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In the Presence of the Third: Peter Handke on the Promise of Love. In the sacrament of matrimony the shared history of husband and wife positions itself in the presence of a «third». God’s yes to the lovers’ yes builds an invisible insurance of the visible union. In his notes the author Peter Handke thinks about the «third» as a reality available for the married couple at any time. This essay considers the consequences of this insight for a theology of the sacraments.
Es gibt Worte, die die Wirklichkeit setzen, die sie bezeichnen. Es sind performative Sprechakte, die Wirklichkeit nicht nur beschreiben, sondern von Grund auf verändern. Das Ja-Wort zwischen Mann und Frau bei der kirchlichen Trauung gehört dazu. Sie versprechen einander, ihr Leben nicht mehr ohne den anderen führen zu wollen – «in guten wie in schlechten Zeiten», für immer! Dieses Versprechen stiftet einen Bund – und dieser Bund ist weniger ein Ideal als eine Wirklichkeit, in der sie fortan stehen, aus der sie fortan leben. Die eigene Geschichte an die Geschichte des anderen zu binden, und dies dauerhaft, das ist angesichts der Unwägbarkeiten des Lebens heute durchaus riskant – und nicht wenige sind heute unsicher, ob sie dieses Risiko eingehen sollen und ob ihre Liebe den gesteigerten Herausforderungen des Lebens gewachsen ist. «Zwei Liebende: Warum sagt Gott ihnen nicht ausdrücklich, dass sie zusammengehören?»1, fragt Peter Handke in seinem Journal Gestern unterwegs. Was wäre, wenn es einen Dritten gäbe, der den Zögernden und vor der großen Lebensentscheidung Zurückschreckenden sagen würde: Ihr gehört zusammen, seid füreinander geschaffen? Sein JA zum Ja der Liebenden wäre so etwas wie die unsichtbare Hintergrundversicherung der sichtbaren Lebensgemeinschaft, eine Wirklichkeit, auf die das Paar jeder Zeit – in Glücksmomenten wie in Krisenzeiten – zurückkommen könnte!
Das Scheitern der Liebe und die Sehnsucht, sich auf etwas beziehen zu können
Viele Paare, die sich das Ja-Wort gegeben haben, vergessen im Laufe der Zeit, dass sie sich in Gegenwart dieses Dritten einander versprochen haben. Der Alltag und seine Dynamik nimmt sie gefangen. Manche stehen in Gefahr, im Sog der Arbeit sich selbst und den anderen zu vergessen. Es sagt ihnen keiner, dass es heilsam sein könnte, sich neu in die Gegenwart des Dritten hineinzustellen und den gemeinsamen Weg zu bedenken, ihn neu auszurichten. Es braucht ja nicht nur eine Zeit der Einstimmung aufeinander, eine Zeit der Vorbereitung auf das Ja-Wort des Bundes, es braucht auch eine anhaltende Sorgsamkeit, um dem Ja-Wort im gemeinsamen Weg Gestalt zu geben, es, wenn möglich, mehr und mehr Wirklichkeit werden zu lassen. Die Ausbildung einer Kultur der liebevollen Aufmerksamkeit füreinander, der wechselseitigen Annahme und Vergebungsbereitschaft, wenn sich Lieblosigkeiten in die Liebe eingeschlichen haben, ist wichtig. Momente des Innehaltens, in denen beide auf die begütigende Gegenwart des Dritten zurückkommen.
Viele Paarbeziehungen geraten heute in Krisen und brechen früher oder später auseinander. Das liegt nicht nur daran, dass die heilsame Gegenwart des Dritten aus dem Blick geraten ist oder vergessen wurde. Im «ganz normalen Chaos der Liebe», an das wir uns im Kontext der spätmodernen Gesellschaft schon beinahe gewöhnt haben, gibt es vielfältige Gründe, die Beziehungen scheitern und zerbrechen lassen: die Beschleunigung der Lebensverhältnisse, die gesteigerte Mobilität, die Individualisierung, Pluralisierung und «Verbuntung»2 der Gesellschaft, aber auch eine sich ausbreitende Kultur des Provisorischen, die die unbedingte Abneigung gegen alles Unbedingte salonfähig macht. «Treue – diese Frage hat sich den meisten gar nicht gestellt»3, notiert Handke einmal, der selbst früh von Gleichgültigkeit und Entfremdung, ja Misstrauen und Hass zwischen Mann und Frau erzählt und dabei das innere Nachbeben sehr genau ausgelotet hat, das Trennungen verursachen können.
Die Erzählung Der kurze Brief zum langen Abschied (1972) setzt damit ein, dass sich eine Frau mit nur wenigen Zeilen aus dem Leben ihres Mannes verabschiedet: «Ich bin in New York. Bitte such mich nicht, es wäre nicht schön, mich zu finden.»4 Der Mann reist ihr dennoch nach, findet sie aber nicht sofort, wechselt von Stadt zu Stadt, von Hotel zu Hotel, von Bar zu Bar. In der Not des Alleinseins lässt er sich mit einer anderen, die er flüchtig von früher kennt, ein, reist mit ihr und ihrem Kind einige Tage durchs Land, verlässt sie dann aber wieder. Währenddessen spürt er immer wieder Leere und Langeweile, macht aber auch überraschende Erfahrungen einer «anderen Zeit» – flüchtige Verdichtungserfahrungen, die seinem Gefühl von Verlorenheit und Hoffnungslosigkeit entgegenstehen. In der Wüstenstadt Tucson, wo er hofft, die Gesuchte wiederzufinden, schlendert er an den Stadtrand zu einer Missionsstation und betritt eine Kirche, nimmt Sonnenbrille und Strohhut ab, erblickt den Altar und hält inne. «Die Religion war mir seit längerem zuwider, und trotzdem spürte ich auf einmal eine Sehnsucht, mich auf etwas beziehen zu können. Es war unerträglich, einzeln und nur mit sich allein zu sein. Es musste eine Beziehung zu jemand anderem geben, die nicht nur persönlich, zufällig und einmalig war, in der man nicht durch eine immer wieder erpresste und erlogene Liebe zueinandergehörte, sondern durch einen notwendigen, unpersönlichen Zusammenhang. Warum hatte ich zu Judith nie so bedenkenlos freundlich sein können wie jetzt beim Anblick dieser Kirchenkuppel, oder dieser Wachstropfen auf dem Steinboden? Es war scheußlich, mit einem solchen Gefühl nicht aus sich heraus zu können.»5 Später findet er Judith, deren Liebe so sehr in Hass umgeschlagen ist, dass sie ihn am liebsten umbringen würde. Trotz der Entfremdung fahren beide nach Los Angeles und erzählen ihre Geschichte einem Dritten, dem schon betagten Filmregisseur John Ford, der bei der Begegnung eher beiläufig äußert: «Es unerträglich, mit jemandem verfeindet zu sein […] Wir werden uns selber zuwider, wenn wir einen Feind haben.»6 Nachdem die beiden ihm ihre Geschichte erzählt haben, finden sie zwar nicht wieder zusammen, können aber friedlich auseinandergehen.
«Ihr müsst die Liebe einem Dritten versprechen …»
Die Sehnsucht, sich auf einen anderen beziehen zu können, gerade dann, wenn es um die Liebe zwischen Mann und Frau geht, hat Handke Jahre später in einer Aufzeichnung deutlicher ausgesprochen: «Die Liebe kannst du nicht dem Geliebten versprechen. Ihr müsst sie einander einem Dritten versprechen (= Sakrament).»7 Der Dritte ist der, der das Versprechen besiegelt und der gemeinsamen Liebe Weite und Raum gibt, auch wenn seine Gegenwart nicht greifbar, nicht herstellbar, sondern verborgen, dafür aber nicht minder wirklich ist. Was aber diese verborgene Gegenwart des Dritten für die gemeinsame Liebe bedeuten könnte, das wird in einer weiteren Aufzeichnung gesagt:
Gerade wurde mir ganz klar, dass in der Liebe, für die Liebe, zwei allein nicht genügen: ich brauche immer wieder einen Dritten, an den ich mich wenden könnte, zur Beruhigung, zur Bestärkung, zur Festigung, zur Neuerweckung, zur Danksagung – zur Ergänzung; und dieser Dritte, den ich benötige den ich mitdenken möchte in meiner Liebe, der für die jeweilige Wendung in mir sorgt, kommt nur mit dem Namen ‹Gott› in den Sinn (und: die bloße Wendung an den Dritten ist dann schon die Ergänzung).8
Der Horizont der Liebe wird aufgebrochen auf den Anderen hin, sie verbleibt nicht im Zirkel auf sich verkrümmter Zweisamkeit, sondern öffnet sich auf den Dritten hin, in dessen gnädigem Licht alles noch einmal anders gesehen werden kann. Sich das unbedingte JA des Dritten zum gemeinsamen Weg in Erinnerung zu rufen, das kann in Augenblicken der Krise durchaus hilfreich sein. In seinem Aufzeichnungsband Die Geschichte des Bleistifts hat Handke eine berührende Szene festgehalten, in der sich ein junges Paar auf diesen Dritten bezogen hat: «In der Kathedrale küssten sich zwei, noch fast Kinder, im Knien lange, lösten sich dann voneinander und beteten.»9
Die Ehe – «Ideal» oder Wirklichkeit?
Das Sakrament der Ehe stellt die gemeinsame Geschichte zwischen Mann und Frau in die Gegenwart des Dritten. Diese Gegenwart ist eine Wirklichkeit, in der sie stehen und aus der sie leben. Die Ehe ist daher kein Ideal, das man anstrebt – und wohl nur in seltenen Fällen erreicht. «Ideal: Vorbild, aber unnachahmlich», heißt es bei Peter Handke einmal, und an anderer Stelle: «Ideal? Ist nichts.»10 Die Rede von der «Ehe als Ideal», die sich seit einiger Zeit im theologischen Diskurs eingebürgert und auch im päpstlichen Schreiben Amoris laetitia deutliche Spuren hinterlassen hat, erscheint vor diesem Hintergrund wenig glücklich. Warum? Sie steht in Gefahr, das Scheitern von vornherein einzukalkulieren, wenn es doch normal ist, dass ein Ideal nie ganz erreichbar ist. Außerdem lässt die Rede von der Ehe als Ideal in den Hintergrund treten, dass das Sakrament der Ehe zunächst und vor allem eine Wirklichkeit ist. Das JA, das der verborgene Dritte zum Ja spricht, welches sich Mann und Frau bei der kirchlichen Trauung wechselseitig zusagen, ist die unumstößliche Hintergrundversicherung, auf die das Paar auf seinem Weg jeder Zeit zurückkommen kann: Dankend in Stunden des Glücks, fragend in Stunden der Ungewissheit, ringend in Stunden der Leere und Ausweglosigkeit.
Aus dieser lebendigen Gegenwart des verborgenen Anderen kann ein Paar leben. Es muss diese Wirklichkeit nicht erst erreichen, es steht schon in ihr. Allerdings trifft es zu, dass der Weg nicht schon das Ziel ist. Die Verschränkung der Zeiten, die in jeder Feier eines Sakraments vollzogen wird, berührt auch die Gemeinschaft von Mann und Frau.11 Sie ist zunächst signum rememorativum – Zeichen der Erinnerung an das unwiderrufliche JA Gottes zu seinem Volk Israel und vergegenwärtigt zugleich das Band zwischen Christus und der Kirche (vgl. Eph 5,32). Die Bundesgeschichte Israels ist allerdings von dramatischen Episoden der Untreue durchzogen – und auch der Weg der Kirche kennt vielfältige Ab- und Irrwege, so dass die Rückbesinnung auf die Anfänge eine ständige Aufgabe bleibt: «Gedächtnis, bewahre mich vor der Treulosigkeit!»12 Zugleich ist der Bund zwischen Mann und Frau signum demonstrativum – sichtbares und lebendiges Zeichen eines Zusammenseins, das aus der Gegenwart des Dritten lebt, der den Weg begleitet. Schließlich ist der Lebensbund des Paares signum prognosticum – Vorschein einer Fülle und Freude, die in verdichteten Augenblicken immer wieder schon unterwegs zu spüren ist. Ziel und Fluchtpunkt des Weges aber ist das Ankommen beim himmlischen Hochzeitsmahl: «Das Fest des Miteinanderseins: das Miteinandersein als Fest, nichts sonst ...»13