Jesu (nicht) erhörtes Gebet

Abstract / DOI

The (Un)answered Prayer of Jesus. The article focuses on the problem of the unanswered prayer, on which it reflects in the light of Jesus’ prayer in Gethsemane. The prayer contains one unanswered request, i.e. being saved from the «cup» of suffering, and one request that has been heard. This request contains the words about the fulfillment of God’s will.

Das Leid, das mit dem Nichterhören eines Bittgebets einhergeht, ruft – wie ich überzeugt bin – das intensivste, wahrlich existenziale Erlebnis des Dilemmas hervor, das Lactantius im sog. argumentum Epicuri formulierte: «Entweder will Gott die Übel beseitigen und er kann es nicht, oder er kann es und will es nicht, oder er will es nicht und kann es nicht, oder er will es und kann es. Falls er es will, es aber nicht kann, dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft. Falls er es kann und es nicht will, dann ist er missgünstig, was Gott fremd ist. Falls er es weder will noch es kann, dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott. Falls er es will und es auch kann, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?»1 Aufs Neue erschallt ein solches Fragen überall dort, wo man mit Leid und mit dem Bösen konfrontiert wird. Um wieviel radikaler klingt es erst in dem Augenblick, wenn wir fragen, warum Gott ein Übel nicht beseitigte und etwas Gutes nicht bewirkte, obwohl wir ihn darum mit Vertrauen, im Namen des Herrn Jesus Christus gebeten und in ihm dabei den guten, allmächtigen Vater gesehen hatten!

Wohl jeder betende Mensch hat eine solche Situation erfahren. Manchmal zudem auf eine besonders schmerzliche Weise. Mit zermürbender Dringlichkeit werden wir vor die Frage gestellt: Warum hat Gott jene Gebete nicht erhört? Warum hat er uns nicht geholfen? Ist er wirklich gut und allmächtig? Hat er uns überhaupt lieb? Kann er uns hören?

1. Gewissheit der Erhörung und die Ursachen für die Nichterhörung

Solche Fragen erklingen noch dringlicher, wenn man sich dessen bewusst wird, dass unser Herr Jesus seine Jünger durch sein Wort und Beispiel zu dem Vertrauen anhielt, dass ihre Gebete von Gott-Vater gewiss erhört werden. Seine eigenen Gebete wurden durch die im Voraus gegebene Gewissheit getragen, dass ihn der Vater, dessen Willen Jesus sich anschließt, erhören wird (Mt 11, 25–27; Lk 10, 21–22). Der Evangelist Johannes drückte es explizit aus: «Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.» ( Joh 11, 41–42)

Diese Gewissheit übertrug Jesus auf seine Jünger: «Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. […] Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.» (Mt 7, 7–8.11) Lukas führt ebenfalls diese Worte an, allerdings mit zwei Änderungen. Die erste ist die Spezifizierung, dass die gute Gabe, die der Vater den Bittenden ganz gewiss nicht vorenthalten werde, der Heilige Geist sei (Lk 11, 13). Die zweite ist der Hinweis, dass die Bitte «zudringlich» sein müsse (Lk 11, 8).

Dadurch wird angedeutet, dass das Gebet, soll es mit der Sicherheit erhört werden, die Jesus bezeugte und von der er sprach, bestimmte Bedingungen zu erfüllen hat. Das Neue Testament nennt vier solche Bedingungen: Glaube und Gottvertrauen, Ausdauer und Intensität des Gebetes, Einklang mit dem Willen Gottes, Verbindung mit Jesus und mit der Kirche. Zusammengefasst nehmen sie das ewige Leben vorweg.

Für die erste Bedingung hält Jesus den Umstand, dass es sich um «das gläubige Gebet» ( Jak 5, 15) handelt. Sowohl der Hauptmann als auch der königliche Beamte wurden erhört, weil sie mit dem Glauben an Jesu Macht gebeten haben (Mt 8, 5–13; Joh 4, 46–54), also daran, dass er mit der Macht Gottes selbst handelt. Jesus hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Glaube ein Schlüssel sei, um alles zu erreichen, auch um die Wunder zu wirken (Lk 17, 5–6). Außerdem sagte er: «Und alles, was ihr im Gebet erbittet, werdet ihr erhalten, wenn ihr glaubt.» (Mt 21, 22) Markus geht im Anspruch des Glaubens noch weiter: «Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.» (Mk 11, 24)

Die zweite Bedingung des Erhörtwerdens ist Ausdauer beim Beten und Intensität des Gebets. Man sollte «allezeit beten und darin nicht nachlassen» – ist doch auch bei den Menschen eine zudringliche Bitte wirksam (Lk 11, 5–7; 18, 1–8). Umso eher wird Gott die Bitten seiner Kinder erhören, unser sorgsamer und guter Vater, der weiß, was wir brauchen, noch ehe wir ihn bitten, und der uns von selbst Gutes erweisen will (vgl. Mt 6, 8). Daher die Feststellung, dass die Jünger «einmütig im Gebet» verharrten (Apg 1, 14), und daher die Mahnungen in den Episteln: «Betet ohne Unterlass!» (1 Thess 5, 17); «Lasst nicht nach im Beten» (Kol 4, 2); «Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen» (Eph 6, 18).

Die dritte Bedingung ist die richtige Ausrichtung des Gebets: «Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, dass er uns hört, wenn wir etwas erbitten, das seinem Willen entspricht.» (1 Joh 5, 14) Jesus regt die Jünger dazu an, zuerst das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit zu suchen, weil ihnen dann alles andere dazugegeben werde (Mt 6, 31–33). In dieselbe Richtung weist zudem das Vaterunser, das er ihnen beibrachte. Die ersten Bitten des Vaterunsers führen hin zum Interesse für den Vater, für dessen Reich und für die Durchsetzung seines Willens. Erst dann folgen die Bitten, die sich auf den Menschen konzentrieren. Dieselbe Reihenfolge wandte Jesus in Situationen an, mit denen er konfrontiert wurde, sooft man ihn um Heilung bat: Er erhörte zwar solche Bitten, aber erst nachdem er vor der irdischen Wohltat eine geistliche vollbracht hatte (Mk 2, 1–12; 5, 24–34; 10, 46–52).

Außer diesen besonders hervorgehobenen Haltungen des Bittenden gilt noch eine ganz entscheidende objektive Bedingung: Die Gebete werden vom Vater ganz gewiss erhört, wenn sie von denjenigen formuliert werden, die im Sohn verbleiben und den Vater im Namen des Sohnes bitten ( Joh 15, 7.16). «Amen, amen, ich sage euch: Was ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, das wird er euch geben. […] Bittet und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen ist.» ( Joh 16, 23–24) Die Verbindung mit Jesus ist dabei die Verbindung mit dem Haupt und mit dem Leib, sodass diese Bedingung ebenfalls die Verbindung des Bittenden mit der Kirche einschließt. «Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» (Mt 18, 19–20)

2. Jesus in Getsemani – Lehrer des Gebetes

Im Licht der angeführten Tatsachen darf man sich jetzt die Frage stellen, warum Jesu Beteuerung der Gewissheit des Erhörtwerdens nicht ganz unserer Erfahrung entspricht. Sowohl die Schrift als auch die Tradition geben vornehmlich die Antwort: «Ihr bittet und empfangt doch nichts, weil ihr in böser Absicht bittet.» ( Jak 4, 3) Die Ursache dafür, dass ein Gebet nicht erhört wird, wird nicht bei Gott, dem gütigen Vater, sondern beim betenden Menschen gesucht. Solange er eine der hier aufgezählten Schlüsselbedingungen nicht erfüllt, bleibt sein Gebet ohne Wirkung.

Explizit wird es von dem Fall behauptet, wenn der Bittende nicht dem vertraut, an den er sich wendet. In einer solchen Situation konnte selbst Jesus keine Wundertat vollbringen, dort, wo er keinen Glauben gefunden hat (Mk 6, 5; Mt 13, 58). Und ähnlich ist es bei Gott-Vater: «[W]er zweifelt, gleicht einer Meereswoge, die vom Wind hin und her getrieben wird. Ein solcher Mensch bilde sich nicht ein, dass er vom Herrn etwas erhalten wird.» ( Jak 1, 6–7) Die Gewähr für die Erhörung bietet ferner weder ein Gebet, das aus dem sich selbst rechtfertigenden Hochmut erwächst (Lk 18, 10–13), noch ein Gebet, dem weder die Vergebung den anderen (Mk 11, 25) noch die brüderliche Liebe vorausgehen, sondern böse Taten (1 Petr 3, 12 = Ps 34, 16–17), Streit und Leidenschaften ( Jak 4, 2–3), noch ein Gebet, das durch heuchlerisches äußeres Gehabe und viele leere Worte zutage tritt (Mt 6, 5–6).

Offen bleibt jedoch die Frage, ob jede Nichterhörung auf die falschen Dispositionen des Bittenden zurückzuführen ist, oder ob man den Sachverhalt nicht auch in einem anderen Licht sehen kann. Hier ist an den elementaren Grundsatz zu erinnern, der im Katechismus der Katholischen Kirche prägnant zum Ausdruck kommt: Man soll das Gebet direkt von Jesus lernen, dem Lehrer des Gebetes, vom Betrachten des betenden Meisters (KKK 2601). «Das Ereignis des Betens wird uns vollständig geoffenbart im Wort, das Fleisch geworden ist und das unter uns wohnt. Das Gebet Christi so zu verstehen, wie seine Zeugen es uns im Evangelium verkünden, bedeutet, sich Jesus, dem Herrn, als dem brennenden Dornbusch zu nähern: Zunächst betrachten wir, wie er betet, dann hören wir, wie er uns beten lehrt und schließlich erkennen wir, wie er unser Gebet erhört.» (KKK 2598)2

In unserem konkreten Fall ist es vor allem erforderlich, sich auf das Gebet Jesu in dem Augenblick zu konzentrieren, als ihn beim Gebet in Getsemani «Furcht und Angst» ergriff, sodass er «zu Tode betrübt» war (Mk 14, 33–34). Der Schmerz des Nicht-Erhörtwerdens erscheint dann noch in einem anderen Licht.

3. Die nicht erhörte Bitte

Beachten wir zuerst, dass auf dem Ölberg alle oben beschriebenen Voraussetzungen für die Erhörung erfüllt waren: Der Betende war der gute Herr Jesus selbst. Sein Gebet war mit der ehrfurchtsvollen Unterwerfung unter den Vater verbunden, die sich auch äußerlich zeigte, als Jesus «niederkniete» und – wie in der Geste der Prostration seiner hohepriesterlichen Weihe – sich «auf sein Gesicht» und «auf die Erde» niederwarf (Lk 22, 41; Mk 14, 35; Mt 26, 39). Er betete immer und immer wieder, mit Ausdauer (Mk 14, 37–41; Lk 22, 45), dermaßen inständig, dass «sein Schweiß […] wie Blut […] auf die Erde tropfte» (Lk 22, 44). Evident ist ferner Jesu vollständiges Vertrauen in den, den er «Abba», «mein Vater», nannte und zu dem er sagte: «[A]lles ist dir möglich» (Mk 14, 36; Mt 26, 39.42). Einzig die Bedingung des gemeinsam vorgetragenen Gebets fehlte, was man Jesus jedoch nicht als Schuld zur Last legen kann, denn er hat seine Freunde um das Gebet vergeblich gebeten. Überdies sollte durch seine Verlassenheit die Kirche erst gegründet werden.

Folglich bleibt die Frage nach dem Gegenstand von Jesu Gebet. In den Evangelien steht, er habe gebeten, «dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe» (Mk 14, 35), und weiter: «Nimm diesen Kelch von mir!» (Mk 14, 36; Lk 22, 42); «Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber [...], ohne dass ich ihn trinke.» (Mt 26, 39.42)

Die «Stunde» bezeichnet hier das Geschehen, da «der Menschensohn […] in die Hände von Sündern ausgeliefert» wird (Mk 14, 35; Mt 26, 45), d. h. die Zeit, in der sich durch Jesu Leiden und Tod vollendet, weshalb er gekommen ist und wodurch er den Vater direkt verkünden werde, das Geschehen, durch das der Vater den Sohn und der Sohn den Vater verherrlichen soll ( Joh 12, 23.27; 13, 1; 16, 25; 17, 1). Der Begriff «Kelch» wurde aus dem Alten Testament übernommen. Dort bezeichnet er eine Situation, in der die Sünder vom Gericht und «vom Grimm des Allmächtigen» heimgesucht werden (Hiob 21, 20; Jes 51, 17.22), d. h. vom Ekel Gottes vor Sünde und von seinem Widerstand gegen sie. Aus der Entfremdung zwischen Gott und Sünder ergeben sich geistliche, seelische und körperliche Leiden, die das Leben unmöglich machen.

Jesus bittet hier also darum, von Gottes Grimm und den folgenden Leiden verschont zu bleiben, die an ihn heranrückten – eine völlig begreifliche Bitte. Von Marter, Tod und Verlassenheit durch Gott und Menschen verschont zu werden ist ein gängiger und durchaus legitimes Gebetsziel. Das Alte Testament ist voll von solchen Bitten. Jesus selbst wurde vielmals darum gebeten, den anderen von den Mächten des geistigen und körperlichen Übels abzuhelfen, desgleichen von der sozialen Ausgrenzung und vom Tod, was er mit Hilfe des vom Vater stammenden Geistes auch vollzog. Er wurde als derjenige aufgesucht, der Gott nahe ist und Gott näher bringt. Jesus forderte also nichts, was an und für sich falsch gewesen wäre. Er bat um etwas, was im Einklang mit der menschlichen Natur steht, denn der Mensch wurde für eine vollkommene, durch nichts gestörte Gemeinschaft mit Gott, anderen Menschen und den übrigen Geschöpfen geschaffen. Er bat um etwas, was der Vater den anderen durch ihn gewährte.

Und doch ist jene «Stunde» an Jesus nicht vorübergegangen, er wurde nicht vor dem «Kelch» verschont und musste ihn leertrinken, bis zur Neige! Seine Bitte, mit Glauben und einer außerordentlichen Dringlichkeit vorgetragen, wurde nicht erhört! Im Gegenteil, er sollte den Kelch trinken, den ihm der «Vater gegeben hat» ( Joh 18, 11). Gerade das steigerte seine Agonie bis zu jenem tiefen, den Tod bewirkenden Erlebnis der Verlassenheit, das sich durch den zermürbenden Schrei auf dem Kreuz manifestierte: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Mk 15, 34; Mt 26, 46) Der hier von Jesus zitierte Psalm setzt mit den Worten fort: «Mein Gott, […], [du] bleibst fern meiner Rettung […]. Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.» (Ps 22, 2–3)

Man kann also zu Recht behaupten, dass Jesus selbst anstatt von uns und pro nobis, für uns, den Zustand erfuhr, dass sein Gebet nicht erhört wurde, obwohl es so schien, dass es erhört werden sollte. Also wurde er gleich wie wir, ja noch viel tiefgründiger, mit der Frage konfrontiert: Ist Gott-Vater wirklich gut?

4. Die stellvertretende Erfahrung der «Gottverlassenheit»

Diese Feststellung ist im Folgenden weiter zu präzisieren. Wir wollen uns bewusst machen, dass Jesus in einer Situation betete, da er die Sünde vollkommen auf sich nahm, mit ihr beinahe identisch wurde – mit den Worten der Heiligen Schrift: Er wurde «zur Sünde gemacht» (2 Kor 5, 21). Deshalb geht es um einen Moment, in dem das Gericht Gottes über die Sünde stellvertretend an ihm vollzogen wird und er stellvertretend «den Kelch» des Zornes Gottes trinkt, was ihm selbst ein der Verdammnis nahes Erlebnis bringt, uns jedoch den Freispruch.

Mit der Behauptung, Jesus habe beinahe die Verdammnis erfahren, ist gemeint, dass er, der fleischgewordene Sohn Gottes, der aus der väterlichen Liebe und aus dem Bewusstsein von dessen Nähe lebt, in seinem wahren Menschsein bis ins Äußerste die Entfremdung erfahren hat, zu der es zwischen Gott und Sünder kommt. Derjenige, der als der Sohn Gottes ewig vom Vater ausgesprochen wird und ihm ebenso ewig antwortet, sodass sie einander die gegenseitige Liebe mitteilen, den Heiligen Geist; derjenige, der auch als der fleischgewordene Logos in einem ununterbrochenen «Dia-logos» mit Vater lebt, erfährt plötzlich das Schweigen des Vaters. Als ob er selbst in den Wurzeln seiner Person von der Quelle weggerissen würde, von der er selbst herkommt. Hier vollendet sich, was das Alte Testament andeutete, als es den Tod als Folge der Sünde umschrieb, als den Abstieg in den Scheol, in einen Zustand der Beziehungslosigkeit, der Absenz einer positiven Kommunikation zwischen Gott und Mensch.

Nach den Evangelien wurde also Jesus durch das Drama der existenziellen Angst und des nicht erhörten Bittgebets mit dem wesentlichen Gefühl der Verlassenheit durch den Vater durchdrungen, und gerade so suchte ihn die Last unserer «Gottverlassenheit» heim, die Last dessen, wie wir Sünder Gott Vater verlassen. Die stellvertretende Entfremdung vom Vater zeigte sich dann bei Jesus auch als die stellvertretende Entfremdung vom Heiligen Geist, dessen Früchte nach Paulus sind: «Liebe, Freude, Friede» usw. (Gal 5, 22). Die ganze Dreifaltigkeit ließ sich so von unserer «Gottverlassenheit» ergreifen, als der fleischgewordene Sohn Gottes sich beim Gebet als Mensch nicht dessen bewusst war, dass ihm die Liebe des Vaters ins Herz ausgegossen war durch den Heiligen Geist, der ihm gegeben war (vgl. Röm 5, 5), und deshalb wohl auch nicht des Sinns der Berufung, die er erhalten hatte.

In Getsemani erfuhr also Jesus, das verkörperte Wort Gottes und der fleischgewordene Sohn, anstelle der Sünder das intensive Erlebnis der «Gottverlassenheit», der geistigen Trockenheit und Trostlosigkeit. Und gerade auf die Weise näherte sich der sündenlose Jesus, der für uns zur Sünde gemacht wurde, in äußerstem Maße dem Zustand der Verdammnis. Hiermit soll nicht behauptet werden, dass er verdammt wurde, ich denke aber, dass er anstelle von uns erfahren hat, was die Verdammnis bedeutet, dabei in einer lediglich ihm möglichen Intensität. Beim Definieren der Hölle redet man vom Ausschluss aus der Nähe Gottes, aus der seligen Gottesschau. Damit gemeint ist weder ein Ort noch ein Zustand, in dem es Gott – absolut genommen – nicht gibt: Denn außerhalb Seiner existiert nichts. Man kann damit nur den Zustand meinen, wenn ein nicht bußfertiger Sünder so handelt, als ob es Gott, «Den, der da ist», nicht gäbe, und Gottes Gegenwart als Absenz, Gottes liebevolle Anrede als trostloses Schweigen oder gar als Zurückweisung, Verdammung erfährt.

Dieser Situation näherte sich Jesus unseretwegen und anstelle von uns durch sein Gebet, das er wohl als nicht erhört, ja nicht gehört wahrnahm. Zusammen damit ereilten ihn dann alle anderen irdischen Folgen der Sünde, von denen man in der Heiligen Schrift liest und die man auch in die eventuellen höllischen Strafen hineinprojiziert: Zerfall der zwischenmenschlichen Beziehungen, seelische und körperliche Leiden, Tod.

5. Die erhörte Bitte

Die Evangelien betonen jedoch noch einen Aspekt dieses Gebetes Jesu, dass er nämlich seine Bitte mit dem Nachsatz verbunden hat: «Aber nicht, was ich will, sondern was du willst» (Mk 14, 36); «Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen» (Lk 22, 42). Er hatte also eine Vorstellung von dem, was er sich als Mensch gewünscht hätte, und darum bat er auch. Schon im Voraus ordnete er sich dem Willen Gottes unter, sollte dieser von dem seinen unterschiedlich sein. Matthäus drückte es äußerst deutlich aus, indem er Jesus zwei voneinander leicht abweichende Gebete in den Mund legte: «Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst. [...] Mein Vater, wenn dieser Kelch an mir nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, geschehe dein Wille» (Mt 26, 39.42). Zunächst äußerte Jesus seinen Wunsch, dem er jedoch den Wunsch Gottes überordnete. Wie aber die Zeit verlief, ohne dass sich zeigte, dass seine Bitte erhört wurde, bekam sein Gebet den Charakter einer einfachen Unterordnung unter die Notwendigkeit, vor die ihn der immer deutlicher werdende Wille des Vaters stellte.

Deshalb ist anzumerken, dass Jesus in Wirklichkeit zwei Bitten formulierte: Die eine, in der er seinen eigenen Willen äußerte, und die zweite, in der er um die Erfüllung des väterlichen Willens bat, den er sich dadurch zu eigen machte. Die zweite Bitte ordnete er der ersten ausdrücklich über. Die erste Bitte blieb nicht erhört, die zweite wurde erfüllt. Es war der Wille des Vaters, dass sein Sohn das Schicksal der Sünder erlitt und ihnen so das Heil vermittelte. Diesbezüglich konnte der Autor des Hebräerbriefes feststellen, dass Jesus «in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht [hat], der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört worden aufgrund seiner Gottesfurcht [apo tés eulabeias]. Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden und wurde von Gott angeredet als Hohepriester […]»
(Hebr 5, 7–10).

Eine paradoxe Formulierung! Gott konnte Jesus vor dem Tod retten, hat es nicht getan, und doch wurde Jesus erhört! Wie ist das zu verstehen? Nur im Licht der Wortwendung apo tés eulabeias, mit der die Unterordnung unter Gott und seinen Willen gemeint wird (Gottesfurcht, Frömmigkeit, ehrenvolle Furcht). Jesus wurde in demjenigen Wunsch erhört, in dem er sich dem Heilsplan Gottes anschloss, der auch tatsächlich vollendet wurde. Die Erhörung dieser Bitte von Jesus betrifft die Menschheit als Ganzes und sie, zusammen mit deren Voraussetzung, der Nichterhörung von Jesu eigenem Willen und der Nichtverwirklichung dessen, was gut für ihn selbst gewesen wäre, brachte uns das Heil.

6. Der zweifache Wille

An dieser Stelle ist eine wichtige Präzisierung des Maximus Confessor zu beachten, die das Verhältnis zwischen dem göttlichen und menschlichen Willen Jesu betrifft.

Als der wahre Gott will Jesus dasselbe wie der Vater und der Heilige Geist. Der ewige Sohn Gottes teilt mit dem Vater und dem Heiligen Geist dieselbe göttliche Natur, und damit gleichermaßen den einen gemeinsamen Willen. Er will dasselbe wie der Vater, nur will er es anders, eben gerade als der Sohn; der Heilige Geist ist dann die Bewegung dieses gemeinsamen und dabei dennoch unterschiedlichen Wollens. Das bedeutet ferner, dass der Sohn mit seinem göttlichen Willen zusammen mit dem Vater und dem Heiligen Geist unser Heil will sowie die Art und Weise, wie dieses Heil erreicht wird, d. h. seine Inkarnation, das Leiden, den Tod und die Auferstehung.

Ebenso steht das letzte Ziel des wahren menschlichen Willens Jesu im Einklang mit dem göttlichen, da der menschliche Wille in seiner tiefsten Identität infolge der Schöpfung zum Willen Gottes hin ausgerichtet ist, zur Synergie mit Gottes Willen. Gerade dadurch gelangt der menschliche Wille bzw. der Mensch als solcher zu seiner absoluten Vollendung. So ist es auch mit Jesus, der sich mit seinem menschlichen Wollen ganz an das Wollen des Gott-Vaters anschloss. Ein Beweis für diese Synergie ist der Inhalt von Jesu Gebet. Er erbat für sich und für die Sünder Leben, Frieden, menschliche Liebe und vor allem Gottes Liebe und Nähe – all das, was sich der himmlische Vater, das ewige Wort und der Heilige Geist für ihn und für alle Menschen wünschen.

Zieht man jedoch den Umstand ernsthaft in Betracht, dass Gott «den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht [hat]» (2 Kor 5, 21), dann ist offensichtlich, dass Jesus auch die Last der menschlichen Natur im Zustand der Verletzung durch die Sünde getragen hat. Er selbst hat keine Sünde begangen, jedoch die Folgen der Sünde erfahren. Und zusammen mit ihnen den Umstand, dass der Einklang zwischen dem menschlichen Willen und dem Willen Gottes, infolge der Sünde zur Opposition geworden (Röm 7, 22–24), nur mithilfe einer solchen gehorsamen Liebe erreicht wird, die zu dem Zustand, in dem sie Gott und die anderen Menschen sich selbst vorzieht, durch Selbstüberwindung gelangt – durch einen schmerzlichen Kampf (agónia – vgl. Lk 22, 44) mit sich selbst und mit den eigenen Vorstellungen vom erwünschten Guten.3

Das wirkliche Drama von Getsemani besteht weder darin, dass hier allein Jesus mit seinem sowohl göttlichen als auch menschlichen Willen etwas will, noch darin, dass zwischen dem göttlichen und menschlichen Willen ein notwendiger, prinzipieller Gegensatz wäre. Es besteht vielmehr darin, dass Jesus hier in eine Lage geriet, in der das letzte Ziel seines menschlichen Willens, also der Einklang mit dem Vater, als ein entfernteres, vielleicht auch kleineres Gutes erschien als das, was demselben menschlichen Willen von Jesus unmittelbar erwünschter vorkam, nämlich die gute Gabe, von seinen physischen, psychischen, sozialen und vor allem geistlichen Leiden befreit zu werden: Die Ausrichtung des Willens Jesu auf sich selbst hin geriet mit der Ausrichtung seines Willens auf die Gemeinschaft mit Menschen und mit Gott hin in Widerspruch.

Und gerade da sollte Jesus mehr denn je «den Herrn, [s]einen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit [s]einem ganzen Denken» und den Nächsten wie sich selbst, ja er sollte sogar sein Leben für diejenigen opfern, die sich nicht einmal wie seine Freunde verhielten (Mt 22, 37–40)! Er sollte seine eigenen Worte erfüllen: «Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. […] Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!» (Mt 5, 44–48; Lk 6, 35). Paulus fasste dieses Handeln Jesu später in der Äußerung zusammen, dass wir, «als wir noch Gottes Feinde waren», «mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes» und Gott «seine Liebe zu uns darin [erweist], dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren» (Röm 5, 8.10).

7. Die soteriologische Notwendigkeit der Nichterhörung

Man soll dabei nicht vergessen, dass Jesus den Gedanken, das Leiden zu meiden, als Versuchung wahrnahm. Am Anfang seiner öffentlichen Wirkung, als er «vom Geist in die Wüste geführt» wurde, um dort «vom Teufel versucht [zu] werden», sowie später, als Petrus ihm anriet, von der Vorstellung des leidenden Messias abzulassen, hielt sich Jesus daran, dass man Gott-Vater an erste Stelle setzen soll, und zwar unter allen Umständen (Mt 4, 1ff; Mk 8, 31–33). In Getsemani wurde dann Jesu Identität als Messias und damit zusammen seine Identität als Gottessohn unseretwegen der maximalen Prüfung unterzogen. Die Versuchung, selbst – anstelle Gottes – darüber zu entscheiden, was (für «mich») gut und was böse ist (vgl. Gen 3) und das Leid zu umgehen, erreichte hier ihren Höhepunkt.

Die erste Bitte, wenngleich aus menschlicher Sicht berechtigt, wäre Verrat am Vater gewesen, wenn Jesus selbst sie nicht durch die andere Bitte relativiert hätte, die den Vater an erste Stelle stellte. Das bezeugen die Worte, mit denen er sich laut Matthäus an den Jünger wandte, der ihn mit dem Schwert verteidigen wollte: «Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würden dann aber die Schriften erfüllt, dass es so geschehen muss?» (Mt 26, 53–54). Bei Johannes, bei dem es die Agonie in Getsemani als solche nicht gibt, erscheint der Gedanke bereits vor dem Letzten Abendmahl: «Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen!» ( Joh 12, 27–28).

Hätte Jesus auf seinem Standpunkt, auf seiner ersten Bitte beharrt, wäre er wohl auch erhört worden. Er hätte uns aber nicht das Heil gebracht. Er musste nicht-erhört werden. Es ist jenes «müssen» (δεῖ), welches das Neue Testament wiederholt in der Feststellung erwähnt, dass der Menschensohn leiden muss bzw. leiden musste.4 Es ist jenes «leiden müssen», das Jesu Wesen als Messias von den Vorstellungen absonderte, die seine Zeitgenossen von ihm hatten, und das nicht aufhört, ein Ärgernis zu sein. Es ist jenes «leiden müssen», hinter dem nicht Gottes Grausamkeit steht, sondern sein Wille, der Freiheit der Sünder einen Spielraum für eine völlig uneigennützige, nicht egozentrische Liebe zu schaffen, die den Geber den Gaben vorzieht.5 Die Nichterhörung von Jesu Bittgebet sowie die Art, wie er sie innerlich verarbeitete, indem er sich selbst überwand und sich gehorsam dem Willen des himmlischen Vaters auch in der konkreten Weise der Verwirklichung dieses Willens anschloss, bildet schlechthin den unabweisbaren Teil des messianischen Leidens. Gerade so erwies Jesus seine Liebe zu Gott und zum Nächsten bis zur Vollendung, überbrückte den Abgrund des Egoismus und der «Gottverlassenheit» und brachte uns das Heil.

Es wäre jedoch verfehlt, in der ganzen Situation den Vater als grausam zu betrachten. Wahr ist zwar, dass er Jesu Bitte nicht erhörte, ihn von dem «Kelch» und der «Stunde» zu verschonen, und dass er ihn in die Hände der Sünder auslieferte, gleichzeitig wahr ist aber auch, dass er dadurch jenes größere Gute erreichte, das sich die ganze Dreifaltigkeit – also auch der Sohn – für den Menschen seit Ewigkeit wünscht. Indem sich der Vater in ein sozusagen reserviertes Schweigen hüllte, schuf er den Raum, in dem ihn der fleischgewordene Sohn anstelle der Sünder mehr verherrlichen und ihm die Liebe «bis zur Vollendung» zeigen konnte ( Joh 13, 1) – in Form des Kreuzes.

Und mehr noch: Zuletzt hat der Vater die erste Bitte von Jesus erhört, jedoch erst durch die Auferstehung! Von der irdischen Perspektive her gesehen blieb diese Bitte real nicht erhört, erhört wurde sie dafür aus himmlischer Sicht. In ihr traf Jesu Sehnsucht nach der Fülle des Lebens mit dem Vater und den Nächsten real auf den Willen des himmlischen Vaters, der ihm all dies gewährte und in Ewigkeit gewährt.

8. Jesu (nicht) erhörtes Gebet und das Priestertum

In ihrem Ganzen steht die Situation mit Jesu Priestertum in Zusammenhang. Nach dem Autor des Hebräerbriefes musste Jesus, um «Hohepriester» zu werden und «die Sünden des Volkes zu sühnen», ohne Sünde bleiben und dennoch «in allem seinen Brüdern gleich sein» (Hebr 2, 17). Zu diesem Sachverhalt gehört nach demselben Brief weiter, dass Jesus «mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten» vor Gott gebracht hat (Hebr 5, 7–9). Dieses beharrliche, äußerst exponierte Gebet musste in einem gewissen Sinn nicht erhört bleiben, damit der Hohepriester Jesus «in allem wie wir versucht worden ist», «gelitten hat und selbst in Versuchung geführt wurde», sich selbst als Opfer «ein für alle Mal» darbrachte und uns heiligte (Hebr 2, 18; 7, 27; 10, 10).

Daraus folgt, dass derjenige, der an Jesu Priestertum Anteil hat, ebenso am Geheimnis seines Gebetes Anteil hat, bzw. Anteil haben soll, und zwar auch an dem im irdischen Sinn nicht erhörten, sinnlosen, vergeblichen, wirkungslosen, trostlosen Gebet, an dem Gebet, das ins Leere geht und von der Agonie ins wortlose Stöhnen mündet. An dem Gebet, das zwar eine Gemeinschaft mit Jesus, jedoch gleichzeitig mit einem Erlebnis der Entfremdung vom Vater und dem Heiligen Geist einhergeht. Ein Träger des Priestertums, sowohl des allgemeinen als auch des sakramentalen, ist dazu berufen, am Geheimnis von Jesu qualvollem Gebet sowie am magis von Jesu Liebe zum Vater Anteil zu erhalten. So partizipiert er auch am magis der Liebe des Vaters, der das Gebet jederzeit erhört, doch in seiner Weise, nämlich um den ewigen Heilsplan zu verwirklichen, dessen Ziel, dem sich alles andere unterordnet, der Anteil von uns, Menschen, am Leben der Heiligsten Dreifaltigkeit ist.

Diejenigen, die tagtäglich mit anderen für andere beten, stehen sicherlich oft dem bedrückenden Geheimnis des Schweigens Gottes gegenüber. Zugleich sollen sie jedoch ihren Mitmenschen die Hoffnung geben, die sie selbst hegen sollen: dass uns nichts zu scheiden vermag «von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn» (Röm 8, 39). Sie sollten sich dessen bewusst sein, dass es nur deshalb so ist, weil uns in dem Fall, wenn wir im Gebet mit Jesus, dem Haupt und dem Leib verbunden sind, wenn wir standhaft auf Gott vertrauen und für etwas beten, was an und für sich mit dem Willen Gottes nicht im Widerspruch stehen kann, und wenn wir trotzdem nicht erhört werden, die Gnade zuteilwurde, an Jesu hohepriesterlichem Gebet in Getsemani zu partizipieren.

An einem Gebet also, das sich schließlich auf dem Kreuz nur noch in einen Schrei des fleischgewordenen Wortes «mit lauter Stimme» verwandelte (Mt 27, 50).6 Seine erste Bitte betraf nichts an und für sich Falsches. Gott-Vater hat ihm jedoch eine andere gute Gabe vorbereitet, eine größere, wenn auch schwieriger erreichbare. Erst die Auferstehung zeigte, dass Jesus, nachdem seine Bitte um die Verwirklichung des väterlichen Willens erhört worden war, auch erreichte, was er selbst bei der Formulierung der ersten Bitte wünschte, in der er schließlich eine vollkommene, friedliche, lebendige Gemeinschaft mit Gott und Menschen forderte. Real nicht erhört blieb seine Bitte jedoch im Hinblick auf die Gestalt einer solchen Gemeinschaft und hinsichtlich der Art und Weise deren Verwirklichung. Das Nichterhören dieser Bitte ist eben der Akt, durch den der Vater den Sohn für das Heil der Welt hingab und ihn zum Hohepriester machte, der uns die Gabe des Heils vermittelt.

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Zusammenfassend lassen sich zwei Arten des nicht erhörten Gebetes feststellen. Die erste hängt mit der falschen Gebetsweise zusammen, d. h. ohne Gemeinschaft mit Jesus, ohne Glauben in Gottes Macht und Güte, ohne Ausdauer und für eine falsche Sache. Gott erhört Sünder nicht (vgl. Joh 9, 31). Die zweite Art des nicht erhörten Gebetes erfüllt zwar die Voraussetzungen für die sichere Erhörung, doch das vom Bittenden Geforderte stimmt nicht mit dem Willen Gottes überein, und zwar nicht deshalb, weil man für etwas Falsches betet, oder weil Gott dem Bittenden nicht Gutes wünschen würde, sondern schlichtweg aus dem Grund, weil eine solche Bitte die Gestaltung der Heilsgeschichte durch die geheimnisvolle Vorsehung Gottes verfehlt – nämlich das Kreuz, das einen Raum dafür bietet, wie man von der Sünde zu einer größeren Liebe und Herrlichkeit fortschreiten kann, einen Raum für die Selbstüberwindung auf den immer größeren Gott hin, auf den Gott hin, der durch das Wirken seiner Macht «unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder erdenken» (Eph 3, 20).

Betet ein Mensch in Jesu Namen, dann betet in ihm ebenfalls der Heilige Geist. Das bedeutet zugleich die Erfüllung aller Bedingungen eines Gebetes, das gewiss erhört wird, denn der Geist heiligt den Bittenden, bringt sein Gebet zur Vollendung und gibt ihm die richtige Ausrichtung. Dazu merkt Paulus an: «So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist. Denn er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein» (Röm 8, 26–27). Die unaussprechlichen Seufzer des Heiligen Geistes sind Nachhall von Jesu angsterfülltem, seufzendem Gebet in der Agonie und bei der Kreuzigung, seiner Bitte, die sowohl erhört als auch nicht erhört wurde.7 Deshalb dürfen wir gewiss sein, dass gerade sie, die «unaussprechlichen Seufzer» des Geistes, vom Vater erhört werden.

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