Konfessionen als Traditionen?Auf dem Weg zu einer Ökumene des Zeugnisses

Abstract / DOI

Denominations as Traditions? This article deals with the challenges of ecumenism today and argues that there can be a plurality of forms of expression and different types of the gestalt of the one truth of the Gospel. These traditions are neither contingent nor authoritative. Catholicism in it’s genuin sense allows for a theological, spiritual, and liturgical plurality of forms which do not exclude each other, but have a rather complementary relationship. 

Die Beziehung zwischen Schrift und Tradition ist bis in unsere Zeit hinein eines der am meisten diskutierten kontroverstheologischen Themen zwischen evangelischer und katholischer Theologie. Unterschiedliche Positionierungen in der Schriftfrage beherrschten die jeweiligen Theologien über lange Zeit. Auch wenn gewichtige einzelne Fragen noch ohne ausreichende Klärung sind, kann dennoch ein Konsens in grundlegenden Fragen des Schriftverständnisses festgestellt werden. Als gemeinsame Quelle von Schrift und Tradition erscheint das Wort Gottes, nämlich Christus selbst als das Fleisch gewordene Wort Gottes in der Überlieferung der Kirche. Die Schrift ist aus einem Traditionsprozess hervorgegangen und damit Produkt der lebendigen Überlieferung des Evangeliums von Jesus Christus. Die spätere Tradition kann danach als lebendige Gegenwart des Evangeliums verstanden werden. Somit ist die in der Kirche lebendige Schrift als überlieferte selbst in der Tradition lebendig. So erscheint die Tradition als Ort der Vergewisserung der Schrift. Aufgrund dieser komplexen und voraussetzungsreichen Ordnung ist es heute nicht mehr möglich, Schrift und Tradition exklusiv gegeneinander zu stellen.1 Dieser über lange Jahrzehnte geführte Dialog hat weitere Lernprozesse freigesetzt.

1. Tradition und Traditionen

Frühe ökumenische Texte, die sich auf die kontroverstheologische Fragestellung von Schrift und Tradition beziehen, machen noch eine weitere Unterscheidung geltend, die bisher nicht in einem ausreichenden Maße diskutiert worden ist. Eine erste Klärung wurde in einem frühen ökumenischen Dokument vorgenommen. Es handelt sich um einen Text der vierten Weltkonferenz der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen, die 1963 in Montreal stattfand.2 «Wir sprechen von der Tradition, einer Tradition und den Traditionen. Mit der Tradition ist das Evangelium selbst gemeint, wie es von Generation zu Generation in und von der Kirche übermittelt wurde: der im Leben der Kirche gegenwärtige Christus selbst. Mit Tradition meinen wir den Traditionsvorgang. Der Begriff Traditionen wird in einem doppelten Sinn gebraucht: Wir brauchen ihn einerseits, wenn wir von der Verschiedenheit der Ausdrucksformen sprechen, andererseits aber auch, wenn von dem die Rede ist, was wir gemeinhin konfessionelle Traditionen nennen, wie z.B. die lutherische Tradition oder die reformierte Tradition.»3 Unter der Überschrift «Die Einheit der Tradition und die Vielfalt der Traditionen» führt der Text die Tatsache ins Feld, dass die verschiedenen christlichen Gemeinschaften ihre eigenen Traditionen entwickelt und diese in einer eigenen Geschichtsschreibung profiliert haben. Wenn von Traditionen die Rede ist, meint man einerseits unterschiedliche Ausdrucksformen der einen Tradition, andererseits aber konfessionelle Traditionen, die sich voneinander abgrenzen. Welches Gewicht haben diese Traditionen in der Vergangenheit gewonnen? Nicht selten kann hier der Verdacht aufkommen, dass sich solche Traditionen verselbständigt haben und so zum Ausgangspunkt der Interpretationen und Aneignungen der einen Tradition geworden sind. Dann sind solche Traditionen mitunter der alleinige Zugang zur Tradition. Das wirft weitere Fragen auf. Verstellen verschiedene, voneinander abgegrenzte Traditionen, die sich in unterschiedlichen Ausdruckformen spiegeln, wie etwa in der Liturgie, wie bei den Orthodoxen, oder in der Predigt, wie bei den aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften und Kirchen, nicht auch unterschiedliche Kirchentümer, die dann die Frage nach der einen Kirche in den verschiedenen Gestalten der Kirche aufwerfen? Wie kommt die eine Kirche in den verschiedenen Traditionen vor?

Vor einigen Jahren hat der Ökumenische Rat der Kirchen einen neuen Text vorgelegt, in dem die bisherigen Unterscheidungen fortgeführt und in einen hermeneutischen Kontext einfügt wurden.4 Traditionen sind nicht nur auf die Vergangenheit gerichtet, sondern beziehen sich viel mehr noch auf die Gegenwart. Vor allem die jungen Kirchen in außereuropäischen Regionen verstehen ihre Situation nicht selten als in ihrer Weise herausgehoben an, oftmals sprechen sie von sich selbst als Kirchen in apostolischer Situation. Hier gibt es nun in der Fragestellung eine Weiterentwicklung: Wie können Christen ihre eigenen Traditionen in der einen Tradition wiederfinden? Das wirft die Frage nach der gegenseitigen Anerkennung der verschiedenen Traditionen untereinander auf. Damit kommt ein Prozess der Re-Rezeption im Licht der einen Tradition in Gang. Hier kommen Kirchen mit ihrer eigenen Geschichte, ihren Liturgien und Märtyrern und Heiligen in den Blick. Gegenseitige Verständigung soll sich jenseits der konfessionellen Grenzen entwickeln, ist dabei die ökumenische Hoffnung. Eine Erweiterung erfährt diese Fragestellung im Zusammenhang einer Verständigung über Kontexte kultureller, politischer, ökonomischer und religiöser Art. Wächst hier ein neues ökumenisches Kriterium heran?

2. Traditionen und Konfessionen

Bis hinein in die jüngsten ökumenischen Dokumente gehen die allermeisten bilateralen Texte in der Beschreibung der unterschiedlichen in den Kirchen beheimateten Traditionen davon aus, dass diese konfessionell bestimmt sind. Damit tragen die am Dialog beteiligten Kirchen konfessionelle Merkmale als traditionsbestimmte Eigenheiten, die sie als Konfessionen, konfessionelle Traditionen voneinander unterscheiden. So ist der Sprachgebrauch im weitesten Sinn etwa durch anglikanische, lutherische, reformierte oder katholische Traditionen bestimmt. In ihnen werden unterschiedliche theologische Positionen oder Positionierungen profiliert. Es handelt sich hierbei um konfessionelle Identifikationen, die sich in unterschiedlichen theologischen und lehrmäßigen Kontexten dokumentieren lassen. Dieser Sprachgebrauch ist allgemein in den ökumenischen Texten erkennbar. So sehr sich dieser Sprachgebrauch auch eingebürgert haben mag, so problematisch zeigt er sich in verschiedenen Hinsichten.

Zur Problematik des Konfessionellen

Die konfessionell geprägten Eigenentwicklungen, die konfessionellen Traditionen, lassen sich gemeinhin als konfessionelle Identitäten verstehen. Sie signalisieren die Zugehörigkeit zu einer konfessionell geprägten Kirche. Die Spannung zwischen der kirchlichen und der konfessionellen Identität ist jedenfalls die Wurzel für das Verstehen der ökumenischen Bewegung. Nun erscheint es aber zunächst nicht schwierig, die kirchliche von der konfessionellen Identität zu unterscheiden.5 Das ist eine weithin gebräuchliche Unterscheidung. Danach verstehen wir unter der kirchlichen Identität die Zugehörigkeit des getauften Christen zur Kirche Jesu Christi. Das ist auch gemeint, wenn die Kirchenkonstitution Lumen gentium von der durch die Taufe bewirkten Verbundenheit mit der Kirche spricht.6 Zugleich steht aber fest, dass Getaufte, die die Einheit mit dem Nachfolger Petri nicht gewahrt haben, eigenen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften angehören. Diese historisch verifizierbare Zugehörigkeit zu solchen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist als konfessionelle Identität anzusprechen. Christen leben in historisch, kulturell, dogmatisch und soziologisch feststellbaren Identitäten. Freilich tritt nun aber doch noch eine weitere Identitätsform auf. Auch auf diese weist das Zweite Vatikanische Konzil deutlich hin: Verbindet die Taufe mit Christus, so bezieht sich christliche Identität auf die Beziehung, die den Gläubigen mit Christus verbindet, zugleich aber auf die in der Taufe bewirkte Verbindung mit einer Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft, die, konkret angesprochen, auch nichtkatholische Kirche meint. Christliche und kirchliche Identität können daher nicht voneinander getrennt werden, sie sind aber auch nicht einfach identisch und müssen daher, wenn auch in einer komplexen Wirklichkeit miteinander verbunden, unterschieden werden.

Von dieser komplexen Wirklichkeit kirchlicher und christlicher Identität kann aber die konfessionelle Identität nicht losgelöst werden. Sie ist das Anerkenntnis einer Zugehörigkeit zu einer historisch gegebenen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft.7 Wenn keine konfessionelle Kirche sich ohne Umschweife mit der Kirche Jesu Christi identifiziert, wie das ökumenische Dokument der Groupe des Dombes formuliert, so ist die Katholizität verwundet, oder es ist, wie es das Ökumenismusdekret festhält, die Ausprägung der Katholizität behindert.8 Dieses Hindernis betrifft ursächlich die ökumenischen Bemühungen. Umkehr und Erneuerung beziehen sich danach auf Verurteilungen und Abgrenzungen, die überwunden werden sollen. «Der Konfessionalismus ist die Verhärtung der konfessionellen Identität, verbunden mit einer Haltung der Selbstrechtfertigung.»9 Der Konfessionalismus ist darauf fixiert, die christliche und kirchliche Identität, die sich in der konfessionellen Identität ausdrückt und realisiert, zu verfestigen und integralistisch zu bewahren. Er ist ein historisches Phänomen, das jederzeit kirchliche und christliche Identität zu überformen sucht. Hier liegt die geschichtliche Hypothek jeder christlichen Kirche. Diesen Zusammenhang erkannt zu haben, ist die historische Leistung der ökumenischen Bewegung. Insoweit ist klar: Jede Konfessionalität bedarf der Verwandlung, der Umkehr. Sie beinhaltet das Zugeständnis, Sünden gegen die Einheit zu bekennen, weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Konfessionalität die Abgrenzung und den Ausschluss fördert und belebt. Unabhängig von der Tatsache, ob eine Kirche sich nun als Konfession versteht oder nicht, sie ist nicht frei vom Hang zur Selbstabschottung oder Selbstrechtfertigung.

Zur Problematik der Traditionen

Als Präfekt der Glaubenskongregation hat Joseph Ratzinger Mitte der Achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts die im ökumenischen Dialog eingebürgerte Rede von Traditionen als feststehender ekklesialer Strukturen, die miteinander im Gespräch sind, einer ausführlichen Kritik unterzogen. Wenn Traditionen als konkrete Gestaltungen des Christlichen erscheinen, in denen die einzelnen Konfessionen leben, dann sind Traditionen ekklesiale Realitäten, die sich als unhintergehbar und verbindlich verstehen. Sind diese zudem eindeutig konfessionell bestimmt, ist der ökumenische Dialog nur mehr ein diplomatisches Austarieren von Wahrheiten.

Zu dieser Einsicht kam Joseph Ratzinger nach dem Studium der von der anglikanisch-katholischen Dialog-Kommission vorgelegten Texte. Diese hatte festgestellt, dass weder allgemeine Konzilien noch die Inhaber des universalen Primats ausnahmslos vor Irrtum bewahrt seien10, also nur solche Urteile von Konzilien vor Irrtum geschützt seien, die die zentralen Wahrheiten des Glaubens formulieren und die konsistent mit der je eigenen Tradition sind11. Die Analyse dieses Textes offenbart in den Augen von Joseph Ratzinger die entscheidende Problematik des anglikanisch-katholischen Dialogs, was in der Kirche Tradition heißen kann. Tradition meint im katholischen Sinne nicht einen Bestand überkommener Lehren oder Texte, sondern «eine bestimmte Weise der Zuordnung zwischen dem lebendigen Wort der Kirche und dem maßgeblichen geschriebenen Wort der Bibel. ‹Tradition› besagt hier vor allem, dass die in der Gestalt der apostolischen Sukzession mit dem Petrusamt als Mitte lebende Kirche die Stätte ist, in der die Bibel gelebt und verbindlich ausgelegt wird. Diese Auslegung bildet ein geschichtliches Kontinuum, das unverrückbare Maßpunkte setzt, aber nie zu einer endgültig abgeschlossenen Vergangenheit wird. Abgeschlossen ist die ‹Offenbarung›, aber nicht abgeschlossen ist die verbindliche Auslegung.»12 Tradition muss hier also verstanden werden als «lebendige Stimme» der Kirche, welche die Verbindlichkeit gesamtkirchlichen Lehrens zum Ausdruck bringt. Tradition in diesem geschichtlichen Sinne ist eine lebendige, Wahrheit vermittelnde Größe.

Für die authentische Interpretation der Heiligen Schrift reicht demnach ein strenges sola scriptura nicht aus, weil dann, so müsste man folgern, gerade in der Tradition nur mehr ein anerkannter Bestand von Texten der Vergangenheit gesehen werden kann, nicht mehr aber das lebendige Gegenüber in Gestalt der Auslegung der Schrift in der Kirche.13 Wächst hier nicht ein neues ökumenisches Formalprinzip heran, ist die kritische Rückfrage, die Joseph Ratzinger stellt. Wenn sich alle Konfessionen als Traditionen bezeichnen würden, dann hätte man die Frage der Wahrheit vollends abgeschnitten, und die Ökumene wäre nur noch eine Form der Diplomatie. Neu an diesem Formalprinzip wäre die Unaufhebbarkeit der Traditionen als konkreter Gestaltungen des Christlichen, in denen die einzelnen Konfessionen leben. Stattdessen müssen Traditionen, so der Vorschlag von Joseph Ratzinger, in ihrer Verbindung zu ihrem Ursprung hin verstanden werden, erst so werden sie durchlässig für das sie Tragende selbst, nämlich die Offenbarung im Entwicklungszusammenhang der Tradition. Reduziert man dagegen Kirchen auf Traditionen, hat man es mit Konfessionen zu tun, die sich absolut setzen. Konsequenz dieser Sicht wäre dann die Endgültigkeit der Spaltung der Kirche. Sich mit ihr abzufinden, ist nicht katholisch. Wie kann man dieser Kritik begegnen bzw. die hierin wirksamen Argumente aufnehmen und berücksichtigen?

3. Differenzierter Konsens. Komplementäre Traditionen

Kann man sich den ökumenischen Dialog, der in den letzten 40 Jahren geführt wurde, als einen lebendigen Prozess in der theologischen Gesprächsführung vorstellen, so werden Lehrgespräche mit dem Ziel geführt, bestehende Differenzen zwischen den Lehrsystemen auszuloten und zu überwinden, indem man tragfähige Übereinstimmungen in zentralen Fragen des Glaubens, der Sakramente und des kirchlichen Amtes festzustellen sucht. Hierbei haben sich verschiedene Methoden herausgebildet, so u. a. die Konsens- und Konvergenzmethodik.14 (1.) Konvergenzen zeigen an, dass die Kirchen trotz unterschiedlicher theologischer Ausdrucksformen in dem Verständnis des Glaubens vieles gemeinsam haben. Der Dialog führt die unterschiedlichen theologischen Ansatzpunkte und Traditionen im Lichte des gemeinsamen Bekenntnisses zu Christus aufeinander zu. (2.) Konsens heißt dann, dass in genau umrissenen Fragestellungen gemeinsame Aussagen in bisher strittigen theologischen Fragekomplexen der kirchlichen Lehre möglich erscheinen. Es hat sich nun aber gezeigt, dass sich solche Konsense je länger je mehr nicht erzielen lassen. Wenn auch der seit vielen Jahrzehnten geführte ökumenische Dialog zu einem hohen Maß an Verständigung in vielen bisher kontrovers bewerteten Fragen geführt hat, in einigen Fragen sogar Übereinstimmungen erzielt werden konnten, ist es bisher nicht zu einem sichtbaren Ausdruck der Einheit gekommen. Je länger der Dialog geführt wird, umso deutlicher wird die Einsicht: Ein alle einzelnen theologischen Sachfragen umfassender Lehrkonsens ist nicht zu erzielen und möglicherweise auch nicht das Ideal des Dialogs. Ökumenisch betrachtet kommt daher seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts mehr und mehr die Figur einer Einheit in versöhnter Verschiedenheit in den Blick. Doch ist dieser Begriff zunächst eher Ausdruck einer Verlegenheit. Er soll vor allen Dingen der nicht mehr zu leugnenden Vielfalt unter den christlichen Konfessionen und Bekenntnissen Gestalt geben. Darin spiegelt sich allerdings auch ein Erkenntnisprozess wider, der die Zielvorstellung von unerwünschten und unrealistischen Idealen befreit.

Im ökumenischen Dialog hat sich eine methodische Einsicht als hilfreich erwiesen, welche die bestehenden Unterschiede und die inzwischen gewonnenen Übereinstimmungen aufeinander bezieht. Ihr liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die angestrebte Einheit im Glauben nicht Einheitlichkeit bedeutet. Verbleibenden Unterschieden kommt aber keine kirchentrennende Kraft mehr zu. Ziel eines solchen Vorgehens ist es also nicht mehr, eine volle Deckungsgleichheit aller Glaubensaussagen zu erzielen. Der lutherisch-katholische Dialog über die Rechtfertigungslehre hat sich dieser Methode des differenzierten Konsenses bedient. Die deutsche lutherisch-katholische Dialogkommission hat sich in ihrem Dokument «Communio Sanctorum» ebenso wie die Internationale Römisch-katholische/Altkatholische Dialogkommission zu dieser Methode bekannt.15 Auch der neueste lutherisch-katholische Dialogtext bemüht sich um einen differenzierenden Konsens.16 Er bietet die Basis, die Frage nach dem Umgang mit Konfessionen und Traditionen im ökumenischen Dialog neu aufzunehmen.

4. Ökumene des Zeugnisses. Wort Gottes im Leben der Kirche

In der Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzils als auch in der hierauf aufbauenden ökumenischen Verständigung der letzten Jahre über die Autorität der Heiligen Schrift ist das in Christus geeinte Volk Gottes Ort der Offenbarung und der Heilswirklichkeit. Durch seine Offenbarung wollte Gott sich selbst dem Menschen zum Heil offenbaren.17 Es ist daher Aufgabe der ganzen Kirche, Trägerin und Verkündigerin der Offenbarungsbotschaft in der Geschichte zu sein. Die Weitergabe der göttlichen Offenbarung ist der ganzen Kirche auferlegt. Prinzip aller theologischen Erkenntnis ist das Wort des dreieinigen Gottes, wie es sich in der Geschichte selbst in Jesus Christus auslegt. Höchste Richtschnur des kirchlichen Glaubens ist als Botschaft von Jesus Christus als dem Wort Gottes das in der Heiligen Schrift bezeugte Evangelium, an der sich jede christliche Verkündigung orientieren muss. Zusammen mit der Überlieferung bildet die Heilige Schrift das bleibende Fundament, auf dem Kirche und Theologie ruhen.

Die Übermittlung des Wortes Gottes geschieht durch die Heilige Schrift und die Tradition. Hier haben sich zwar unterschiedliche konfessionelle Akzentsetzungen herausgebildet, das Konzept der sola scriptura auf der einen Seite, Schrift und Tradition auf der anderen Seite, gemeint aber ist der Vorgang der Selbst-Überlieferung des Wortes Gottes in der Gemeinschaft der Kirche. Selbst-Überlieferung, Heilige Schrift und Überlieferung sind eng miteinander verbunden, weil sie untereinander Anteil haben. Sie entspringen demselben Quellgrund. Wenn auch über die präzise Verhältnisbestimmung der beiden Größen unterschiedliche Ansichten und Überzeugungen vorherrschen, so wird doch klar: Die Heilige Schrift ist Gottes Rede, die Überlieferung dagegen gibt das Wort Gottes, d.h. gibt das Wort Gottes weiter, die Tradition wird also funktional beschrieben. So kommt der Vorrang der Schrift deutlich zum Vorschein. Die Weitergabe der göttlichen Offenbarung bezieht sich also ganz auf die Heilige Schrift. Somit ist die Tradition klar an die Heilige Schrift gebunden. Damit meint das Wort Tradition den ganzen Überlieferungsvorgang im Zusammenhang der Zeugenschaft für Jesus Christus. Trotz zum Teil ganz unterschiedlicher Formulierungen sind Übereinstimmungen feststellbar.

Von dieser Grundübereinstimmung aus lässt sich eine ökumenisch wirksame Idee von den Bezeugungsinstanzen entfalten.18 Die Übermittlung der Offenbarung geschieht durch das Wort. Gott selbst ist das Wort, wie es die christliche Tradition selbst festgehalten hat. Die das Wort im Glauben aufnehmen, bezeugen es. Der Glaube hat eine bestimmte Gestalt, das ist die Zeugenschaft. Eine von hier ausgehende Theologie der Bezeugungsinstanzen zeigt auf, dass es innerhalb der einzelnen Bezeugungsinstanzen unterschiedliche Ausdrucksformen und Gestalten der einen Wahrheit des Evangeliums geben kann, die sich nicht prinzipiell widersprechen, aber unterschiedliche Wahrnehmungen festhalten. Dabei sind Traditionen weder zufällige, zeitliche Gebilde noch unüberwindbare, sozusagen petrifizierte Gestaltungen, die ihrerseits Verbindlichkeit über die Zeit hinweg beanspruchen. Innerhalb der Katholizität der Zeugenschaft des Wortes Gottes kann es und gibt es durchaus unterschiedliche theologische, geistliche, liturgische und disziplinäre Gestaltungen, die je ihr eigenes Profil besitzen, aber nicht so, dass sie sich untereinander ausschließen, sondern sich eher komplementär zueinander verhalten. Das hat schon das Ökumenismusdekret Unitatis redintegratio gesehen, als es von authentischen theologischen Traditionen spricht, hier im Blick auf die orientalischen Kirchen, insoweit sie, in der Schrift verwurzelt, sich von der apostolischen Tradition herleiten, das Zeugnis der Väter ernstnehmen und damit die Katholizität der Kirche ausdrücken und selbst bezeugen.19

Innerhalb dieser Interaktion von Bezeugungsinstanzen können unterschiedliche Wege, Akzentsetzungen, Schwerpunktbildungen wahrgenommen werden, die Ausdruck dieser lebendigen Bezeugung der Kirche für das Wort Gottes sind. Das Wort Gottes lebt in der lebendigen Bezeugungsgemeinschaft, die nicht beliebig ist, sondern durch die apostolische Tradition, lehramtliches Sprechen, durch Interpretation der Theologie im Charisma des Volkes Gottes erkennbar ist. Darin kommen auch Traditionen zu Wort, die zwar untereinander identifizierbar sind, aber nicht mehr voneinander prinzipiell abweichen und sich gegeneinander profilieren. Ein solcher differenzierender Konsens ist lebendiger Ausdruck des Kirche-Seins in Jesus Christus. Von einer pluralen Verschiedenheit und einem konformistischen Einerlei unterscheidet sich dieser lebendige Ausdruck durch eine in sich bereichernde Katholizität, die konfessorische Positionen kennt, aber nicht gegeneinander abschottet. Dieser enthält legitime Entfaltungen der einen ursprünglichen apostolischen Tradition, die darin legitim sind, dass sie authentische Ausprägungen dieser apostolischen Tradition sind. Der lutherisch-katholische Dialog hat gezeigt, dass in der Bestimmung der apostolischen Tradition Überstimmung herrscht, wenn auch im Wie der Übermittlung und der Rezeption Unterschiede festzustellen sind. Das ökumenische Gespräch dient danach nicht der jeweiligen Erklärung unterschiedlicher Traditionen in ihrer Vielfalt und gegenseitigen Anerkennung, sondern der Überwindung der in den jeweiligen Traditionen liegenden Konfessionalismen, die sich weiterhin gegeneinander abschotten und abgrenzen wollen. Die Überwindung des Konfessionalismus der Trennungen ist das Ziel des ökumenischen Dialogs und somit nicht die Beseitigung legitimer Traditionen. Ihre Legitimität bedarf aber ihrerseits eines gemeinsamen ökumenischen Zeugnisses. 

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