Sexueller Missbrauch in der Kirche und das Konzept der VulnerabilitätUrsachen, Aufarbeitung, Prävention

Abstract / DOI

Sexual Abuse in the Church and the Vulnerability Approach: Causes, further Investigation, Prevention.
Sexual abuse by clerics within the church is a horrendous crime, especially where children or adolescents are concerned. Spiritual abuse and »grooming« need to be reflected upon to create effective prevention measures. Vigilance in seminary formation seems to be as crucial as an authentic confrontation of seminarians with their own sexuality that they may be prepared to live out celibacy in a responsible way. To raise the concept of vulnerability in the discussion about handling and finding solutions in regard to the abuse cases would provide understanding as well as perspectives. Being vulnerable is part of the human condition and is to be valued and protected. The specific vulnerability of minors were instead misused by clerics in a shameful way. Vulnerability can be both a key to the understanding of some aspects of the abuse itself and can also provide a guideline for prevention.

Noch im Juni 2018 resümierte die Kommissionsvorsitzende der Unabhängigen Kommission der Bundesregierung im Rahmen der Vorstellung einer Fallstudie, es gebe «in den Kirchen immer noch ein Überlegenheitsgefühl, das das Eingestehen von Fehlern verhindert.»1 Fehler einzugestehen, setzt das Wissen um begangene Taten und ungute Strukturen voraus. Im September 2018 wurden im Rahmen Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe die Ergebnisse der bislang größten Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker in der Katholischen Kirche in Deutschland vorgestellt («MHG-Bericht»2). Die Scham und Betroffenheit der Bischöfe über die begangenen Verbrechen in der Kirche und die Fehler der Kirche waren deutlich spürbar und Vergebungsbitten wurden formuliert.

Wir Bischöfe in Deutschland haben dadurch, dass wir Gutes unterlassen und Böses getan haben, das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen, von deren Eltern, Freunden und Angehörigen, missbraucht. Dafür müssen wir all diese Menschen um Vergebung bitten und ihnen überzeugend versprechen, alles zu tun, damit das nicht wieder vorkommt.3

Obwohl inzwischen Präventionsmaßnahmen gegen «sexuelle Gewalt» in kirchlichen Einrichtungen immer flächendeckender implementiert werden4, finde sich laut MHG-Bericht noch immer eine «spürbare Reaktanz bei Klerikern hinsichtlich der Missbrauchsproblematik, die die Umsetzung von wirksamen Schutzkonzepten in den Seelsorgeeinheiten erschwere» (MHG 10). Das liegt vielleicht auch daran, dass das Ausmaß der Fälle schweren sexuellen Missbrauch in der Kirche erst nach und nach sichtbar wird.5 Für uns als Kirche bedeutet dies nun, sich dem Vergangenen ernsthaft zu stellen, sodass jeder und jede Betroffene gehört, die Täter zur Rechenschaft gezogen werden und mögliche Mitwisser, die sich der Vertuschung schuldig gemacht haben, Verantwortung übernehmen müssen.6 Das Leid, das Minderjährige durch Kleriker erfahren haben, erfordert innerkirchlich ein bewusstes Eintreten für Transparenz sowie entschlossenes Handeln im Sinne eines geistigen Klimawandels, schließlich ist davon auszugehen, dass sich auch bis heute nicht alle Opfer gemeldet haben.7 Ein Maßnahmen-Katalog der deutschen Bischöfe soll dazu eine Richtung für die kommenden Jahre vorgeben.8

Schmerzhaft ist die Aufarbeitung in erster Linie bleibend für diejenigen, die Opfer sexueller Übergriffe geworden sind. Diesen Schmerz von Seiten der Kirche anzuerkennen, um Vergebung zu bitten und soweit möglich Wiedergutmachung zu leisten, sind wesentliche Anliegen der Aufarbeitung. Im Folgenden wird es nicht um die Entwicklung einer moraltheologischen These gehen, vielmehr sollen systematische Überlegungen helfen, die Taten besser einordnen, Zusammenhänge verstehen und Perspektiven für die Prävention entwickeln zu können.

1. Geistlicher Missbrauch und Grooming-Verhalten

Das Phänomen, dass sich von Kindesmissbrauch Betroffene oft erst viele Jahre oder Jahrzehnte später melden, ist als direkte Folge des Missbrauchs zu betrachten. Viele berichten noch im hohen Alter von Angstzuständen, Panikattacken und Bindungsproblemen sowie der Scham, die sie lieber schweigen lässt.9 Täter manipulieren Minderjährige häufig durch Machtmissbrauch, indem sie ihnen entweder im Sinne einer Komplizenschaft eine Mitschuld geben oder ihnen die Schuld sogar vollständig zusprechen. Vielen Opfern ist es kaum möglich, sich von dieser Zuschreibung zu distanzieren und sie übernehmen die Sichtweise des Täters. Minderwertigkeits- und Schuldgefühle wie auch die Befürchtung, beim Offenbaren der Tat womöglich bestraft zu werden, sind die Folgen. Manchmal wirkt dieses Sich-schuldig-Fühlen nach bis ins Erwachsenenalter.10 So beschreibt es auch Marie Collins, ehemaliges Mitglied der von Papst Franziskus eingesetzten Kinderschutzkommission:

Ich hatte gelernt, dass ein Priester der Stellvertreter Gottes auf Erden ist, und so hatte er automatisch mein Zutrauen und meinen Respekt. Als er anfing, sich mir in sexueller Absicht zu nähern, tat er zunächst nur so, als ob es ein Spielchen sei; ich war schockiert und wehrte mich, ich sagte, er solle aufhören. Aber er hörte nicht auf. Während er über mich herfiel, pflegte er auf meinen Widerstand zu reagieren, indem er sagte: «Ich bin doch ein Priester», «Ich kann doch nichts Böses tun». Er machte Fotos vom intimsten Teil meines Körpers und sagte zu mir, es sei «dumm», wenn ich meinte, dass das böse sei. Er hatte Macht über mich. Ich fühlte mich krank und schwach, ich empfand alles, was er machte als falsch, aber ich konnte es nicht aufhalten; ich habe nicht geschrien, ich habe niemandem etwas gesagt. ... Ich betete nur, dass er es nicht wieder tun würde.11

Solch missbrauchendes Machtgebaren bei gleichzeitiger sexueller Gewalt im Verhalten religiöser Führungspersonen findet sich in den meisten geschlossenen Systemen (Gemeinschaften), die naturgemäß potenzielle Täter schützen. Beispielsweise beginnt auch im orthodoxen Judentum seit einigen Jahren langsam die Aufarbeitung sexueller Übergriffe von Rabbinern gegenüber Minderjährigen. Eine der bedeutendsten spirituellen Persönlichkeiten und Musiker des 20. Jhds. in Israel wurde diesbezüglich von zahlreichen Frauen angezeigt.12

Die besondere Stellung des Priesters beinhaltet einen Vertrauensvorschuss, der eine besondere Verantwortung mit sich bringt. Im sexuellen Missbrauch wird genau diese Position ausgenutzt, um sich das Vertrauen des Kindes zu erschleichen. Das so genannte «Grooming» (englisch: anbahnen, vorbereiten) ist dabei, auch im gesellschaftlichen Kontext, eine häufige Täterstrategie zur Tatanbahnung.13 Durch «besondere Aufmerksamkeit», «Privilegien» (MHG 91) und offensichtliche Bevorzugung, aber auch durch Geschenke, soll das Opfer in eine Abhängigkeit geführt werden. Kennzeichen des «Grooming»-Verhaltens sind: Anwendung von Techniken der Manipulation und Kontrolle (1) einer vulnerablen Person (2) in einem zwischenmenschlichen und sozialen «Setting» (3), um Vertrauen zu etablieren und sexuell-übergriffige Handlungen als normal zu legitimieren (4), mit dem übergeordneten Ziel, Ausbeutung zu erleichtern und/oder Aufdeckung der Tat zu verhindern (5).14 Bei einem Kleriker als Täter lässt sich hier auch von «geistlichem Missbrauch» sprechen und der Übergang zu sexueller Gewalt ist dann häufig fließend.15 Kindern und Jugendlichen erschließt sich gerade deshalb das Schuldhafte am Verhalten des Priesters nur selten, da er eine Autoritätsperson ist, eine emotionale Bindung geschaffen hat und den Übergriff z.B. als ein «Spiel» oder als einen Ausdruck besonderer Zuneigung bezeichnet.16

Ein weiterer Aspekt geistlichen Missbrauchs durch Kleriker findet sich in der Androhung der Strafe Gottes bei Anzeige der Taten (vgl. MHG 93). Auch von geistlicher Verbrämung sexueller Gewalt, die Übergriffe als religiöse Akte rechtfertigt (vgl. MHG 286), in denen z.B. göttliche Erwählung zum Ausdruck komme, wird berichtet.17 Durch diese Art des Missbrauchs empfinden Betroffene zuweilen auch nach der Tat eine Art Zugehörigkeit zum Täter, die die Schwelle, das Schweigen zu brechen, enorm erhöht.18 Es handelt sich somit um zweifachen Missbrauch, da Kinder oder Jugendliche zunächst emotional gefügig gemacht werden, um sie dann auf sexuelle Weise missbrauchen zu können.Der Wandel zu langen Verjährungsfristen im Staat und einer faktischen Aufhebung der Verjährung in der Kirche berücksichtigt inzwischen diese perfiden Zusammenhänge.19 Entscheidend ist, dass die Wachsamkeit und Sensibilität für Grooming-Verhalten wächst, damit es aufgedeckt und ein Täter rechtzeitig sanktioniert werden kann.

2. Täterprofile und Persönlichkeitsmerkmale

Bei 27% der 1670 «Beschuldigten»20 im kirchlichen Kontext seit 1946, wobei die Mehrheit der Übergriffe zwischen 1965 und 1985 verübt wurden, hat der MHG-Bericht eine fixierte sexuelle Präferenzstörung, d.h. Pädophilie, ausmachen können.21 Wenn eine feste Neigung vorliegt, in der ausschließlich Kinder zu «Objekten» sexueller Begierde werden können, lässt sich von «fixierter» Pädophilie sprechen, ansonsten liegt eine «regressive» Pädophilie22 vor, in der Kinder erst in einer Ersatzhandlung zu Opfern werden. Wenn z.B. durch «stressbeladene[] sexuelle[] Erlebnisse»23 Personen, die sich eigentlich zu Erwachsenen als Sexualpartnern hingezogen fühlen, zu «‹Ersatzobjekttätern› werden und sich an Kindern vergehen.»24

Bei Pädophilie als fester Disposition der Persönlichkeit handelt es sich um eine derzeit «nicht heilbare psychische Störung»25 und lediglich intensive und auf Dauer angelegte Therapien können helfen, dass Personen nicht zu Tätern werden. Pädophile Männer ergreifen häufig bewusst, zumindest aber instinktiv Berufe, die durch Kinder- und Jugendarbeit geprägt sind. Dieses Faktum bedeutet für die Priesterausbildung, dass größter Wert auf Sensibilisierung im Hinblick auf pädophile Äußerungen oder Interessen im Priesterseminar gelegt werden sollte, möglichst ohne Denunziantentum zu fördern.

Rund 80 % der Betroffenen im bisher erfassten kirchlichen Kontext weltweit sind männlich, im säkularen Bereich sind es nur ca. 45 %.26 Die Zahlen bezüglich der homosexuellen Orientierung Beschuldigter variieren innerhalb des MHG-Berichts stark und bewegen sich je nach Untersuchungsmethode zwischen 14 und 72 % (vgl. MHG 6). Somit bedarf die hohe Zahl homosexueller Übergriffe einer ergänzenden Erläuterung.27 Die Metaanalyse (2016) erwähnt, dass sich etwa die Hälfte der Täter selbst als heterosexuell bezeichnen.28 Häufiger Umgang mit Jungen, z.B. als Ministranten, und deren leichtere Erreichbarkeit könnte eine Erklärung für die hohe Zahl homosexueller Übergriffe bieten (vgl. MHG ١١) und auch eine nicht-eingestandene sexuelle Neigung könnte eine Rolle spielen. Ebenso galt es lange als weniger verdächtig, wenn sich ein Priester mit Jungen umgab.

58% der Beschuldigten wird ein «regressives Muster» bescheinigt, das sich durch «fehlende Integration, Verleugnung oder Verdrängung sexueller Bedürfnisse, fehlende sexuelle Reife und soziale Gehemmtheit» auszeichnet (MHG 105). Dies ist ein signifikant hoher Wert unter den Täter-Gemeinsamkeiten und es besteht womöglich ein Zusammenhang zur Homosexualität, da «nicht ausgeschlossen werden kann ..., dass der Anteil sexuell unreifer homosexueller Priester innerhalb der ohnehin großen Gruppe von Priestern, die homosexuell sind, überdurchschnittlich hoch ist.»29

Personen mit emotionaler oder sexueller Unreife umgeben sich gerne mit Kindern und Jugendlichen und lassen häufig einen Mangel in der Fähigkeit zum Eingehen echter Freundschaften auf Augenhöhe erkennen.30 Entweder wird versucht, durch Ersatzhandlungen wie Konsum von Pornographie und damit verbundener Selbstbefriedigung einen Mangel auszugleichen, bei gleichzeitiger Vermeidung von Nähe-Beziehungen mit erwachsenen Gegenübern, oder es wird ein (sexuelles) Verhältnis zu einer deutlich jüngeren Person gesucht, die zumeist in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Erwachsenen steht. Dass es sich hierbei um eine Kombination aus geistlichem und sexuellem Missbrauch handelt, ist dem Täter meist nicht bewusst.

Ein verklemmter Umgang mit der eigenen Sexualität allein ist noch kein sicheres Indiz für eine potenzielle Täterschaft, jedoch begünstigt mangelnde Reife in der eigenen Sexualität Übergriffigkeit in asymmetrischen Beziehungen zu Kindern, Jugendlichen oder anderen Schutzbefohlenen. Emotionale Unreife sowie Persönlichkeitsstörungen müssten demnach künftig in der Ausbildung von Priestern und kirchlichen Mitarbeitern noch größere Beachtung erfahren.

3. Zölibat und sexueller Missbrauch: Klärungen und Perspektiven

Wie alle Studien zuvor kann auch die MHG-Studie keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Zölibat und Missbrauch herstellen (vgl. MHG 11). In den Interviews der MHG-Studie wurde deutlich, dass Beschuldigte mit fixierter pädophiler Neigung zum Zeitpunkt der Berufswahl keinerlei Problem mit dem geforderten Zölibat empfanden, ihn häufig sogar schätzten (vgl. MHG 111). Wenn der Priesterzölibat nur bejaht oder sogar gesucht wird wegen der eigenen Unfähigkeit, authentische und gesunde Beziehungen zu Erwachsenen einzugehen, kann dies nur als eine Fehlform der zölibatären Lebensform angesehen werden. Wenngleich sich keine monokausale Verbindung zwischen dem Zölibat und Verbrechen sexuellen Missbrauchs herstellen lässt (MHG 11), bedarf dieses Thema gleichwohl einer differenzierten Betrachtung.

Reflexionen dazu, wie ein gesundes Verhältnis zur eigenen Sexualität gelebt werden kann, bilden dazu einen entscheidenden Ansatz. Im Rahmen der Priesterausbildung muss die Sexualität noch klarer thematisiert und weder tabuisiert noch banalisiert oder vulgarisiert werden. Die realistischen Herausforderungen durch den Zölibat bedürfen einer eingehenden Reflexion, denn «eine verzerrte Vorstellung vom Zölibat kann ... die Fähigkeit, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen und sich dem Prozess zu stellen, der zur Beziehungsfähigkeit führt, erschweren oder gar verhindern.»31 Wenn die Fähigkeit zu echter Begegnung fehlt, die eigene Verletzlichkeit und das Bedürfnis nach emotionaler Nähe uneingestanden bleibt, ist es nur schwer vorstellbar, dass eine priesterliche Identität in gesunder Weise ausgebildet werden kann.32

Die Integration der eigenen Sexualität in das Ganze der Persönlichkeit spielt dafür eine zentrale Rolle. Dazu gehört es, sich sexuelle Bedürfnisse einzugestehen und in reifer Weise damit umzugehen. Die Freiheit der Person drückt sich gerade auch im verantwortungsvollen Umgang mit Trieben und Impulsen aus. Eine konkrete Möglichkeit des verantwortlichen Umgangs mit der enthaltsamen Lebensweise liegt im Wahrnehmen sexueller Bedürfnisse bei gleichzeitiger Entscheidung gegen das Nähren sexueller Fantasien. Solche geistige «Hygiene» wie auch das Vermeiden des Konsums von Pornographie können eine praktische Hilfe sein, setzen jedoch eine reife Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität voraus.33 Wenn bereits eine Abhängigkeit von pornographischem Material vorliegt, können professionelle Hilfe in der Suchtherapie wie auch Selbsthilfe-Initiativen hier womöglich einen Weg aus der Abhängigkeit eröffnen. Zölibatäre Keuschheit zudem nicht als asketische Höchstleistung misszuverstehen, sondern als Charisma, bedeutet, Freiraum für das «Geschenkhafte der Keuschheit» zu eröffnen, das durch die enge Bindung an Gott «das menschliche Bemühen ergänzt».34

Körperliche Zuwendung, die als zärtlich empfunden wird, wird für einen zölibatär Lebenden nur dann möglich und sinnvoll sein, wenn sie nicht Ausdruck eines sexuellen Bedürfnisses, sondern freie Zuwendung um des Anderen willen bleibt. Zärtlichkeit anderen Personen gegenüber bedarf somit der aufrichtigen Reflexion über Motivationen und die eigene Verletzlichkeit wie auch die der anderen Person. Gerade weil die Verletzlichkeit von Minderjährigen von Tätern schamlos in der Opferauswahl ausgenutzt wurde und wird (vgl. MHG 72), bedarf sie einer systematischen Betrachtung.

4. Aufmerksamkeit für Vulnerabilität als Präventionsansatz

Täter wählen häufig besonders vulnerable, d.h. verletzliche Kinder zu potenziellen Opfern aus. Die erwähnte sexuelle Unreife von Klerikern, die sich auch als emotionale Armut und sexuelle Unreflektiertheit sowie in mangelnder Impulskontrolle zeigt, entspringt in vielen Fällen einem Steckengeblieben-Sein in der pubertären Sexualität. Wenn z.B. ein Priesteranwärter unliebsame sexuelle Bedürfnisse nicht verarbeitet und seine Verletzlichkeit in diesem Bereich nicht erkennt, wird er nur schwer die Resilienz als Abwehrkraft für einen gesunden Umgang mit den Herausforderungen eines zölibatären Lebens ausbilden können.35 Das Sich-Verschließen hat weitreichende Konsequenzen und führt häufig zur genannten Unfähigkeit, echte Beziehungen einzugehen und Nähe zuzulassen. Es besteht die Gefahr, Wehrlose zu manipulieren und zum eigenen Vorteil auszunutzen.

Grundsätzlich lässt sich beobachten, dass die Einsicht in die Schwere des Unrechts und die massiven Konsequenzen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen bei Missbrauchern nur in seltenen Fällen vorhanden ist, sie vielmehr häufig betonen, sie seien den Kindern liebevoll verbunden und dies beruhe auf Gegenseitigkeit.36 Der Mangel an Reue und Empathie für die Leiden der Opfer ist in vielen Fällen ein Persönlichkeitsmerkmal der Missbrauchstäter.37 Sie schreiben zudem häufig der Kirche als Institution, bzw. kirchlichen Strukturen, eine Mitschuld für ihren Übergriff zu (vgl. MHG 117). Und tatsächlich hat eine falsch verstandene Loyalität, die dem Ansehen der Institution einen Vorrang vor den Betroffenen eingeräumt hat, Missbrauch begünstigt.

Vulnerabilität gehört als Konsequenz der Endlichkeit grundsätzlich zur menschlichen Existenz und bedarf einer Kultivierung. Die persönliche Auseinandersetzung mit Unsicherheit, Einsamkeit, sexuellen Bedürfnissen sowie den Schattenseiten des eigenen Lebens lässt erkennen, dass Verletzlichkeit nicht nur Schwäche bedeutet und Selbstverteidigung erfordert, dass sie vielmehr auch zu einer personalen Kraft für Stressbewältigung und Versagensängste werden kann. «Feeling vulnerable is at the core of difficult emotions like fear, grief, and disappointment, but it’s also the birthplace of love, belonging, joy, empathy, innovation, and creativity. When we shut ourselves off from vulnerability, we distance ourselves from the experiences that bring purpose and meaning to our lives.»38Wenn die Verletzlichkeit des Priesters durch ein überhöhtes Priesterbild verdeckt werden soll, und sich dieser vom Priestersein vor allem einen gesicherten beruflichen Status erhofft, kann dies einen Risikofaktor darstellen (vgl. dazu MHG 110). Demgegenüber könnte das Eingeständnis von Schwäche und Bedürftigkeit neue Kraft verleihen, aufrichtige Begegnungen mit Menschen zu suchen und sich für die Gegenwart Gottes im eigenen Leben zu öffnen.39 Die wesenhafte Vulnerabilität des Menschen als Teil der conditio humana ist ein stark verbindendes Element zwischen Menschen und ermöglicht aufrichtige Ich-Du-Beziehungen. Sie kann die Augen für die Not des Anderen öffnen und die Bereitschaft nähren, diesem in den Vulnerabilitäten des Lebens beizustehen.40

Die so genannte «situative Vulnerabilität»41, der Menschen im Laufe ihres Lebens ausgesetzt sind, variiert hinsichtlich Dauer, Art und Ausmaß je nach Individuum. Unsichere familiäre Verhältnisse, finanzielle Schwierigkeiten, gravierende Erkrankungen, aber auch Umwelteinflüsse bestimmen diese Verletzlichkeit. Kinder mit entsprechend belastetem Hintergrund sind besonders vulnerabel und werden eher zu Opfern sexuellen Missbrauchs, da Täter Opfer häufig nach genau diesen Kriterien auswählen.42 Somit besteht eine wichtige Prävention in der Kirche darin, Kinder und Jugendliche in ihrer besonderen Verletzlichkeit zu erkennen und zu helfen, diese aktiv zu lindern oder zu beseitigen. Starke Kinder, die sich sicher fühlen und personalen Rückhalt genießen, werden nur deshalb seltener Opfer sexueller Übergriffigkeit, weil sie für den Missbraucher ein Risiko darstellen.

Die Auseinandersetzung mit der Verletzbarkeit eines Gegenübers kann im besten Fall emotionale Reife fördern. Hier vermag insbesondere die Verantwortung für Schwächere als Kern der Persönlichkeitsbildung künftiger Priester einer einseitigen Ichorientierung entgegenzuwirken. Dies kommt wiederum der Reflexion eigener Vulnerabilität zugute, die hilft, mit eigener Begrenztheit, Schwäche und Sehnsucht nach Beziehung umzugehen und nicht übergriffige sexuelle Verhältnisse zu Minderjährigen zu suchen, um persönliche Defizite auszugleichen. Für Priester, die nach einigen Jahren in ihrer beruflichen Tätigkeit hohen Frustrationen ausgesetzt sind, deren geistliches Leben erlahmt ist oder die mit «Burn out», Einsamkeit oder einer Suchtproblematik zu kämpfen haben, ist die Reflexion eigener Vulnerabilität unausweichlich. Ein hoher Anteil der beschuldigten Kleriker berichtet von gerade solchen Herausforderungen (vgl. MHG 7, 13, 163). Während demnach das Erkennen von Vulnerabilität von Seiten der Täter für grausame Zwecke benutzt wird, vermag der Ansatz an der eigenen und fremden Verletzlichkeit einen wichtigen Impuls in der Präventionsarbeit zu setzen.

5. Theologisch-spirituelle Erwägungen

Für Personalbeauftragte und Bischöfe, die mit Betroffenen zu tun haben, ist ein unerbittlicher Blick auf die Tatsachen, ein hörendes und empathievolles Herz43 und eine «barmherzig-samaritanische»44 Haltung dem Opfer gegenüber von zentraler Bedeutung. Sich vom Leid des Opfers berühren und – wie Jesus Christus selbst – auch «verwunden» zu lassen, «nicht vorübergehen, die Selbstgefährdung gering achten und das Opfer an den Ort der Heilung ‹in der Herberge› bringen» 45, sowie eine radikale Entscheidung für Aufarbeitung, Transparenz und Prävention sind somit für die Kirche in der Zukunft unerlässlich.46 Echtes priesterliches Verhalten, das sich fundamental von einer klerikalistischen Einstellung unterscheidet, zeigt sich gerade darin, wenn Bischöfe und Verantwortliche in der Diözese nicht in falsch verstandener Loyalität Mitbrüder schützen, sondern «auf die Eltern zugehen und die Opfer um Verzeihung bitten sowie alle ihnen mögliche seelsorgliche, spirituelle und vor allem auch finanzielle Hilfen anbieten.»47 Den Täter zur Rechenschaft zu ziehen, ist ein weiterer Teil eines verantwortlichen Hirtendienstes. So ließe sich auch die Maßgabe Jesu im Hinblick auf Machtmissbrauch eher umsetzen: «Bei euch aber soll es nicht so sein». (Mk 10, 43)

Der pastoral-unterstützende Einsatz für die Opfer darf auch die Hoffnung auf Linderung der Leiden oder sogar Heilung enthalten. Opfer sexuellen Missbrauchs sprechen beispielsweise von einem «Weg der Heilung»48, von Vergebung49 und der Bedeutung des Glaubens50. «Der Anteil jener Betroffenen, die vom Wachstum im Glauben berichteten», ist «als vergleichsweise hoch anzusehen. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass nicht nur im psychologischen Beistand, sondern auch in der Spiritualität bzw. Religiosität eine Ressource zu sehen ist, die bei der Verarbeitung dieser Belastungen zu helfen vermag.» (MHG 96) Dass die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes, der ein «Freund des Lebens» (Wsh 11, 26) ist, auch den Täter einschließt und diesen dazu herausfordert, «sein Antlitz wieder zu gewinnen, weil er sich am Geschöpf Gottes versündigt hat» 51, gehört zu den besonderen Herausforderungen in der Verarbeitung der Missbrauchsfälle.

Das Jahr 2010, in dem zum ersten Mal das Ausmaß sexuellen Missbrauchs durch Kleriker in Deutschland bekannt wurde, war weltkirchlich gesehen das «Jahr für die Priester». Wollte man dies in die geistliche Reflexion einbeziehen, ließe sich vielleicht sagen, dass neben den unermüdlichen Klagen der Opfer auch das intensive Gebet des Gottesvolkes für die Priester weltweit dazu beigetragen hat, dass so viel Unrecht und Verbrechen nicht länger verborgen bleiben konnte. Der Heilige Geist ist auch der «Geist der Wahrheit» ( Joh 16, 13) und deckt nach einem Wort Edith Steins aus einer Pfingst-Novene von 1937 auf, was verborgen ist: «Barmherzig-unerbittlich dringt er in verborg’ne Falten».52

6. Perspektiven

Zum Schluss soll noch gefragt werden, wie die weitere Aufarbeitung der Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen aussehen und Prävention wirksam werden kann. Eine unabhängige Überprüfung der diözesanen Archive durch externe Fachleute und die Bereitschaft der Bischöfe, Betroffene persönlich anzuhören, wären wichtige Signale für Transparenz und Aufarbeitung. Eine unabhängige Kommission auf Diözesanebene, die die Arbeit der Missbrauchsbeauftragten ergänzt und zentral alle Berichte und Klagen bearbeitet, wäre geeignet, Vertuschung zu verhindern. Wenn Betroffene bereit sind, darin mitzuwirken, kann gerade ihr Beitrag helfen, die Fälle von der Opfer-Perspektive her zu sehen und zu bearbeiten. Diözesen sollten zudem bezüglich der Einhaltung der Leitlinien künftig rechenschaftspflichtig sein.

Ein weiterer Aspekt ist dabei die Verantwortung für Erinnerung. Durch aktive Recherche in Chroniken, Veröffentlichungen und im Internet sollte geklärt werden, wie eines Täters oder Amtsinhabers, der aktiv Missbrauch vertuscht hat, gedacht wird. Bei Vorliegen unangemessener Würdigungen sollte eine Korrektur veranlasst oder auch direkt durchführt werden können. Als Erweiterung der diözesanen Präventionsarbeit sollte eine solche Kommission im Fall einer Grenzverletzung oder eindeutigen Grooming-Verhaltens erste Sanktionen verhängen und einen Priester oder auch ein ganzes Pastoralteam unmittelbar zu einer spezifischen Präventionsmaßnahme verpflichten können.

In der Aufarbeitung wie in der Prävention sollte Laien überhaupt, jedoch insbesondere Frauen, eine besondere Bedeutung zukommen, da diese zumeist «eher bereit [sind], Kinder und Jugendliche vor sexuellem Missbrauch zu schützen».53 Präventionsschulungen der Leitungen der Priesterseminare sollten möglichst Betroffene einbeziehen und weltweit obligatorisch werden wie auch Veranstaltungen zum Kinderschutz im Curriculum der Priesterausbildung. Der Auswahl geeigneter Kandidaten, bei denen die genannten Risikofaktoren möglichst nicht ausgeprägt sind, kommt zudem besondere Bedeutung zu. Darüber hinaus bedarf das kirchenrechtlich festgelegte Strafmaß für begangene Taten bzw. vor allem die Praxis der Verfahren einer Evaluation und Revision. Im Rahmen der regelmäßigen Ad-limina-Besuche der Bischöfe in Rom sollten Anstrengungen zur Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch abgefragt werden.

Dass es in der Vergangenheit zu Falschbeschuldigungen gekommen ist, die Unschuldige zuweilen schwer traumatisiert haben, bedeutet für die Kirche als Institution, die schwierige Balance zwischen radikaler Aufklärungsbereitschaft und dem Schutz der Persönlichkeitsrechte – auch des Beschuldigten – zu finden. Da der Weg, einen Täter anzuzeigen, mit belastender Scham, Schmerz und auch Ängsten verbunden ist, bleibt dennoch die Haltung des Zuhörens und Glauben-Schenkens der unabhängigen Missbrauchsbeauftragten im Erstkontakt entscheidend.

Alle Bemühungen in diesem Bereich müssen letztlich von dem Wunsch getragen sein, dass die Wunden der Betroffenen und ihrer Familien heilen können, dass ihnen Gerechtigkeit zuteil wird und dass künftige Übergriffe verhindert werden. Dann besteht die Hoffnung, dass die Kirche in der Zukunft ihrem Schutzauftrag gegenüber Kindern und Jugendlichen besser gerecht wird und diesbezüglich sogar positiv in die Gesellschaft hineinwirken kann. Insbesondere das Konzept der Vulnerabilität sollte dazu inhaltliche Horizonte eröffnen, um künftig Minderjährige vor sexueller Gewalt in der Kirche zu schützen.

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