IN WÄLDERN lebenslang an Sommertagen
aufgesuchte Schattenhallen, drin
nach Vogelruf sich nur die Räume schieden,
Weltorte eigner Einsamkeit: Lichtstrahlen,
moosvergoldend, tauchten in die Tiefen,
hoben Blühn für kurz ins Feuer, blitzten
lichternd aus dem Bach: der ganze Tag
schuf sich im Wald sein Leben – wie im Dom
die Fenster, stundenwechselnd, anders glühn:
den Morgen, Mittag, Nachmittag und Abend
lehrt’ der Wald mich kennen – manchmal auch
die Nacht.
* * *
Kathedralen der Natur
Selten wurde in deutscher Sprache ein schönerer Hymnus auf den Wald angestimmt als in diesem Gedicht. Es ist vollkommen eins mit der Welt, aus der es kommt und über die es spricht. Als wären Erinnerung und Sehnsucht nichts, was man noch unterscheiden kann. Nirgendwo Erinnerung, die nicht in Sehnsucht mündet, nirgendwo Sehnsucht, die nicht aus Erinnerung hervortritt. Der Wald ein Ort des Angedenkens an die älteste Behausung des Menschen. Und das Waldglück eine Freude der Geborgenheit, tiefster Heimat, der ersten und womöglich letzten Zuflucht des durch sich selbst bedrohten Erdenkinds. Dieses Glück war Klaus Demus, dem walderfahrenen Dichter aus Wien, ein Leben lang hold. Die Bilder, Träume und Gesichte, die er von dort empfing, haben in alles ausgestrahlt, was seinen Sinnen je begegnet ist.
Dieses Begegnen war immer ein Aufschauen. Die Griechen nannten den Menschen Anthropos, den «Hochschauenden». Auch in diesem Gedicht regiert das Hochschauen, und es regiert zwiefach, visuell und akustisch. «In Wäldern lebenslang an Sommertagen / aufgesuchte Schattenhallen, drin / nach Vogelruf sich nur die Räume schieden» – was für ein elementares Bild für das Wahrnehmen von unsichtbaren Grenzen. Der Wald, ein Klanggewölbe, mehrstöckig, ein einziges Haus aus zusammenhängenden Häusern, durchtönt von Stimmen und Gesang, anders von Kammer zu Kammer, von Geschoß zu Geschoß. Eine eigene Welt des Hörens, und das Hören einer eigenen Welt.
Und dann das Sehen. Der diaphane Innenraum des Waldes. Das Licht kommt aus der Höhe. Die Strahlen brechen herein wie durch die steilen Fenster einer alten Kirche, in der es kühl und schattig ist. Der Wald, eine Kathedrale der Natur, es spielt das Licht mit immer neuen Räumen. Klaus Demus hat über Jahrzehnte hin die Wälder Österreichs durchwandert, er hat auch schon früh den Ort seiner Metapher aufgesucht: die gotischen Dome von Laon und Chartres mit ihren lumineszierenden Glasfenstern. Es gibt ein Gedicht von ihm, das heißt «An den Dichter». Die Anfangsverse lauten: «Aus welchem Wald kommst du / so mit leuchtenden Augen?» Jetzt wissen wir es. In allen Wäldern, und sind sie noch so tief und dunkel, leuchtet das Licht. Und wo ein Schauender sich einpflanzt im Geschauten, dort spricht er mit leuchtenden Augen: «der ganze Tag / schuf sich im Wald sein Leben – wie im Dom / die Fenster, stundenwechselnd, anders glühn: / den Morgen, Mittag, Nachmittag und Abend / lehrt’ der Wald mich kennen – manchmal auch / die Nacht.» Die Wälder, Wunderwerke des Luminarismus, Bewahrer der Stille, «Weltorte eigner Einsamkeit», Hüter des Geheimnisses der Erde. Sie sind das Urbild einer Ordnung, die den Einzelnen achtet, doch die Vereinzelung nicht kennt. Ihre besten Schüler sind die Dichter, wo sie vernehmen, was die Dinge wollen, wo sie deuten, was die Dinge sind. Schon immer haben die mythischen Baldachine des Planeten ihre ebenbürtigen Interpreten gefunden. Klaus Demus ist einer von ihnen. Er hat das Glück der Wälder überall besungen, zu allen Jahreszeiten, aus allen Himmelsrichtungen, in allen Farben, in der Ebene und im Gebirge, bei Regen und Sonne, Schnee und Nebel, bei Tag und bei Nacht, unter Wolken und unter Sternen. Sie sind ihm zu selbstleuchtenden Landschaften seines Innern geworden.