Lassen Sie mich einmal bewußt mit einigen Thesen über die neuesten großartigen Übersetzungen hinaussehen, die Übersetzungen der letzten Jahrzehnte miteingeschlossen.
Ich frage mich: Wo bleibt bei all der akribischen Arbeit eigentlich der Geist der heiligen Texte, der Geist der Evangelien, der Geist der Bibel? Die Texte sind übersetzt – auch der Geist ihrer Inhalte? Dieser Geist entflieht uns doch immer mehr! Dabei sind wir wahrscheinlich der heimlichen Ansicht: Wenn wir’s nur «richtiger» übersetzen, gerechter – ob näher am Original oder näher unserer Alltagssprache –, dann wird er sich schon einstellen, der Geist. Wir versuchen, ihn mehr oder weniger bewußt mit einer neuen Sprache zu fassen, aber wir kommen nicht dran!
Es ist heute nicht so sehr die Frage der Übersetzung der Sprache der heiligen Texte, die primär notwendig sich stellt, sondern die Frage nach der Übersetzbarkeit ihres Geistes; die Frage also: Wie können wir die Inhalte der heiligen Bilder für uns neu übersetzen – in «lebendiges Wort», in sinnzeugende Bilder?
Dahin sind die neuen Übersetzungen ein Schritt, ein Riesenschritt, aber nur auf die Insel in der Mitte des Flusses. Noch ist nicht ganz übersetzt, noch hat man nicht übergesetzt ans neue Ufer, zum gefährlich vergessenen Ziel.
Vielleicht ist die Ära der Notwendigkeit der philologischen Übersetzung vorüber. Dringlicher wäre es künftig, auf der Basis solch großer Übersetzungsleistungen eine Übersetzung der Inhalte mit anderen Mitteln – durch andere Mittler – zu suchen.
Ziel wäre es, die heiligen Bilder und Inhalte im Individuum wieder anzufachen, sie lebendig zu erfahren. Das kann keine Übersetzung im herkömmlichen Sinne. Ziel ist das Herz des Lesers, der den heiligen Text erhören, das Licht seines Sinns – nicht allein rational, auch sinnlich, über den Körper, durchaus empirisch – aufnehmen könnte und so in der Dunkelkammer der Seele, geduldig ihn sichtend, entwickeln könnte, was aus bloßer Stabenschicht gedruckter Seiten zu ihm heraufwachsen will, ihm offenbart zu werden.
«Lebendig machen», was hieße das? Lassen Sie mich ein Beispiel geben, das in Bubers «Erzählungen der Chassidim» auf uns wartet. Erzählt wird, wenn ich mich recht erinnere, von einem scharfsinnigen Rabbi Bär, der einst den Baalschem aufsuchte, einen Mann, berühmt seiner Weisheit wegen. Die selbst in Augenschein zu nehmen, ihr nachzudenken, sie fleißigst selbst zu prüfen, reiste er hin. Die dürftigen Geschichten aber, kunstlos erzählt, die Rabbi Bär am Tisch des Weisen zu hören bekam, erschienen ihm so befremdlich simpel, daß er am dritten Tage den Diener einpacken hieß. Gegen Mitternacht aber, als sie unterm Licht eines wolkenbefreiten Monds die Straße betraten, ereilt ihn die Nachricht, der Baalschem bitte ihn zu sich. Kaum betritt Rabbi Bär die Kammer, fragt ihn der Weise, ob er den «Baum des Lebens» kenne und reicht ihm das kabbalistische Buch. «Ich kenne es», spricht Rabbi Bär. «Schlag auf und lies», sagt der Baalschem und deutete auf eine Stelle. «Besinne dich». Und der Rabbi besann sich. Und jetzt bedenkt er die Stelle, die sprach vom Wesen der Engel. «Nun deute!» Und jetzt deutet er sie – bis in den Kern ihrer Naben und das Gefüge der verzweigten Speichen und die Felgen der Räder ihrer Bedeutungen hinein. «Du hast kein Wissen», sagt der Baalschem zum Rabbi. «Steh auf!» Als beide sich gegenüber standen, nimmt der Baalschem ihm das Buch aus den Händen und selbst liest er sie nun, nochmals, liest die sinngedeutete, besonnen bedachte, mit den Lippen gelesen-verlautete Stelle. Da, kaum hebt der Baalschem zu lesen an, sieht Rabbi Bär – und ihm schien, als langsamte augenblicklang das Fließen der Zeit –, sieht Rabbi Bär den Funken der ersten Silbe, Zündsilbe, vom Munde des Weisen sich lösen, sieht sie im Funkensprung übersetzen, erdwärts im Fall – und die Stube vor seinen Augen im Feuer vergehn. Noch erkennt er die Engel im Brausen der Flammen, erkennt ihr Meer als das Meer der Ungeborenen Gottes, die harren, Mensch zu werden, harren, gelesen zu werden, da… – ohnmächtig bricht er zu Boden. Als der Rabbi zu sich kam, sah er die Stube unberührt, wie zuvor. Der Baalschem sprach: «Du hattest die Stelle richtig gedeutet. Aber du hast kein Wissen. Denn dein Wissen hat keine Seele.» Da half der Baalschem dem Rabbi vom Boden – und nie mehr verließ der zum Schüler Gewordene seinen Meister. Manche aber behaupten, es sei nicht der Baalschem, sondern dessen Frau gewesen, die Rabbi Bär damals vom Boden zog. Auf das Wort «Seele» sei sie in die Kammer getreten und habe dem Gefallenen aufgeholfen. Dessen Hand aber, am Tischrand sich aufstützend, als er schon stand, sei schreckhaft zurückgefahren, als sie am Holz eine Stelle berührte, die glühte.
Wir wollen das Wissen, wie Rabbi Bär – aber wir kommen zunächst immer zu rational daher, ohne Seele. Unser Wille, das ichmächtige Wollen, das im Wissen etwas besitzen und damit den Herrn spielen will, kommt so daher. Der sich da Herr wähnt, sieht das Gefühl nicht, hört nicht die Seele, die sich, ungeachtet und unerhört, ihrerseits vor ihm verschließt.
Der Wille versteht nicht, daß ihm das Ziel nicht gehört. Wer wirklich etwas vom Geheimnis dessen ahnt, was heute leichthin «Kreativität» genannt wird – als gehörte sie uns, sei unser eigen –, der weiß, wie Betsalel (Ex 31, 2), daß er nur «Schattenübersetzer» ist und Abbilder fertigen soll, die anderswo ihren Ursprung haben. Wenn er recht dient, genau hinhört auf das, was ihm zukommt, auf ihn zukommt nicht nur bei Tag, auch im Traum, entstehen Gefäße – vielleicht (ein Vielleicht, auf das hin er sein Leben wagt) –, Gefäße für das, was «unter uns zelten» will.
Dafür nochmals ein Beispiel – denn der Wille kommt so unschuldig daher, daß er meist unbewußt bleibt, alles mit seiner Unschuld verschluckt.
Zwölf Jahre ist es her, da fragte ich eine Freundin, ob sie mir einen Seminarvortrag, den sie vor einem kleinen Kreis in der Schweiz halten sollte, auf Tonband aufzeichnen und nach Los Angeles schicken könne. Ich würde ja gerne dabei sein, sagte ich, aber mir fehlten – «ganz ehrlich» – Zeit und Mittel für den Flug. In ihrem Vortrag, wußte ich, würde es um «das höchste Gut» gehen: die zentralen religiösen Bilder einer längst vergangenen Kultur.
Meine Bitte wurde abgelehnt. Nein, die Vorträge dort würden nicht aufgezeichnet, und das sei recht so. Ich verstand sie überhaupt nicht. «Was soll das? So ein Unfug, Geheimniskrämerei!» Aber sie wollte nicht einlenken; sie fürchtete, eine Aufzeichnung könnte den Geist des Vortrags und der Zusammenkunft ihrer Zuhörer stören. Ich versuchte es sogar mit indirekter Schmeichelei: «Überlege doch mal, was für ein Verlust es gewesen wäre, wenn jene Seminarteilnehmer, die C. G. Jungs Vortragsreihen mitstenographierten, so gedacht hätten. Wir hätten heute und zukünftig kein Zeugnis davon.»
Was wollte ich also – und wohin?
Ich wollte ans Feuer jenes Wissens, jener Bilder. Das aber möglichst bequem; wollte das Erlebnis, aber on my terms, zu meinen Bedingungen, wollte nicht nur einmalige, sondern wiederholbare Erfahrung. Ich wollte das «audio tape» des Vortrags über ein Heiliges, das heißt aber: eine «Übersetzung» nahe am «Original». Die dabei gezeigten Bilder würde ich mir aus anderen Quellen besorgen und wäre damit so nah als möglich am «lebendigen Wort», ohne anwesend zu sein.
Sie sehen, was ich hier – der Ratio nach vielleicht unfairerweise, aber gefühlsgerecht – vergleiche: die akustisch aufgezeichnete Lesung (ohne «Bilder», aber auch ohne «Anwesenheitszwang») mit einer philologischen Übersetzung, die starke «kommunikative Einschläge» aufweist (diesem Aspekt entsprächen der verständnisfördernde Tonfall des Gesagten, Zwischenfragen, anschließende Diskussion der Zusammengekommenen über die Inhalte des Vortrags).
Zwei Nächte nach der abgelehnten Bitte, kam der Traum, den ich gekürzt wiedergebe:
Ich folge einem Priester oder Rabbi in dunkler Kleidung. Wir halten an einer hohen Mauer, die er mit seinem Buch berührt. Auch ich berühre – es ihm nachzutun – die Wand mit einem Buch, das ich in der Hand trage. Durch einen Eingang unweit der Mauerstelle betreten wir ein Tempelgrundstück, gehen drei, vier Stufen einer breiten Treppe hinauf auf ein größeres Gebäude zu. Ich folge dem Geistlichen nach innen. Im Traum weiß ich: Er ist ein weiser Mann. In einem der Räume – seinem Zimmer? – sehe ich, wie er ein riesiges Buch mit beiden Händen aus einer Schatulle greift, in die Höhe hebt, über Kopf und Schultern, es mir zu zeigen. Ich trete heran, da senkt er es auf eine hüfthohe Ablage, hinter die er sich stellt, löst jetzt die Schleifen der Klappen und schlägt es vor meinen Augen mittig auf. Im Traum wußte ich, daß jenes kleine Buch in meiner Hand – ein Taschenbuch, das nur Prosa enthielt – auf denselben Titel lautete, den auch das große trug. «Aber was ist das für eine Ausgabe?» fragte ich, als ich auf die riesige Doppelseite blickte. Bis an den Rand war sie voll farbiger Bilder von ungeheuerster Schärfe. Alles auf diesen Seiten – Personen, Tiere, Landschaften, Objekte – war einerseits, ein jedes für sich, in schwarze Umrißlinien gefaßt, andererseits beliebig tief im schärfsten Detail zu ergründen. Als sei es dafür geschaffen, überzog die Doppelseite ein feines quadratisches Raster, so daß ich – mit der Fingerspitze eines der Quadrate berührend – je nach Druck bestimmen konnte, wie tief ich sehen wollte, wie tief hinab in Präzision: beliebig tief, schien mir, unendlich tief vielleicht. Ich wußte – wie man’s in Träumen weiß –, daß das gesamte Buch nur aus Bildern bestand, und dachte noch im Traum: «Wie eine graphic novel, die ohne Worte erzählt.» Ich schaue auf und frage den Mann: «Wo bekommt man so ein Buch?» – «So ein Buch», antwortet er, «gibt es nicht.»
Erzähler und Traum sind die notwendigen «anderen Mittler», von denen ich zuvor sprach, Übersetzer heiliger Inhalte, die es im Alltag des Willens nicht gibt oder nicht geben darf, die in der psychischen Realität aber offenbar werden können.
Ich sprach aber auch von «anderen Mitteln», anderen Zugängen, die notwendig sein könnten und quasi jedermann zur Verfügung stehen, der sich den Inhalten der heiligen archetypischen Bilder nähern will. Im «Stimmenbrunnen» (einem Abschnitt meines Buchs «Die amerikanische Fahrt») erläutere ich die enorme assimilierende Wirkung, die durch längeres lautes Lesen der Texte erzielt werden kann. Wichtig dabei ist nicht nur die Erfahrung lauten Lesens – die erschütternd sein kann. Ebenso wichtig ist es, die eigenen subjektiven Eindrücke, die dabei entstehen, empirisch zu dokumentieren. Notate, unmittelbar nach oder während der Erfahrung, sollen festhalten, was mit uns während des Lesens geschieht. Diese völlig subjektiven Eindrücke, Gefühle, Erinnerungsscherben, die sich während der Lesung des Textes (etwa des Johannesevangeliums oder des Buches Samuel) einstellen, sind gefragt, werden gesammelt; also genau die Daten mit-«gelesen», die der Intellektuelle sonst verwirft bzw. im professionellen Leben verachten gelernt hat. Sie sind das Notwendige, das uns hilft «to personalize the archetype», hilft, das heilige Urbild uns anzuverwandeln, es wirklich – rückhaltlos – jetzt in uns zuzulassen und unter Achtung unserer Scherben, Fragmente, Gefühle, die vom heilig-archetypischen Bild angezogen wurden, uns an ihm ineins zu fügen, d.h. das heilige Bild aus uns wieder zusammenzusetzen, auf daß wir an ihm erneuert würden. Denn mit diesen Daten (psychologisch gesprochen sind es Schatteninhalte) kann sich die Ratio auseinandersetzen – und an die Erfahrung, das Erlebnis längeren lauten Lesens, angeschlossen werden. Hier wird das sacrificium intellectus – so empfinden viele vielleicht die erste Phase, während der solche Notate zugelassen werden müssen – wieder wettgemacht: denn jetzt ist die subjektive Erfahrung weitmöglichst objektiviert und auch von der Ratio her betrachtbar. Wer sich um dieses Anschließen der Ratio nicht bemüht, dem bleibt das Erlebnis am Ende nur «picture show», irgendein «trip», und er verliert den Sinn der Erfahrung ans andere Extrem: Es findet keine dauerhafte Bewußtwerdung statt – sie sinkt zurück ins Unbewußte. Wir stehen dann – im Bilde gesprochen – immer noch auf der Insel mitten im Fluß, warten vergeblich beim «Baum des Lebens» – weil das, was kam, keine Spur hinterließ, uns nicht lesbar wurde durch uns. Und sprechen immer wieder mal: «Well, shall we go?» – «Yes, let’s go» – ohne den nächsten Schritt zu wagen.
Zu einem weiteren Mittel, den Inhalt eines heiligen Textes zu assimilieren, führte mich vor kurzem eine Einladung der Mannheimer «Christuskirche». Ziel ihres Projekts war: eine von Gemeindemitgliedern eigenhändig geschriebene Bibel zusammenzustellen – jedem wurde 1 Kapitel zugeteilt, das er in seiner Handschrift abzuschreiben hatte. Eine wunderbare Idee, wunderbar einfach. Mit «assimilieren» meine ich (um es hier der Deutlichkeit halber zu wiederholen) die Anverwandlung des Textes, mit dem Ziel, ihn in unserem individuellen Jetzt zu vertäuen, auf daß er real würde und wir in den Stand versetzt, mit seiner Verwirklichung, seiner Lebendigmachung – wie unscheinbar, wie unbeholfen, wie unfertig auch immer – zu beginnen. Welches Kapitel mir zufiel, erfuhr ich erst vor einigen Wochen, Monate nach meiner Zusage, die Erfahrung ist also relativ frisch. Man übergab mir die Materialien: das Bibelexemplar, von dem ich abzuschreiben hatte, den Stift, mit dem das geschehen sollte, und in einer Mappe aus festem Karton: die gedruckten Instruktionen für alle, daneben die beängstigend großen leeren Seiten samt der halbbeschriebenen Seite meines Vorgängers, an die «mein Kapitel» anschließen sollte. Gleich fiel mir dessen scheinbar problemlos natürlich geführte Handschrift auf, die einfach Wort an Wort in gehörigem Abstand klar lesbar nebeneinander setzte. Und weckte Neid in mir. Was mich hätte beruhigen können – «So geht’s also auch!» –, beunruhigte mich eher. Denn: Kann ich das so? So klar lesbar schreiben? Soll ich das so? Muß ich das so? – Flüchtige Gedanken dieser Art, kaum festzuhalten, kreuzten sich pausenlos. Ich stieß sie weg und las mir das Kapitel erst einmal durch – und dann noch einmal, und noch einmal. Schier «unglaublich» schien, daß mir ausgerechnet Kapitel 18 der «Offenbarung des Johannes» zugefallen war. Eine Synchronizität, dachte ich, vor allem in Anbetracht rezenter Träume.
Ich lasse die persönlichen Assoziationen aus, die sich beim Abschreiben der Bilder einstellten («Exil», «Babylon», «Hollywood») – genug, daß sie kamen, bemerkt und wenigstens im Nachhinein notiert und weiter bedacht werden konnten. Vielleicht sind sie zu persönlich – noch zu persönlich. Andererseits sind sie, sehe ich, in den Bildern der «Amerikanischen Fahrt» bereits vorhanden, besprochen sogar; jedenfalls sehe ich sie dort angekündigt. Aber die allgemeiner gehaltenen Notate will ich hier geben. Sie beschreiben, so sehe ich’s, das Aufeinandertreffen zweier Sphären, die sich sonst wenig zu sagen haben – was nur heißt, wir hören im religiösen Kontext nicht hin, geben uns zu wenig Gelegenheit das zu hören. Es scheint uns zu unwesentlich, zu gering, zu dürftig und ungenau – was «Bruder Esel» zum Beispiel von sich gibt. Die eine Sphäre beschreibt den Geist, eher: den Intellekt und ratiogenährten Willen, die andere das Gefühl und den Körper. Die Notiz zum Vorgang der Niederschrift des Kapitels liest sich im Tagebuch so:
20.7.17 Donnerstag
Das 18. Kapitel der «Offenbarung» kopiert. Überschrift: «Der Fall von Babylon». Erste Zeile: «Und danach sah ich einen anderen Engel niederfahren vom Himmel, der hatte große Macht, und die ganze Erde ward erleuchtet von seinem Glanz.» – Wie auf Glatteis unterwegs mit dem Stift, der mitgeliefert wurde. Um dagegenzuhalten, viel zu verkrampft mit den Fingern beim Schreiben. Fühle mich wie ein learner auf Rollschuhen, die unter mir ausgleiten. – Die Symbolik des Vorgangs – der «Bau» des Heiligen Buchs –, die Unzulänglichkeit der eigenen Schrift, der eigenen Person: all das wiegt schwer – und treibt doch federleicht in Gedankenschlieren heran, die sich um meine Stiftspitze winden, bis sie den «flow» des Schreibens hindern, bedenklich machen, erst gar nicht aufkommen lassen. Aber zugleich auch große Aufmerksamkeit, Bewußtheit (zuviel?) – und am Schluß die physische Erinnerung an die Bilder, die bleibt; auch weil die Haltung am Tisch – ungewohnt vornübergebeugt auf ungewohnt großen Papierbögen in ungewohnt einzuhaltenden Zeilen zu schreiben – mir den Rücken verbog. Noch Stunden darauf, nach dem Spaziergang im Regen: diese Anstrengung im Rücken, dieses Verbogensein, «um ja alles richtig zu machen», diese gebeugte Acht, unter der ich eine Zeitlang gewesen war, inmitten der Bilder und Anordnungen meines achtzehnten Kapitels. – Eine ganze Parallelbibel ergäbe sich, würden die Kopisten beim Abschreiben der Kapitel ihre Gedanken verzeichnen. – Unzulänglichkeit, Unsicherheit: endlich wagen sie sich an den Tag, bauen überm verspannten Bogen hin spürbar am Sinn. – Vielleicht ist es als paradoxer «windfall» der Computerschrift, unseres Tastaturschreibens heute zu werten, daß die Handschrift vernachlässigt, oft schon so-gut-wie obsolet wird. Gerade durch ihr Besiegtworden-, ihr Vergessenworden-, Überholtwordensein taugt sie wieder als Projektionsmedium ihres numinosen Aspekts. In unserer resultierenden Unsicherheit, unbestimmten Angst unseres Ungenügens, scheint etwas auf vom Urbild jenes schicksalsbestimmenden «Schriftzugs an der Wand», der Deutung verlangt. – Etwas an diesem Ereignis des Abschreibens der Schrift, dieses einen Kapitels in Handschrift, erinnert mich an das Wunder, das eine Legende von Simson erzählt: Der drohte einst zu verdursten. Da quoll ein Quell Wasser aus seinem Munde hervor.