«Dein Wort ist meines Fuẞes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege»Die Bibel im Leben evangelischer Christinnen und Christen

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«Thy Word is a Lamp unto my Feet, and a Light unto my Path»: The Bible in the Lives of Protestant Christians. Words and stories from the Bible have significance in Protestantism in various fields of life: in the private devotion as well as in worship services, sacred music, baptisms, wedding ceremonies, and pastoral care. Quite often it is the translation of Martin Luther, which is read, but there are numerous other possibilities – «where the Spirit of the Lord is, there is liberty» (2 Kor 3, 17).

Die Bibel – woran denkt eine evangelische Christin, ein evangelischer Christ, wenn er oder sie gefragt wird, wie sein oder ihr Umgang mit diesem Buch aussieht, wenn er Auskunft geben soll, welche Rolle es in seinem Leben spielt? Und an welche Bibel denkt er oder sie dabei? Die letztere Frage hängt zunächst einmal davon ab, ob dieser evangelische Mensch (der Einfachheit halber beschränken wir uns auf Personen im deutschen Sprachraum) der Kirche näher oder ferner steht, ob er oder sie lutherisch oder reformiert ist, feministisch orientiert oder im jüdisch-christlichen Dialog engagiert, ob er oder sie in Bibelkreisen mitarbeitet und sich theologisch weiterbildet.

Man wird hier nicht von «der» Bibel sprechen können, denn im evangelischen Raum sind eine Reihe verschiedener Übersetzungen in Gebrauch.1 Evangelische Christinnen und Christen hören und lesen in Gottesdiensten, in der Schule, in Hauskreisen, zu Beginn von Sitzungen oder in privaten Andachten unterschiedliche Gestalten der Bibel:

Theologinnen und Theologen meinen, wenn sie von «der Bibel» sprechen, oft gar keine Übersetzung, sondern den Urtext gemäß den neuen wissenschaftlichen Textausgaben, mit denen sie in ihrem Studium gearbeitet haben, die Hebräische Bibel also mit ihren aramäischen Passagen (das Alte Testament) und das griechische Neue Testament. Sie können auch die ersten Übersetzungen in den Blick nehmen, die Septuaginta – die griechische Fassung der Hebräischen Bibel – und, seltener, die Vulgata, die lateinische Übertragung.

Die evangelisch getauften, doch der Kirche fernstehenden Menschen reagieren zuweilen erstaunt, wenn sie hören, dass es verschiedene Übersetzungen gibt – wenn sie an «die Bibel» denken, verstehen sie darunter das Buch, das ihnen zur Konfirmation geschenkt wurde oder dessen Sprachklang sie etwa aus Klassikerzitaten oder geprägten Wendungen wie «sein Licht unter den Scheffel stellen» kennen. Reformierte Christen beziehen sich auf die «Zürcher Bibel» oder die «Neue Genfer Übersetzung».2 Lutheraner leben mit der «Lutherbibel», die innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland, also auch in den unierten Kirchen, die für den Gottesdienst empfohlene Übersetzung ist.3

Menschen, denen eine geschlechtergerechte Sprache und der jüdisch-christliche Dialog besonders am Herzen liegen, werden die «Bibel in gerechter Sprache» verwenden. Schülerinnen und Konfirmanden greifen eher zu «Die Gute Nachricht. Die Bibel in heutigem Deutsch» oder zur «BasisBibel».4 Menschen mit einer Vorliebe für einen weniger alltäglichen Sprachklang können für die Hebräische Bibel beispielsweise die Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig heranziehen, und für die Evangelien, den Römerbrief und die Offenbarung des Johannes die Übersetzungen von Walter Jens.

Dies sind nur einige Beispiele aus einer großen Fülle von Möglichkeiten. Eine Darstellung des Gesamtbildes ist wegen dieser Vielfältigkeit, die eine Folge evangelischer Freiheit ist, schwer möglich und würde unübersichtlich geraten. Ich beziehe mich darum im Folgenden im wesentlichen auf die Bibelübersetzung, mit der ich selbst in Gottesdiensten wie privat vor allem zu tun habe, auf die revidierte Lutherbibel.5

Was nun den Umgang mit der Schrift angeht, ist festzustellen, dass Pfarrerinnen und Prädikanten anders mit ihrer Bibel umgehen als Konfirmandinnen und wiederum anders als Gemeindeglieder, die etwa einmal im Jahr in einen Gottesdienst gehen, vielleicht noch gelegentlich bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen mit der Bibel zu tun bekommen.

Welche Rolle spielt also die Bibel für die evangelischen Christinnen und Christen? Haben sie einen spezifisch evangelischen Zugang zu ihr und was tun sie mit diesem Buch?

Eine auch nur halbwegs vollständige Antwort auf eine so allgemein gehaltene Frage würde einerseits empirische Untersuchungen, andererseits historische Rekonstruktionen voraussetzen. Statt dessen möchte ich, nach einem kurzen Blick in die Geschichte, exemplarisch einige typische Situationen und Orte des evangelischen Umgangs mit der Bibel skizzieren.

1. Geschichtliches

Martin Luther wollte, ebenso wie die anderen Reformatoren, nicht nur die Verstehbarkeit der Bibel, sondern ebenso deren Kenntnis und somit auch die tägliche Lektüre fördern. Dementsprechend versammelte sich in evangelischen Häusern «die Hausgemeinde zur täglichen Morgen- und Abendandacht. Dabei wurden gemeinsam Lieder gesungen, Gebete vorgetragen und an die Lesung einiger Bibelabschnitte durch den Familienvorstand (in der Regel den Hausherrn, seltener die Hausfrau) schloss sich häufig eine kurze freie Meditation und christliche Vermahnung an, welche den Bezug zum gegenwärtigen Tag herstellte. An der Hausandacht nahm über die Kernfamilie der Eltern und Kinder sowie der im Hause lebenden Verwandten hinaus auch das Gesinde teil. […] Hausandachten gehörten nicht erst seit der Reformation zum Kernbestand christlicher Frömmigkeitspflege, sie wurden jetzt jedoch in neuer Weise in das Regelwerk kirchlicher Gemeinschaftspflege eingebaut. Von den Reformatoren wurde die private Hausgemeinde geradezu als ‹kleine Kirche› (‹ecclesiola›), als ‹Haus-Kirche›, entworfen, in der Hausherr und Hausfrau die Aufgaben von ‹Haus-Bischöfen› und ‹Haus-Predigern› wahrnahmen.»6 Diese ebenso pädagogisch wie geistlich ausgerichtete Gestalt des evangelischen Umgangs mit der Bibel war bis ins späte 17. Jahrhundert hinein lebendig; der Pietismus übernahm mindestens die regelmäßige intensive Bibellektüre in den Versammlungen seiner frommen Zirkel.

2. Private Andacht

Aus der pietistischen Tradition stammt die von vielen evangelischen Christinnen und Christen einmal täglich gehaltene «Stille Zeit», bei der natürlich Bibelübersetzungen den persönlichen Vorlieben entsprechend verwendet werden. Sie ist zu umschreiben als eine individuelle Bibellektüre mit anschließender, ins Gebet mündender Meditation. Die Lektüre folgt entweder einer Bahnlesung oder einer der verschiedenen Leseordnungen.7 Ziel und Zweck der «Stillen Zeit» sind das immer neue Hören auf Gottes Wort, das im eigenen Leben Raum gewinnen und ihm Gestalt geben soll.8 Die einzelnen wissen sich dabei als Teil einer Gemeinschaft, die ebenso wie sie an jedem gegebenen Tag eine bestimmte biblische Geschichte, ein Gleichnis Jesu, eine ermahnende oder lehrhafte Passage aus einem der neutestamentlichen Briefe, einen tröstenden oder mahnenden Abschnitt aus einem der prophetischen Bücher aufnimmt und nach dem Hören und Bedenken mit dem eigenen Leben zu beantworten sucht.

Natürlich gibt es noch weitere Formen privater Andacht: Auch im evangelischen Raum beten etliche Menschen eine Form der Tagzeitenliturgien, vielleicht mit dem Formular der Michaelsbruderschaft9, dem Biblischen, dem Loccumer oder dem Rummelsberger Brevier10, oder nach den im Evangelischen Gesangbuch enthaltenen Formularen. In manchen Gemeinden gibt es die Tradition, Tagzeitengebete gemeinschaftlich zu feiern, dazu versammeln sich einige am Morgen, am Mittag oder am Abend in den Kirchen. Allerdings sind die Zahlen hier eher klein.

3. Herrnhuter Losungen

Viele Menschen, auch kirchlich nicht gebundene, lesen täglich einen kleineren Ausschnitt biblischer Worte als die Leseordnungen es nahelegen, die Herrnhuter Losungen, und kaum eine Sitzung im kirchlichen Kontext beginnt ohne sie. Sie werden seit dem Erscheinen des ersten Losungsbuches 173111 von der Herrnhuter Brüdergemeine verantwortet und bestehen aus drei Texten: Die eigentlichen «Losungen» werden einmal im Jahr in Herrnhut aus ca. 1800 alttestamentlichen Bibelversen ausgelost; in einem zweiten Schritt wird in den folgenden Monaten passend zur Losung der Lehrtext aus dem Neuen Testament ausgewählt, der häufig aus der fortlaufenden Bibellese stammt. Losung und Lehrtext bekommen als einen dritten Text einen Liedvers, ein Gebet oder einen bekenntnisartigen Text, der zum Gebet hinführt, zugeordnet. Die biblischen Texte sind weit überwiegend in der Übersetzung der Lutherbibel gehalten. Es gibt die Losungen mittlerweile in einer Vielzahl von Erscheinungsformen; die traditionellen Hefte sind nur eine von ihnen. Die Losungen können den Abonnenten jeden Tag auf das Handy gesendet werden, oder man kann sie in kurzer Fassung auf den Palmtop, einen computergesteuerten Kalender, downloaden. Sie können nach dem Hochfahren des Computers als erste Bildschirmansicht nach dem Windowssymbol erscheinen, je aktuell auf die Homepage gesetzt oder als Bildschirmschoner verwendet werden. Damit tragen sie Gottes Wort in den Alltag der Menschen, dienen als Anstoß12 und stiften zugleich eine – freilich virtuelle – weltweite Gemeinschaft, denn die Losungen werden mittlerweile in etwa 50 Sprachen übersetzt.

4. Gottesdienst

Ein wichtiger Ort für die Begegnung mit biblischen Texten ist natürlich, mindestens für die sogenannten Kerngemeinden, der Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen, die Lesungen und die Predigt. Einen Bibeltext hören aber jedenfalls auch die meisten sogenannten Distanzierten einmal im Jahr: die Weihnachtsgeschichte aus Lk 2, 1–20 in der Fassung der Lutherbibel. Hier hängt tatächlich sehr viel am Klang der Worte, die von Luther mit hoher Achtsamkeit für Rhythmus und Tonfärbung buchstäblich komponiert wurden13, doch selbstverständlich spielen auch Hörgewohnheiten und Vertrautheit eine große Rolle. Eine junge Frau aus Berlin, keine regelmäßig Kirchgängerin, der ich kürzlich bei einer Tagung begegnete, erzählte, dass sie im letzten Jahr am Heiligen Abend mit ihrem Mann in seiner Kirche war, in einer katholischen Messe. Auch dort wurde Lk 2 gelesen, in der Fassung der Einheitsübersetzung. Ihr Kommentar zur Lesung: «Es war nicht Weihnachten.» In dieser Beobachtung zeigt sich ein Phänomen, das man als «Beheimatung in der Sprache» bezeichnen könnte und das zum einen die immer wieder auftretenden Probleme bei ökumenischen Gottesdiensten, zum anderen die hohe emotionale Bindung der evangelischen Christinnen und Christen insbesondere an die Lutherbibel erklärt, deren Sprache oft – jenseits des Verstehens – Tiefenschichten der Seele berührt und deren Klang ihnen vertraut ist.

5. Kirchenmusik

Neben den Spezifika der Sprache Luthers, die besonders in der jüngst durchgeführten Revision Gegenstand großer Aufmerksamkeit waren, ist eine weitere Ursache für diese emotionale Bindung sicherlich in der evangelischen Kirchenmusik auszumachen, die für den evangelischen Umgang mit der Bibel ohnehin eine kaum zu überschätzende Rolle spielt. Denn die Chorwerke Johann Sebastian Bachs – die Passionen, das Weihnachtsoratorium, die Motetten und Kantaten –, doch auch die Motetten Heinrich Schütz’ oder Felix Mendelssohn Bartholdys, und ebenso zeitgenössische Musik wie die «Passionserzählung der Maria Magdalena» von Henning Frederichs (1936–2003), der Kantatenzyklus zum Kirchenjahr von Jörg Herchet (geb. 1943) oder die zur Zeit entstehende Choralmesse Hans Darmstadts (geb. 1943) verwenden biblische Worte, zumeist in der Übersetzung der Lutherbibel.14 Deren Vermittlung durch die Musik wohnt, wie Christfried Brödel festhält, «eine eigene Substanz inne, die emotional berührt und nonverbal Haltungen vermittelt, die das Ereignis der Aufführung in einen bestimmten geistlichen Raum stellen. […] Die vielfach diskutierte Frage, ob die Passionen und Kantaten Bachs heute eher als kulturelle Schätze der Vergangenheit oder als lebendige Glaubenszeugnisse wahrgenommen werden, lässt sich nicht eindeutig beantworten, wenn auch für viele der musikalisch-künstlerische Genuss dominiert. Die Erfahrungen widersprechen einer einseitigen Verortung. […] Nie ist solche Musik nur Transportmittel für religiöse Texte, sondern sie wird in einer Einheit von Text und Musik zu einem überzeugenden Ganzen. […] Was wir singen, prägt sich tief ein und wird bleibender Besitz. Wer in einem Kirchenchor singt, wird biblische Texte allein dadurch auswendig können, dass sie sich in seinem Gedächtnis in der ganzheitlichen Verbindung mit Melodie und Rhythmus eingeprägt haben.»15 Sängerinnen und Sänger in evangelischen Kantoreien, doch auch die Menschen, die ihnen zuhören, leben mit biblischen Texten in einer besonderen Weise, in einem besonderen musikalischen Raum, der die Worte in einer Weise einprägt und lebendig werden lässt, wie Predigten dies meist nicht vermögen. Brödel schreibt dazu: «Die musikalischen Gruppen der Kirchgemeinden erweisen sich nicht nur als die stabilsten Säulen des Gemeindelebens, sondern ziehen auch Menschen an, die sich nicht ausdrücklich zum Glauben bekennen. Deren musikalisches Interesse rechtfertigt ihre Mitwirkung; es bedarf keines religiösen Bekenntnisses. Im Musizieren von Werken mit geistlichem Inhalt lernen sie jedoch die Welt des Glaubens kennen. Nicht nur in Einzelfällen finden Menschen über das Mitsingen in einem kirchlichen Chor zum Glauben. Im Singen wird Glauben gelebt und Glauben gelernt. Darüber hinaus bildet das Hören kirchenmusikalischer Werke für viele Menschen die einzige Verbindung zur Welt des Glaubens. So bildet die Musik eine Brücke in die Welt.»16

6. Kasualien

Als besonders bedeutungsvoll und das Leben begleitend werden oft Bibelworte erlebt, die einem Menschen persönlich gelten, die ihm programmatisch, als Verheißung und Ermutigung, als Ausdruck des Dankens oder des Hoffens, zuweilen als Mahnung, jedenfalls aber ganz direkt bei herausgehobenen Anlässen zugesprochen wurden. Dazu zählen Taufsprüche ebenso wie Bibelworte zur Konfirmation oder zur Trauung; häufig werden diese Worte anlässlich einer Beerdigung wieder erinnert und über das Leben des oder der Verstorbenen gestellt. Ich nenne einige Beispiele:

«Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele [wohl]17» (Ps 139, 14): Dieser Taufspruch wurde einem gesunden Kind nach einer risikoreichen Schwangerschaft ausgesucht. Erleichterung, Dank und Freude bestimmten die Eltern, dazu die Hoffnung und der Wunsch, dass das Kind in dem Wissen groß werden solle, ganz und gar gewollt und von Gott geliebt zu sein.

«Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.» (2 Tim 1, 7) war der Trauspruch eines jungen Paares, das sich nach einer eher bewegten Vorgeschichte zur Heirat entschlossen hatte; sie hatten das Wort gemeinsam mit dem Pfarrer ausgewählt und verstanden es als Ermutigung, aber durchaus auch als eine Mahnung, die sie in ihre Ehe mitnehmen wollten.

«Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind» (Spr 31, 8): Dieses Wort wählten sozial engagierte Eltern für ihr Kind aus, gegen den Rat der Pastorin, die darin eine mögliche Hypothek für das Neugeborene sah. Da die Eltern ihr Kind auch in diesem Sinne und zugleich sehr liebevoll erzogen und dem Anspruch selbst nach Kräften gerecht wurden, nahm es den Appell später bewusst an.

«Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert» (Mt 10, 34): Ein für den Anlass eher ungewöhnliches Jesuswort hatte sich ein Paar als Trauspruch gewählt, das um die Bedeutung des Streiten-Könnens wusste. Bei der Goldenen Hochzeit berichteten sie, dass ihnen das Wort in mancher kritischen Situation wieder eingefallen sei und geholfen habe.

«Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege» (Ps 119, 105) war der Konfirmationsspruch einer in ihrer Identität höchst unsicheren und sich verlassen fühlenden Konfirmandin. Sie bezog Trost aus der Rückbindung an Gott, den sie in den Worten der Heiligen Schrift gegenwärtig fühlte.

«Wo [aber] der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit» (2 Kor 3, 17) lautete das mir von meinem Vikarsvater mitgegebene Wort zur Ordination, das ich stets als Ermutigung ebenso wie als Auftrag erinnere.

7. Seelsorge

Eine besondere Rolle spielen für Menschen evangelischer Prägung die Psalmen in der Übersetzung Martin Luthers, allen voran der von sehr vielen noch auswendig gewusste Psalm 23, doch auch Psalm 91, 139 und mancher weitere. «Ein jeder Christ, der beten und andächtig sein will, sollte den Psalter lassen sein täglich Betbüchlein sein. Und es wäre auch wohl gut, dass er ihn von Wort zu Wort auswendig könnte und immer in dem Munde hätte, sooft ihm etwas vorkäme zu reden oder zu tun, dass er einen Spruch daraus führen und anziehen könnte wie ein Sprichwort. Denn es ist ja die Wahrheit, dass alles, was ein andächtig Herz mag zu beten wünschen, dazu findet er seine Psalmen und Worte, so eben und so lieblich, dass kein Mensch, ja alle Menschen nicht können so gute Weise, Worte und Andacht erdenken.»18

In Seelsorgesituationen bietet es sich oft an, die geäußerten Sorgen, Anklagen und Klagen in Psalmworte gefasst vor Gott zu bringen. Und insbesondere Seelsorger in evangelischen Altenheimen berichten, dass auswendig gewusste Psalmworte im Gedächtnis der alten Menschen überlebt haben, selbst wenn die eigenen Kinder unbekannt werden und der eigene Name nicht mehr erinnert werden kann. Diese Beobachtung ist eines der stärksten Argumente für die Übung, Konfirmandinnen und Konfirmanden Bibeltexte auswendig lernen zu lassen – das Verständnis für das Gelernte ist natürlich zu wecken, aber es darf auch darauf vertraut werden, dass die Worte ihre eigene Wirkung in den Lernenden entfalten.19

Die Bibel ist für evangelische Christinnen und Christen ein vielsprachiges Buch, das ihnen an unterschiedlichen Orten in vielfältiger Weise begegnet und das als ganzes, in Auszügen oder einzelnen Worten eine hohe, oft emotional bestimmte Bedeutung für sie hat. Der Umgang mit der Bibel ist einerseits individuell verschieden, andererseits aber meist in irgendeiner Weise auf die christliche Gemeinschaft hin orientiert. Auch Menschen, denen dies kaum mehr bewusst ist, leben immer wieder mit dem Licht, das von biblischen Worten her auf ihren Weg fällt.

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