Über das Altern und seine SchwierigkeitenTheologische Überlegungen

Abstract / DOI

A Little Theology of Old Age. The article brings a theological reflection on old age. The first part discusses some of the characteristics of old age in today’s society, such as the different perception of time (the past outweighs the future) which often causes «cultural alienation» ( J. Améry) in the elderly, but also the aspiration, under the pressure of today’s society, to stay young forever. With some elderly people the fear of death often causes distrust and suspicion of everything, as well as avarice, shamelessness, and resignation. The second part of the article presents some aspects of Christian «ars senescendi». In Christian faith old age is tranformed into a time of hope and future. Furthermore, the loss of physical strength is an opportunity to discover the importance of the spiritual in a person, especially conversation and socializing, «convivium» (Cicero). Christian faith does not relieve one of age-related disabilities, but offers a different view of old age, insofar as old age becomes the age of intense living of faith. In the end, the theology of old age is not only for the elderly, but for all Christians, insofar as all Christians, both young and old, should become the elderly of spirit and faith, to live spiritually all those characteristics that belong to Christian «ars senescendi».

Es ist kein Geheimnis, dass die europäische Gesellschaft älter wird und Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter in naher Zukunft wohl den Großteil der Bevölkerung ausmachen werden, hat sich doch die Lebenserwartung vor allem dank verbesserter Lebensbedingungen und medizinischen Fortschritts deutlich verlängert. Dies wird mittelfristig dazu führen, dass Menschen etwa die Hälfte ihres Lebens im fortgeschrittenen Alter verbringen werden. Damit werden Themen zentral, die mit der Art des Sterbens, der Frage nach der letzten Lebensphase angesichts unheilbarer Krankheiten, insbesondere auch der Diskussion über Euthanasie und lebenserhaltenden Maßnahmen sowie der Frage nach altersbedingten geistigen Erkrankungen benannt sind. Hinzu kommt, dass das Alter nicht nur ein Faktum ist, sondern in der heutigen Gesellschaft auch als Problem oder gar als Schande betrachtet wird. Wie zu zeigen sein wird, ist das heutige Ideal die Jugend; jemanden als alt zu bezeichnen, wird als Beleidigung aufgefasst. Dieser negative Blick auf das Alter hat zudem Einfluss auf andere Lebensabschnitte, insbesondere auf das Erwachsenenalter und die Kindheit. Die mit dem Erwachsenenalter verbundene Norm, eine eigene Familie zu gründen, Kinder zu bekommen und einer dauerhaften Erwerbstätigkeit nachzugehen, ist optional geworden. Alle möchten jung sein, was vor allem bedeutet, keine Entscheidungen treffen zu müssen, insbesondere solche nicht, die den künftigen Lebensweg festlegen.

Diese und viele andere Punkte stellen eine große Herausforderung für die Kirche da. In ihrer Geschichte hat die Kirche sich immer der seelsorgerischen Betreuung älterer Menschen gewidmet, die heute noch wichtiger und drängender geworden ist. Die vorliegenden Überlegungen möchten dazu beitragen, das Sensorium für diese neuen Herausforderungen zu schärfen.

In einem ersten Schritt sollen die grundlegenden Schwierigkeiten des Alters dargelegt werden. In einem zweiten Schritt soll sodann eine Theologie des Alters umrissen werden, die auf der Heiligen Schrift und der Tradition fußt.1

Die Schwierigkeiten des Alters

Altern beginnt in dem Moment, in dem ein Mensch realisiert, dass die ihm verfügbare Zeit schwindet und dass sein bereits vergangenes Leben die noch zu erwartende Lebenszeit überwiegt. Die Zukunftsoptionen sind begrenzt, der Rahmen für das Neue sowie die Offenheit ihm gegenüber werden kleiner – ganz im Gegensatz zur Jugend, die vor allem durch ihre Offenheit für Neues definiert wird: «Auch leben sie mehr im Zustand der Erinnerung als im Zustand der Hoffnung; der Rest des Lebens nämlich ist nur gering, das Vergangene aber viel, es bezieht sich aber die Hoffnung auf das Künftige, die Erinnerung hingegen auf das Vergangene. Das ist zugleich der Grund für ihre Geschwätzigkeit; denn sie reden ununterbrochen über das Vergangene; indem sie sich nämlich erinnern, empfinden sie Freude.»2 Ein Mensch ist dann alt, wenn seine Zukunft an Bedeutung verliert, wenn er beispielsweise bevorzugt in der Vergangenheit lebt. Junge Menschen nehmen die ihnen noch zur Verfügung stehende Zeit nicht wahr, wohingegen ältere Menschen unter Zeitdruck stehen und die «Verkürzung» der Zeit spüren können. Das Erleben von Welt und Raum hängt eng mit ebenjenem Zeitgefühl zusammen.3 Mit Jean Améry lässt sich sagen, dass die Zeit durch Welt und Raum gekennzeichnet wird. Wo also die Zeit «verkürzt» wird, dort verlieren sowohl Welt als auch Raum an Gewicht. Das lässt sich schon daran ablesen, dass ältere Menschen bevorzugt an den ihnen bekannten Orten bleiben, außerhalb derer sie sich wenig bewegen. Somit leben ältere Menschen vermehrt in der Vergangenheit, in ihren Erinnerungen und kennen sich darin letztlich besser aus als in der Gegenwart.

Dies erzeugt, wie Jean Améry aufzeigt, bei älteren Menschen ein Gefühl von kultureller Entfremdung.4 Da sie immer weniger in der Gegenwart leben, entfremden sie sich von der modernen Gesellschaft und Kultur. Sie sind «nicht aktuell», sie leben in ihren eigenen Ideen, in den Büchern, die sie einst gelesen haben, und in ihren Weltbildern. Es gestaltet sich für sie schwierig, neuen kulturellen Entwicklungen offen zu begegnen, und wenn sie es doch wagen, werden sie von den Erwachsenen in ihrem Tun oftmals kritisch beäugt. Das Gefühl der Entfremdung wird verständlicherweise in unserer gegenwärtigen Kultur, die von ständigen Veränderungen und technischen Neuerungen geprägt ist, nur noch verstärkt.

Hinzu kommt die starke Relativierung der ehemals bedeutenden Rolle jener weisen Ratgeber, die ältere Menschen in der Gesellschaft innehatten. Heutige nicht-traditionale Gesellschaften sind vornehmlich auf die Zukunft ausgerichtet, weswegen der Rat der Älteren keine signifikante Rolle mehr spielt. Es scheint vielmehr so zu sein, dass ältere Menschen, so sie denn als «weise» gelten möchten, von den Jüngeren lernen müssen, weswegen der österreichische Philosoph Paul K. Liessmann warnend anmerkt, dass die Alten in nicht-traditionale Gesellschaften sich dem Maßstab der (ewigen) Jugendlichkeit zu beugen haben.5

Damit ist ein erstes Problem angezeigt: Als älterer Mensch lebt man in einer Gesellschaft, die sich einzig von einer Ideologie der Jugendlichkeit («jeunisme») und der damit einhergehenden Selbstverwirklichung her konstruiert und die die Älteren dazu zwingt, jung zu sein, sich jung zu verhalten, zu denken und zu handeln. Besonders zeigt sich dies an der Kleidung, anhand derer sich keine Grenze mehr zwischen jung und alt ablesen lässt. Für Frauen, immer mehr aber auch für Männer, werden Schönheitsoperationen und Anti-Aging Produkte zur Obsession. Die Entfremdung von Gegenwart und Zukunft kann bei älteren Menschen zugleich eine pessimistische Grundstimmung und eine negative Einstellung hinsichtlich der eigenen Existenz erzeugen. Aristoteles hat das so beschrieben: «Weil sie nämlich viele Jahre gelebt, sich öfters getäuscht und mehr Fehler gemacht haben, und weil sich die Mehrzahl der Dinge als schlecht erwiesen hat, behaupten sie nichts mit Sicherheit und stellen zu sehr alles mit weniger Sicherheit hin als es sein müsste. […] Auch sind sie übelgesinnt; Übelgesinntheit besteht darin, hinter allem das Schlechtere anzunehmen. Auch sind sie argwöhnisch wegen des Misstrauens; misstrauisch aber sind sie aufgrund ihrer Erfahrung.»6

Das zweite Charakteristikum und Problem ist mit dem Rückgang der körperlichen Fähigkeiten benannt. Die Körper verliert im Alter an Kraft, wie Améry ausführt. Er ist nicht mehr der von einst, er ermüdet schneller, es bereitet ihm größere Schwierigkeiten die täglichen Strapazen zu tragen, Mobilität und Ausdauer lassen nach und auch der Stoffwechsel verlangsamt sich. Jeder Genesungsprozess nach Krankheit und Beeinträchtigung kostet Kraft und zeigt die körperlichen Grenzen auf. Zudem treten kleinere Erkrankungen wie Bluthochdruck, Schmerzen in den Knochen und Knien sowie Verminderung von Seh- und Hörfähigkeit auf.7 Der Mensch wird sich in seiner körperlichen Verfassung selber fremd und ringt damit, er selbst und doch nicht derselbe zu sein. Sein Körper wird immer mehr zu einer harten Schale, einem «Grab» wie es Plato bezeichnet hat («soma» – «sema»). In gewisser Weise zwingt der Körper den Menschen dazu, sich der Welt analog zum bereits angesprochenen «kulturellen Altern» zu verschließen. Er verliert die Fähigkeit zu lernen und sich für Neues zu öffnen, Bewegungen werden mühsam und er ermüdet schnell.

Jene allgemeine Kraftlosigkeit und Schwachheit zeigt sich besonders, wie Cicero in De Senectute passend feststellt, an einer verminderten Genussfähigkeit von Nahrungsmitteln. Essen stellt kein Vergnügen mehr dar, weil es dem Körper mitunter abträglich ist, fördert es doch Übergewicht und Abgeschlagenheit und ruft zudem ein generelles Schwächegefühl hervor. Auch das Trinken bietet weniger Genuss, weil es oft mit der Nahrungsaufnahme verbunden ist und der Körper auf Alkohol zudem vermehrt mit Kopfschmerz, Bluthochdruck und Übergewicht reagiert. Zuletzt wirkt sich die zunehmende Schwächung des Körpers auch auf die Sexualität aus: Die Entspannung fällt schwerer, das Lustempfinden wird gesenkt und die Ermüdung kommt schneller, außerdem setzt der Körper dem sexuellen Verlangen Grenzen, was letztlich zu einer Reduktion intimer und sexueller Beziehungen führt.

Diese Veränderungen können zu weiteren Problemen im Alter führen. Mit der körperlichen Schwächung kann, wie Jean Améry aufweist, eine «narzisstische Melancholie»8 einhergehen; sie treibt ältere Menschen dazu, von ihrem körperlichen Verfall besessen zu sein, was wiederum einen Teufelskreis aus Selbstliebe und Selbsthass erzeugen kann. Ältere Menschen können auf die körperlichen Prozesse mit Ressentiment und Apathie reagieren. Dieser Apathie wird mit übermäßigem Vergnügen – besonders von Nahrungsmitteln und Alkoholika – entgegenwirkt. Solche Ausschweifungen beschleunigen jedoch Alterungsprozesse, Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Andere älteren Menschen weigern sich, die neue Situation anzunehmen und scheuen keine Kosten und Mühen den Körper zu verjüngen.

Als drittes Problemfeld ist der Renteneintritt auszumachen, der eine Unterbrechung bisheriger Aktivitäten, die das Leben organisiert haben, anzeigt und den Norbert Bobbio als «bürokratischen Ruhestand» bezeichnet. Viele ältere Menschen nehmen sich plötzlich als wertlos und nutzlos für die Gesellschaft wahr, damit verbunden haben sie das Gefühl, in allen Lebensbereichen an Ansehen zu verlieren. Das Alter bringt eher kontemplative Tätigkeiten (Hobbies, Kontaktpflege und Kinderbetreuung) mit sich, die von der Gesellschaft mitunter nicht gewürdigt oder zumindest als nicht wichtig und wertvoll angesehen werden. Aus diesen Gründen lässt sich feststellen, dass manche Menschen versuchen, den Renteneintritt hinauszuzögern und die nachfolgenden Generationen aus Neid heraus davon abhalten wollen, Verantwortung zu übernehmen. Andere gehen trotz fortgeschrittenen Alters ihren Aufgaben wie gewohnt nach, was Erschöpfung, Depressionen und Erkrankungen zur Folge haben kann.

In einem vierten und letzten Punkt, der das Alter betrifft, ist die Angst vor dem Tod zu nennen. Alter tritt in dem Augenblick in Erscheinung, in dem sich das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit in der Angst vor dem Tod konkretisiert. Junge Menschen haben weder Angst vor dem Tod noch ist ihr Denken vom Tod bestimmt, es ist nicht einmal dann ein Thema, wenn sie schwer erkrankt sind. Sie gehen an ihre Grenzen ohne zu bedenken, ob die Konsequenzen ihres Handelns den Tod zur Folge haben können oder nicht. Alte Menschen hingegen sind gänzlich von dieser Angst bestimmt, sie fürchten, dass schon die kleinste Erkältung zum Tod führen kann. Diese intensive Erfahrung der eigenen Sterblichkeit, die Angst vor dem Tod, wird nur noch verstärkt, wenn die eigenen Lebenspartner, Freunde und Verwandte bereits verstorben oder schwer erkrankt sind.

Man könnte noch viele weitere Felder eröffnen, doch sollen die angesprochenen Bereiche vorerst ausreichen um aufzuzeigen, welche Richtungen das Alter im Gegensatz zur Jugend einschlägt und ersteres leicht zu einem unglücklichen, bedeutungslosen und unerfüllten Lebenszeitraum werden lassen kann. So warnt gar die Heilige Schrift vor dem Alter: «Besser ein junger Mann, der niedriger Herkunft, aber gebildet ist, als ein König, der alt, aber ungebildet ist – weil er es nicht mehr verstand, auf Ratschläge zu hören.» (Koh 4, 13); «Drei Gruppen von Menschen sind mir verhasst, ihre Lebensweise verabscheue ich sehr: den hochmütigen Armen, den betrügerischen Reichen, den ehebrecherischen Greis ohne Vernunft. Hast du in der Jugend nicht gesammelt, wie wirst du im Alter etwas haben?» (Sir 25, 2–3)

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, welches Verständnis vom Alter der christliche Glaube hat und welche Orientierung er für ein Alter geben kann, das sich von einem Sinn getragen und von der Erlösung Jesu Christi durchdrungen weiß.

Das Alter im Christentum

Wir haben gesehen, dass die Dominanz der Vergangenheit über die Gegenwart als wichtigstes Charakteristikum des Alters auszumachen ist: Die Vergangenheit ist «länger», die Gegenwart «kürzer». Ältere Menschen sind daher immer mit der Gefahr konfrontiert, ihr Leben einzig in der Vergangenheit zu verbringen und sich allem Neuen zu verschließen. Für Christen aber ist das Alter nicht gleichbedeutend mit dem Ende menschlicher Existenz, es ist nicht das Ende ohne Zukunft, sondern ein Neuanfang in dem Sinne, dass die Zukunft die volle Gemeinschaft mit Jesus Christus bereithält. Das Alter ist nicht mehr die Zeit der Hoffnungslosigkeit, sondern es wird aufgewertet zu einer Zeit der Hoffnung und des Künftigen, in der die Zukunft als Ankunft Gottes verstanden wird, die sich in der Begegnung mit uns Menschen konkretisiert. Davon ausgehend müssen ältere Christen nicht in die Hoffnungslosigkeit des Nichts fallen wie jene Menschen, die nicht glauben und sich im schmerzlichen Leid und der bloßen Erinnerung an Vergangenes wiederfinden (Norberto Bobbio), sondern sie vertrauen vielmehr darauf, dass sie Jesus Christus begegnen werden. Alter aus christlicher Perspektive wird damit vorrangig zu einer Zeit der Hoffnung auf die Begegnung mit dem Herrn. Selbstverständlich soll jedes Lebensalter eine Zeit der Hoffnung sein, aber insbesondere alte Menschen sollten verstärkt im Zeichen der Erlösung Jesu Christi leben.

Dies trifft auch auf das Verständnis von Zeit zu. Für alle Christen, nicht nur für die älteren unter ihnen, ist die Zeit immer «kurz», wie bei Paulus zu lesen ist: «Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.» (1 Kor 7, 29–31). Das Leben ist «kurz», «verkürzt» noch durch die Gegenwart Jesu Christi, was zur Folge hat, dass Christen der Zeit anders begegnen. Paulus drückt das durch die Äußerung «so … als» aus. Christen sollen der Welt und all ihre Gegebenheiten in der Form eines «so … als» entgegentreten. Es geht hierbei nicht um Flucht aus oder Zurückweisung von Welt und Zeit, sondern um die Erfahrung der erlösenden Freiheit in Jesus Christus: Die Welt und all ihre Gegebenheiten einschließlich der Zeit haben keine Macht mehr über jene, die an Jesus Christus glauben. Der Christ lebt fortan «so … als» in einer anderen Zeit, einer Zeit des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die im Gegensatz zur kosmischen und gesellschaftlichen Zeit ohne Glauben die Freiheit mit sich bringt. Die Zeit ist «kurz» und «knapp», sie ist angefüllt mit Bedeutung und Spannung vor der nahenden Begegnung mit Jesus Christus. So verstanden ist die «Kürze der Zeit» nicht nur eine Erfahrung, die ältere Christen machen, sondern sie geht mit dem Glauben an Jesus Christus einher: weil sie glauben, ist die Zeit für Christen «kurz». Das trifft natürlich auch auf ältere Christen zu. «Die Kürze der Zeit» hält sie nicht in der verzweifelten und leeren Erinnerung an Gewesenes gefangen, sondern wendet sie hin zu einer Zukunft, die aufgeladen ist mit jener Bedeutung, die ihr die nahende Begegnung mit Jesus Christus verleiht. Damit ist die «Kürze der Zeit» für ältere Christen keine Drohung, sondern sie bedeutet Freiheit; eine Befreiung von der weltlichen Zeit hin zu jenem Sprung, der die endgültige Begegnung mit Jesus Christus mit sich bringt. Schließlich kann der ältere Christ nach der Zeit der «Beschleunigung» (Hartmut Rosa), in der das Zeitgefühl verlorengegangen ist, dank einer «entschleunigten Zeit» ebenjener Zeit mit Würde begegnen und alle in ihr enthaltenen Ereignisse, Dinge und Menschen wahrnehmen.

In dieser Interpretation des Alters als Hoffnungssprung, als Begegnungsgeschehen und Erlösung werden alte Menschen dazu befähigt, das Alter in Frieden anzunehmen und mit christlicher Zuversicht hoffnungsvoll ihre körperlichen Schwächen und Grenzen zu akzeptieren. Ältere Menschen müssen nicht zwangsläufig nach Jugend streben. Die Älteren können das Alter annehmen, weil es eines der Weisheit, der Hoffnung, der Begegnung und der Erlösung ist. Sie müssen weder um jeden Preis jung sein noch ihren alternden Körper gegen ein plastisches, künstliches und kitschiges Aussehen eintauschen. Sie brauchen sich ebenfalls nicht sorgen, «kulturell» oder «bürokratisch» alt zu werden, weil sie vielmehr in der Erwartung der Ankunft Christi stehen, mit der wiederum eine Fülle einhergeht, die alle irdische Neuheit und Jugendlichkeit überbieten wird. Sie machen sich unabhängig von der irdischen Interpretation von «neu» und «jung» und können dadurch ihre Grenzen friedlich akzeptieren. Die Weisheit des altgewordenen Christen ist ein notwendiger Gegenpart zum Versuch, immer möglichst zeitgemäß zu sein.

Das Alter ist wie alle menschlichen Realitäten im Symbol des Kreuzes mit einbezogen, es umschließt die Erfahrung der Dunkelheit, der Einsamkeit, Verlassenheit und der Krankheit. Gläubige Christen wissen darum, dass das Alter, das zum Tod führt, Konsequenz der Sünde ist. Gäbe es die Sünde nicht, so wäre anzunehmen, dass alle Menschen in sehr hohem Alter ohne zu sterben von Gott aufgenommen werden würden: «Die gesamte Lebenszeit Henochs betrug dreihundertfünfundsechzig Jahre. Henoch war seinen Weg mit Gott gegangen, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.» (Gen 5, 23–24; Heb 11, 5). Doch da das Alter auch im Zeichen des Kreuzes mit einbegriffen ist, sollte es für Christen als Zeit des «Gehens mit Gott» verstanden werden, als Zeit der Hoffnung auf die Begegnung mit Jesus Christus und der verherrlichten Kirche.

Ältere christliche Männer und Frauen sollten Hoffnungsträger sein. Das Alter ist im christlichen Sinne ein besonderer Hoffnungsort. Im Gegensatz zur gegenwärtigen entwurzelten Gesellschaft kann und soll das Alter der Ort der Verwurzelung sein, an dem sich der Mensch durch den christlichen Glauben ermutigt sieht und zugleich befreit weiß von aller Verzagtheit und Hochmut. Diese nämlich rühren aus einer Lebensführung her, die ohne Hoffnung ist und die dem Neuen gegenüber keine Offenheit vorweisen kann, sondern in der alles bereits vollendet ist, so dass entweder nur Verzweiflung bleibt, die ins Nichts führt, oder aber das starre Verharren auf bereits Bestehendem, in dem es keine neue Wirklichkeit gibt, die sich von unseren eigenen Errungenschaften unterscheidet. Hier ist es genau der Geist christlicher Hoffnung, der aus der Begegnung mit Jesus Christus entsteht, der älteren Menschen eine ungewöhnliche Frische und jugendlichen Geist verleiht und sie Optimismus, Hoffnung und Ermutigung verströmen lässt. Wo jedoch im Alter diese Hoffnung nicht verspürt wird, dort bleibt das stete Wettrennen mit der Jugend, der Pessimismus und die Ablehnung alles Kommenden von Bestand.

Die Schwächung der körperlichen Kraft kann auch als Möglichkeit zur Stärkung eines bedeutungsvolleren und tiefgründigen Lebenswegs gesehen werden. Cicero hat dies in seinem Werk De Senectute hervorgehoben. Der Mensch solle die Unfähigkeit oder Begrenzung körperlicher Vergnügen als Befreiung von jenen Lastern sehen, die ihn gefangen halten und nicht nur physisch abhängig machen, sondern vordergründig auch seine spirituelle Gesundheit angreifen. Der Mensch, der einzig dem körperlichen Verlangen nachgeht, vernachlässigt seine Innerlichkeit, seine Spiritualität und den inneren Rückzugsort. Für das Alter stellen die körperliche Schwächung und der Genuss körperlicher Freuden auch die Chance dar, die eigene Innerlichkeit und Spiritualität verstärkt wahrzunehmen als es in jüngeren Jahren möglich gewesen ist. Eine Hingabe zu jener Innerlichkeit und Spiritualität ermöglicht es, das Alter als Zeit der Weisheit zu interpretieren, in der die Realität aus der innerlichsten Perspektive, die zugleich von Kontemplation und der friedlichen Abkehr von eigenen Bedürfnissen und Verlangen gekennzeichnet ist, wahrgenommen wird und sich als solche überhaupt erst manifestieren kann. Die Weisheit des Alters zeigt sich vor allem darin, die Jugend und die Erwachsenen vor der Ideologisierung der «Gesundheit» sowie vor Egoismus und der Hybris eines gesunden Lebens zu warnen. Wir vergessen nur allzu gerne, dass der berühmte Spruch «Mens sana in corpore sano» mit einem «Gebet» beginnt: «Orandum est ut sit mens sana in corpore sano.» Anders ausgedrückt sind es Gebet, spirituelles Leben und die Beziehung zu Gott, die dem Menschen geistige wie auch körperliche Gesundheit gewähren.

Cicero legt außerdem einen Schwerpunkt auf den Begriff convivium.9 Convivium, Geselligkeit, bezeichnet eine Kontaktpflege, die auf tiefgreifender Konversation fußt. Eine solche tiefgründige Unterhaltung ist nur dann möglich, wenn der Mensch sich selbst zurücknimmt und durch aufmerksames Zuhören seinem Gegenüber das Sprechen ermöglicht, das sich zwar auf die eigene Person bezieht und zugleich doch von ihr befreit ist.

Eine solche Unterhaltung ist, so merkt es Cicero an, nicht möglich, wenn der Fokus auf dem eigenen körperlichen Verlangen liegt. Unserer sozialen Interaktion mangelt es oft an ebenjener Geselligkeit, stattdessen überwiegen die körperlichen Freuden, wodurch der Mensch immer auf sich selbst fokussiert ist. Aus genau diesem Grund werden in Gesellschaften keine oder nur wenige Konversationen geführt, und wenn es doch zu einer Unterhaltung kommt, so ist diese zumeist so oberflächlich, dass sie den Namen nicht verdient. Stattdessen werden solche Gesellschaften genutzt, um den eigenen körperlichen Bedürfnissen nachzugehen und den Gesprächspartner zwecks Informationsbeschaffung, Fachwissen oder der eigenen Netzwerkgestaltung auszunutzen. Zusammenfassend lässt sich formulieren, dass diese gesellschaftlichen Zusammenkünfte der Dimension der Geselligkeit entbehren. Für Cicero stellt das Alter die Gelegenheit dar, convivium und damit tiefgründige Kontakte zu pflegen und eine auf Freundschaft fußende Konversation zu entdecken, die den Menschen zum Menschen macht.

Bedenkt man, dass Christen dazu aufgefordert sind, ihr Inneres, das immer schon durch die Verbundenheit in Gebet und Eucharistie mit Christus mit-lebt, Zeit ihres Lebens zu pflegen, gewinnt die Bedeutung der Geselligkeit noch mehr an Gewicht. Genau davon spricht auch Paulus, wenn er sagt: «Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert.» (2 Kor 4, 16) Daraus lässt sich die Bedeutung ableiten, die das Alter in Gesellschaft und Kirche haben sollte: Es ist der Ort der Geselligkeit von Gott und Mensch, an dem der äußere Mensch daran erinnert werden kann, dass er sein Menschsein nur in geselliger Form, also im Mit-Leben, wahrhaft leben kann und in dem Konversationen aus einem tiefen, ganzheitlichen Interesse an der anderen Person geführt werden. Diese Form der Unterhaltung erhält noch einmal einen besonderen Nachdruck, wenn man die heutigen Kommunikationsformen im virtuellen Bereich bedenkt, denen es an Ganzheitlichkeit mangelt und die von körperlicher Abstinenz geprägt sind. Wenn ältere Menschen dem Bedürfnis nach gegenseitigem Austausch im geselligen Rahmen nachkommen, können sie ein Vorbild für eine gute Lebensführung sein.

Das Christentum spricht eine Warnung für jedes Lebensalter aus: «Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freu dich des Lebens! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast? So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.» (Lk 12, 19–21) Das gilt natürlich auch für das Alter. Auch im Alter besteht die Gefahr der Passivität für Körper und Geist. Auch im Alter muss der Mensch sich für Neues öffnen und Neues erlernen, wie es Cicero schon vormacht, der als Greis noch Griechisch lernte.

Der alte Mensch sollte so viel arbeiten, wie es seine (körperlichen) Fähigkeiten zulassen. Ciceros Rat sollte mehr Gehör verschafft werden, rät er doch dazu, im Alter mehr Zeit in der Natur, in der Landwirtschaft und im Garten zu verbringen.10 Hier kann er von der Selbstzentrierung loskommen und im Umgang mit der Natur erlernen, dass der Kreislauf des Lebens den Tod umschließt, aus dem sodann neues Leben erwächst. Darum nimmt Jesus Christus auch das Beispiel des sterbenden Weizenkorns auf, um das Leben im Glauben ( Joh 12, 24) und das ewige Leben nach dem Tod zu symbolisieren. Der sorgsame Umgang mit der Natur hält nicht nur fit, sondern befähigt die Alten auch dazu, das wahre Leben zu erkennen, das durch den Tod hindurchgehen muss; es bereitet sie somit vorsichtig auf das ewige Leben vor. Wenn der alternde Mensch in Eintracht mit der Natur lebt, kann er den Kreislauf von Tod und Auferstehung, den Gott seiner Schöpfung eingeprägt hat, erleben.

Andererseits sind Christen dazu aufgerufen, sich ihrem Alter gemäß zu verhalten, was natürlich auch auf alte Menschen zutrifft. Gemeinhin impliziert das – ganz im Gegensatz zur Jugend – vor allem Einschränkungen. Für den Christen gestaltet sich dies einfacher, weil er darum weiß, dass seine Würde sich nicht von Äußerlichkeiten her ableiten lässt, sondern aus dem Inneren herrührt und von Gott kommt, für den jeder Mensch gleich welchen Alters und unabhängig davon, ob er einer Lohnarbeit nachgeht und einen Nutzen für die Gesellschaft darstellt oder nicht, würdig ist. Gerade im Alter kann der Christ den Wert der Kontemplation als einer Tätigkeit, die keinem Zweck nachgeht, entdecken, und in der sich doch die Würde des Menschen als Geschöpf Gottes abbildet. Hierin können Menschen fortgeschrittenen Alters jüngeren Menschen aufzeigen, dass sich der Wert einer Person sich nicht in ihrer Produktivität oder gar der Unterordnung unter Produktivitätszwänge erschließt. Die Weisheit der Alten, nämlich der Verzicht, zeigt sich darin, dass sie sich den kontemplativen Tätigkeiten und der nicht zweckgerichteten Beobachtung der Welt zuwenden, durch welche ihnen eine größere Wahrheit zuteil wird.11

Mit dem biblischen Text vor Augen wäre es aber auch verfehlt anzunehmen, dass man im Alter wie von selbst jene Innerlichkeit und jenes religiöse Leben erreichen könne, zu dem man als Erwachsener nicht im Stande war. Dies würde zum einen vergessen, dass die Gemeinschaft mit Gott immer auch ein Glaubensleben voraussetzt, das geprägt ist von Zweifel, dem Kampf gegen Sünde und lasterhaftes Verhalten, von Opfern und Leiden.

Das Alter ist auch als Zeit der Vorbereitung auf den eigenen Tod im Sinne einer «ars moriendi» zu interpretieren. Für Christen ist damit insbesondere die Vorbereitung auf das letzte Gericht gemeint. Insofern das Alter auch die Zeit der Erwartung des göttlichen Richtspruchs ist, ist es zudem die Zeit, in der der Mensch über sein Leben nachdenken und seine Sünden, die er in Taten, Gedanken, Worten und Versäumnissen begangen hat, überdenken und anerkennen kann. Wie schon für Abraham und Moses, die sich im Alter noch einmal geändert haben, kann das Alter für einen jeden Menschen Möglichkeiten zur Buße, Reue und Umkehr bieten.12

Hier ist auch an Teilhard de Chardin zu erinnern. Er unterscheidet zwei Formen der Passivität, die «Passivität des Wachsens» («les passivités de croissance») und die «Passivität der Verringerung» («les passivités de diminuition»).13 Beide Formen sind für ein wahrhaftes Leben unerlässlich. Die erste Form der Passivität zeigt an, dass es Dinge im Leben gibt, die zwar unabhängig von unserem eigenen Einfluss auf uns wirken, die uns aber doch in unserem Wachstumsprozess helfen. Die «Passivität der Verringerung» hingegen deutet all jenes an, was uns in unserem Wachstum hemmt, was uns sowohl äußerlich als auch innerlich klein macht. Die äußerlichen Dinge sind wie Viren und Bakterien, die unseren Körper zerstören wollen. Mit den innerlichen Dingen ist all das gemeint, was uns zerrüttet, unsere mentale Gesundheit und unsere moralische Verortung angreift. Sie erreichen ihren Höhepunkt im Tod. Im Anerkennen ihrer eigenen Passivität sollen sich Christen, so Teilhard de Chardin, ganz Gott überlassen. Es scheint, als ob sich heutige Christen ihrer eigenen Passivität nicht mehr bewusst sind und es verlernt haben, sich ganz Gott zu übergeben. Daran zu erinnern ist die vornehmliche Aufgabe der Alten.

Die Anerkennung und Weitergabe jener «Passivität der Verringerung» ermöglicht sodann jene wunderbare Gelassenheit und den sanften und leisen Humor, mit dem alte Menschen oft gesegnet sind und den Cicero passend beschrieben hat.14 Im Bewusstsein des möglichen Todes wird den Alten deutlich, was im Leben wirklich von Bedeutung ist und es ausfüllt, und dies ist die Liebe, die wir vom Nächsten und von Gott empfangen und selber schenken. Wenn Christen von jener Liebe erfüllt sind und sie als das Wichtigste im Leben anerkannt haben, können sie allem anderen, einschließlich dem Besitz und dem sozialen Alter, gelassen und mit Humor entgegentreten. Cicero sagte einst, man verließe dieses Leben nicht wie eine Heimat, sondern wie ein Gasthaus.15 Für Christen gleichjeden Alters ist das irdische Leben ein solches Gasthaus, denn «unsere Heimat ist im Himmel» (Phil 3, 20). Wenn Christen nicht nach Objekten gieren, stehen sie auch nicht in der Gefahr «sozial alt» zu werden. Ältere Christen wissen darum, dass das Sein in Christus das Wesentliche ist, und sie sind somit befreit von der Fixierung auf irdischen Erfolg, Selbstverwirklichung und Anerkennung.

Auf Grundlage dieser entspannten Einstellung gegenüber dem Weltverlauf schaffen es alte Menschen, gerade heraus und mutig die Dinge so anzusprechen wie sie sind – eine Fähigkeit, die jüngere Menschen oft nicht besitzen, weil sie noch Karriere und Erfolg im Blick haben und so Opfer eines zukunftsorientierten Konformismus werden.

* * *

In der Bibel stehen Simeon und Hanna symbolisch für das heilige christlicher Alter (Lk 2, 25–38). Im Alter werden sie gottesfürchtig und hoffnungsvoll («Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels», Lk 2, 25), sie beten viel und dienen Gott (Anna «diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten», Lk 2, 37), und behalten doch einen kindlichen Geist. Simeon und Hanna halten das Kind in ihren Armen und erkennen in ihm Jesus als den wahren Gott. Doch schon vor dieser Begegnung haben sie sich ihren kindlichen Geist durch ihre Hingabe bewahrt, was sie zu Vorbildern für ein christlicher Lebensalter macht, in dem sich der kindliche Geist im Glauben an Jesus Christus zeigt. Der Spruch, alte Menschen gleichen Kindern, erweist sich als wahr, insofern sie entspannt, offen und selbstlos sind und das Leben spielerisch und gleichzeitig abhängig von anderen meistern. Eine solche Haltung und das Anerkennen der eigenen Abhängigkeit von Gott und den Mitmenschen befreien von den zuvor beschriebenen Gefahren des Alters.

Doch auch das Gegenteil ist wahr: Nicht nur sollten sich alte Menschen ein kindliches Gemüt bewahren, auch die Jungen sollten einen alten Geist haben. Man könnte sagen, dass alle Christen unabhängig von ihrem Lebensalter nach jenen Haltungen leben sollten, die ein gelingendes Alter ausmachen. Ein christliches Ideal ist nicht der Jugendwahn heutiger Gesellschaften. Alle Christen sind und sollten gleichermaßen kindlich und jung, erwachsen und alt in Jesus Christus sein. Ein solch gelebtes Alter ist ein Segen für die Gesellschaft und die ganze Welt: «Hast du in der Jugend nicht gesammelt, / wie wirst du im Alter etwas haben? Wie gut steht Hochbetagten rechtes Urteil an / und den Alten, Rat zu wissen. Wie gut steht Hochbetagten Weisheit an, / würdigen Männern Überlegung und Rat. Ein Ehrenkranz der Alten ist reiche Erfahrung, / ihr Ruhm ist die Gottesfurcht.» (Sir 25, 3–6)

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