Im Korb,
noch ganz und gar eingerollt,
der Wollfaden seines Lebens,
und die Schere.1

 

* * *

Seit langem schon bettet Philippe Jaccottet seine Gedichte in den Lauf seiner Prosanotizen ein, webt aus Gedichten und Aufzeichnungen seine sanft leuchtenden und schillernden Texturen. Ihre Fäden sind aus vielen Elementen gewoben, aus Licht und Wasser, dem Wind, den Blumen und Vögeln und vielem anderen mehr. Nuancenreich und unaufgeregt laden sie den Leser ein, ihrem eleganten Rhythmus zu folgen, der wie eine vertraute Resonanz auf das Leben wirkt, das sie begleiten im diskreten Wechsel von fürsorglicher Nähe und seinlassender Ferne. Diese Texte entstehen seit Jahrzehnten im zurückgezogenen Leben in Grignan in der Provence. Die reichen Facetten alltäglicher Aufmerksamkeit spiegeln sich in den lyrischen Notaten und Notizen, den Aufzeichnungen und Reflexionen, kurzen Stücken, in denen Philippe Jaccottet die Gänge des Tages versammelt und geduldig darauf wartet, dass sich dessen innere Transzendenzen offenbaren und öffnen.

«Das Kind kauerte sich» ist nur ein wenig mehr ein Gedicht als eine poetische Notiz, und mit diesem Text beginnen einige «Nächtliche Notizen» überschriebene Texte. Das Gedicht ist ein sehr kurzes, siebenzeiliges Anfangsbild eines Lebens, das sein Ende schon enthält, kaum mehr als ein angedeutetes Von-Woher und ein Wohin: noch farb- und lichtlos eingerollt und unentfaltet, der Faden des Lebens wie der Körper «zu Füßen der uralten und sanften Frau / im schwarzen Kleid aus anderer Zeit.» In der «uralten und sanften Frau» scheint die römische Mythologie aufgerufen, die drei Parzen, Göttinnen der Geburt und später des Schicksals. Sie spinnen den Lebensfaden (Nona), teilen ihn zu (Decima) und unabwendbar wird er am Ende durchtrennt (Parca.) Dunkel gekleidete Anwesenheit eines zumeist vergessenen Mythos, die Erscheinung des Endes an der Wiege zu Beginn, so auch hier.

Das Kauern des Kindes signalisiert Geborgenheit, Wärme und Zutrauen, aber auch die Angst, die im Rückzug des Kauerns liegt, das keine dauernde Haltung bleiben kann. Das Kauern wird ein Ende haben und das Leben sich wie der Lebensfaden entfalten. «Dans la corbeille, / encore toute enroulée,/ la laine de sa vie» – «Im Korb,/ noch ganz und gar eingerollt,/ der Wollfaden seines Lebens.» Niemand kann für immer eingerollt bleiben. Und am Ende muss sich der Wollfaden entfalten und wird das kauernde Kind das Warme2 ablegen, das mit dem Lebensfaden gewoben wurde.

Es will mir scheinen, als ob ich durch den ruhigen Rhythmus dieser poetischen Notiz hindurch das schlagende Herz des Kindes hören könnte. Die pulsierende Andeutung eines sich alsbald entfaltenden Lebens, dessen trauriges Ende indes schon klar ist. Das Leben wird sich entfalten, und es wird enden, wenn der Lebensfaden durchschnitten wird. Das eine ist so klar wie das andere. Die Schere, die den Lebensfaden durchschneidet, liegt schon bereit, wie der Wollfaden des Lebens im schützenden und bergenden Korb. Der Vergänglichkeit des Lebens ist hier alles Außergewöhnliche und Dramatische genommen. Das Leben ist ein Vorübergehen, eine Entfaltung und ein Schnitt, der uns das «warme Kleidungsstück» des Lebens nimmt.

Unter den vielen lichtfunkelnden Texten Philippe Jaccottets ist dieses Gedicht – wie viele seiner späteren – ein sehr dunkles. Damit könnte es folgende Bewandtnis haben: Das Leben ist für Jaccottet stets ein Leben im Licht und seinen vielen Formen und Reflexen. Auch das «warme Kleidungsstück» wird während des Lebens aus diesen Lichtreflexen gewoben und dem Menschen am Ende am Ende genommen.

Noch eine Weile sind wir im Kokon des Lichts.
Wenn er zerfällt (langsam oder mit einem Schlag),
wachsen uns dann wenigstens Flügel
des Nachtpfauenauges,
uns hinauszuwagen in Dunkel und Frost?3

Von diesen Notizen und Gedichten geht eine seltene Faszination aus, und immer wieder nehme ich sie zur Hand. Je länger, je mehr werden sie zu Begleiter des eigenen Lebens, denn ihr Verständnis von Anfang und Abschied, Staunen und Leben wird einem mit jedem Lesen kostbarer: «Ich gehe vorüber, staune, und mehr sagen» – so Philippe Jaccottet – «kann ich nicht.» 4

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