Gottes Wort sehenBibelverkündigung in der Liturgie als ästhetische Herausforderung

Abstract / DOI

Seeing God’s Word: Aesthetics and the Liturgical Proclamation of the Bible. The proclamation of the Bible is among the most important elements of the liturgy. The spoken and symbolic execution of the liturgy is rooted in the Bible, and thus the Bible is the only indispensable liturgical book. More attention needs to be accorded, in addition to the Lectionary, to the rituals and symbols that accompany the proclamation of the Word. Careful attention to the aesthetics of proclamation is necessary to ensure that those who celebrate are reached by the biblical texts, so that an encounter with God can take place. The way in which the lectern is used, and which rituals are performed greatly influences whether the participants are able to gain access to the Bible. The Word of God can come to fruition when it is truly celebrated – in other words, when it is surrounded by an aesthetic which speaks to both the intellect and the senses.

«Von größtem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift» (SC 24). Mit dieser Maßgabe hat das II. Vatikanum die Grundlage für eine neue Verankerung der Bibel in der Liturgie geschaffen. Lange stand das Wort der Bibel im Schatten der Sakramente, heute gehören die Schriftlesungen zum tragenden Grundgerüst des gottesdienstlichen Lebens. Besonders sichtbar wird das Umdenken des Konzils bekanntlich in der erneuerten Leseordnung für die Eucharistiefeier an Sonn- und Festtagen. Auch wenn die Zusammenstellungen der Texte etliche Fragen aufwerfen, bringt die reichere Auswahl die inneren Verbindungen, die zwischen der Schriftverkündigung und der Feier des Glaubens bestehen, vernehmbar zum Ausdruck. Darüber hinaus ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass auch die anderen Bestandteile der Feiern wesentlich auf der Schrift beruhen. Den sprachlichen und symbolischen Vollzügen liegen biblische Wurzeln zugrunde, deshalb ist die Bibel, so hat es der frühere Innsbrucker Liturgiewissenschaftler Hans Bernhard Meyer einmal formuliert, das einzig wirklich notwendige liturgische Buch.

Seit nun einem halben Jahrhundert herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass mit diesem Vorstoß der richtige Weg eingeschlagen ist. Doch wer aufmerksam und mit kritischer Sympathie das liturgische Leben beobachtet, erkennt schnell, dass das Anliegen des Konzils noch nicht zu den Akten gelegt werden kann.1 Es wäre ein Irrtum, wollte man von den theologischen Debatten sogleich auf eine gelungene Umsetzung in der Praxis schließen. Obwohl es zahlreiche ermutigende Beispiele gibt, kann der Blick auf die Schriftverkündigung mitunter ernüchternd sein. Wenn der Eindruck nicht täuscht, steckt trotz aller Reformbemühungen im Bewusstsein vieler Gläubiger ein bibelgeprägtes Gottesdienstverständnis immer noch in den Kinderschuhen. Dieser Befund hat viele Gründe. Dass häufig in der Sonntagseucharistie vor dem Evangelium eine der beiden vorgesehenen Lesungen wegfällt, ist ein zu Recht beklagtes Problem, wird hier doch die biblische Botschaft verkürzt und auseinandergerissen. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Bibel für die spirituelle Lebensgestaltung an Einfluss verloren hat und andere, in vielen Fällen außerchristliche Überzeugungen an ihre Stelle getreten sind. In der pluralen Kultur der Gegenwart müssen Bibel und Liturgie mit weiteren Sinnangeboten konkurrieren. Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, den Anspruch des Konzils von neuem auf die Tagesordnung zu setzen. Es dürfte klar sein, dass diese Aufgabe nicht primär unter der Rücksicht von liturgischen Vorgaben und Ordnungen angegangen werden darf, so unverzichtbar diese auch sein mögen. Wenn die Bibel, wie es der Glaube bekennt und die Liturgie feiert, Gottes lebendiges Wort ist, dann ist die Sorge um die Schrift vielmehr eine Herausforderung, bei der es um die Grundlagen des Glaubens geht. Mit den einschneidenden Umbrüchen in der Gegenwartskultur ist dies noch dringlicher geworden. Jedes Bemühen um die Bibel in der Feier darf als ein ebenso wichtiger wie notwendiger Dienst an den nach Orientierung suchenden Menschen unserer Zeit gelten, die schließlich «nicht nur vom Brot allein» leben, «sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt» (Mt 4, 4).

Abgesehen von der Leseordnung, die trotz ihrer Schwachstellen ein hohes Ansehen genießt, wird in Zukunft den Riten und Zeichen, die die Wortverkündigung begleiten, eine größere Beachtung zukommen müssen als dies bisher oft der Fall ist. Damit die biblischen Texte die Feiernden erreichen und in die Begegnung mit Gott führen können, greift es zu kurz, wenn man allein auf das gesprochene Wort vertraut. Ohne Zweifel schöpft die Verkündigung aus der Kraft des verbalen Ausdrucks. In ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden dürfen jedoch die äußeren Zeichen und Vollzüge, die dabei verwendet werden. Sie haben einen erheblichen Einfluss darauf, ob und wie die Mitfeiernden aus der Bibel Anregungen beziehen, die auf dem Glaubens- und Lebensweg Orientierung geben können. Weil jeder Mensch untrennbar an die Bedingungen seines Leibes gebunden ist, kann er die Wirklichkeit nur vermittelt, das heißt durch den Leib wahrnehmen. Leiblichkeit ist geradezu eine Voraussetzung dafür, um überhaupt mit der Welt in Kontakt treten zu können. Dieses anthropologische Gesetz gilt gleichermaßen für das liturgische Handeln der Kirche: Ein Gottesdienst entfaltet seine Tiefe nicht nur über den Verstand, sondern berührt ebenso in emotionaler und sinnlich-leiblicher Hinsicht – und dies in einem Ausmaß wie kaum ein anderer Bereich christlichen Lebens und Glaubens.2 Die Liturgie umfasst nicht allein – nicht einmal zuerst – logische Inhalte, die es zu entschlüsseln gilt, sondern will in eine den ganzen Menschen betreffende Erfahrung der Gegenwart Gottes hineinführen.

In diesem Licht betrachtet wird schnell verständlich, weshalb die Wortverkündigung wesentlich von den Zeichen und Riten lebt, die sie begleiten. Wenn die Schriften des Alten und Neuen Bundes vorgetragen werden, hören die Feiernden nicht nur die Botschaft von der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen, sondern sie werden auch mit ihrer ganzen Existenz in diese Heilsgeschichte mit hineingenommen. Das Buch, aus dem die Texte vorgetragen werden, der Ort der Verkündigung, Musik und Bewegung, Licht oder Weihrauch: Alles, was mit den Sinnen erfasst wird, schafft Zugänge zum Verstehen der Schrift – oder kann auch im Weg stehen, wenn es an einer guten Zeichensprache mangelt. So gesehen dürfen Symbole, Orte und Rituale nicht als ein rein äußerliches Zeremoniell missverstanden werden, auf das man ohne nennenswerte Verluste auch verzichten könnte. Sie sind kein schmückendes Beiwerk, sondern sind alle Sorgfalt wert. Eine der entscheidenden Aufgaben der Gegenwart sehe ich deshalb in der Pflege einer Ästhetik, die dabei hilft, mit allen Sinnen in den Reichtum der Bibel vorzudringen. Eine ausdrucksstarke Ästhetik ist deshalb nötig, weil mit ihrer Hilfe das Wort Gottes im Bewusstsein der Mitfeiernden Wurzeln schlagen und dann zu einer geistlichen Richtschnur des Lebens werden kann. Werden die äußeren Zeichen unüberlegt oder gar schlampig eingesetzt, darf man sich nicht wundern, wenn die Bibel auch in geistlicher Hinsicht nicht zum Zuge kommt. In der Wortverkündigung geht es um das konkrete Erleben des göttlichen Zuspruchs, deshalb ist jede Form von Nachlässigkeit und Oberflächlichkeit unangemessen, mehr noch: sie wirkt zerstörend. Die Ästhetik für unwichtig oder gar entbehrlich zu erklären, würde nicht nur die Feier zu einer blutleeren Veranstaltung machen, es würde auch den Weg der Einzelnen zu einer persönlichen Aneignung des Glaubens verstellen. Gottes Wort will nicht nur mit den Ohren gehört, in der Predigt erschlossen und mit dem Verstand erfasst werden. Ob es in der Liturgie eine Wirkung entfaltet, hängt ebenso davon ab, dass es auch mit dem Auge gesehen werden kann.

«Durch sinnenfällige Zeichen»

In der Zeit nach dem Konzil lag das Augenmerk hauptsächlich auf den sprachlichen Abschnitten der Feiern. Dieser Umstand war nicht zuletzt den oft zwiespältigen Erfahrungen aus der Kirchengeschichte geschuldet. Aus Angst vor missverständlichen Deutungen, die in der Vergangenheit mehr als nur einmal die Grenzen zu Magie und Aberglaube überschritten, war man vor allem an Texten interessiert. Rituelle Vollzüge wurden demgegenüber so weit wie möglich zurückgeschnitten. Entsakralisierung lautete das Schlagwort, unter dem in vielen Fällen eine große Nüchternheit in die Gottesdienste einzog. Noch heute ist eine verbreitete Zurückhaltung gegenüber allen Formen von äußerer Festlichkeit spürbar, was sich beispielsweise an Feiern ablesen lässt, die aus einer schier endlosen Aneinanderreihung von Texten bestehen. Eingängige Beispiele dafür sind nicht wenige der im Buchhandel angebotenen Gottesdienstvorschläge, die meistens Texte zur Verfügung stellen und nur am Rande ästhetische Fragen behandeln. Ganz offensichtlich mangelt es nach wie vor an Vertrauen in die Symbolik. Während die vitale Stärke der Zeichen oftmals unterschätzt wird, beherrschen wortreiche Erklärungen umso mehr das Geschehen. Im Rückblick kann es nicht verwundern, dass die Gegner der nachvatikanischen Liturgiereform genau hier mit ihrer Kritik angesetzt haben und bis heute immer noch ansetzen. Ohne Zweifel schießen die Einwände gegen die Erneuerung weit über das Ziel hinaus bzw. treffen nicht zu, allerdings wird man sie in diesem Punkt nicht ganz von der Hand weisen können. In der Tat berücksichtigt die einseitige Hervorhebung des gesprochenen Wortes zu wenig, dass die Begegnung mit Gott immer alle Facetten des menschlichen Lebens berührt und die leiblich-emotionale Seite miteinbezieht.

Erfreulicherweise hat das Bewusstsein für die Bedeutung der Rituale und Zeichen in der Liturgie seit geraumer Zeit wieder zugenommen und fruchtbare Diskussionen über die angemessene Feiergestalt der Liturgie angestoßen.3 Dem II. Vatikanum war klar, welches Gewicht der Ästhetik für das Gelingen einer Feier beigemessen werden muss. Schon den ersten Kapiteln der Liturgiekonstitution können wir die Überzeugung entnehmen, dass die Feier des Glaubens wesentlich an leibliche Erfahrungen gebunden ist. Gott wendet sich «durch sinnenfällige Zeichen» (SC 7) an die Menschen, so das Konzil. Als ein besonders überzeugendes Beispiel, wie dieser Gedanke weiterentwickelt worden ist, darf das Pastoralschreiben «Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen Gemeinde. Impulse für eine lebendige Feier der Liturgie» gelten, das die Deutsche Bischofskonferenz im Jahr 2004 veröffentlicht hat. Es verdient Aufmerksamkeit, weil es in erstaunlicher Offenheit die Probleme anspricht, die aus der einseitigen Bevorzugung des gesprochenen Wortes für die geistliche Fruchtbarkeit eines Gottesdienstes erwachsen. Ausgesprochen kritisch setzen sich die Bischöfe mit der Feierkultur der Kirche in den letzten Jahrzehnten auseinander und rufen im Hinblick auf die Zeichen zu größerer Sorgfalt auf: «Gemeinschaftliche Feiern leben nicht nur von bewährten Texten, sondern auch von Riten, die gemeinschaftlich vollzogen werden können. Haltungen und Handlungen sind im Gottesdienst mehr als äußere Verzierung; sie sind körperlicher Ausdruck unseres Gebetes und der Beziehung Gottes zu uns. Vielleicht haben wir auch in unseren großen gottesdienstlichen Feiern gelegentlich aus dem Blick verloren, dass im Gottesdienst nicht nur der Verstand angesprochen werden soll, sondern dass wir mit allen Sinnen feiern […] Nicht nur die Texte, die wir verstehen, prägen unseren Gottesdienst. Alles, was wir hören oder sehen und mit allen unseren Sinnen aufnehmen, ist für den liturgischen Vollzug bedeutsam.» Aus diesem Befund leitet das Papier schließlich eine Forderung für die Verantwortlichen in der Praxis ab: «Deshalb brauchen wir eine Sensibilität für die zeichenhafte Seite des Gottesdienstes und für ein symbolgerechtes Handeln.»4 Diesen Wunsch darf man wohl als eine Mahnung verstehen, die eigene Praxis kritisch zu hinterfragen und die vorrangige Betonung des Wortes auf den Prüfstand zu stellen. In Anbetracht der oben erwähnten verhaltenen Grundstimmung gegenüber Zeichen lohnt es sich auch heute noch, dieses Dokument aufmerksam zu lesen.

Dass die rituelle Seite der Wortverkündigung größte Sorgfalt verdient, wird auch in weiteren jüngeren lehramtlichen Texten angedeutet. Aus der Reihe der Verlautbarungen sei als Beispiel das Apostolische Schreiben «Verbum Domini von Papst Benedikt XVI. über das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche» von 2008 herausgegriffen. Besonders bekannt geworden ist die Rede vom «Tisch des Wortes» (SC 51), die der Papst in einigen Passagen wieder aufnimmt und variiert. Zwar gibt das Schreiben keine Anweisungen dazu, wie eine sachgerechte Wortverkündigung im Einzelnen auszusehen hat. Es will Grundlagen bedenken und enthält deshalb verständlicherweise keine Rezepte für Rituale. Jedoch spricht es in Anlehnung an das Konzil durchgehend davon, das biblische Wort sei die entscheidende ‹Nahrung› für alle Menschen, die aus dem Glauben leben wollen.5 Man kann sicherlich geteilter Meinung darüber sein, inwieweit der Begriff «Tisch des Wortes» in diesem Zusammenhang glücklich gewählt ist. Dennoch bringt der innere Gehalt der Metapher von ‹Tisch› und ‹Nahrung› eindringlich zum Ausdruck, dass in der Schriftverkündigung Texte und Zeichen zusammenwirken und die Mitfeiernden in die Begegnung mit Gott führen wollen.

Konkretionen und Perspektiven

Leider besitzen wir bisher keine zuverlässige flächendeckende Erhebung der Praxis, was die Frage schwierig macht, in welchen Bereichen der Ästhetik derzeit die größten Baustellen liegen. Wir müssen uns deshalb mit einigen Schlaglichtern begnügen.6 Im Zuge des Aufbruchs nach dem Konzil hat vor allem die Gestaltung des Ortes für die Wortverkündigung viel Aufmerksamkeit gefunden. Die Liturgiekonstitution, aber auch viele nachfolgende Dokumente unterstreichen den besonderen Zeichencharakter des Ambos. Demnach übernimmt der Ambo nicht nur die Aufgabe eines schlichten Lesepultes. Er ist zugleich ein sinnenfälliger Ausdruck der besonderen Wertschätzung, die der Glaube dem Wort Gottes entgegenbringt. Mit ihm besitzt die Bibel einen eigenen Ort innerhalb des Kirchenraums, der idealerweise anschaulich macht, dass Gott in seinem Wort gegenwärtig ist und die Mitfeiernden ansprechen will (vgl. SC 7). Zudem soll die Aufstellung des Ambos im Kirchenraum die Mitfeiernden erfahren lassen, dass die Heilige Schrift und die Eucharistie auf eine vielfältige Weise eng miteinander verbunden sind.

Was heute in den Kirchenräumen an Verkündigungsorten zur Verfügung steht, verdient Anerkennung. An vielen Orten des deutschen Sprachgebiets sind beachtliche Lösungen entstanden, die sich in ihrer Form den räumlichen Verhältnissen anpassen und zugleich einen markanten Akzent setzen. Als eines der bekanntesten Beispiele gilt die 1965 in Emmerich (Bistum Münster) von Dieter Baumewerd (1932–2015) erbaute Heilig-Geist-Kirche. Hier stehen zwei gleiche Tische nebeneinander. Das Ensemble hat seinen eigenen Reiz, denn es führt den Mitfeiernden unmittelbar die zweifache Gegenwart Gottes in Bibel und Eucharistie vor Augen. Auch wenn dieser Kirchenraum heute zurückhaltender beurteilt wird als zu seiner Bauzeit, ist er von bleibendem Wert. Seine Bauweise steht stellvertretend für die Einsicht, dass es zu kurz gegriffen wäre, den Ambo allein auf seinen funktionalen Wert zu beschränken. Als ein eigenständiger liturgischer Ort verweist der Ambo auf die lebendige Gegenwart Gottes. Umso sorgfältiger muss das äußere Erscheinungsbild eines Ambos ausfallen.7 In der Kraft des Symbolischen liegt ein gewichtiger Schlüssel für den Zugang zur Bibel: Wo immer der Ambo die Mitfeiernden dazu führt, sich mit allen Sinnen in das Wort Gottes hineinziehen zu lassen, wird er seiner Bestimmung gerecht.8 Eine Reihe von wissenschaftlichen Tagungen hat in der jüngeren Vergangenheit dieses Thema wieder aufgegriffen. Fachleute aus der Theologie, der Architektur und der Kunst betrachten den Ort der Wortverkündigung aus historischer, liturgischer und künstlerischer Sicht. Die Veröffentlichungen, die daraus hervorgegangen sind, sprechen durchgehend davon, dass die ästhetische Gestalt des Ambos ein Potential enthält, das bisher noch nicht ausgeschöpft ist.9 Inwieweit die Gespräche auch für die Praxis weiterführende Anstöße geben können, muss die Entwicklung der nächsten Jahre zeigen.

Bestehen über die künstlerischen Ansprüche an den Ambo kaum Meinungsverschiedenheiten, lohnt es sich, einen prüfenden Blick auf seine liturgische Verwendung zu werfen. In der Praxis haben sich manche Gewohnheiten durchgesetzt, die bisweilen hinter den beschriebenen Grundsätzen zurück bleiben. Folgt man dem theologischen Rang der Heiligen Schrift, dann kann der Ambo nicht wie ein beliebiger Ort im Kirchenraum behandelt werden. Wenn man die Grenzen zwischen biblischem Text und anderen gesprochenen Worten nicht verwischen will, bleibt er den Lesungen, dem Antwortpsalm, dem Evangelium und der Predigt sowie in der Osternacht dem Exsultet vorbehalten. Die vielerorts gängige Praxis, den Ambo als ein allgemeines Lesepult für alle möglichen Texte und Redebeiträge zu verwenden, birgt ernste Risiken. Sie unterschätzt die Signale, die von der Ästhetik ausgehen und setzt den sinnlich-leiblichen Zugang zur Bibel leichtfertig aufs Spiel. Sonstige Texte, etwa Bekanntmachungen, Begrüßungsworte oder Gebete, haben ihren Platz an anderen Orten im Kirchenraum, beispielsweise am Priestersitz oder an anderen geeigneten Stellen. Die Debatte um die sachgerechte Nutzung des Ambos im Gottesdienst ist nach dem Konzil im Grunde niemals abgerissen, nicht zuletzt deshalb, weil die ab 1970 geltende ‹Allgemeine Einführung ins Messbuch› vorsah, auch das Fürbittgebet am Ambo zu sprechen (vgl. Nr. 272). Es ist unverständlich, dass auch die neue ‹Grundordnung des Römischen Messbuchs› von 2002 an dieser Regelung festhält (vgl. Nr. 309). Man darf vermuten, dass hier hauptsächlich praktische Erwägungen den Ausschlag gegeben haben. Unabhängig davon bleibt daran zu erinnern, dass die erweiterte Nutzung des Ambos erhebliche Auswirkungen darauf hat, ob und wie das Wort Gottes in der Liturgie ästhetisch zum Tragen kommt. Als das II. Vatikanum der Bibel einen eigenen Ort im Raum zuwies, hatte es dafür gute Gründe. Könnte die neue Regelung ein Indiz dafür sein, dass man heute in diesem Punkt müde geworden ist und die Zusammenhänge aus dem Auge verliert? Offenbar ist man sich des großen Einflusses optischer und akustischer Reize bei der Wortverkündigung nicht (mehr) hinreichend bewusst.

Zu den weiteren Bereichen, die im Hinblick auf die Ästhetik berücksichtigt werden müssen, gehören ferner die Bücher, aus denen die biblischen Texte vorgetragen werden. In der Liturgiegeschichte spielen bekanntlich Evangeliare eine wichtige Rolle. Wer die mit großer Kunstfertigkeit gestalteten Bücher heute betrachtet, der kann noch von Ferne erahnen, dass die zentrale Bedeutung der Heiligen Schrift in weiten Teilen der Kirchengeschichte alles andere als nur über das gesprochene Wort vermittelt wurde. Im Vergleich mit der Leistung vergangener Zeiten wirken die heute verwendeten Lektionare und Evangeliare oftmals eigenartig leidenschaftslos und in erster Linie an praktischen Gesichtspunkten orientiert. Wer darin die beschriebene Scheu gegenüber äußerer Festlichkeit wiederentdeckt, liegt vermutlich nicht falsch, wird aber allein mit dieser Erklärung nicht auskommen. Erschwerend tritt der Umstand hinzu, dass die Frage nach einer angemessenen Buchgestaltung für die Gegenwart noch zu selten gestellt wird. Im Jahr 2010 fand ein vielbeachteter Wettbewerb statt, der auf dieses Feld vorgestoßen ist und Künstlerinnen und Künstler dazu eingeladen hat, den Einband eines Evangeliars zu gestalten. Die Veranstalter, eine Kooperation zwischen dem Kunstverein im Bistum Essen und dem Deutschen Liturgischen Institut in Trier, konnten schließlich eine Reihe von Modellen auszeichnen, die auf eine vorbildliche Weise das Zusammenspiel von biblischem Wort und künstlerischem Ausdruck mit Leben füllen.10 Die Ergebnisse des Wettbewerbs weisen ein hohes Niveau auf und sind als Vorbilder für eine gelungene zeitgenössische liturgische Ästhetik sehr zu empfehlen. Es ist viel erreicht, wenn sie der Suche nach einer ansprechenden Buchgestalt einen neuen Schwung geben.

Spielen der Ort und das Buch ihre eigene Rolle für den Zugang zum Wort der Bibel, so gilt dies in gleicher Weise für die rituellen Handlungen, die bei der Schriftverkündigung zum Einsatz kommen. Auch sie stehen nicht beziehungslos neben den biblischen Texten, vielmehr bauen sie unentbehrliche Brücken, über die die Mitfeiernden in die heilschaffende Gegenwart Gottes hineinfinden können. Mit Leuchtern und Weihrauch bietet die Liturgie zwei Möglichkeiten, auf die ohne großen Aufwand zurückgegriffen werden kann.11 Nicht jeder mag in diesem Zusammenhang davon sprechen, die Art und Weise, wie die Bibel inszeniert wird, beeinflusse auch ihre Wahrnehmung. Im Umfeld des gottesdienstlichen Lebens der Kirche hat der Begriff der Inszenierung nicht immer einen guten Ruf, zu nahe liegt die Assoziation von Oberflächlichkeit und mangelnder Ernsthaftigkeit. Ob der Begriff passend ist oder nicht: Wer – mit dem Argument, allein die Botschaft sei wichtig und nicht die Inszenierung – die Gesten und Zeichen für nebensächlich erklärt, bezahlt einen hohen Preis. Denn auch in diesem Fall gilt, dass eine inspirierende Gottesbegegnung zwar die Dimension der Innerlichkeit voraussetzt, allerdings nicht ausschließlich daran gebunden ist.

Der kulturelle Pluralismus unserer Gegenwart hat Fakten geschaffen, die nochmals ein anderes Licht auf die Schriftverkündigung werfen. Mehr denn je benötigen heute Gottesdienste, die bei den Mitfeierenden auf einen fruchtbaren Boden fallen sollen, ein Gespür für unterschiedliche Glaubens- und Lebenswege. Eine schlichte Fortsetzung der liturgischen Traditionen, allen voran die Eucharistie, reicht nicht mehr aus, wenn es darum geht, Menschen in Kontakt mit Gott zu bringen.12 In den letzten Jahren sind weitere Gottesdienstformen entstanden, die darauf reagieren, darunter die Wort-Gottes-Feier sowie Feiern, die sich an religiös interessierte, kirchlich aber weitgehend ungebundene Menschen richten. Indem sie in ihrer Gestaltung auf Bausteine und Themen zurückgreifen, die allgemeinverständlich sind, wollen sie den Glauben als ein tragendes Lebenskonzept anbieten. Dass dabei der Bibel eine ebenso wichtige Aufgabe zukommen muss wie in den tradierten Feiern, liegt auf der Hand. In diesem Zusammenhang kommen auf die Ästhetik der Wortverkündigung neue Aufgaben zu. Wiederum gilt es, eine situationsgerechte und zeitgemäße Zeichensprache zu schaffen, die dabei hilft, Gottes Wort mit den Erfahrungen des eigenen Lebens zu verbinden. Wie diese Zeichensprache im Einzelnen aussehen kann, hängt in weiten Teilen von den örtlichen Gegebenheiten ab. Darüber hinaus wird die Zusammensetzung der Gruppe, die hier miteinander feiert, zu berücksichtigen sein. Für solche Feiern nach ebenso ausdrucksstarken wie verständlichen Zeichen zu suchen, ist um der Bedeutung der Bibel willen alle Mühe wert.

Ausblick

Bei mancher Kritik, die heute von verschiedener Seite an der Liturgie geübt wird, muss man eines doch zugestehen: Im Vergleich mit der Geschichte haben wir es heute mit einer Situation zu tun, die der Bibel einen Platz in der Mitte des gottesdienstlichen Lebens einräumt. Es gibt viele lebendige Gemeinden und Gemeinschaften, die fruchtbar und geistlich tiefgehend, lebensnah und anziehend Gottesdienst feiern und dabei aus der Bibel die leitenden Maßstäbe für ihren Alltag schöpfen. Bei aller notwendigen Anerkennung des Erreichten wird man jedoch auch die Spannungen weiter im Auge behalten müssen, die sich mit der Bibel in der Liturgie verbinden. Ohne hier ein nach allen Seiten abgewogenes Konzept vorlegen zu wollen, halte ich es für eine Schlüsselaufgabe, die Schriftverkündigung als ein Geschehen zu betrachten, in dem Wort und Zeichen untrennbar ineinandergreifen. Gewiss gilt weiterhin das Wort des Apostels Paulus, dass der Glaube vom Hören kommt (vgl. Röm 10, 17). Das aufmerksame Hören auf das Wort Gottes bleibt ein unaufgebbarer Grundvollzug des Christseins. Doch wird die Bibel weder Herz noch Verstand ergreifen, wenn die Wortverkündigung aus einer monotonen Abfolge von Lesungen besteht. Das Wort Gottes in der Liturgie entfaltet seine glaubensstiftende und glaubensstärkende Wirkung, wenn es im besten Sinne gefeiert wird, d. h. mit einer äußeren Ästhetik einhergeht, die ganzheitlich in den Bann zu ziehen in der Lage ist. Diese Einsicht findet, das sei eigens hervorgehoben, auch im evangelischen Kontext ein wachsendes Echo und öffnet damit interessante Felder für weitere ökumenische Berührungspunkte.13

Wie dringlich die angesprochenen Aufgaben sind, zeigt sich noch einmal, wenn wir abschließend einen Seitenblick auf ein charakteristisches Merkmal unserer Gegenwartskultur werfen. In nahezu allen Lebensbereichen haben Bilder und Symbole Hochkonjunktur. Vielfach wird nur noch das als wichtig und wahr akzeptiert, was sich bildlich zeigen und darstellen, eben ansehen lässt. Dass diese Form der Wahrnehmung große Chancen birgt, aber auch erhebliche Probleme verursacht, ist bekannt und wird in den Geisteswissenschaften ausführlich diskutiert. Gewiss kann die Feier der Liturgie nicht einfach alles übernehmen, was ihr das kulturelle Umfeld zuspielt. Doch weil sowohl die Liturgie als auch die Schriftverkündigung es mit Menschen unserer Zeit zu tun haben, wird man das äußere Erscheinungsbild des Geschehens gründlich mitbedenken müssen. Angesichts der gegebenen Bedingungen bleibt es eine der entscheidenden Fragen für die Gestaltung der Schriftverkündigung im Gottesdienst, ob sie ästhetischen Ansprüchen genügt und damit auch in emotionaler Hinsicht die Feiernden anspricht.14 Die Grenze ist dort erreicht, wo das Mühen um eine gute Ästhetik in einen selbstgenügsamen Ästhetizismus umschlägt und das biblische Wort in den Hintergrund gerät.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen