Europa – ein katholisches Projekt?

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Europe – A Catholic Project? In the 1950s Robert Schuman, Konrad Adenauer and Alcide De Gasperi began the project of European integration. All three were Catholics. Does it make sense then to talk of Europe as a Catholic project? There are certainly hints, such as the twelve golden stars in the European flag or the notion of the term ‹subsidiarity› in the Treaties of the European Union. Nevertheless, as a whole Europe was a mere alliance of convenience lacking in a true cultural or religious foundation. It remains as such until this day.

1. Die Anfänge

Drei «Männer von der Grenze» haben in den fünfziger Jahren den Anstoß zur europäischen Einigung gegeben: der Lothringer Robert Schuman, der Rheinländer Konrad Adenauer und der Trentiner Alcide De Gasperi. Sie überwanden den Nationalismus, der in zwei Weltkriegen zahlreiche europäische Länder zerstört und ein politisches Chaos angerichtet hatte, und sie begründeten eine neue Epoche friedlicher übernationaler Zusammenarbeit. Alle drei waren praktizierende Katholiken. Ist Europa also ein katholisches Projekt?

Natürlich nicht – die Montanunion, mit der die europäische Integration 1950 begann, war von Anfang an kein geistliches, sondern ein säkulares Vorhaben. Kohle und Stahl sind höchst irdische Dinge. Ohne sie sind keine Kriege möglich. Ihre plötzlich anwachsende Förderung und Produktion deutet auf Kriegsvorbereitungen hin. Die gemeinsame Verwaltung von Kohle und Stahl sollte nach dem Plan Robert Schumans solche Kriegsvorbereitungen öffentlich sichtbar – und damit politisch unmöglich – machen. Das war ein profanes Zweckbündnis ohne religiösen oder kulturellen Hintergrund – freilich wichtig für eine systematische Friedenspolitik, an der es bis dahin in Europa gefehlt hatte.

«Katholisch» muten allerdings die zwölf goldenen Sterne auf blauem Grund an, die seit 1955 die Europaflagge schmücken. Das neue Symbol wurde ausgewählt vom Europarat, dem bekanntlich auch Staaten angehören, die außerhalb West- und Mitteleuropas liegen (so die Türkei und Russland). Es erinnert an den Sternenkranz einer Madonna – man kann auch die zwölf Sterne der Apokalypse darin sehen, von denen das Kirchenlied «Wachet auf» (Philipp Nicolai) erzählt («…von zwölf Perlen sind die Tore / an deiner Stadt, wir stehn im Chore / der Engel hoch um deinen Thron.») – Die Frage stellt sich: Wie kam dieses geistliche Symbol in das «montane» Europa hinein?

Nun, es verdankt seinen Siegeszug nicht einer christlichen, sondern einer säkularistischen Deutung. Die Erfinder der Europaflagge, Beamte der europäischen Institutionen in Straßburg, die heute kaum jemand mehr kennt, empfahlen es – erstaunlich genug! – der Türkei, die kein Kreuz wollte, und den französischen Laizisten, die religiöse Zeichen generell ablehnten, als (angeblich) «laizistisches Symbol der Vollkommenheit». Man griff also auf die Symbolik der Französischen Revolution zurück, die sich ja gleichfalls, mangels eigener Traditionen, an überlieferte christliche Formen angelehnt hatte – und so fand die neue Flagge eine überraschend breite Zustimmung bis zum heutigen Tag. Europa hatte plötzlich ein neues – ein freilich mehrdeutiges – Symbol.1

«Katholisch» erschien damals noch so manches andere. Die europäische Nachkriegszeit war ja religiösen Überlieferungen keineswegs abgeneigt. Man ergriff Besitz von Traditionen, die Halt und Sicherheit versprachen. In den Verfassungen mehrerer Länder tauchte die traditionelle Invocatio Dei wieder auf – in der Bundesrepublik Deutschland vorsichtiger als Nominatio gefasst.2 Das Thema der «Nennung Gottes» beschäftigte 1999/2000 auch die Europäische Union, als sie über einen Katalog europäischer Grundrechte beriet. Weitere Anstöße kamen hinzu. Mit der Lockerung nationalstaatlicher Abgrenzungen war in Europa eine neue Aufmerksamkeit für die katholische Staatslehre entstanden, die bis dahin im Schatten der öffentlichen Meinung gestanden hatte. Ihr übernationales Potential trat jetzt deutlicher hervor. Auffällig war die Verbreitung, die das Wort Subsidiarität auf gesamteuropäischer Ebene fand. Damit errang ein Begriff allgemeine Geltung, der unzweifelhaft auf kirchliche Ursprünge – die Enzyklika «Quadragesimo anno» Papst Pius’ XI. (1931) – zurückging und der lange Zeit als ausschließlich katholisches Sondergut gegolten hatte.3 Das Subsidiaritätsprinzip wurde jetzt in der gesamten Union rezipiert, es wurde in den Verträgen von Maastricht (1992) und Lissabon (2009) im Europarecht verankert, und es bildet heute eine der wichtigsten Regierungsmaximen der Europäischen Union.4

Es wundert nicht, dass Päpste die europäische Integration vielfältig begleitet und ermuntert haben, von Pius XII., der Robert Schuman, den Initiator der Montanunion, bewunderte und auszeichnete,5 über Johannes Paul II., der die polnische Solidarność behutsam aus der Ferne moderierte und zu friedlichem Machtgebrauch anhielt,6 bis zu Benedikt XVI.7 und Franziskus I.8, die vielfältig zu europäischen Themen Stellung nahmen. Zwei Sondersynoden (1991 und 1999) waren dem Thema Europa gewidmet. Der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen, gegründet 1971, beschäftigte sich mehrfach mit Fragen der Integration.9

Die stärkste Bestätigung erfuhr die westliche Europabewegung seit den Siebzigerjahren aus dem europäischen Osten – vor allem aus den katholischen Ländern Polen und Ungarn. Es war die sehnlich erwartete, jedoch lange Zeit für kaum möglich gehaltene Antwort auf den westeuropäischen Impuls. Der Aufbruch von Solidarność – der ersten freien Gewerkschaft im Ostblock – unter Lech Wałesa 1980 in der Danziger Werft war das auslösende Moment für einen Freiheitssturm, der ganz Mittel- und Osteuropa in seinen Bann zog (Gorbatschow kam ja, was oft vergessen wird, erst fünf Jahre später!). Bewegungen in den baltischen Ländern und in Russland, in Rumänien und der Tschechoslowakei in Ungarn und der DDR schlossen sich an; sie erreichten ihren Höhepunkt im «annus mirabilis» 1989. Nun fielen erstmals auch Grenzen (so zuerst zwischen Ungarn und Österreich).

Als symbolisches Zeichen für diesen europäischen Aufbruch stehen bis heute die drei monumentalen Kreuze in der Danziger Werft, von der Gewerkschaft Solidarność durch Druck auf die Regierung erzwungen als Gedenken für die 1970, beim ersten Aufstand, erschossenen Werftarbeiter. Am selben Ort hält eine Tafel die Erinnerung an die Ansprache Papst Johannes Pauls II. bei seinem ersten Besuch in Polen am 2. Juni 1979 am Grabmal des Unbekannten Soldaten in Warschau fest. Er zitierte dort das biblische «Sende aus deinen Geist, und das Angesicht der Erde wird neu» und fügte nach einer Pause leise hinzu: «Dieser Erde» – womit er minutenlangen Beifall erntete.10

2. Heutige Krisen

Die ersten Jahre nach der Wende von 1989/90 waren hoffnungsvoll. Der jahrzehntelang getrennte, in feindliche Blöcke gespaltene Kontinent schien aufs neue zusammenzuwachsen. 1992 war der Europäische Binnenmarkt vollendet, in den folgenden Jahren entwickelten sich mit den Verträgen von Maastricht und Amsterdam die ersten verbindlichen Baupläne für ein «Europäisches Haus». Die Europäische Gemeinschaft wurde zur Europäischen Union. Anfang des neuen Jahrhunderts begann eine geradezu stürmische Osterweiterung: 2004 traten Polen, Ungarn, Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Litauen, Lettland, Estland der Union bei, 2007 Rumänien und Bulgarien, 2013 Kroatien. Seit 2013 weist die EU 28 Mitgliedstaaten mit insgesamt 511 Millionen Einwohnern auf.11

Doch den schlimmsten Gewaltausbruch in Europa seit 1945, den Krieg im zerfallenden Jugoslawien, konnte auch die Europäische Union nicht verhindern. Nach dem Massaker von Srebrenica (1995) musste sie die NATO zu Hilfe rufen. Seit dem Jahr 2000 häufen sich die europäischen Krisen. Zwar gelang es im Jahr 2002, eine gemeinsame Währung für 11 Staaten (inzwischen 19) – den Euro – einzuführen, eine für Produktion und Handel wichtige Maßnahme. Die Vereinheitlichung ließ aber in mehreren Ländern die Staatsverschuldung in die Höhe schnellen – was insbesondere Griechenland in die Nähe des Staatsbankrotts brachte und ein achtjähriges europäisches Rettungsprogramm für das Mittelmeerland erforderlich machte.

Allgemein schwand im neuen Jahrhundert die – bis dahin selbstverständliche – Zustimmung der Bevölkerung zu neuerlichen Integrationsschritten. In mehreren Gründerländern gewannen populistische, antieuropäische Strömungen an Stärke. 2016 entschied sich erstmals ein EU-Staat – Großbritannien – für den Austritt aus der EU. Und seit 2015 beschäftigt die Migrations- und Flüchtlingskrise die europäischen Institutionen: Der Ansturm von mehr als einer Million Menschen aus Kriegs- und Notstandsgebieten führte zu einer tiefgreifenden Erschütterung der bisherigen europäischen Zusammenarbeit. Es gelang nicht, ein von allen Mitgliedstaaten akzeptiertes Verfahren der Verteilung von Asylsuchenden in der Europäischen Union einzuführen. Polen, Tschechien und Ungarn weigerten sich, Flüchtlinge aufzunehmen – z. T. unter Berufung auf angeblich katholische (anti-islamische) Traditionen; sie wurden von der Kommission vor dem EU-Gerichtshof verklagt, änderten jedoch ihre Haltung nicht. Migrationsdruck und Abwehr von Terrorgefahren führten nicht nur zur Schließung der EU-Außengrenzen, sondern auch zur Neueinführung von Kontrollen an den europäischen Binnengrenzen in nationaler Eigenregie. Die europäische Integration schien nach Jahren des Fortschritts plötzlich stillzustehen, ja nach rückwärts zu laufen.

Unerklärlich war der neue – innereuropäische – Ost-West-Konflikt nicht. Er resultierte, wenigstens zum Teil, aus der politischen Vergangenheit der verschiedenen Länder im Osten und im Westen. Im Westen war Europa die große Alternative zum endlosen Streit der Nationalstaaten, der in zwei Weltkriegen den Kontinent zerstört hatte. Im Osten dagegen erschien umgekehrt der Nationalstaat als eine Alternative zum ungeliebten, von der Sowjetmacht erzwungenen «proletarischen Internationalismus». Heimat und Nation haben im Osten Europas auch heute einen anderen, höheren Stellenwert als in vielen westeuropäischen Ländern – und das hat wiederholt zu Ungleichzeitigkeiten und Missverständnissen im innereuropäischen Ost-West-Dialog geführt.

Offensichtlich reicht nicht einmal mehr die katholische «Grundierung» Polens und Ungarns zu einer positive Antwort auf die gegenwärtigen europäischen Herausforderungen hin. Der Einspruch der katholischen Bischöfe gegen die Verweigerung der Hilfe für Flüchtlinge blieb merkwürdig schwach. Die in Gang befindlichen Wandlungen in beiden Ländern greifen weiter aus; sowohl in Polen wie in Ungarn wirken Kräfte, die bestrebt sind, den Rechtsstaat westlichen Musters abzubauen und autoritäre Regime an seine Stelle zu setzen. Dazu bemerkt der in Princeton lehrende Historiker Jan-Werner Müller: «Orbáns ‹christlich-nationale› Vision hat mit dem historischen Phänomen Christdemokratie […] wenig zu tun. Mehr noch: Seine immer wieder beschworene Frontstellung ‹Nation gegen Brüssel› ist ein Verrat am Erbe der christdemokratischen Gründerväter der europäischen Einigung, welche die Idee des souveränen Nationalstaats gerade überwinden wollten.»12

Papst Franziskus hat im November 2014 vor dem Europaparlament in Straßburg dafür plädiert, «zur festen Überzeugung der Gründungsväter der europäischen Union zurückzukehren, die sich eine Zukunft wünschten, die auf der Fähigkeit basiert, gemeinsam zu arbeiten, um die Teilungen zu überwinden und den Frieden und die Gemeinschaft unter allen Völkern des Kontinents zu fördern.» Zugleich betonte er, es sei notwendig, «gemeinsam das Migrationsproblem anzugehen […]. Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landen, sind Männer und Frauen, die Aufnahme und Hilfe brauchen. Das Fehlen gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Europäischen Union läuft Gefahr, partikularistische Lösungen des Problems anzuregen, welche die Menschenwürde der Einwanderer nicht berücksichtigen und Sklavenarbeit sowie ständige soziale Spannungen begünstigen.»13

Ob die europäische Politik eine Antwort auf diese Bemerkungen des Papstes finden wird? Im Augenblick zeichnet sich nichts ab. Gegenwärtig gibt es unter den Mitgliedstaaten der EU nicht einmal einen Minimalkonsens über das weitere Vorgehen und die künftige Gestalt Europas.

3. Unvollendetes Europa

Man muss sich in der augenblicklichen Krise Eines nüchtern klarmachen (es kann ein Halt, ein Trost sein): Die europäische Integration ist ein unvollendetes Werk. Vielleicht hat man in einer begreiflichen Euphorie neben den bekannten wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten auch die religiösen Spannungen und Gegensätze in Europa unterschätzt. Schon im Kreis der Europäischen Bischofskonferenz gab es darüber lebhafte Diskussionen, was besonders beim Thema des Gottesbezugs in einer Europäischen Verfassung hervortrat.14 Die Europapolitik bewegte sich von Anfang an nicht in linearen Fortschritten, sondern in Sprüngen, die von Krisen zu Lösungen – manchmal aber auch zu neuen Krisen! – führten.

Als unvollendet wirkt die Europäische Union vor allem auf Zeitgenossen, die Europa aus einer atlantischen Perspektive, aus dem Blickwinkel der Vereinigten Staaten betrachten. Sie entdecken in Europa zwar Staaten auf dem Weg zur politischen Vereinigung, aber eben (noch) keine Vereinigten Staaten von Europa. Sie finden einen großen Wirtschaftsraum, aber kein adäquates politisch-militärisches Schwergewicht. Alles ist unvollendet oder halbvollendet. Francis Fukayama hat den Europäern deshalb vorgeworfen, sie seien bei ihrer politischen Integration nicht konsequent genug: Es fehle in Europa die einheitliche Sprache, die zentrale Verwaltung, das für alle geltende Gesetz – und nicht zuletzt ein europäischer Präsident. Solange man diesen Präsidenten nicht anrufen könne, sondern bei drei Dutzend kleinerer oder größerer Potentaten nachfragen müsse, habe Europa neben Riesen wie China und Indien, Amerika und Russland keine Chance. Es sei einfach zu klein, zu zersplittert, zu langsam für die heutige globale Welt.

Die Anhänger der Europäischen Union pflegen solchen Vergleichen zu widersprechen. Für sie ist gerade ein unvollendetes Europa eine Option – ein Europa, das sich verständigen kann, obwohl es verschiedene Sprachen spricht,15 ein Europa, das gemeinsame Wege findet, ohne im politischen Gleichschritt zu marschieren. Die europäische Einigung ist etwas Neues in der Geschichte. Sie erstrebt so viel Einheit, wie zu gemeinsamem Handeln nötig ist, ohne jedoch die Verschiedenheit der Nationen, Sprachen, Lebensweisen zu leugnen und zu nivellieren. Ob sie mit diesem Konzept obsiegt, ist offen. Die Risiken sind groß, historische Beispiele und Vorbilder fehlen. Immer wieder – wie in jüngster Zeit – treten Rückschläge ein. Doch das «Experiment Europa» ist noch längst nicht am Ende. Menschen meiner Generation verfolgen es seit den Anfängen in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Spannung und angehaltenem Atem.

Katholiken und Protestanten haben im Westen die pluralistischen Lektionen der Moderne gelernt. Im Osten steht dieser Lernprozess noch an: die Orthodoxie muss erst jene «Außenwerke» entwickeln, in denen seit jeher die Kraft westlicher Kirchlichkeit liegt: Diakonie, kirchliches Recht, Autonomie gegenüber dem Staat, eigene Soziallehren, eine eigene gesellschaftliche Praxis. Umgekehrt können die westlichen Kirchen von den östlichen das lernen, was ihnen fehlt: das patristische und mystische Erbe, die unbedingte Präferenz von Gottesdienst und Liturgie – den glühenden Kern der Gottesliebe, ohne den alle «Außenwerke» des Christentums, so effizient wie sein mögen, leer und äußerlich bleiben.

Innerhalb eines Europa, das sich wieder vereinigt, wenn auch unter Mühen und Reibungen, steht also auch eine neue Begegnung der christlichen Kirchen an. Der Weg dahin wird freilich nicht einfach, er wird lang und mühsam sein. Doch auch das gehört zum Bild des unvollendeten – des vielleicht nie endgültig vollendbaren – Europa.

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