Europa und der Islam

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Europe and Islam. The perception of Islam in Europe throughout history was extremely complex and contradictory; it moves between fear and fascination. The contemplation on Islam in important political and cultural debates has contributed to the emergence of European self-understanding through critical demarcation and positive adaptation. As intense and fruitful as the encounters between Europe and Islam may have been, they led a kind of long-distance relationship until about half a century ago. Meanwhile the relationship between Europe and Islam has acquired a new quality: it has become a «close» relationship in which spaces and times, hopes and fears are shared, since at least fifteen millions of Muslims are European citizens. Both Muslims and Europeans have the responsibility to work more intensively and constructively together towards a common future. It is about nothing less than defending, deepening and expanding our humanity.

Auf den ersten Blick scheint es schwierig zu sein, Europa und Islam überhaupt sinnvoll aufeinander zu beziehen, ist doch Europa eine Weltgegend und der Islam eine Weltreligion. Dennoch ist es allenthalben selbstverständlich, den europäischen Kontinent und die islamische Religion einander gegenüberstellend zu betrachten. Hinter dieser Selbstverständlichkeit steht wohl die Annahme, dass Europa historisch von einer anderen großen Weltreligion geprägt wurde, nämlich vom Christentum. So gesehen ist immer auch das Christentum gemeint, wenn von Europa die Rede ist. Eine andere Lesart der Geschichte wird Europa im Rahmen des modernen Fortschrittsnarrativs mit Verweltlichung und Säkularisierung in Verbindung bringen. Beide Lesarten würden aber darin übereinstimmen, dass der Islam für Europa – trotz mancher fruchtbarer Begegnung hier und dort – das Andere, ja das Fremde verkörpert.

Ganz in diesem Sinne hat Edward Said in einer wirkmächtigen Studie behauptet, Europa habe den islamischen Orient vor allem als sein «Gegenbild» und seine «Gegenidee» definiert, um es machtpolitisch beherrschen zu können.1 Tatsächlich wird aber der islamische Orient im Wandel der Zeiten von den europäischen Denkern in unterschiedlichen Argumentationskontexten herangezogen und diskutiert. Die Wahrnehmung des islamischen Orients ist äußerst vielschichtig und widersprüchlich; sie bewegt sich zwischen den Polen «Furcht und Faszination». Der islamische Orient wird als Kontrastfolie und Schreckensbild gezeichnet und auf Distanz gebracht, aber auch in bestimmten Hinsichten als faszinierendes Vorbild bemüht; er gilt als fremd, unheimlich und unterentwickelt oder aber als verwandt und vorbildlich. Die Betrachtung des islamischen Orients in den großen Selbstverständigungsdebatten hat durch kritische Abgrenzung und positive Anverwandlung zur Entstehung Europas beigetragen.2 In den raffinierten «Persischen Briefen» Montesquieus aus dem Jahr 1721, in denen die politischen, religiösen und kulturellen Verhältnisse in Frankreich und Europa von der Warte zweier Muslime aus einer kritischen Betrachtung unterzogen werden, heißt es einmal: «Wie mir scheint, Usbek, urteilen wir immer über die Dinge, indem wir insgeheim wieder auf uns selbst Bezug nehmen.»3 Die überwältigende Mehrheit europäischer Denker verarbeitet intellektuell europäische Erfahrungen und Probleme. Eine solche Selbstbezogenheit der politischen und kulturellen Debatten zeichnet mehr oder weniger alle Gesellschaften und Zivilisationen aus. Europa gilt in dieser Hinsicht gemeinhin eher als eine Ausnahme, weil es sich in einem Maße für Fremdes und Fernliegendes interessiert hat wie keine zweite Zivilisation. Rémi Brague hat deshalb Europa eine «exzentrische Identität» bescheinigt und eine selbstbewusste Bescheidenheit empfohlen; denn Europa verdanke seine Identität gerade einem besonderen Modus der Aneignung von «fremden Quellen», zu denen neben dem Griechentum das Judentum und der Islam gehörten.4

So intensiv und fruchtbar so manche kulturelle Berührung zwischen Europa und dem Islam auch gewesen sein mag: Sie führten doch bis etwa vor einem halben Jahrhundert eine Art Fernbeziehung; aus der relativ sicheren Distanz heraus wurden in Europa der Islam als große Weltreligion, die von ihr begründete Zivilisation und die politischen Gemeinwesen betrachtet und beurteilt. Diese Fernbeziehung wurde immer schwieriger, weil von beiden Seiten Gewalt ins Spiel kam: genannt seien hier nur die Kreuzzüge im Mittelalter, später das expansive Streben nach Weltherrschaft im Zeichen des Islam etwa durch das Osmanische Reich und die kolonialen Herrschaftsunternehmungen der europäischen Imperien und Nationen im 19. und 20. Jahrhundert mit katastrophalen Folgen bis in unsere Gegenwart hinein. Angesichts dieser Konflikt- und Gewaltgeschichte hat Franco Cardini in seinem einschlägigen Buch zum Thema, den Islam als eine «gewalttätige Geburtshelferin» Europas bezeichnet.5 Die Dimension der Gewalt ist im beiderseitigen Verhältnis immer noch nicht verschwunden, sie existiert nicht zuletzt auch in Gestalt der Erinnerung an das Gewesene.

Gleichwohl ist die Konstellation zwischen Europa und Islam heute eine andere. In den achtundzwanzig Ländern der Europäischen Union leben insgesamt mehr als fünfhundert Millionen Menschen, von denen etwa fünfzehn Millionen Muslime sind, die in den letzten Jahrzehnten als Arbeitsmigranten und Flüchtlinge vor allem aus dem Nahen Osten und Nordafrika nach Europa gekommen sind. Dadurch hat die Beziehungsgeschichte zwischen Europa und dem Islam eine neue Qualität erlangt: es handelt sich nunmehr gewissermaßen um eine intensive «Nahbeziehung», in der Räume und Zeiten, Hoffnungen und Sorgen geteilt werden, sind doch Millionen von Muslimen europäische Staatsbürger; sie hat das Potenzial dazu, kollektive Erwartungshorizonte zu verschmelzen und der Gegenüberstellung von Europa und Islam das Selbstverständliche zu nehmen.

Dem steht aber einstweilen im Wege, dass die Atmosphäre des Zusammenlebens in den demokratischen Gesellschaften Europas durch Identitätsfanatiker vergiftet wird. Inzwischen vergeht kaum ein Tag, an dem uns nicht Schreckensnachrichten von Terroranschlägen und Gewalttaten ereilen – begangen von Dschihadisten oder fremdenfeindlichen Rechtsextremen, die mit ihrem mörderischen Hass einander zuarbeiten. Infolge dessen greifen Angst und Ressentiments um sich und untergraben das Vertrauen der Bürger ineinander, das für den Frieden auf Dauer unerlässlich ist. Es sind schwierige kulturelle und religionspolitische Anpassungs- und Akklimatisierungsprozesse im Gang, die durch einen öffentlichen Reflexionsprozess begleitet und untermauert werden müssen, wenn die stumme Gewalt und Angst nicht das letzte Wort behalten sollen. Die politischen Transformations- und Annäherungsprozesse verlaufen nicht reibungslos, weil alle Seiten sich ein Stück weit neu definieren, ja erfinden müssen. Hinzu kommt, dass es auf beiden Seiten politisch interessierte Kreise gibt, die gezielt Ängste schüren und Schreckensszenarien an die Wand malen, weil sie sich politisch von einer Konfrontation und Eskalation mehr erhoffen als von einer Verständigung und Kooperation. So schwierig es auch in einer solchen Situation sein mag: Sowohl Muslime als auch Europäer haben die Verantwortung, intensiver und konstruktiver als bisher miteinander an einer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten.

Es muss der Beweis erbracht werden, dass die Präsenz der Muslime in Europa einen Beitrag dazu leisten kann, neue Begriffs- und Erfahrungshorizonte zu erschließen und überhaupt unser Menschsein zu erweitern und zu vertiefen. Dies ist eine Aufgabe, die letztlich nur einzelne Menschen in der Begegnung mit anderen erfüllen können, die dazu die Freiheit, aber auch die Mittel und Ressourcen haben. Die kollektive Identität darf nicht zu einem Gespenst verkommen, das einen immer verfolgt oder aber zu einem Gefängnis, in dem man für immer festsitzt; die Zugehörigkeit und Mitgliedschaft muss eine reflektierte sein, die Raum lässt für den Eigensinn von Individuen. Dazu muss der Islam in Europa ein Bewusstsein von der Kontingenz seiner Wahrheitsansprüche und überhaupt eine kritische Reflexionskultur entwickeln. In den arabischen Ländern ist dies heute in der Regel nicht möglich, weil der Islam eine massive Politisierung erfahren hat; die Deutung des Islam wird von den autoritären Regimen und Fundamentalisten stark vereinnahmt während die Gesellschaften dazwischen mit ihren Erwartungen und Wünschen auf der Strecke bleiben. Dan Diner argumentierte noch vor dem Ausbruch der sogenannten «Arabellion», die forcierte Omnipräsenz des Sakralen verhindere in den arabischen Gesellschaften jeglichen Fortschritt, weil es gewissermaßen die Zeit versiegelt habe.6 Demgegenüber hat Thomas Bauer in einer bemerkenswerten Studie gezeigt, dass der Islam in seiner Geschichte sehr wohl eine reiche Kultur der Ambiguität besaß, die er in der Moderne verloren hat, nachdem er mit dem machtvollen Westen und dessen ideologischem Wahrheitseifer in Berührung kam.7 Wie dem auch sei: Heute jedenfalls haben Muslime in den europäischen Demokratien die Freiheitsräume, die nötig sind, um ihre Religion und Tradition kritisch zu vergegenwärtigen. Dafür ist es wiederum erforderlich, dass der Islam in den religionspolitischen Ordnungen der Nationalstaaten Europas integriert wird.

Die Europäische Union hat sich bisher recht zurückgehalten, wenn es darum ging, die religionsrechtlichen Ordnungen der Mitgliedstaaten einheitlich zu normieren. Die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte respektiert weitgehend die nationalstaatlichen Traditionen von Staat und Kirche, es sei denn, selbst ein gewisser demokratischer Mindeststandard von Gewissens- und Religionsfreiheit wird nicht eingehalten.

Dabei ist die Vielfalt der religionspolitischen Ordnungen in Europa durchaus beträchtlich. Im Laufe der bewegten Geschichte europäischer Staaten haben sich jeweils spezifische Verhältnismuster von Staat und Kirche herausgebildet – von Staatskirchensystemen mit dem Prototyp Großbritannien bis hin zur strikten Trennung mit Frankreich als Paradebeispiel. Wiewohl es letztlich eine Frage der graduellen Abstufung sein dürfte, wie weit die Trennung und Verknüpfung von Staatsgewalt und Religionen im Einzelnen reicht, lässt sich eine Art «Trennung im Kerngeschäft» zwischen Staatsgewalt und Religion in den westlichen Demokratien feststellen. Selbst in solchen Staaten mit einer formell etablierten Staatskirche wie etwa Großbritannien oder mit mehreren Kirchen wie Dänemark gibt es eine deutliche institutionelle Sphärentrennung: dort bilden Staat und Kirche eigene Organisationen, verfolgen mit jeweils eigenem Personal unterschiedliche Ziele – Gemeinwohl versus Seelenheil – und fällen eigene Entscheidungen, so dass der Staat ungeteilter Inhaber des legitimen Gewalt- und Gesetzgebungsmonopols ist und die Kirche keine Staatsgewalt im engeren Sinne innehat und ausübt. Staatsangehörigkeit und Staatsbürgerschaft sind grundsätzlich von der Religionszugehörigkeit entkoppelt.

Bei näherem Hinsehen kann man für die westlichen Demokratien sogar die Behauptung aufstellen, dass sie sich in Sachen Staat und Religionen tendenziell auf ein gemäßigtes Trennungsmodell entwickeln. Diese Konvergenzthese beansprucht im Zuge der fortschreitenden Europäisierung und Internationalisierung – die vor allem auf eine «Vergrundrechtlichung» des staatlichen Religionsrechts hinauslaufen – der religionspolitischen Verhältnisse in den demokratischen Ländern immer mehr Plausibilität. Sie besagt im Kern, dass sich die demokratischen Staaten allmählich aus verschiedenen Richtungen in unterschiedlichem Maße auf eine gemeinsame Mitte zu bewegen; sie beschreibt zwei Tendenzen: einerseits eine graduelle, vorsichtige Entstaatlichung von Staatskirchen und andererseits eine zunehmende Kooperationsbereitschaft der Trennungssysteme. Auch die allmähliche Wandlung der strikten Trennung von Staat und Kirche in den Vereinigten Staaten von Amerika in Richtung wohlwollender Neutralität und Gleichbehandlung in den letzten Jahrzehnten spricht dafür, dass die Demokratien zum Ausgleich von schroffen Gegensätzen neigen.8 Man kann nur hoffen, dass diese Ausgleichstendenzen in den gegenwärtigen Macht- und Deutungskämpfen um den Ort und die Gestalt des Islam in Europa nicht verloren gehen; denn ein gemäßigtes Trennungsregime von Staat und Kirche, das etwa theologische Fakultäten als besondere Schutzräume der Reflexion schätzt und die Religionsfreiheit ernstnimmt, wird auf Dauer die größeren Chancen haben, den Islam an den langwierigen und schmerzvollen Lernprozessen des lateinchristlich geprägten Europas teilhaben zu lassen. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass die Europäische Union als demokratisches Friedensprojekt auch viele Muslime in der Welt fasziniert; zuweilen träumen muslimische Politiker und Intellektuelle von einem ähnlichen Friedensprojekt für den Nahen Osten, sei es auch nur, um sich von den erdrückenden Realitäten und düsteren Aussichten zu erholen.

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