Für ein Urteil über den Gewinn, den die Revision der Einheitsübersetzung für ihre Nutzer gebracht hat, oder deren Praxistauglichkeit, ist es noch zu früh, denn der Text wurde der Öffentlichkeit erstmals im September 2016 vorgestellt und von Jahresbeginn 2017 an kamen die verschiedenen Ausgaben auf den Markt. Gleichwohl kann man an ersten Stellungnahmen von einfachen Bibellesern bis hin zu Bibelwissenschaftlern ablesen, welche Erwartungen mit der revidierten Einheitsübersetzung verbunden waren und sind. Mehr oder weniger ausführliche Reaktionen finden sich in unterschiedlichen Zeitungen und Zeitschriften ebenso wie in theologischen Fachpublikationen und auch schon in kleineren Monografien1. Viele dieser Beiträge, ganz gleich ob sie den neuen Text nur vorstellen wollen oder bestimmte Aspekte herausarbeiten oder gar Vergleiche mit der zeitgleich herausgekommenen revidierten Lutherübersetzung anstellen, stellen Textstellen in alter und neuer Übersetzung gegenüber, um vor Augen zu führen, was sich verändert und wo es «Fortschritte» gegeben hat.2 Doch kann man einer Revision, die ausdrücklich «keine Neuübersetzung»3 sein will, mit Textvergleichen kaum gerecht werden. Das Urteil muss sich vielmehr auf Absichten, Konzeptionen und Zielvorgaben stützen.
Möglichkeiten und Grenzen einer Revision
Das Besondere der EÜ ist, dass sie eine Übersetzung für verschiedene Bereiche des kirchlichen Lebens (Liturgie, Katechese, Schule etc.) und damit für recht unterschiedliche Zielgruppen ist. Dies zusammen mit dem Gedanken, dass es eine einzige Übersetzung für den gesamten deutschsprachigen Raum der katholischen Kirche ist, hat dieser Übersetzung den Namen «Einheitsübersetzung» gegeben. Der oft mit ihr – und nicht ganz zu Unrecht – verbundene Gedanke der Einheit der Christen ist demgegenüber für den Namen der Übersetzung nicht entscheidend gewesen, wenngleich er bei der EÜ noch eine wichtige Rolle spielen sollte (s.u.).
Mit der Idee, eine einheitliche Textfassung für alle Lebensbereiche zu haben, war und ist der Wunsch verbunden, dass den Gläubigen die Texte der Bibel, die sie immer im gleichen Wortlaut hören, immer vertrauter und bekannter werden. Wird – so muss man fragen – dieses zentrale Anliegen der EÜ aber nicht durch eine Revision torpediert? Denn durch Änderungen geht eventuell die Vertrautheit und der Wiedererkennungseffekt der Texte verloren. Gerade aus dem Kreis derer, die sich Bibeltexte vertraut gemacht haben, nicht zuletzt dadurch, dass sie sie teilweise auswendig gelernt haben, kann man kritische Stimmen hören, die bedauern, dass die ihnen so vertrauten Texte nun nicht mehr «so» gehört würden. Doch ein nicht minder wichtiges Anliegen der EÜ fordert gelegentliche Änderungen. Die EÜ ist, um den genannten einheitlichen Gebrauch der Bibel in der Kirche zu ermöglichen, eine Übersetzung in die deutsche Gegenwartssprache. Die Gegenwart der Sprache verlangt Anpassung und Änderung, denn jede Sprache unterliegt einem steten Wandel; das macht ihre eigene Lebendigkeit aus. In seiner Einführung zum Rechenschaftsbericht betont Bischof Wanke mit Recht, dass «sich eben nicht auf Dauer festschreiben»4 lässt, was «gehobene Umgangssprache» ist. Der Auftrag, der an die Revisoren der EÜ erging, lautete, es solle eine moderate Revision sein. «Moderat bedeutet: so wenig am bestehenden Text ändern wie möglich, so viel ändern wie notwendig.»5 Als konkrete Arbeitsaufträge für die moderate Revision wurden folgende drei Punkte genannt: 1. Überprüfung der Textgrundlage des Originals; 2. Revision der deutschen Übersetzung, insbesondere Korrektur von falschen Übersetzungen, Eliminierung von Hinzufügungen, Beseitigung von Auslassungen; 3. Überprüfung der Einleitung, der Gliederung und der Zwischenüberschriften, der Anmerkungen sowie der Parallel- und Vergleichsstellen.6 Diese Arbeitsschritte sollen den näher umschriebenen Erwartungen genügen: «Wenn biblische Texte übersetzt oder schon übersetzte biblische Texte revidiert werden, begegnet dieser Vorgang einer Reihe von Erwartungen. Diese Erwartungen sind zu sehen und es ist dazu Stellung zu nehmen. Auf diese Weise wird der Vorgang der Übersetzung/Revision transparent. Der neue Text soll eine wort- und sinngemäße Übersetzung bieten, er soll in vielfacher Weise verantwortbar sein: Er soll verantwortbar sein im innerkirchlichen, ökumenischen, interreligiösen, interkulturellen Gespräch.»7 Jeder, der mit Übersetzungen zu tun hat, weiß, dass die so skizzierten Ziele der Revision nicht ganz einfach zu erreichen sind; nicht nur, weil die ungefähr fünfzig Revisorinnen und Revisoren, die zu dieser Arbeit eingeladen worden sind, den knapp gehaltenen Auftrag je anders – auf dem Hintergrund der eigenen Arbeitsschwerpunkte – verstanden haben. Gleichwohl lassen sich aus dem Auftrag schon einige der Besonderheiten der nun vorliegenden Revision ebenso wie einige seiner Schwierigkeiten ablesen.
Die Bedeutung der Originaltexte
Es liegt nahe, dass bei der Revision einer Übersetzung der übersetzte Text am Original überprüft wird. Neben die Festlegung der zu übersetzenden Textbasis8 treten Entscheidungen zum sichtbaren Verhältnis von Übersetzung und Original. Die Revision der EÜ hat sich aus verschiedenen Gründen dazu entschieden, dass das Original möglichst weit im übersetzten Text zu erkennen sein soll. Die Fremdheit der Texte sollte als solche erkennbar sein und bleiben, da es für das Verstehen der Bibel wichtig ist, dass ihre Texte nicht als heutige erscheinen, sondern Botschaft aus einer fernen Zeit und anderen Kultur sind. «Die Lesenden sind an die Bibel, ihre Vorstellungen und ihre Welt heranzuführen, und nicht umgekehrt.»9 Um dem näher zu kommen, hat die Revision großen Wert darauf gelegt, dass die uns zum Teil fremde Metaphorik der Texte nicht vorschnell aufgelöst wird und dass Sperrigkeiten oder Uneindeutigkeiten in den Texten nicht kurzerhand geglättet und beseitigt werden.
Die Sprachgestalt des Originals kann den Lesenden einer Übersetzung auch dadurch näher gebracht werden, dass für gleiche Worte des Originaltextes in der Übersetzung immer die gleichen Worte benutzt werden. Das Prinzip der sogenannten «konkordanten Übersetzung» kommt gerade bei den hebräischen Texten auch einem wichtigen Stilmittel der biblischen Sprache, dem «Leitwortstil»10, entgegen. Dieses Kriterium kann und darf natürlich nicht mechanisch angewendet werden, denn einzelne Worte haben in verschiedenen Sprachen je eigene Konnotationen, die in einer Übersetzung zu berücksichtigen sind. Der Ansatz einer konkordanten Übersetzung bei der Revision der EÜ ist sehr zu begrüßen, weil die Hörer und Leser das Original der Texte ein Stück weit durch den übersetzten Text hindurch sehen oder hören können. Dies hätte aber viel weiter gehen können, vor allem wenn die Übersetzungen zwischen den verschiedenen Büchern abgeglichen worden wären. Hier wäre eine auf die innere Einheit der gesamten Übersetzung achtende Instanz vonnöten gewesen, denn die Leser oder Hörer, die durch die Wortwahl auf Zusammenhänge und Verbindungen gestoßen sind, fragen selbstverständlich über die Buchgrenzen hinweg weiter.
Schließlich gehört zum Thema der Bedeutung der Originaltexte auch der noch eigens zu behandelnde Umgang der Übersetzung mit dem nicht zu übersetzenden Gottesnamen (JHWH) im AT (s.u.).
Aus der fast banal wirkenden Formulierung im Revisionsauftrag, dass die Übersetzung an den Originaltexten zu überprüfen sei11, ist im Zuge der konkordanten Übersetzung etwas wirklich Neues entstanden. Gilt die EÜ aufgrund ihrer Ausrichtung an den Adressaten (den Menschen in den verschiedenen kirchlichen Lebensbereichen) als eine an der Zielsprache orientierte Übersetzung, so scheint durch den deutlichen Rückbezug auf die Originaltexte bei der Revision die Orientierung an der Ausgangssprache stärker in den Vordergrund gerückt worden zu sein, ohne dass dadurch die Zielsprachenorientierung aufgegeben worden ist. In gewisser Weise ist so ein neuer Übersetzungstyp entstanden, der durch die Kombination von Zielsprachenorientierung mit der Ausgangssprachenorientierung die Leser und Hörer der Bibel auf ganz eigene Weise behutsam in die Welt der Bibel zu holen vermag. Ob und wie weit dies gelingen kann, bleibt natürlich abzuwarten, denn es braucht nicht nur Leser, die sich darauf einlassen, sondern ebenso «Hodegeten» («Wegbegleiter»), die ganz im Sinne von Apg 8, 31 in Predigten und Katechesen oder durch Erklärungen den Weg des Verstehens durch die Texte weisen12.
Der Gottesname JHWH
Die Entscheidung, den Gottesnamen JHWH konsequent, also an allen Stellen seines Vorkommens in der EÜ mit Herr wiederzugeben, hat sehr unterschiedliche Reaktionen – von großer Zustimmung bis hin zu starker Ablehnung – hervorgerufen. Zwar hatte die EÜ schon in den meisten Fällen JHWH durch «Herr» übersetzt, doch an 144 Stellen hatte sie den Gottesnamen mit «Jahwe» wiedergegeben. Da aber auch das hebräische «adonaj» mit «Herr» übersetzt wurde, musste im Zusammenhang mit der stärkeren Orientierung am hebräischen Originaltext eine Wiedergabe für JHWH gefunden werden, die das Vorkommen des Gottesnamens auch im übersetzten Text erkennen lässt. Wie auch die Zürcher Bibel oder die revidierte Luther-Bibel entschied sich die Revision dazu, das Tetragramm (JHWH) durch «Herr» (Schreibung in Kapitälchen) wiederzugeben. Dabei handelt es sich nicht um eine Übersetzung des Gottesnamens, sondern um ein Ersatzwort für den unaussprechlichen Namen Gottes. Ob dieses Ersatzwort als Übersetzung des Ersatzwortes (adonaj) zu verstehen ist, das der Masoretische Text voraussetzt, oder als eines, das der Tradition der Septuaginta (kyrios) folgt, kann und muss nicht entschieden werden; in jedem Fall handelt es sich nicht um ein «Ausmerzen» des Gottesnamens aus dem Text der Hl. Schrift13. Der große Vorteil bei der Schreibung Herr (in Kapitälchen) ist, dass die Leser des deutschen Textes genau erkennen können, wo im hebräischen Text das Tetragramm steht; der Nachteil hingegen ist, dass dieses «Herr» beim Vorlesen und Hören nicht von dem «Herr», der Übersetzung von adonaj, unterschieden werden kann. Besondere Schwierigkeiten ergeben sich an all den Stellen, an denen im hebräischen Text «adonaj» und «JHWH» zusammentreffen. Die Revision hat sich durch eine am Sachzusammenhang orientierten Lösung wie folgt entschieden: «Wo der Titel adonaj neben dem göttlichen Eigennamen JHWH steht, wird dieser durch den Titel ‹Gott› ersetzt, der dann in Kapitälchen steht und so klarstellt, dass im Hebräischen Wortlaut diesem Wort Gott der göttliche Eigenname JHWH entspricht.»14 Diese zugegebenermaßen nicht einfache Lösung ist wohl auch der starken Ausrichtung der EÜ auf das (liturgische) Vorlesen geschuldet, da sich Herr Herr oder Ähnliches nicht sachgerecht und sinnvoll vorlesen lässt. Die vorliegende Entscheidung lässt den Willen erkennen, das komplexere Sprachproblem quasi durch eine interne Erklärung zu vereinfachen. Genau dies wird aber nicht dem Sprachbefund gerecht, der sich aufgrund der hohen Variabilität der Formulierungen im hebräischen Text einer einfachen Lösung widersetzt, sodass die Lösung, die gewählt wurde, eher zu Missverständnissen und Verwirrungen geführt hat15.
In Bezug auf den Gottesnamen hat der Text der revidierten Einheitsübersetzung ein noch weitergehendes Problem, denn das AT enthält Bücher, die nicht im Hebräischen, sondern nur im Griechischen vorliegen. Diese Bücher enthalten natürlich nicht das hebräische Tetragramm JHWH, sondern das griechische Wort kyrios «Herr», das die Septuaginta zur Wiedergabe des Tetragramms in den anderen Büchern nutzt. Das griechisch geschriebene Neue Testament schließlich benutzt kyrios in den direkten oder indirekten Zitaten aus alttestamentlichen Texten und als (Hoheits)-Titel16. Auch wenn es unsicher und zweifelhaft ist, dass dieser auf Jesus bezogene Titel ursprünglich mit dem Ersatzwort für die Aussprache des Tetragramms identisch ist17, kann die beim Hören/Lesen entstehende Verbindung nicht ausgeblendet werden und da die assoziative Verbindung in jedem Fall und von Anfang an besteht, müsste die Unterscheidung Lesern/Hörern eigentlich immer angezeigt werden. Auch wenn der Gottesname JHWH bei der Übersetzung der hebräischen Bücher nicht mit «Herr» wiedergegeben wird, bleibt bei den griechischen Büchern des AT und den AT-Zitaten im NT keine andere Wahl als die Wiedergabe mit «Herr», so dass irgendwo immer die Differenz bestehen bleibt. Eine christliche Übersetzung der ganzen Bibel kann und darf diese gesamtbiblischen Bezüge oder Anspielungen nicht unbeachtet lassen. Gerade um Verbindungen zwischen AT und NT bei der Gott-Rede zu hören, ist die Wiedergabe durch «Herr/Herr» im AT sinnvoll und hilfreich. Um die Verbindung zwischen AT und NT im deutschen Text erkennen zu können, wurden gelegentlich auch Grundsätze der Revision zurückgestellt. So beispielsweise an der berühmten Stelle Jes 7, 14, wo man der LXX folgend «Jungfrau» anstelle der korrekten Übersetzung des NT durch «junge Frau» gesetzt hat, um die Verbindung zu Mt 1, 23 herzustellen18, wo der LXX-Text zitiert wird. Eine Textanmerkung in der EÜ weist auf diese Besonderheit hin. Im Blick auf Klarheit und Eindeutigkeit wäre natürlich auch die Umkehrung, d.h. «junge Frau» im Text und «Jungfrau» aus der LXX in der Anmerkung, besser gewesen. Da die EÜ aber eine Übersetzung ist, bei der das Hören (des vor allem in der Liturgie ohne Anmerkungen vorgelesenen Textes) eine wichtige Rolle spielt, ist wohl die vom Grundsatz abweichende Lösung gewählt worden.
Bei der Revision der EÜ war aber auch das Argument des Respektes vor dem Judentum und der jüdischen Tradition wichtig19, denn im Judentum wird der Gottesname JHWH üblicherweise nicht ausgesprochen. Es hat zwar divergierende Tendenzen in dieser Frage gegeben (s.u.), aber die Praxis, das Tetragramm des hebräischen Bibeltextes nicht auszusprechen, hat dazu geführt, dass keine gesicherte Aussprache des Namens JHWH bekannt ist. Anders als in wissenschaftlichen Übersetzungen – besonders wenn sie sich mit religionsgeschichtlichen oder religionswissenschaftlichen Fragen beschäftigen – sollte eine hypothetische Rekonstruktion der Aussprache, wie sie das «Jahwe» der bisherigen EÜ war, in einer auch liturgisch benutzten Bibelübersetzung nicht gebraucht werden. Zudem favorisiert der der Revision der EÜ zugrundegelegte hebräische Text, der sogenannte masoretische Text (in der Fassung des Codex Leningradensis)20, das Ersatzwort «adonaj» zum Vorlesen des Gottesnamens JHWH. In seiner minutiösen und tiefsinnigen Studie «Im Namen Gottes» aus dem Jahre 1903 hat der Rabbiner Benno Jacob einen eigenen Exkurs dem Thema «Die Abschaffung des Wortes Jhvh» gewidmet21. Darin zeigt er, dass die Anfänge der Lesung adonaj für JHWH in der Bibel zu finden sind und in die Zeit des babylonischen Exils gehören. Vor allen Dingen aus dem Gebrauch des Tetragramms sowie dessen Verbindung mit dem hebräischen Wort adonaj in den Büchern der Chronik sowie beim Propheten Ezechiel schließt Jacob, dass das Aussprechen des Gottesnamens JHWH in dieser Zeit nicht mehr üblich war. Bei der Septuaginta hingegen sei unsicher, ob sie, wenn sie kyrios schreibt, dies als Ersatzwort für den Gottesnamen verstehe oder das gebräuchliche Ersatzwort adonaj ins Griechische übersetzt habe. Aus den Hinweisen, dass einige Septuaginta-Handschriften das Tetragramm im griechischen Text in althebräischen Buchstaben schreiben, lässt sich eine hohe Sensibilität für das Problem in frühjüdischer Zeit, aber keine endgültige Entscheidung in Bezug auf das, was zu lesen bzw. wie der Gottesname auszusprechen ist, feststellen22. Die Offenheit oder noch ausstehende definitive Entscheidung bestätige auch die weitergehende wechselvolle Entwicklung. So wird in der Mischna einerseits gegen den Missbrauch des Gottesnamens JHWH gefordert, ihn nicht zu benutzen und andererseits die Aussprache des Namens im Gruß «JHWH mit dir» oder «JHWH segne dich» gewünscht. «Aber dieser Versuch, Jhvh wieder in den lebendigen Sprachgebrauch einzuführen, blieb wirkungslos. Der Gebrauch des Wortes beschränkte sich auf kleine Gelehrtenkreise.»23 Am Ende begrüßt Jacob die Tradition des Judentums, den Gottesnamen JHWH nicht mehr zu gebrauchen: «Aber mit dem Verzicht auf einen besonderen Eigennamen für seinen Gott hat Israel seine größte That vollbracht: Es hat seinen Gott der Welt gegeben. Ein Eigenname für Gott ist nicht vonnöten, denn es ist ja kein Gott außer ihm.»24 Gerade in seiner tiefen Verbundenheit mit dem Judentum kann das Christentum diesen Gedanken der Betonung des einen und einzigen Gottes gar nicht hoch genug achten, so dass der Verzicht auf Aussprache des Tetragramms einem theologischen Bekenntnis gleichkommt.
Diese Beobachtungen zum Gebrauch des Gottesnamens im Judentum zeigen, dass es nicht die eine richtige Lösung des Problems gibt und geben kann. Die Entscheidung der Revision der EÜ hat aber viele gute Gründe auf ihrer Seite, auch wenn es wie bei jeder Übersetzungsentscheidung Aspekte gibt, die durch die Entscheidung zurückstehen und weitergehender Erklärung überlassen bleiben müssen.
Gender-gerechte Sprache in der Bibel?
Die Entscheidung, den Gottesnamen JHWH durch Herr wiederzugeben, hat in Kauf nehmen müssen, dass bei den Hörern des Textes eine männliche Gottesvorstellung entsteht oder verstärkt wird. Hier besteht für viele Erklärungsbedarf. Theologisch kann man zweifellos festhalten und betonen, dass Gott weder männlich noch weiblich ist. Kann man das jedoch in einen Bibeltext eintragen, der sich mit dieser oder ähnlichen Fragen nicht auseinandergesetzt hat? Auch hier gehen die Meinungen weit auseinander. Die Revision hat sich zwar vielfach modernen Sprachanforderungen offen gezeigt, aber bewusst keine Entscheidung für eine geschlechtergerechte Sprache getroffen, weil man nicht moderne Fragestellungen in den alten Text einbringen wollte25. Gleichwohl hat man eine Reihe von wichtigen Entscheidungen bei den sogenannten Frauentexten getroffen.26 Gleichzeitig hat man sich mit der Frage inklusiver Sprache intensiv und differenziert auseinandergesetzt: «Eine weitere Vorgabe für die Revision war der Gebrauch der sog. inklusiven Sprache, also z.B. ‹Kinder› statt ‹Söhne›, ‹Eltern› statt ‹Väter› usw., an allen Stellen, wo mit einem Maskulinum Menschen beiderlei Geschlechts gemeint sind. Als besonders heikel erwies sich die Wendung ‹Brüder› in den Apostelbriefen des NT. Die Revision hatte den Grundsatz vertreten, in der Wendung ‹Brüder› in den Apostelbriefen seien alle Adressaten implizit mit angesprochen, also auch die Frauen. Es sei deshalb legitim, das Implizierte explizit zu machen, wie das ja auf der linguistischen Ebene geläufig ist, z.B. ‹Götter›, ein männliches Wort, meint in der Bibel auch Göttinnen mit, wie eine Stelle wie Jer 7, 18 zeigt. Daher hat die Revision entschieden, an den Stellen, wo die Adressaten der Apostelbriefe mit ‹Brüder› angesprochen werden, die explizite Wendung ‹Brüder und Schwestern› zu gebrauchen. An anderen Stellen fordert die Rekognoszierung des Heiligen Stuhls jedoch die Beibehaltung des Wortes ‹Brüder› allein. Ihr Anliegen ist es, den wörtlichen Ausdruck ‹Brüder› zu bewahren, ohne seine Implikate zum Ausdruck zu bringen. Dafür spräche, dass auch im Deutschen der Kontext durchaus nahelegt, dass ‹Brüder› die Schwestern mit meint. Im gegenwärtigen sozialen Kontext in den deutschsprachigen Ländern wird es gewiss manche Leser und Leserinnen der Bibel geben, welche enttäuscht sein werden und es bedauern, dass auf diese linguistische legitime Explizitierung verzichtet wurde. Andere werden die buchstäbliche Wiedergabe als für eine Bibelübertragung angemessen begrüßen.»27
Die Anwendung inklusiver Sprache kann allerdings auch mit der deutlichen Orientierung an den Originaltexten konkurrieren und zu Verwirrungen führen, weil im übersetzten Text natürlich nicht zu erkennen ist, ob etwas auf den Originaltext zurückgeht oder sich als Folge inklusiver Sprache ergeben hat.28
Die Einheit der Bibel und die Einheit der Christen
Nicht nur bei den kirchengebundenen Christen, sondern ebenso bei den ganz allgemein an der Bibel Interessierten nimmt die Frage der Ökumene bei der Bibelübersetzung einen besonderen Stellenwert ein. Auf einer ersten Stufe geht es oft ganz einfach um eine Art Ursachenforschung: Wie kann es konfessionelle Unterschiede in den Textfassungen geben, wenn aus demselben «Urtext» übersetzt wird? Und geht es vielleicht nur um die alte Frage: Ist die Bibel richtig übersetzt?
Auf einer zweiten Stufe begegnet sodann das bekannte (Miss)Verständnis, dass die Einheitsübersetzung eine ökumenische, die Einheit der Christen betreffende, Bibelübersetzung sei. Schließlich wird auch die Bedeutung Luthers für die Übersetzung der EÜ nachgefragt, da die Ausrichtung auf die Gegenwartssprache mit Luthers Ansatz bei der Übersetzung der Bibel ins Deutsche übereingeht29 und Luthers Bibelübersetzung die Hochsprache, die wir heute – wenn auch weiterentwickelt – gebrauchen, entscheidend geprägt hat.
Derartige Fragen und Überlegungen sind nicht selten mit dem Wunsch verbunden, gerade im Land und in der Sprache der Reformation eine gemeinsame Bibel zu haben, so wie sie als ökumenische bereits in allen Weltsprachen vorliegt. Das häufig anzutreffende Verständnis, die EÜ sei eine ökumenische Übersetzung, ist, wenn man es auf den Titel bezieht, falsch, denn der Begriff der Einheit im Namen dieser Übersetzung bezieht sich darauf, dass es eine einheitliche Textfassung für alle Bereiche des kirchlichen Lebens (Liturgie, Katechese, Stundengebet, Schulunterricht etc.) in allen deutschsprachigen Diözesen der katholischen Kirche ist. Und doch hat die Verbindung von EÜ und Ökumene einen realen Grund. Bei der EÜ von 1980 waren das NT und die Psalmen ökumenisch verantwortet und viele Christen hatten dies als guten Anfang geschätzt und erwartet, dass die Revision die ökumenische Zusammenarbeit noch erweitern und ausbauen würde. Zu Beginn der Revisionsarbeit sah es durchaus nach einem Mehr an Ökumene aus. Dann aber kam 2005 der Ausstieg der Protestanten aus dem Projekt der EÜ30. Die Revisionsarbeit sollte durch diese Entwicklung den ökumenischen Geist der EÜ aber gerade nicht aufgeben, worauf bei der Einführung zur Revisionsarbeit 2006 ausdrücklich hingewiesen wurde: «So gilt es, die Erinnerung an den guten ökumenischen Geist, der die Erstellung der Einheitsübersetzung so beflügelt hatte und zu gemeinsam verantworteten Texten geführt hat, zu bewahren und bei anderen dies in Erinnerung zu rufen. Bei der notwendigen Respektierung der Entscheidung der EKD können Sie als die Revisorinnen und Revisoren in ihren Bereichen ganz selbstverständlich und weiterhin das Gespräch mit den evangelischen Fachkolleginnen und –kollegen suchen. Das ist ein Beitrag für die Tischgemeinschaft im Wort.»31 Gleichwohl will beachtet sein, dass auch bei bester Zusammenarbeit evangelischer und katholischer Bibelwissenschaftler – und diese ist im deutschsprachigen Raum vorbildlich – auf dem Wege einer Revision niemals aus einer katholischen (oder evangelischen) Bibelübersetzung eine ökumenische werden kann. Das größte Hindernis für eine Ökumenische Bibelausgabe ist und bleibt der biblische Kanon. Nachdem Luther sieben Bücher (Tobit, Judit, 1/2 Makkabäer, Weisheit, Jesus Sirach, Baruch) für nicht zur Bibel gehörig erklärt hatte, weil zu seiner Zeit für diese Bücher keine hebräische Textfassung bekannt war, gibt es eine Kanondifferenz im Alten Testament zwischen Katholiken und Protestanten. In einer offiziellen katholischen Ausgabe müssen die genannten Bücher selbstverständlich enthalten sein, da die katholische Kirche keinen Unterschied zwischen diesen und anderen Büchern des AT anerkennt und Texte daraus genauso wie andere in Verkündigung und Katechese im Gebrauch sind. Da die aktuelle bibelwissenschaftliche Forschung den theologischen Wert und den Sinn des Kanons erkannt hat, wäre ein Anhang mit diesen Büchern, wie ihn viele protestantische Bibelausgaben haben, für eine katholische Bibelausgabe keine Lösung. Luther selbst ist trotz der Ausschließlichkeit, mit der er die hebräische Bibel als einzige Übersetzungsgrundlage anerkannt hat, bei der kanonischen Anordnung der Bücher des AT nicht der hebräischen Buchfolge, sondern der der Septuaginta/Vulgata gefolgt, weil er diese Ordnung als die christliche ansah.
Das Ergebnis der Revision zeigt, dass die EÜ ihrem Ziel treu geblieben ist und dem weit verbreiteten Vorurteil, katholisch bedeute eng, abgeschottet und veraltet, entgegentritt. «Die ‹Einheitsübersetzung› ist als katholische Bibel gedacht, in des Wortes genauer Bedeutung: als eine Bibel für alle. Sie ist einerseits römisch-katholischer geworden, wie das Anerkennungsverfahren in der vatikanischen Liturgiekongregation gezeigt hat, das geschmeidig verlaufen ist (anders als beim ‹Messbuch›). Andererseits ist sie auch in dem Sinn katholischer geworden, dass sie nicht dem Konfessionalismus frönt, sondern Leute von heute ansprechen will, um sie einzuladen, die riesigen Räume, die langen Flure, aber auch die vielen Nischen und Ecken im Haus der Bibel zu entdecken.»32 Auch ohne direkte ökumenische Zusammenarbeit bei der Übersetzung stehen die beiden revidierten Bibelübersetzungen, die EÜ (2016) und die Lutherübersetzung (2017), nicht in konfessioneller Abgrenzung und in Konkurrenz einander gegenüber, sondern ergänzen sich und die sie lesenden Christen gegenseitig. «Katholiken werden weiter anerkennen, dass die Lutherbibel Herzstück protestantischer Identität und Tradition ist, und sich an ihr als überragendem Dokument deutscher Sprachkultur mitfreuen. Die evangelischen Schwestern und Brüder dürfen in der revidierten ‹Einheitsübersetzung› noch deutlicher Treue und Anhänglichkeit der katholischen Kirche zur Schrift wiedergespiegelt finden, zumal deren lateinische Tradition bei der Revision faktisch keine Rolle spielte. Was wir vor Augen haben, ist eine neue Spielart der alten Frage nach Schrift und Tradition, dieses Mal mit vertauschten Rollen.»33
Es ist weit mehr als ein kleines Zeichen für das ökumenische Miteinander in Deutschland, dass das Katholische Bibelwerk Stuttgart die ersten beiden Hefte seiner Zeitschrift «Bibel und Kirche» im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 den Bibelübersetzungen gewidmet hat: Das erste unter dem Titel «Martin Luther und ‹seine› Bibel» gefolgt vom zweiten «Die neue Einheitsübersetzung».
Der eine und einzige Bibeltext
Anliegen und Anspruch der EÜ war und ist die einheitliche Textfassung für alle Bereiche des kirchlichen Lebens. Gerade die Revisionsarbeit hat einige damit zusammenhängende Probleme noch einmal deutlich zutage treten lassen. So wurde eingangs schon darauf hingewiesen, dass das damit verbundene Anliegen, Texte mögen durch häufiges Hören – und Wiedererkennen – vertrauter werden, durch Änderungen der Revision teilweise aufgelöst werden kann. Das gilt aber nur für die Generation, der die EÜ schon vertraut geworden ist. Letztlich steht hinter diesem Problem jedoch nicht die Frage, ob ein solcher Text einer Revision unterzogen werden darf, also verändert werden soll, sondern das zu jeder Übersetzung gehörende Problem der Entscheidung. So wie man sich bei jeder Übersetzung entscheiden muss, ob man der Ausgangssprache oder der Zielsprache den Vorrang einräumt, so muss man auch zwischen vielen anderen Kriterien beim Übersetzen entscheiden. Nicht selten stehen Entscheidungen zwischen für die jeweilige Übersetzung entscheidenden Kriterien an, so dass abzuwägen und zu gewichten ist. Derartige Entscheidungen müssen natürlich immer wieder kritisch hinterfragt werden. Ein Beispiel mag die Schwierigkeit der Entscheidung verdeutlichen. Die Zehn Gebote haben zweifellos eine hohe katechetische Relevanz und sind nicht nur binnenkirchlich, sondern in der gesamten abendländischen Kultur fest verhaftet. Als biblischer Text sind sie aber nicht in einer einzigen Textform vorhanden, sondern in zwei nicht identischen Fassungen (Ex 20; Dtn 5). Beide Fassungen sind kontextuell und damit theologisch eingebettet und haben biblisch so ihr je eigenes Gewicht, auch und gerade weil sie durch ihre Kontexte auch aufeinander bezogen sind. Nach dem von der Revision angewendeten Kriterium, die originalsprachlichen Texten so genau wie möglich wiederzugeben, müssten die beiden Textfassungen mit ihren vom jeweiligen Kontext geforderten Besonderheiten wiedergegeben werden. Dem steht aber ein anderes Kriterium der Revision entgegen, das fordert, dass eingeführte, bekannte Texte, vor allem solche die in Liturgie oder Katechese vorkommen, nicht verändert werden sollen. Mit dem Vaterunser und einigen anderen Texten teilt der Dekalog das Schicksal, dass die kirchlich überlieferte und benutzte Textfassung nicht mit dem biblischen Text übereinstimmt, weil dieser mehr als eine Textfassung kennt34. Da eine Verbindung der beiden genannten Kriterien nicht möglich ist, denn die Tradition hat immer schon eine einzige Fassung aus den beiden biblischen Texte gemacht35, ist die Entscheidung im vorliegenden Fall eine zwischen der Nähe zum Ausgangstext und der zu den Lesern und Hörern des übersetzen Textes. Das ist allerdings eine Grundfrage jeder Bibelübersetzung: Soll der Text zum Leser oder der Leser zum Text gebracht werden?