Christentum und Gärten im Europa der Frühneuzeit

Abstract / DOI

The Garden and European Christianity in the Early Modern Age. This article analyzes multiple examples of gardens in christianity, such as the Vatican gardens, the gardens of bishops and parishes or the monastery gardens. These served not only for supply, for representation and science, but also for physical (recreation) and spiritual purposes (meditation). However, the cultural nexus between christianity and the garden was lost over the centuries. Could the garden and christian virtues act as a counterbalance to problematic tendencies of the present day lifestyle?

Auf den ersten Blick scheinen christliche Religion und Gärten direkt gar nichts miteinander zu tun zu haben. Höchstens lässt sich ein negativer Zusammenhang herstellen, nämlich die Vertreibung des ersten Menschenpaares aus dem Garten des Paradieses. Im folgenden geht es daher darum, historische Gartenanlagen im Rahmen von Institutionen und Personen mit christlichem Hintergrund in Augenschein zu nehmen.1 Zeitlich liegt der Schwerpunkt auf der Neuzeit, räumlich im katholischen Europa. Die letztere Einschränkung hat mehrere Gründe. Zunächst einmal die banale Tatsache, dass die protestantischen Länder vornehmlich im Norden liegen, die katholischen – und man ist hier versucht zu sagen, die «erzkatholischen» – in den Mittelmeerländern, im deutschsprachigen Raum auch eher im Süden. Nun leuchtet es ein, dass dort aus rein klimatischen Gründen der Reichtum an Nutz- und Schmuckpflanzen in Gärten, welcher Art auch immer, größer sein kann als im frostigen Skandinavien oder in Schottland. Konkurrieren mit dem Süden könnten allenfalls die bekannten englischen Gärten. Diese sind aber eine neuere Erscheinung, finden sich geographisch meistens in der milden Landschaft Kent und zeichnen sich vor allem durch ihre Blumenpracht aus.

Der zweite Grund liegt in der in den katholischen Ländern vorherrschenden «agrarischen Mentalität».2 Man war dort an der Entwicklung zur Industrie, die in den protestantischen Staaten in der Frühneuzeit einsetzte, kaum interessiert, sondern fand nach wie vor die agrarische Tätigkeit, allenfalls noch die handwerkliche, als einzige dem Menschen angemessene; eine Einstellung, die wir z.B. bei Karl Borromäus finden und die im gewaltigen agrarischen Aufschwung Italiens seit dem 17. Jahrhundert ihren sprechendsten Ausdruck fand.3 In dieser Denkweise hatten auch Gärten einen bedeutenden Platz. Die Erörterungen dazu bilden stets einen Teil der vielen agrartechnischen Traktate, die damals erschienen und die nicht selten von geistlichen Autoren verfasst wurden. Der Übergang zwischen Ackerbau, Obstkulturen, Gemüsebeeten und anderen Kulturen war aber oft fließend: Was wir heute im Allgemeinen abgesondert in den Gärten pflanzen, fand sich damals auch außerhalb von diesen und umgekehrt. Zitronenbäume wurden an den oberitalienischen Seen in hoch ummauerten Parzellen gezogen (Limonerien), umgekehrt wuchsen Obst- und Maulbeerbäume teilweise im Ackerland (die so genannte zweistöckige Landwirtschaft). Die so ermöglichte große Diversität der italienischen Landwirtschaft war eine ihrer Stärken: Fiel die Ernte eines Produkts wegen schlechten Wetters oder Schädlingen aus, so hatte man noch eine Menge andere. Und wenn wir schon Karl Borromäus erwähnen: Eine der berühmtesten Anlagen der Gartenkunst in Europa, nämlich die «hängenden» Gärten auf der Isola Bella im Lago Maggiore wurde von einem Angehörigen dieser Familie geschaffen und befindet sich immer noch im Familienbesitz, wird aber jährlich von Zig-Tausenden von Touristen besucht.4 Andere Gründe, weshalb das katholische Europa mehr zu unserem Thema beitragen kann, kommen, wie wir im Folgenden sehen werden, in Einzelfällen noch hinzu.

Die vatikanischen Gärten

Beginnen wir unsere historische Umschau ganz oben, bei dem Garten der Päpste im Vatikan.5 Schon im Mittelalter gab es auf dem vatikanischen Hügel kleine Gärten, wobei besonderes Gewicht auf die Gewinnung von Heilkräutern gelegt wurde. Größere Bedeutung bekam dieses Gelände aber erst nach der endgültigen Rückkehr der Päpste aus dem avignonesischen Exil (1420), indem sie statt des Laterans nun den Vatikan als Residenz wählten und in der Folge mit prachtvollen Gebäuden ausstatteten. Dazu gehörte aber auch ein ummauerter Garten in den Formen der Renaissance, der Ursprung der heute noch bestehenden Vatikanischen Gärten, die mit gut 20 Hektaren fast die Hälfte des gesamten Vatikanstaates einnehmen. Paul IV. (reg. 1555–1559) gab Pirro Ligorio den Auftrag zu einem Landhaus darin, das sein Nachfolger Pius IV. (reg. 1559–1565) vollendete. Das «Casino Pio» ist das architektonische Schmuckstück des Gartens. Es diente den Päpsten als Rückzugsort, heute ist es Sitz der Päpstlichen Akademie. Gregor XIII. ließ 1579 im Garten einen Turm errichten, der eine Sternwarte enthielt, welche als Grundlage seiner Kalenderreform diente. Eine besondere Bedeutung bekamen die Vatikanischen Gärten aber seit 1870/71, nachdem Rom von den Piemontesen erobert worden war und der Kirchenstaat ein Ende gefunden hatte. Vorher hatte Pius IX. (reg. 1846–1878) noch gerne Reisen und Ausflüge außerhalb Roms gemacht. Nun waren er und seine Nachfolger «Gefangene im Vatikan». Die Vatikanischen Gärten waren infolgedessen für sie die einzige Möglichkeit, sich im Grünen zu bewegen, denn auch die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo in den Albanerbergen war unter den herrschenden Umständen kaum benutzbar. Leo XIII. (reg. 1878–1903) und Pius X. (reg. 1903–1914) hielten sich daher im Sommer häufig in den Gärten bei St. Peter auf. Der erstere richtete eine weitere «Palazzina» ein und arbeitete nachmittags gerne dort. Pius X., der aus einfachen Verhältnissen in einem bäuerlichen kleinen Dorf stammte, vermisste schmerzlich die ihm gewohnte freie Umgebung und liebte daher «seinen» Garten sehr. Er ließ einen unterirdischen Gang bauen, um von seiner Wohnung ohne Hindernisse direkt dorthin zu gelangen.

Mit den Lateranverträgen (1929) fielen die den Päpsten aufgezwungenen Einschränkungen dahin, sie konnten sich nun wieder außerhalb des «Gefängnisses» wagen. Allerdings nahm die Reisetätigkeit erst mit Paul VI. (reg. 1963–1978), der zu diesem Zweck in einer Ecke des Gartens einen Heliport errichten ließ, merklich zu. Schon unter Pius XI. (reg. 1922–1939) war das Gartenareal durch verschiedene Neubauten verkleinert worden. Neben den verschiedenen Typen von Schmuckgärten, Hunderten von botanisch seltenen Bäumen, einer Unmenge von bildhauerischen Denkmälern und insgesamt 99 Brunnen ist ein Teil des Geländes – was wenig bekannt ist – auch als Nutzgarten ausgesondert, um die päpstliche Tafel mit frischen Gemüsen, Salaten und Obst zu versorgen. Der Anbau wird von den den Schwestern des Klosters Mater Ecclesiae (wo jetzt Benedikt XVI. seinen Alterssitz aufgeschlagen hat) und einem Berufsgärtner nach biologischen Grundsätzen besorgt. Früher wurde zum Zwecke einer möglichst großen Autarkie zeitweise auch Wein produziert, Ackerbau betrieben und Vieh gehalten; unter Leo XIII. gab es sogar eine kleine Menagerie, die er als Geschenk erhalten hatte. Wie das gesamte Gelände des Vatikans sind auch die Vatikanischen Gärten nicht öffentlich. Unter gewissen Einschränkungen kann man sie allerdings nach Voranmeldung mit einer speziellen Führung besichtigen.

Bischöfe als Gartengestalter

Eine Stufe weiter unten sind die bischöflichen Gärten zu nennen. Hier steht an erster Stelle der berühmte und heute als UNESCO-Kulturdenkmal vielbesuchte Garten der Villa d‘Este in Tivoli bei Rom.6 Veranlasst wurde er von Ippolito II. d‘Este (1509–1572), einem typischen Renaissance-Kirchenfürsten, Sohn der berüchtigten Lukrezia Borgia, der schon zehnjährig Erzbischof und dreißigjährig Kardinal wurde. Die Villa mit ihrem noch berühmteren Garten entstand ab 1550 nach den Plänen des schon erwähnten Pirro Ligorio. Sie ist das Musterbeispiel eines Renaissancegartens mit manieristischen Elementen und war Vorbild für viele andere, auch im Norden, etwa des ebenfalls berühmten Lustgartens Hellbrunn bei Salzburg. Dieser geht ebenfalls auf einen Kirchenfürsten, Erzbischof Mark Sittich von Hohenems (reg. 1612–1619) zurück, der die römischen Anlagen gut kannte. Neu an diesen Gärten war, dass die Beete regelmäßig in berandeten Viereckskompartimenten angeordnet waren, zu denen geometrisch angeordnete Wege und Treppen führten. Dazu traten viele kunstvolle Wasserspiele (inklusive einer Wasserorgel), Kleinarchitekturen, Grotten sowie eine ganze Sammlung von Gartenplastiken. Die Vorteile der Hanglage in Tivoli wurden virtuos genutzt, Natur und Kunst sollten hier eine Einheit bilden. Villa und Gärten bildeten den Rahmen für allerlei recht weltliche Lustbarkeiten, denen sich diese Kirchenfürsten damals ohne Skrupel hingaben. Der Aufwand dazu sollte auch ihr Prestige und dasjenige ihrer adeligen Familie demonstrieren, der Garten wurde so neben dem Spielplatz zum Repräsentationsobjekt. Unter den Nachfolgern Ippolitos aus dem Hause Este wurde der Garten erhalten und weiter vergrößert. Später verfiel er weitgehend und wurde erst von Kurienkardinal Gustav Adolf von Hohenlohe-Schillingsfürst (1823–1896) wieder aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Er veranlasste Restaurierungsarbeiten, die vom italienischen Staat, der die Villa nach dem I. Weltkrieg beschlagnahmte, fortgesetzt wurden und bis heute andauern.

Ebenfalls regelmäßig durchgestaltet war der Garten, den der Eichstätter Fürstbischof Johann Konrad von Gemmingen (reg. 1595–1612) bei seiner Residenz Willibaldsburg in Eichstätt einrichtete. Hier überwog aber das Interesse an der Bepflanzung. Der Fürstbischof bildete nämlich alle Pflanzen in seinen Garten in einem prachtvollen Tafelwerk «Hortus Eystettensis» mit 370 großen Kupferstichen ab.7 Damit folgte er einem Trend des Zeitalters, in dem man begann, systematisch aufgebaute und reich illustrierte botanische Bücher herauszugeben.

Das Werk Gemmingens diente aber doch mehr der Repräsentation als der Wissenschaft. Der botanisierende Bischof soll für die Herstellung 17 920 Gulden ausgegeben haben, koloriert konnte man das Werk für 500 Gulden käuflich erwerben, eine Summe, die dem Jahreseinkommen eines besseren Beamten oder höheren Geistlichen entsprach. Der Garten ging leider in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges unter und konnte nicht mehr wieder aufgebaut werden. Immerhin wurden aber neuerdings auf einer reduzierten Fläche neben der Burg die im «Hortus» abgebildeten Blumen in natura angepflanzt.

In ihrer ursprünglichen Gestalt haben in der Tat nur ganz wenige Barockgärten überlebt, meist wurden sie später dem Zeitgeschmack entsprechend verändert und etwa in einen englischen Garten umgewandelt. Andere Gärten verwahrlosten wegen mangelnder Pflege und sind heute nicht mehr oder bloß annäherungsweise rekonstruierbar. Ein nach Restaurierungsarbeiten einigermaßen gut erhaltenes Beispiel aus dem Spätbarock sind die vom Würzburger und Bamberger Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim (reg. 1755–1779) veranlassten Gärten von Veitshöchheim. Wir haben hier alles, was damals einen repräsentativen Garten ausmachte: Blumenparterres, gestutzte Hecken, Rondells, kleine Kabinette, einen See mit Kaskade (im Krieg zerstört), «Perspektiv» , Grotte, chinesische Pavillons und eine ganze Serie von fröhlichen Gartenplastiken aus der Hand des bekannten Meisters Ferdinand Dietz. Der im weltlichen Bereich aufklärerisch beeinflusste, gleichwohl sonst durchaus kirchlich gesinnte Fürstbischof war ein Gartennarr und hatte sich hier und im (weitgehend zerstörten) Park in Seehof (Bistum Bamberg) sein kleines Arkadien geschaffen. Die Oberhirten des 19. und 20. Jahrhunderts hatten dann für solches kein Interesse und wohl auch kein Geld mehr.

Der Pfarrgarten

Gehen wir über zu den Pfarrern. Im katholischen Europa war der Kirchenbesitz ja nicht verstaatlicht worden, die Pfarrer und meist auch ihre Helfer zogen ihr Einkommen weiterhin zum größten Teil aus landwirtschaftlich nutzbarem Grundeigentum, dem Widum, das zu jeder Pfründe gehörte. Dazu gehörte, wie bei den bäuerlichen Höfen, selbstverständlich auch ein Garten, der beim Pfarrhaus lag, oft aber auch noch entferntere Parzellen umfasste. Wie groß diese Gärten waren, was darin wuchs und wer die Arbeit besorgte, wissen wir allerdings nicht genau.8 Im Gegensatz zum Ackerland und teils auch zum Viehbestand waren nämlich Gärten grundsätzlich frei von Abgaben. Letztere wurden genau aufgezeichnet, umgekehrt gibt es aber über die Gärten kaum schriftliche Quellen. Immerhin haben sich viele dieser Gärten noch bis ins 20. Jahrhundert erhalten, obschon inzwischen die Geistlichen fast überall vom Staat besoldet wurden. Angepflanzt wurden die zu ihrer Zeit bekannten Gemüse, Beeren und Obst, Küchen- und Heilkräuter, ebenso jedoch Blumen, die man auch für den Kirchenschmuck benötigte. Die Arbeit wurde von der Pfarrhaushälterin besorgt, sie unterschied sich darin nicht von einer bäuerlichen oder bürgerlichen Hausfrau und ebensowenig der protestantischen Pfarrersfrau.9 Wahrscheinlich hatte sie für den Garten sogar noch mehr Zeit als diese zur Verfügung, denn sie musste ja nicht noch eine zahlreiche Kinderschar betreuen. Ihr geistlicher Herr hatte eine reichhaltig mit frischen Produkten versorgte Küche und lebte wohl auch deshalb vergleichsweise gesund.

Die hochwürdigen Herren selbst fanden es allerdings vielfach unter ihrer Würde, selber Hand zur Arbeit im Garten anzulegen. Zwar kam seit dem 19. Jahrhundert auch bei den Geistlichen die Meinung auf, es wäre der Gesundheit förderlich, sich zum Ausgleich von der Schreibtischarbeit etwas körperlich zu betätigen. Viele neue Sportarten galten jedoch für sie als indezent; erlaubt waren etwa Bergsteigen, Reiten, Holzhacken und eben auch die Arbeit im Garten, wobei sich diese wohl in den meisten Fällen auf die nicht direkt mit der Erde verbundenen «edleren» Tätigkeiten etwa des Schneidens, Bindens, Veredelns usw. beschränkte. Es ist bekannt, dass im 19. Jahrhundert einige Pfarrer sich persönlich eifrig um die Verbesserung des Obstbaus oder auch um die Bienenzucht bemühten. Eine andere Liebhaberei war die Befassung mit Heilkräutern, wie wir etwa von Sebastian Kneipp wissen. Der Schweizer «Kräuterpfarrer» Johann Künzle (1857–1945), einer der Pioniere der modernen Phytotherapie, baute damit ein großes Geschäft auf: Seine Kräuterprodukte waren jahrzehntelang ein Renner und sein Ratgeberbüchlein «Chrut und Uchrut» erreichte eine Auflage von zwei Millionen.

Klostergärten

Dass es in den Klöstern schon im Übergang vom Früh- zum Hochmittelalter Gärten gab, wissen wir aus dem berühmten St. Galler Klosterplan und aus dem Gedicht «Hortulus» des Reichenauer Mönchs Walahfrid Strabo. Im Zentrum stand der Anbau von Heilpflanzen. Die daraus hergestellten Medikamente wurden durch die Klosterapotheken auch dem gemeinen Volk abgegeben, eine Praxis, die sich durch alle Jahrhunderte erhielt. Genaueres über die Gärten aus dieser Zeit wissen wir, wie allgemein, wenig. Man kann vermuten, dass der allgemeine Niedergang der Klöster im Spätmittelalter sich auch negativ auf die Gärten auswirkte. Erst im Barock kam es zu einem Wiederaufschwung und bis ins 20. Jahrhundert gehörte ein wohlgepflegter Garten selbstverständlich zu jedem Kloster.10 Der bekannte Augustinerchorherr Gregor Mendel (1822–1884) hätte seine Pflanzenexperimente zur Vererbungslehre nicht machen können, hätte ihm nicht in seinem Kloster in Brünn ein reich bestückter Garten zur Verfügung gestanden.

Die Gärten im Klosterbezirk, aber auch außerhalb, dienten bis fast zur Gegenwart zunächst der Versorgung der wieder angewachsenen Klostergemeinschaften beider Geschlechter mit frischem Gemüse und Obst. Dies war wichtig, weil der Fleischgenuss ja durch die kirchlichen Vorschriften beschränkt war, auch wenn diese nicht immer strikt eingehalten wurden. Besonders in Südeuropa spielte, wie wir aus erhaltenen Speiseordnungen wissen, der Konsum von Gemüse, wo man schon recht viele Arten kannte, eine große Rolle. Daneben war der Klostergarten neben dem Kreuzgang auch ein Ort der Meditation und des Rückzugs im Freien. Besonders für die Nonnenklöster war dies wichtig. Das Konzil von Trient hatte ja die strenge Klausur gefordert, die in der Folge – allerdings unter längeren Widerständen – auch durchgesetzt wurde. Bei den strengen Regeln unterliegenden Frauenkonventen (also nicht den neuen Kongregationen) konnten die Nonnen das Kloster im Prinzip nicht mehr verlassen, der ummauerte Garten war somit für sie die einzige Möglichkeit, sich in der Natur zu ergehen. Er war ein «hortus conclusus», etwa wie wir ihn von den mittelalterlichen Mariendarstellungen kennen.

Die Arbeit im Garten wurde nach dem Vorbild der Zisterzienser in erster Linie von Laienbrüdern und -schwestern besorgt. Doch auch für die Geweihten war sie nicht verboten, im Gegenteil: Schon Benedikt von Nursia hatte in seiner Regel ja neben dem Gebet die Arbeit gefordert. Eine besondere Bedeutung hatte sie bei den Kartäusern. Hier stand bekanntlich jedem Mönch neben seiner kleinen Klause auch ein eigenes winziges Gärtchen zur Verfügung, das er bearbeiten sollte. Auch bei den Professschwestern spielte und spielt bis in unsere Zeit die Gartenarbeit eine große Rolle. Die Benediktinerinnen der Abtei zur Heiligen Maria in Fulda waren Pionierinnen des biologischen Gartenbaus; sie publizierten schon vor fünfzig Jahren Schriften dazu und verkaufen, wie noch viele andere Frauenklöster, bis heute ihre Produkte im Klosterladen.

Eine große Zahl betreibt ferner den Anbau von Heilkräutern; auch diese Produkte finden guten Absatz, vielleicht weil der Käufer denkt, dass hier natürliche und übernatürliche Kräfte zur Heilung zusammenspielen. Aus den großen Nutzgärten der Kapuzinerklöster wurden noch bis nach der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch Setzlinge zu geringem Preis oder gratis an die Gläubigen für ihre Privatgärten abgegeben, ebenso Ernteüberschüsse; dies war neben vielem anderen sicher mit ein Grund für die Popularität des Ordens. Hier führte stets ein «Bruder Gärtner» die Oberaufsicht. Die Kapuziner waren ein Bettelorden, der, anders als die Stifte, sein Einkommen nicht aus landwirtschaftlichem Grundbesitz ziehen sollte. Somit war für sie der Klostergarten auch eine wichtige ökonomische Ressource.

Christliche Religion und Gärten heute

Die Gärten im Rahmen der christlichen Institutionen hatten also mehrere Funktionen. Sie dienten zunächst der Versorgung der in ihnen beschäftigten Personen mit Lebensmitteln, dann der Repräsentation, wissenschaftlichen Interessen und schließlich der Erholung und Meditation in begrenztem Raum. Der Garten hatte somit neben der materiellen vor allem auch eine kulturelle Funktion. Bis zur Aufklärung war aber mindestens im katholischen Raum fast jede kulturelle Äußerung irgendwie an die Kirche angebunden; profan und sakral durchdrangen einander. Der an unseren Beispielen aufgezeigte Konnex zwischen religiösen Institutionen und Gärten ging indes im 19. und 20. Jahrhundert langsam verloren, so wie die traditionellen Hausgärten überhaupt an Wichtigkeit einbüßten. Wurde noch bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem von den wenig verdienenden Schichten intensiv Nutzgartenbau betrieben, so kauft man heute allgemein beim Großverteiler, wo alles zu jeder Zeit in makelloser Qualität (wenn auch vielleicht ohne viel inneren Gehalt) zu haben ist. Sogar im Vatikanstaat gibt es heute einen beliebten Supermarkt, die «Annona». Auch Blumen können per Flugzeug frisch aus allen Erdteilen importiert werden.

Gärten im christlichen Sinne könnten Gegenpol zur heutigen, der Religion entfremdeten und in vieler Hinsicht problematisch gewordenen Lebensweise sein: Orte der Entschleunigung und des Abschaltens, der Besinnung und des Nachdenkens, des Ruhens und Geschehen-Lassens. Sie könnten der Spiegel einiger christlichen Tugenden sein und diese wieder lehren: Geduld und Erwarten zum Beispiel, denn wir können das Wachstum der Pflanzen kaum beeinflussen, sie brauchen einfach ihre Zeit. Wie ein chinesisches Sprichwort sagt «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht». Demut vor den Wundern der Schöpfung, deren Geheimnisse wir noch längst nicht alle entschleiert haben. Oder die früher im brauchtümlichen Tischgebet tagtäglich ausgesprochene (wenn auch vielleicht zur Routine gewordene) Dankbarkeit für die Gaben Gottes: die Nahrung, die unser Leben erst ermöglicht. Hoffnung, die uns nach der langen Winterkälte jedesmal wieder das belebende Aufsprießen und Ergrünen im Frühling erleben lässt. Vielleicht sogar Liebe, denn möglicherweise sind auch Pflanzen (auch wenn das die christliche Religion im Gegensatz zu anderen, sogenannt «primitiveren», nicht explizit ausdrückt) nicht ganz seelenlos: Es gibt jedenfalls Gärtner und Gärtnerinnen, die mit ihnen liebevoll reden und darauf einen Teil ihres Erfolgs zurückführen.

Gärten bieten Natur auf kleinstem Raum, insofern könnten sie uns Genügsamkeit lehren (wenn man nicht gerade von Askese reden will). Einige dieser Tugendbegriffe sind allerdings heutzutage recht verpönt. Dass es auch anders sein kann, zeigen die wenigen übrig gebliebenen Gärten in den Frauenklöstern, die wie glückliche Inseln aus früheren Zeiten noch in unsere rationalisierte und technisierte, monetarisierte und «eventisierte» Gegenwart hineinragen.

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