Abstract / DOI
To Live and to Leave: Old Age between End and Fulfillment. This article confronts the recent trend towards a dominant and extensive model of youthfulness, which has replaced the traditional esteem of old age. The new has become more important than the wisdom of old. Is there a overestimation of youth, a imperative of staying young? And what does this mean for the self-awareness of the old? By way of a christian phenomenologic reflection this article shows, that there is a characteristic focus of old age towards fulfillment, which values transitoriness, weakness and passivity. Old age emphasizes that «being» means «being hold».
Binnen weniger Generationen hat sich ein Umschwung von der Hochschätzung des Alters zum fast ausschließlichen Leitbild von Jugendlichkeit durchgesetzt. Anstelle von Weisheit ist es chic, «kein bisschen weise» zu sein, geradezu «scharf auf Neues». Gelassenheit tauscht mit der Kühle, nein coolness des Draufgängers. Das hat Folgen, nicht nur für die Überschätzung der Jugend, sondern auch für das Selbstbewusstsein der Alten. Denn «Jung-sein-Müssen» und «Nur-nicht-Altwerden» sind harte Imperative.
Training des Leichtwerdens
«Zeichnen heißt Weglassen», sagte der Maler Max Liebermann auf die Frage nach der Leichtigkeit seiner Schöpfungen. Ein ähnlicher Satz ist von Michelangelo überliefert, der Bildhauer entferne nur das Überflüssige: per forza di levare, die ungefüge Masse kraftvoll erleichternd. Tatsächlich ist es ein wesentliches Merkmal von Kunst, nicht alles, was zufällig vor Augen liegt, 1:1 wiederzugeben – das ergibt höchstens eine schlechte Fotografie. Vielmehr gilt es, die entscheidenden Linien herauszuholen – wie sich mustergültig an der wundervoll kargen Zisterzienserarchitektur, aber auch an der Klarheit japanischer Tuschezeichnungen zeigt.
Altern wird meist vordergründig als Zeit eines notgedrungenen Weglassens verstanden, wo erzwungenermaßen abgegeben wird: Gesundheit, Beziehungen, das ein Leben lang Angehäufte, auch das Kostbare und Geliebte. Diese Zeit ist aber nicht einfach als Mühsal, schwermütiger Abschied und Vorlaufen in den Tod aufzufassen; sie ist auch Zeit der Befreiung und des Freiräumens.
Denn Askese (selbst wenn sie erzwungen ist) meint in ihrem besten Sinn: Training im Blick auf ein außerordentliches Ziel. Tatsächlich hat der Verzicht nur Sinn, wenn er ein Ziel (telos) anvisiert und wenn der abgeworfene Ballast den Blick freimacht. Das Alter als letzte Lebenszeit richtet unabweislich den Blick auf das telos, gerade in den schweren Erfahrungen der Minderung. Altern ist auch Weglassen-Dürfen, und zwar mit der Möglichkeit des Gewinns. «Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen», sagt Heidegger im Feldweg.1 Und Ida Friederike Görres: «Ich sehe den geheimnisvollen Prozess des Alterns nicht als Abstieg ins dunkle Tal, vielmehr als Aufstieg zum letzten Gipfel, vor dem man alles überflüssige Gepäck ablegen muß.»2
Die Zukunft als das Hereinstehende bestimmt schon die Gegenwart. Einfacher: Das Ziel bestimmt den Flug des Pfeils. Daher gehört die Kennzeichnung des telos zur wesentlichen Sinnvorgabe des Alters, das die endgültige Flugbahn der Lebensbewegung einnimmt. Bis zu diesem Ziel kann heute intensive medizinische Hilfe und Schmerzlinderung gebracht werden. Ist aber das solcherart verlängerte Leben schon dem Menschen freundlich? Einsamkeit, Wegfall der Aufgaben, Einschränkungen führen zu Ratlosigkeiten, die weniger von der Medizin als von einem geistigen Entwurf her zu beantworten sind. Woraus aber steigt Sinn auf – denn dass er nicht zu «machen» ist, leuchtet ein?
Eine erste Antwort: Neben der Schmerztherapie bedarf es einer Therapie der Beziehungen, homo est animal relationale. Tatsächlich dünnen gerade im Alter die Beziehungen aus. Zeitgeistig sollen sie durch Seniorenparties, Sex im Altersheim (wie in dem Theaterstück «King Kongs Töchter» von Theresia Walser 1998 rüde vorgeführt), durch forcierte «Treffs» (welch aggressiver Klang!) erzwungen werden. Dazu gehört auch das Wegdrängen des Endes, wie es Woody Allen flapsig formuliert: «Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte nur nicht dabeisein, wenn es passiert.»3
Eine solche Vorstellung von «Seniorenanimation» läuft einer Kultur der Beziehungen stracks zuwider. Genauer lässt sie sich von den Sinnlinien der Existenz her beschreiben, die zugleich Daten der menschlichen Reifung angeben.
Sinnlinien des Daseins
Um das im Altwerden verborgene Angebot deutlicher zu skizzieren, sind drei Sinnlinien zu zeichnen, die in den Wachstumsphasen des menschlichen Lebens zwar alle gegenwärtig, aber unterschiedlich stark ausgebildet sind. «Wer meint, alle Früchte würden gleichzeitig mit den Erdbeeren reif, versteht nichts von der Traubenlese»4, formulierte Paracelsus (1493–1541).
Die erste, unmittelbare Sinnlinie ist jene in der Kindheit: die Spannung vom Wir zum Ich, oder, um es in «Daseinspolen» auszudrücken, das Leben von außen nach innen. Das Kind bedarf einer zugesprochenen, «gegönnten» Wir-Identität, bevor es zu einer Ich-Identität wachsen kann. «Am Du gewinnt sich das Ich», lautet die Kernwahrheit der Existenz nach Martin Buber.5 Dasein erwirbt sich im Dialog mit einem vorgegebenen Wir.
Die zweite Sinnlinie des mündig werdenden Menschen wird mühsamer, sie wird Weg «von mir zu mir». Die eigene innere Uneinheitlichkeit, die sich etwa ausdrückt in der Spannung zwischen Trieb und Selbst, bedarf einer beständigen Balance: des Auspendelns und Aushaltens der in die Mitte strebenden und die eigene Mitte fliehenden (zentripetalen und zentrifugalen) Kräfte des Ich. Die Daseinspole der Ich-Identität lassen sich als Spannung von innen nach innen erleben. Sind sie einigermaßen ausgewogen, so kann sich das Ich, das seinen Schwerpunkt in sich trägt, ohne Gefahr der Fremdbestimmung oder haltlosen Überwältigung nach außen wenden.
Aus dem Bisherigen geht hervor, dass menschliche Existenz nicht einfach in einem herrischen Monolog durchgezogen werden kann, auch nicht mit sich selbst. Im Gegenteil: Dasein ist dialogisch angelegt, nach außen wie nach innen. Diese Struktur zeigt sich noch in einem dritten Spannungsfeld: Zur Existenz gehört auch, dass sie sich positiv «verlässt» und dabei übersteigt. Diese dritte Sinnlinie taucht im Alter bedrängend auf: als die Beziehung von innen nach oben. «Oben» meint, dass die Existenz ihren eigenen Schwerpunkt weder nur «außen» (in den anderen), noch nur «innen» (in sich selbst) hat, sondern «über sich». Dieses Leben «von über sich her» oder «über sich hin» meint ein Oben, das den Blick lösend anzieht; es hat mit werthaftem und religiösem Sinn zu tun, der nicht «gestiftet» wird, sondern «da» ist. «Ich ziehe deshalb den Herbst dem Frühjahr vor, weil das Auge im Herbst den Himmel, im Frühjahr aber die Erde sucht», so Kierkegaard.
Fragen nach Wert und Sinn sind nicht ein Luxus der Kultur, die sie sich in säkularen Zeiten auch sparen könnte, sondern gehören ihr von der Sache her zu. Gelingt die Ausrichtung nach Oben, geschieht Lösendes. Statt im Wust des Bisherigen zu überleben, statt in Trauer um das sich langsam Verlierende unterzugehen, lässt sich Überflüssiges abladen, auch Schuld, lassen sich Überflutungen abstellen, Kulissen abräumen. Alter heißt in besonderem Sinn eine Auswahl treffen. Freilich nur, wenn im Auswählen (sei es freiwillig oder erzwungen) jenes «Mehr» erscheint, das den Menschen als lebenslange Unruhe begleitet: Wohin sind wir «gerichtet»?
Das Bestehen des Unausweichlichen
Gerichtetsein enthält eine Konfrontation mit dem eigenen und dem fremden Tod, in welchem der eigene Tod zunächst angeschaut wird. In der Verdrängung wird er das Gespenstisch-Unheimliche, dem man auszuweichen sucht. Aber dem Tod eines anderen Menschen beizuwohnen, kann befreiend sein – befreiend von der eigenen Angst, aber auch von der Schwere des Anhaftens am Vordergründigen. Es kann spürbar werden: dass sich im Übergang darstellt, was Vollendung heißt. Dass es sich um Grenze handelt, die von der anderen Seite her geöffnet wird.
Trotz allen Anhaftens: Menschen tragen, gerade unter dem Druck leiblicher oder seelischer Einengungen, ein tiefes Verlangen nach Entgrenzung in sich. Vor allem der Buddhismus spricht von einem Überstieg ins «Nichts» – offenbar soll die Last der Existenz in der Lust des Nichts aufgehen, in der Lust, alle endlichen Hemmungen in einem einzigen Abwerfen loszuwerden. Auch hier wäre der Tod schön. Nur wäre der Übergang letztlich eine Befreiung von sich selbst, ein Untergang.
Daher ist noch eine andere Möglichkeit aufzurufen. Nämlich: dass ein Überschreiten seiner selbst zugleich ein endgültiges Ankommen bei sich bedeutet; eine Berührung, in welcher der Mensch weder einschmilzt noch untergeht noch sich selbst loswird, es sei denn so, dass er dabei bewahrt bliebe. Diese Berührung erscheint in der biblischen Überlieferung. Sie spricht vom Sterben nicht als Untergang eines Tropfens, der im Meer verschwindet. Allerdings hat Europa auch immer wieder vom Allverschmelzen geträumt, worin Konturen letztlich verschwimmen. Aber nicht das Bild des Meeres, sondern ein anderes Bild entzündete wirklich das Denken: die Liebesbegegnung. Sie besteht nicht darin, dass zwei unterschiedslos eins werden, sie bleiben vielmehr beide in der Seligkeit der Einheit identifizierbar. Es gibt ein Sichfinden, das Klarheit, ja Steigerung der Sichfindenden meint. Liebe vernichtet die Liebenden nicht. So bleibt nach der biblischen Auffassung in der Begegnung mit Gott, dem Höchstlebendigen, das Glück der eigenen menschlichen Gestalt gewahrt, das Glück, selbst unterscheidend lebendig zu sein. Die heutige Kultur ist spröde geworden gegen diese gewohnten, in Wirklichkeit unterschätzten religiösen Antworten. Stattdessen greift man nach Entwürfen der Nichtswerdung oder völligen Auflösung. Es ist jedoch entscheidend für die postsäkulare Suche, ob sie von einem Gehaltensein weiß. Sein ist Gehaltensein, unterscheidend Bewahrtbleiben. Erst von dorther kann ein Sich-Abgeben, erst von dorther kann Vollendung als Sichvollendenlassen begriffen werden.
Lösen von Fixierungen
Nicht zuletzt deswegen lassen sich auch die hässlichen und fruchtlosen Schranken, auch in der Hinfälligkeit des Alters, überstehen, weil in der christlichen Überlieferung Gott selbst in die Endlichkeit eingegangen ist. Hiesige Fixierungen lassen sich aushalten, weil es einen Cruci-fixus gegeben hat. Tiefer noch: Er hat die Fixierungen des jetzigen Daseins zugleich gelöst: in der Auferstehung. Sie ist die Grenzüberwindung. Auferstehung vollzieht sich nicht als Auflösung ins Göttliche, ins Nicht-mehr-vorhanden-Sein. Es ist von tiefer Bedeutung, dass die Wunden Jesu an seinem Leibe in Gänze erhalten blieben und er daran auch nach seinem Tode erkenntlich war. Offenbar werden solche Narben behalten, auch wenn die Verletzungen des jetzigen Daseins verblutet sind. Andererseits wird mit großer Geste alles entfallen, was nicht zur eigenen Kontur gehörte: das Allzuviele, aber auch das Kleinliche; das Haltlose, aber auch das Selbstverbohrte. Und wer nicht gut weglassen kann, kann doch wenigstens Seiner Hand gestatten, ihn zu lösen.
Voll-Endung
Sinngebung des Alters bedeutet daher nicht, Sinn therapeutisch einzureden, da auch im Illusionären um den Selbstbetrug gewusst wird. Sinngebung meint, die Aufmerksamkeit für die Erfahrung wieder zu schärfen, dass im Ende Voll-Endung sichtbar wird. Der Blick auf die pure Vergänglichkeit kann zu Haltungen des Zynismus, der ausweglosen Trauer, des Selbstüberdrusses, der Betäubung führen. Die Haltungen der Weisheit, der Unterscheidung und des Urteils, aber auch der goetheschen «Überwindung» und «Entsagung» gehen jedoch nicht aus dem Blick auf die Vergänglichkeit, auf das quälend mögliche «Umsonst» des Lebens hervor. Vielmehr ergeben sie sich aus einem Blick auf mögliche Vollendung auch des Unvollendeten. Dazu ist es aber nötig, die Illusion einer bis zum letzten Atemzug beschworenen Vitalität aufzugeben und sich vollenden zu lassen. Imitate der Jugend, das Immergrün mühseliger Fitness wirken irgendwann lächerlich. Das Alter zeigt, dass menschliches Dasein nicht selbstmächtig ist. In dieser negativen Formulierung liegt aber die positive, dass sich das Dasein dem überlässt, der es in seinen Beginn gerufen hat. Auch aus diesem Grund sind Beginn und Ende des menschlichen Lebens als die geheimnisvollen Übergänge zu schützen.
Der Psalm (16, 15) erwartet hinter dem endenden Sinn neuen Sinn:
Ich aber werde Dein Angesicht schauen in Gerechtigkeit; und einstens, wenn ich erwache, satt mich sehen an Deiner Gestalt.