Die mauer
Zum 3. oktober 1990
Als wir sie schleiften, ahnten wir nicht,
wie hoch sie ist
in uns
Wir hatten uns gewöhnt
an ihren horizont
Und an die windstille
In ihrem schatten warfen
alle keinen schatten
Nun stehen wir entblößt
jeder entschuldigung
* * *
Die Gedächtnislast der Mauer
So eifrig die Dichter vom Fall der Berliner Mauer geschrieben haben, so sehr haben sie von ihrem Bau und ihrer Existenz geschwiegen. Was hat es da zu bedeuten, wenn Reiner Kunze ausgerechnet am ersten Tag der neuen Deutschen Einheit an die Mauer erinnert? «Zum 3. oktober 1990» hat er sein Gedicht geschrieben. Dieses Widmungsdatum steht im Erstdruck, der in der Anthologie Grenzfallgedichte (1991) erschien. In den Werkausgaben, dem Band ein tag auf dieser erde (1998) und den Gesammelten Gedichten (2001), fehlt es indes.
Für Reiner Kunze ist es mit dem realen Ende der Blockkonfrontation nicht getan. Der erste Teil des Gedichts erinnert an die Mauer in den Köpfen, an den Fehler, sich beim Einmauern auch auszumauern. «Before I built a wall I’d ask to know / What I was walling in or walling out», heißt es bei Robert Frost. Der Dichter mahnt so eigene Versäumnisse an. Am Erwartungshorizont der Intellektuellen, die trotz maßvoller Kritik am Regime in dessen Grenzen blieben, herrschte Windstille. Das «Prinzip Hoffnung» (Ernst Bloch) überdauerte den Mauerfall als sogenannte Ostalgie, die einen Burgfrieden mit der ummauerten Vergangenheit schließen wollte. Noch eine Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2009 hat ergeben, dass jeder zweite Ostdeutsche und jeder vierte Westdeutsche überwiegend gute Erinnerungen an die DDR hat. Solchen «Ostalgikern» hat Reiner Kunze in seiner Erfurter Rede zum Tag der Deutschen Einheit (2004) die Leviten gelesen: «Das Schlechte an dem Guten war nur, dass es als Rechtfertigung allen Schlechten diente und noch dient».
Die drei mittleren Versgruppen spielen Entschuldigungen für die Akzeptanz der Mauer durch. Anna Seghers soll, aus Mexiko in die DDR heimgekehrt, ganz harmlos gefragt haben: Welche Mauer? Der wichtigste Rechtfertigungsgrund liegt im Menschen, dem Gewohnheitstier. Die Mauer hat nicht nur seinen «horizont» begrenzt und für «windstille» gesorgt, sie hat auch «schatten» gespendet. Das klingt atmosphärisch bequem, war aber politisch fatal. Die Beschattung durch die ostdeutsche Staatssicherheit hat Menschenleben zerstört. Und an dem «antifaschistischen Schutzwall» – so wurde die Mauer in der DDR offiziell genannt – ereigneten sich eklatante Menschenrechtsverletzungen. Über 130 Menschen, die aus dem eingemauerten Staat fliehen wollten, verloren an der Mauer ihr Leben. Wer über den Horizont in den Westen schaute und Wind mit Worten machte, musste Ausreise- und Druckverbot, Zensur und Bespitzelung in Kauf nehmen. Davon können Sarah Kirsch, Günter Kunert, Reiner Kunze und viele andere Dichter ein Lied singen. Nach jahrelangen Schikanen verließ Kunze im April 1977 mit seiner Familie die DDR. Die DDR-Zeitungen meldeten «keinen Verlust».
Der zweite Teil des Gedichts endet mit einem abermaligen Geständnis. Jetzt geht es um das, was ist: «Nun stehen wir entblößt / jeder entschuldigung». Das kann heißen: Mit der real gefallenen Mauer ist jeder Grund entfallen, sich in ihrem Schatten mit den alten Gewohnheiten abzufinden. Ohne Entschuldigung heißt aber nicht: ohne Schuld. Damit bekommt das Gedicht, wie auch anders als bei einem religiös musikalischen Dichter wie Reiner Kunze, eine kleine theologische Note. Die Vertreibung aus dem vermeintlichen Paradies entblößt die Vertriebenen: Sie tragen eine Schuld mit davon. Es ist die Schuld des Irrtums in der Erkenntnis. Es gibt keine Freiheit heute, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, ohne die neuen Herausforderungen von Globalisierung und Digitalisierung.
Reiner Kunze ist ein Dichter der kritischen Aufklärung. Der Mauerschleifer ist für ihn kein Held, sondern ein Sisyphus des Alltags. Die Gedächtnislast der Mauer wird mit ins wiedervereinigte Deutschland geschleppt. Insofern haben wir hier ein unfeierliches Gedenkgedicht zum politischen Feiertag vor uns, keine Einheitshymne, kein Vaterlandspathos in Versen – und das sollte man nach den Erfahrungen mit zwei deutschen Diktaturen im 20. Jahrhundert auch nicht unbedingt erwarten. Lapidar, wie in Stein gemeißelt, mit der von Reiner Kunze bevorzugten «demut der kleinen wortanfänge», rückt dieses Gedicht das Ende der DDR und den Beginn des wiedervereinigten Deutschland im Erinnerungsbild der Mauer zusammen.