1. Der Garten als Ort des Lebens
Gärten erfreuen sich größter Beliebtheit. Viele Menschen nennen einen Garten ihr Eigen. Sie verbringen viel Zeit darin und scheinen weder Aufwand noch Mühen zu scheuen, ihren Garten zu gestalten. Sie ziehen Gemüse, sorgen sich um Obstbäume und pflanzen Blumen. Sie erleben, alleine oder im Familien- und Freundeskreis, nach getaner Arbeit Mußestunden voller Leichtigkeit im Garten. Ihr Garten gehört zu ihrem Haus und umgibt es nicht nur, sondern verleiht ihm ein Gesicht: freundlich, voller überraschendem Form- und Farbenspiel und einladend oder eher abgrenzend, klar und einfach strukturiert und schützend. Manch andere suchen ihr Glück in einem Kleingarten fern der eigenen Wohnung. Auf nur wenigen Quadratmetern bauen sie Kartoffeln, Erbsen oder Erdbeeren an, suchen Erholung vom Alltag oder erfreuen sich am abendlichen Plausch mit den Nachbarn. Wieder andere gestalten ihren Balkon oder sogar ihre Wohnung wie einen Garten. Neben allerlei Kräutern stehen Töpfe mit Blumen oder sogar Gemüsepflanzen. Und nicht wenige Menschen suchen Erholung in den großen Parks und öffentlichen Gärten der Städte, die wie eine grüne Lunge nicht nur für frische Luft sorgen, sondern Menschen versammeln: die einen beim Sport und Spiel oder im Gespräch, andere beim Picknick oder selbstvergessen bei der Lektüre einer Zeitung oder eines Romans.
Wenn man sagt, Menschen ziehe es in die Natur, so ist damit weniger die wilde, vom Menschen unberührte Natur, sondern zumeist ein Garten oder so etwas wie ein Garten gemeint: ein überschaubares Stück vom Menschen bearbeiteter und geformter Natur. Einen Garten zu haben ist daher zutiefst menschlich. Es gibt zwar auch heute noch nomadisch, ohne festes Haus und Garten lebende Menschen. Doch sobald der Mensch sesshaft wurde, machte er sich – in den Worten des biblischen Buches Genesis – die Erde untertan und legte Gärten an, um von ihnen leben zu können. Bis heute erfüllen viele Gärten diese Funktion. Es gibt Kräuter-, Obst- oder Gemüsegärten, und in manchem Garten lebt noch das ein oder andere Tier. Doch beschränkt sich das Gärtnern nicht allein darauf, den Menschen mit notwendigen Lebensmitteln zu versorgen. Wer gärtnert, verbindet das Nützliche der oft mühevollen Gartenarbeit mit dem Angenehmen und Schönen.
In vielen, wenn nicht sogar in allen Gärten gibt es daher Elemente, die nicht notwendig sind, sondern dem Menschen gefallen und ihn erfreuen: einige dekorative Hecken, Büsche oder Bäume hier, ein kleiner Teich dort, ein Brunnen oder eine Figur an dieser Stelle, eine Ansammlung von Steinen oder Blumen anderswo. Und selbst das Notwendige – ein kleines Feld, ein Gemüsebeet, eine Grenzbefestigung oder ein Tor – ist oft mit einem Blick für jenes, was mehr als bloß notwendig ist, angelegt. Dass ein Garten schön ist, nicht nur gut gepflegt, sondern auch in seiner Anlage und Gestaltung ansprechend und die Seele erhebend, ist der Stolz eines jeden Gärtners, der Besucher gerne durch seinen Garten führt und von ihm spricht wie von einem Kind, das wächst und gedeiht und manchmal auch störrisch nicht tut, was von ihm erwartet wird. Daher ist die Beziehung des Gärtners zu seinem Garten nie neutral oder bloß funktional. Viele Gärtner sind in bestem Sinne Amateure. Sie lieben, was sie tun. Selbst wer nicht von den Früchten seines Gartens leben muss oder Obst und Gemüse mit wesentlich weniger Aufwand auf dem Markt erstehen könnte, erfreut sich an einer guten Ernte. Aus dem eigenen Garten, so sagt man, schmeckt es doch am besten.
Ein Garten ist aus diesem Grund nicht nur ein Ort der Mühe und der Arbeit, sondern ebenso der Freude und des Genusses. Er kann sich als Heimatort zeigen, als ein Stück erquickender Natur, das Menschen sich einrichten, um sich – zusammen mit jenen Menschen, die ihnen lieb und vertraut sind – zuhause und glücklich zu fühlen. Zwar gibt es standardisierte, gesichtslose Gärten, lieblos angelegte Vorgärten oder mit viel Geld, aber wenig eigener Kreativität errichtete Gartenanlagen. Doch gibt es auch Gärten, in denen sich – wie in der Gestaltung und Einrichtung eines wirklich, nicht allein äußerlich bewohnten Hauses, eines Eigenheims – ein Mensch in besonderer Weise zeigt: als jemand, der, wie Schloss- oder Königsgärten eindrucksvoll zeigen sollen, besonders mächtig und einflussreich ist, oder auch als jemand, dem es wichtig ist, ein wenn auch noch so kleines Stück Natur zu hegen und zu pflegen und sich in ihm aufzuhalten.
Im Garten spielt sich das Leben des Menschen ab. Als Lebensraum bietet er Schutz und Geborgenheit und ist ein Ort des Vertrauens und der Begegnung. Allzu groß darf er nicht sein. Ein echter Garten, ja, selbst ein Park bedarf eines menschlichen Maßes. Man hält sich in ihm auf, um zu leben, und man gestaltet ihn so, dass man gut in ihm leben kann. Daher kann der Garten zu einem Symbol gelungenen Menschseins werden.
2. Der Garten als Ort der Erfahrung und Erkenntnis
Der Garten ist nicht allein ein Lebensort, sondern auch ein Ort menschlicher Selbsterfahrung und -erkenntnis. Im Garten wird sich nämlich der Mensch seiner eigenen Natürlichkeit bewusst. Mit der einfachsten Pflanze oder dem kleinsten Tier teilt der Mensch das Leben. Selbst an einer kleinen Blume kann ihm deutlich werden, was es bedeutet zu leben. Die Blume zeigt, dass es nicht nur das bloße, sondern das gute Leben gibt und dass, was auch immer lebt, danach strebt, gut zu leben. Sie zeigt auch, dass dies nicht allein erreicht werden kann. So wie die Blume einer guten Lage, nährender Erde, der Luft und der Sonne bedarf und durch menschliche Sorge noch besser gedeihen kann, ist auch der Mensch als Lebewesen angewiesen auf all jenes, von dem er lebt. Fehlt ihm dies dauerhaft, wird er, so wie die Blume, der es am Notwendigen fehlt, welk wird, ihre Blätter verliert und stirbt, seine Lebenskräfte verlieren und sterben. Gerade im Garten kann dem Menschen daher die Einheit des Lebendigen deutlich werden – und zugleich auch jene Differenz, die ihn als Menschen von allen Pflanzen und Tieren unterscheidet. Denn aufgrund seiner Vernunft und Freiheit kann er sich nicht nur zu seiner eigenen Natur noch einmal eigens verhalten und diese kultivieren; auch die nicht-menschliche Natur kann von ihm gestaltet, gehegt und gepflegt werden. Er erfährt sich dabei zunächst einmal – in einem ursprünglich menschlichen Verhältnis zur Natur – nicht als Herrscher über den Garten, sondern als jemand, dem die Natur zur Hege und Pflege anvertraut ist. Nur insofern ist sie dem Menschen «untertan». Dem Gärtner ist bewusst, dass er in, mit und von seinem Garten lebt und dass sein Verhältnis zu allem, was in seinem Garten lebt, von Verantwortung gekennzeichnet sein sollte.
Noch in einer anderen Weise kann der Garten den Menschen viel über sich selbst lehren. Denn so, wie die Jahreszeiten einen Garten verändern, wie der Garten im Frühjahr besonderer Pflege bedarf, aber zugleich voller Energie und Offenheit für die Zukunft ist, wie er im Sommer in voller Kraft und Blüte steht, wie im Herbst die Ernte eingeholt und der Garten, mit der ihm eigenen Melancholie den nun kürzeren Tagen ausgesetzt, für die dunkle und kalte Jahreszeit vorbereitet wird und wie im Winter der Garten zu ruhen scheint, können auch die verschiedenen Phasen des menschlichen Leben verstanden werden. Der Garten wird dann zu einem Bild des menschlichen Lebens in seinem Verlauf – vom Frühling der Jugend bis hin zum Winter des Alters. Karl Krolow hat in seinem Gedicht «Frühjahr» eine frühlingshafte Naturerfahrung geschildert. Diese wird zum Bild anfänglichen, freien Menschseins:
Frühjahr
Es gibt noch kein Gras
zu besingen.
Landschaft, adjektivlos,
in der man
einen Fuß vor den anderen setzt.
Nur in der Hand gesammelt:
Blau
Weidenhaar einiger Mädchen.
Die Helligkeit ist frei
Von Schatten.
Unruhige Freiheit
der Perspektive:
Frühjahr.1
Erinnert der Garten im Frühjahr an die österliche Dimension des Lebens, daran, dass aus dem Tod neues Leben, aus den Schatten Helligkeit, aus der Eigenschaftslosigkeit Bestimmtheit und aus Ruhe die Unruhe der Freiheit erwächst, daran also, dass, was wüst und leer erscheint, bald vor Leben und Lebendigkeit nur so strotzen wird, so wird der Garten im Winter zu einem Bild der Unweigerlichkeit des Abschieds, des Sterbens und des Todes. Was auch immer lebt, so zeigt der Garten, wird sterben und verwesen. Und wie der Garten aufersteht, so trägt manch einen Menschen auch die Hoffnung, dass der winterlichen Kälte und Leblosigkeit nicht das letzte Wort gehört.
Manchmal erscheint der Garten auch als Symbol eines bestimmten Lebensalters. So hat Hermann Hesse die Jugend als einen Garten beschrieben:
Jugendgarten
Meine Jugend war ein Gartenland,
Silberbrunnen sprangen in den Matten,
Alter Bäume märchenblaue Schatten
Kühlten meiner frechen Träume Brand.
Dürstend geh ich nun auf heißen Wegen
Und verschlossen liegt mein Jugendland,
Rosen nicken übern Mauerrand
Spöttisch meiner Wanderschaft entgegen.
Und indes mir fern und ferner singt
Meines kühlen Gartens Wipfelrauschen,
Muß ich inniger und tiefer lauschen,
Wie es schöner noch als damals klingt.2
Erwachsen zu werden, zu reifen und zu altern bedeutet, den idyllischen Raum des Gartens zu verlassen und sich auf die oft harte und entsagungsvolle Wanderschaft zu begeben. Der Gartenraum ist daher ambivalent. Er gewährt Schutz und bewahrt vor den Gefahren, die außerhalb seiner Mauern drohen. Doch zugleich erlaubt er es nicht, jene Erfahrungen zu machen, die allein außerhalb seiner Grenzen möglich sind. Zum Leben gehört es, den Garten der Jugend zu verlassen – und sich seiner, mal voller sentimentaler Melancholie, mal voller selbstgewissen Stolzes auf das, was man seit dem Abschied vom Garten erreicht und erkundet hat, zu erinnern.
3. Der Garten als Ort der Gottesbegegnung
Wer im Sommer in einem Garten sitzt und sich seiner erfreut – der Ruhe und des Friedens, die er schenkt –, mag sich an den Garten Eden erinnern, jenen Garten der Fülle, in dem der Mensch zusammen mit Gott ein friedliches Leben führte. Ein Garten kann daher gerade als Ort harter Arbeit zu einem Ort der Sehnsucht werden, zu einem Bild eines ursprünglichen Glückes oder einer noch ausstehenden Erlösung von allen Mühen. Es wundert daher nicht, dass der Garten ein wichtiges Symbol in vielen Religionen ist – als Ort der Erinnerung, aber auch der Hoffnung, als Weg zu Gott, aber auch als Bild für das Leben in der Nähe Gottes. Gerade wegen dieser Dimension sind Gärten in besonderer Weise Orte der Meditation. Der Gang im Garten ist immer auch ein Gang zu sich selbst – und über sich selbst hinaus. Sehr deutlich zeigen dies nicht nur die kunstvoll angelegten und den gesamten Kosmos repräsentierenden orientalischen Gärten, die Arbeit und Kontemplation miteinander verbindenden Klostergärten, sondern auch Irrgärten. Denn diese dienen nicht allein dem Vergnügen, sondern können auf einer tieferen Ebene als Symbol für menschliches Leben verstanden werden. Wer einen Irrgarten durchwandert, gerät in eine Meditation über den oft im Unbekannten verlaufenden oder manchmal sogar in die Irre führenden Weg seines Lebens – vom Ausgangspunkt bis zu einem möglichen Ziel, das in vielen Irrgärten nicht nur einen Überblick über den Gang des Gartens, sondern auch einen besonderen Ausblick auf einen umliegenden Park eröffnet.
Für Christen sind Gärten in einer vertieften Weise Orte des Gebetes und der Besinnung. Denn der Garten erinnert nicht nur an die ursprüngliche Schöpfungsabsicht Gottes und seinen Auftrag an alle Menschen: «bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen» (Gen 1, 28f ). Gärten sind in besonderer Weise Orte christlichen Eingedenkens. Denn in der Nacht vor seinem Verrat und seinem Tode hat Jesus in einem Garten gebetet und sich dem Willen seines Vaters ausgeliefert. Im Garten spricht Jesus: «Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm (neue) Kraft. Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte» (Lk 22, 42ff ). Der Wille des Vater führt Jesus zu einem anderen Garten, nämlich jenem in der Nähe der Kreuzigung, in dem er bestattet wurde (vgl. Joh 19, 41ff ). Jeder Garten kann auch an diese dunklen Stunden und das Opfer Christi erinnern – und gerade deshalb auch als Symbol der Erlösung verstanden werden. Wie der Sündenfall in einem Garten stattfand, so findet auch die Erlösung des Menschen – Jesu Hingabe an den Willen des Vaters – in und bei einem Garten ihren Ort.
In einem anderen seiner zahlreichen Garten-Gedichte hat Hermann Hesse in starken Bildern die Verbindung von Gethsemane und Golgatha zu jedem menschlichen Garten – im Übergang vom Winter zum Frühling, in der Gleichzeitigkeit von Todes- und Festduft – gezogen:
Karfreitag
Verhangener Tag, im Wald noch Schnee,
Im kahlen Holz die Amsel singt:
Des Frühlings Atem ängstlich schwingt,
Von Lust geschwellt, beschwert von Weh.
So schweigsam steht und klein im Gras
Das Krokusvolk, das Veilchennest,
Es duftet scheu und weiß nicht was,
Es duftet Tod und duftet Fest.
Baumknospen stehn von Tränen blind,
Der Himmel hängt so bang und nah,
Und alle Gärten, Hügel sind
Gethsemane und Golgatha.3
Der Garten kann aber auch Ort der Gotteserkenntnis sein. Goethe – selbst Gärtner – spielt auf diese Tradition an, wenn er Gretchen die berühmte «Gretchenfrage» in einem Garten stellen lässt: «Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon» (Faust I, V. 3415ff ). Im Garten begegnen sich die traditionelle Frömmigkeit des jungen Mädchens und die wissenschaftliche Rationalität des älteren Wissenschaftlers. Dieser besondere Ort scheint eine geistige Sammlung und Konzentration zu erlauben, die ihn zu einem Ort der Entscheidung macht. Wer sich sammeln möchte, kann zwar in die freie, wilde Natur gehen. Doch könnte dies mit Gefahren und Irritationen durch das Unbekannte verbunden sein. Der Garten ist jene Natur, die vertraut ist und die doch den Menschen herausfordert – durch ihre Schönheit, durch die Stille oder die Erfrischung, die sie gewährt und die den Menschen auf sich hin sammelt. Auch Augustinus verortet seine Bekehrung daher in einem Garten (vgl. Confessiones 8,8) – und bezieht sich dabei nicht allein auf die universal anthropologische Bedeutung des Gartens als eines Transzendenzraumes, sondern auch auf die spezifisch biblischen Dimensionen des Gartens als eines Ortes ursprünglicher Gottesnähe, des Sündenfalls und der Erlösung. Der Garten als soteriologischer Ort findet sich auch in jenen Darstellungen Mariens, in denen Maria in Anspielung auf das Hohelied (Hld 4.12) im Schutz eines hortus conclusus sitzt: als Verweis darauf, dass sie ein verschlossener, von der Sünde freier Garten ist, der für das Wachstum des Heils, die Geburt des Heilands offen und bereit war.
4. Der Garten als Ort der Versöhnung und Schule der Menschlichkeit
Im Garten verhält sich der Mensch zur Natur, gestaltet sie, lebt mir ihr und hört auf sie. In einem Garten darf man sich nicht wie ein Jäger und Sammler verhalten. Man darf nicht einfach nehmen, was man findet, auch wenn man es braucht. Man muss planen und arbeiten, damit der Garten Frucht bringt. Jeder Garten bedarf der Vorausschau des Gärtners. Dieser muss wissen, was jeweils an der Zeit ist. Er sorgt sich um ein kleines Stück Natur. Dies ist ein menschliches Verhältnis zur Natur. Dabei wird nicht einfach radikal Getrenntes oder Gegensätzliches miteinander in eine Beziehung gesetzt. Im Garten kann sich der Mensch seiner eigenen Natürlichkeit inne werden. Und umgekehrt kann die Natur dadurch, dass sie gestaltet und gepflegt wird, ein menschliches Gesicht annehmen. Mensch und Natur sind im Garten miteinander versöhnt, so dass viele Gärten auch zu einem Symbol der Versöhnung werden konnten. In ihnen verbindet sich das Notwendige mit der Freiheit, die Ordnung mit dem Chaos, der Ernst mit dem Spiel, die Hand des Menschen mit dem Geschick der Naturgewalten und die Kunst mit dem Natürlichen.
Im Garten drückt der Mensch daher der Natur nicht seinen alles bestimmenden Stempel auf, sondern handelt und lebt mit ihr, hört auf sie und orientiert sich an ihr. Ein guter Garten ist daher ein Versuch, die Natur nachzuahmen, so sehr, dass manchmal die Absicht des Gärtners darin besteht, selbst unsichtbar zu werden und hinter seinem eignen Tun zu verschwinden. Inbesondere chinesische und japanische Gärten stellen Versuche dar, die Natur nachzuahmen. Dadurch entsteht ein Bild der Natur en miniature, des Großen im Kleinen. Im europäischen Kontext lebt dieser Gedanke in den englischen Gärten und Parks fort. In ihnen geht es um eine möglichst meisterliche Nachahmung der Natur – im Gegensatz zu den Gärten der Renaissance und insbesondere des Barock, in denen die Natur geometrisch durchstrukturiert wurde. Während die Barockgärten den Geist einer oft rationalistisch zugespitzten Aufklärung atmen und die Natur dem Menschen als zu gestaltendes Objekt gegenüberstellen, sind die englischen Gärten nicht weniger, aber anders gestaltet: als Orte, an denen der Mensch dem Natürlichen möglichst nahe kommt.
In dieser Imitation der Natur wird anerkannt, dass sich die Natur nie den Zwecken und Interessen des Menschen gänzlich unterordnen lässt. Sie ist kein Gegenstand, sondern die Voraussetzung und der Rahmen menschlicher Freiheit. Es erscheint daher befremdlich und verstörend, wenn in der industriellen Landwirtschaft die Natur darauf reduziert wird, bestimmte Funktionen zu erfüllen. Zwar kann der Mensch die Natur verobjektivieren und seiner Macht unterordnen. Die Natur erscheint ihm dann als ein Reservoir von Gütern, derer er sich als Herr und Meister bedienen kann. Dabei zeigt sich jedoch eine oft übersehene Dialektik: Wenn die Natur auf das Maß des Menschen reduziert wird, verschwindet nicht einfach das Wilde und Unkultivierte der Natur. Es kommt wieder zum Vorschein im Handeln des Menschen, das selbst wild und unkultiviert wird und sich letztlich auch gegen ihn selbst richten wird. Denn irgendwann wird der im Eifer des Industriellen verfangene Mensch dann auch andere Menschen und sich selbst so auszunutzen versuchen, wie er die ihn umgebende Natur auf ihren bloßen Nutzen reduziert. Die Landwirtschaft ist daher nur dann wirklich menschlich, d. h. gut für den Menschen und die Natur, zu der er gehört, wenn sie in Analogie zu einem gärtnerischen Tun geschieht, das seinen Ort in und nicht über der Natur hat und in dem Menschen in einem sorgend-pflegenden Verhalten zur Natur Grenzen erfahren und anerkennen.
Daher können Gärten auch Orte der Einübung in gelungenes Menschsein sein. Wenn Kinder in einem Gärten aufwachsen, wachsen sie in ein menschliches Verhältnis zum Natürlichen hinein. Sie erfahren Verantwortung für andere Geschöpfe, können ihrer Phantasie, Abenteuerlust und Kreativität im Schutz des Gartens freien Lauf lassen, erleben dabei auch den Wandel der Jahreszeiten und erlernen die Bedeutung weiser Vorsicht, die Unverzichtbarkeit des Maßhaltens und den Respekt vor jenem, was von sich selbst her wächst und was sich immer auch als machtvoll zeigen kann und Scheu und Achtung einfordert. Denn so sehr die Natur kultiviert und auf den Menschen und sein vernünftiges und freies Handeln bezogen werden kann, so sehr zeigt sie sich gerade auch in jedem Garten als jenes andere, an dem sich die Menschlichkeit des Menschen je neu bilden und bewähren kann. So ist der Garten vor allem anderen eine Schule der Menschlichkeit, eine Heterotopie, wie Michel Foucault betont hat,4 ein wunderbarer, magischer und geheimnisvoller Anders- oder Gegenraum zu den allzu alltäglichen Orten, die Eröffnung der Möglichkeit glückenden Menschseins.