Klöster und ihre Gärten – Nützlichkeit und Kontemplation

Abstract / DOI

Monasteries and their Gardens – Usefulness and Contemplation. Monasteries and gardens always belonged together. In the Latin church monasteries included – apart from the garden in the cloistered courtyard – vegetable-, herb- and fruit-gardens. They were used for daily supply and medicinal purposes. Apart from that, they had symbolic meaning in their outline as well as the choice of plants. This was already pointed out by Walahfrid Strabo, abbot of the Benedictine monastery on the Reichenau Island, in his poem «hortulus». For the theologians of the reformation everyday life in marriage and family stood for the monastery. This included the care of the garden. Gardens of baroque monasteries were part of the representation of their political and economic power. In the 19th and 20th century new examples for gardens connected with Christian faith developed, which also want to integrate scientific and theological perspectives in different ways.

Schon seit der Frühzeit des christlichen Mönchtums in Ägypten gehört der Gartenbau zu den Traditionen dieser Form des kontemplativen Lebens in der Wüste. So erwähnt bereits im 4. Jahrhundert die Mönchregel des Wüstenvaters Pachomius den Klostergarten. Auch die für die lateinische Kirche bedeutende Klosterregel des Benedikt von Nursia bestimmt in Kapitel 66, dass innerhalb der Klostermauern ein Garten angelegt werden soll: «Das Kloster aber soll, wenn es möglich ist, so angelegt werden, dass alles Notwendige – nämlich Wasser, Mühle und Garten – und die verschiedenen Handwerksberufe innerhalb des Klosters ausgeübt werden können, damit keine Notwendigkeit für die Mönche besteht, nach draußen zu gehen, weil das für ihre Seelen keineswegs zuträglich ist.» (Benediktsregel 66,6–7)1

Die Klöster des frühen Mittelalters sind mit ihren Gärten Teil einer durch Naturalwirtschaft gekennzeichneten Gesellschaft, die für die Befriedigung der Grundbedürfnisse eigene Produktionsstätten unterhalten. Damit unterscheiden diese Gärten sich auf den ersten Blick zunächst wenig von den mit Holzpalisaden oder anderen Abgrenzungen geschützten Bauerngärten oder von den größer dimensionierten Anbauflächen der adeligen Herrschaften. Wie wichtig die Förderung des Gartenbaus auch für den fränkischen König und Kaiser Karl den Großen als obersten Landesherren war, belegt das um 800 erlassene ‹Capitulare de villis›. Hierbei handelt es sich um eine Verordnung zur Regelung der Bewirtschaftung der königlichen Domänen, die auch ausführlich auf den Gartenbau eingeht. Ihr letzter Abschnitt listet alle Pflanzen und Kräuter auf, die angebaut werden sollen. Hier werden die klassischen Kräuter-, Obst- und Gemüsesorten aufgezählt, aber auch Blumen wie Rose und Lilie benannt. «Ziel des Erlasses war es, nicht nur die Versorgungssituation der Bevölkerung zu verbessern, sondern vermittels des Anbaus von Heilkräutern auch Krankheiten erfolgreicher bekämpfen zu können. Der Landesherr als sorgender ‹pater familias›!»2

Wie im Capitulare de villis hat der Nützlichkeitsaspekt bei der Anlage von Klostergärten eine wichtige Stellung. Dennoch verbinden sich mit diesen Pflanzstätten von Anfang an auch spirituelle und theologische Perspektiven, die letztlich auch den Boden für eine eigenständige Naturbetrachtung bereiten. Klöster und ihre Gärten wurden so zu wichtigen Vermittlern der antiken Kultur für die folgenden Jahrhunderte.

Vom Gartenbau der Mönche des Mittelalters wissen wir nur aus einigen wenigen schriftlichen Quellen, da leider keine einzige Anlage im Original die Zeiten überstanden hat. Auch archäologische Zeugnisse fehlen fast vollständig, da das beständige Umgestalten, Bodenabtrag und Bodenerneuerung im lebendigen Garten, die Strukturen verwischt hat.

Dennoch sind wir nicht allein auf das Capitulare de villis angewiesen, das zudem nicht für Klostergärten verfasst wurde. Auskunft geben einige Dokumente aus der Zeit der Karolinger: der sogenannte St. Galler Klosterplan, der wohl einen Idealplan eines Benediktinerklosters darstellt, oder der ‹Hortulus› des Reichenauer Abtes Walahfrid Strabo (von beiden wird noch die Rede sein) sowie das Lehrgedicht ‹De rerum naturis›, das Hrabanus Maurus, Abt des Klosters Fulda, vor der Mitte des 9. Jahrhunderts verfasst hat. Kapitel 5 und 6 dieses Werkes sind den Bäumen und ihren Namen gewidmet, Kapitel 7 speziell den aromatischen Bäumen, in Kapitel 8 werden die Kräuter erläutert. Die karolingischen Autoren bezogen sich auch auf Vorbilder wie Isidor von Sevilla (570–636), der für seine Schrift ‹De natura rerum› seinerseits auf antikes Wissen zurückgriff, das er u.a. bei Palladius, Vergil oder Dioskorides fand.3

Eine Vielfalt von Gärten im Kloster

Aus dem ersten Drittel des 9. Jahrhunderts ist uns der erwähnte St. Galler Klosterplan erhalten geblieben, der einige Gärten im Inneren der Klostermauern umfasst. Zu diesen ist der südlich der Kirche gelegene viereckige Garten zu zählen, der sich innerhalb des Kreuzgangs befindet. Schon früh wurde dieser Bereich als paradisum bezeichnet. Hier steht häufig – ebenso wie in den auch Paradies genannten Eingangsbereichen von Domkirchen – ein Brunnen als Symbol für Reinheit und für die Flüsse des Gartens Eden. Zur Begrünung dieses Bereichs macht der Plan keine Angaben, doch «Parallelen zu römischen Gepflogenheiten und die spätere Tradition der Klöster legen es nahe, dies als sicher anzunehmen. Dabei dürfte es sich um Grasflächen oder um Begrünung mit Efeu gehandelt haben.»4

Östlich der Kirche liegen im St. Galler Klosterplan die drei klassischen mittelalterlichen Nutzgärten, die bis weit ins 18. Jahrhundert hinein die Basis des Gartenbaus bildeten: der Gemüsegarten (hortus) östlich der Gärtnerwohnung, der Heilkräutergarten (herbularius) im Osten des Arzthauses und der Baum- bzw. Obstgarten (pomarius) zwischen der Ostapsis der Kirche und dem Gemüsegarten.5

Die 18 gleichgroßen Beete des Gemüsegartens bilden ein Rechteck. Dort werden – mit einer Ausnahme – genau die Pflanzen angebaut, die auch im Capitulare de villis verzeichnet sind. Eine strenge Unterscheidung von eigentlichen Gemüse- und Gewürzpflanzen gibt es nicht, so dass hier Zwiebeln, Lauch, Sellerie, Koriander, Dill, Mohn, Rettich, Möhren, Mangold, Knoblauch, Schalotten, Petersilie, Kerbel, Lattich, Bohnenkraut, Pastinaken, Kohl und Schwarzkümmel wachsen. Der im Vergleich zum Gemüsegarten etwas kleinere Heilkräutergarten ist quadratisch und umfasst 16 Beete, von denen acht links und rechts des Mittelwegs und weitere acht als Umrandung des Gartens angelegt sind. Hier werden die für die Behandlung von Krankheiten und Verletzungen nötigen Pflanzen angebaut. Natürlich finden sich hier die klassischen Heilkräuter, aber auch Pflanzen, die heute nicht mehr allgemein als Arzneipflanzen angesehen werden: Salbei, Kresse, Raute, Kreuzkümmel, Schwertlilie, Liebstöckel, Poleiminze, Fenchel, Bohnen, Bohnenkraut, Frauenminze, Bockshornklee, Rosmarin und Pfefferminze, aber auch Lilie und Rose.6

Der Obstgarten des St. Galler Klosterplans hat eine doppelte Funktion, da er auch der Friedhof der Mönche ist. Weist die Symbolik des Baums schon für sich auf den Zusammenhang von Leben und Sterben, von Wachsen und Fruchtbringen sowie auf den Paradiesgarten und die biblische Erzählung vom Sündenfall hin, unterstreicht das in der Mitte dieses Gartens aufgestellte Kreuz noch einmal deutlich seine metaphorische Bedeutung. Das Kreuz weist auf Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi und seine Erlösungstat hin. Dies unterstreicht auch die beigefügte Inschrift, die verkündet, dass das Kreuz der heiligste Baum des Obstgartens ist.7 «In den Grabfeldern sollten je sieben Mönche bestattet werden, sodass sich die heiligen Zahlen 14=2x7 ergeben; die 13 Pflanzflächen deuten auf Christus und die zwölf Apostel hin.»8 An Bäumen werden für den Obstgarten genannt: Apfel, Birne, Pflaume, Pinie, Speierling, Mispel, Lorbeer, Esskastanie, Feige, Quitte, Pfirsich, Haselnuss, Mandel, Maulbeer, Walnuss.9 Symbolisch gesehen weist diese Versammlung unterschiedlicher Gehölze «neben dem Kreuz, vor allem die Feige (die man seit dem frühen Christentum als Frucht vom Baum der Erkenntnis interpretierte) und die Quitte (die auch ‹goldener Apfel› genannt wurde), [...] auf den Garten Eden hin. Er ist gegenwärtig als Ort der Sünde des ersten Menschenpaares, für die Christus starb. Des Weiteren ist auch das endzeitliche Paradies im Modus des Hoffens und Vorgeschmackes präsent […]: ‹Damit wird die Heilsgeschichte noch einmal aufgerollt vom Garten Eden, über den Sündenfall, die Vertreibung und den Tod bis hin zum Kreuz, zur Auferstehung und dem eschatologischen Paradies.»10 Die Verknüpfung von Obstgarten und Friedhof findet sich auch noch später bei den Zisterziensern, wie u.a. eine Predigt des Abtes Guerricus (Werricho) von Igny belegt, die dieser zwischen 1138 und 1157 vor Ordensmitgliedern gehalten hat: «Es gibt natürlich einen großen Unterschied zwischen Gräbern und Gärten. Jene sind voll von Unreinheit und Knochen der Toten, diese sind voll der Lieblichkeit und Anmut der Blumen und Früchte. Was bedeutet es nun, wenn manchmal Gräber in Gärten sind? Nun wurde auch der Herr in einem Garten begraben. Und wenn wir Gräber in Gärten finden, warum nicht auch Gärten in Gräbern? So vielleicht, aber in den Gräbern der Gerechten. Dort wird eine gewisse Lieblichkeit der Gärten ganz von selbst ergrünen, im Frühling, versteht sich, zur Zeit ihrer Auferstehung, wenn ihr Fleisch wiedererblüht; und nicht nur die Knochen des Gerechten werden wie das Kraut ausschlagen, sondern der gerechte Mensch wird ganz wie die Lilie sprießen und wird vor dem Herrn in Ewigkeit blühen. Nicht so die Gottlosen […].»11

Das Gartengedicht des Walahfrid Strabo

Von 838 bis 849 war Walahfrid Strabo Abt der Reichenau im Bodensee. Er verfasste ein Gedicht über den Gartenbau in 444 lateinischen Hexametern, das den Titel ‹Liber de cultura hortorum› oder kurz ‹Hortulus› trägt. Es dürfte nach 842 entstanden sein und den kleinen Garten besingen, der direkt am Abtshaus der Reichenau lag. Walahfrid hatte einen Teil seiner Bildung im Kloster Fulda erhalten, wo er mit dem dort gepflegten natur- und gartenkundlichen Wissen in Berührung gekommen sein dürfte. In seinem Hortulus spricht er zunächst von der Vorbereitung des Bodens, vom Düngen, von der Pflege des Gartens, vom Unkrautjäten, von der Bewässerung sowie vom Säen und Gießen. 24 Beete umfasst sein Gärtchen. Dort werden die aus dem St. Galler Klosterplan und aus dem Capitulare de villis bekannten Pflanzen kultiviert. Hinzu kommen nur noch Wermut, Andorn, Heilziest, Odermennig, Schafgarbe und eine besondere Rettichart (rafanum).12 Im Text des Gartengedichts wird immer wieder auch auf die symbolische Bedeutung der Pflanzen hingewiesen. So heißt es dort beispielsweise von Lilie und Rose: «Diese beiden lobwürdigen und ruhmreichen Blumenarten sind nämlich schon seit Jahrhunderten Sinnbilder der höchsten Ruhmestitel der Kirche, die im Blut des Martyriums die Gabe der Rosen pflückt und die Lilien als leuchtendes Zeichen strahlenden Glaubens trägt.»13 (Hortulus 26, 415–418)

Ein Blick nach Byzanz

In Byzanz besaß der klösterliche Gartenbau ebenfalls große Bedeutung, da er auch hier zunächst der monastischen Selbstversorgung diente und die Hauptbestandteile der klösterlichen Nahrung lieferte: Brotgetreide, Gemüse, Früchte, Wein, Olivenöl. Wurde ein Kloster neu gegründet, gehörte die Anlage eines Gartens ebenso dazu wie der Bau einer Kapelle oder die Errichtung von Zellen für die Mönche und Nonnen. Dabei konnten sich die Gärten auch außerhalb der Klostermauern befinden; sie waren jedoch durch eine eigene Ummauerung und durch ein Zugangstor gesichert. Zwar finden sich keine Belege für spezielle Kräutergärten, doch ist davon auszugehen, dass Heilpflanzen auch in byzantinischen Klöstern angebaut wurden, da sie dort ebenfalls für medizinische Zwecke benötigt wurden. Anders als die von der benediktinischen Tradition geprägten Klöster der lateinischen Kirche lagen die Klöster der Ostkirche auch in der Stadt, so dass sie dort durchaus Einfluss auf die Gestaltung der Stadtlandschaft nahmen. «Bezüglich Konstantinopel, der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, wissen wir um zahlreiche Klöster innerhalb der Stadtgrenzen und im Umfeld der Stadt. Interessanterweise lassen sich in schriftlichen Berichten über diese urbanen Klosteranlagen im Gegensatz zu ihren ländlichen Gegenstücken wesentlich deutlicher Verweise auf die ästhetischen Qualitäten der gärtnerischen Ausgestaltung der Klosteranlagen finden. So wird in einer Beschreibung der Wiederherstellung des Kosmidion-Klosters von ‹herrlichen Bädern, zahlreichen Fontänen, schönen Rasenflächen und was sonst noch das Auge erfreuen und beglücken kann›, gesprochen.»14

Albertus Magnus: Natur und Garten

Nachdrücklicher als die Mönche der benediktinischen Tradition öffneten sich im Hochmittelalter die Angehörigen der neu entstehenden Bettelorden (Franziskaner, Dominikaner) einer damals modern werdenden Naturbetrachtung. Sie wollten die Dinge der Welt um ihrer selbst willen als Schöpfung Gottes in den Blick nehmen und weniger aufgrund ihres symbolischen Gehalts oder praktischen Nutzens für Heilung und Ernährung betrachten. Diese Horizonterweiterung hatten nicht zuletzt die Kreuzzüge ausgelöst, die die Menschen des europäischen Mittelalters mit ganz neuen Denkwelten in Verbindung brachten. Ein wichtiger Wegbereiter dieser neuen Sicht war der Dominikaner Albertus Magnus (1193–1280), der in seinem Kölner Kloster auch mit Pflanzen experimentierte. Inspiriert einerseits durch antike Texte, die von den Arabern überliefert wurden und nun in lateinischer Übersetzung vorlagen, sowie andererseits durch Anregungen aus byzantinischer Quelle. In seinem Werk ‹De vegetabilibus› beschreibt er die Anlage eines Gartens, der einerseits aus einem Bereich für Kräuter und Blumen besteht, andererseits jedoch einen Bereich aufweist, der der Entspannung und Erholung dient, einen sogenannten Lustgarten. Dieser besteht aus einer großen Rasenfläche mit einem Brunnen in der Mitte, umgeben von Baumpflanzungen und Rasenbänken, die als bequeme Sitzgelegenheiten dienen und an den Seiten mit Blumen bepflanzt sind. «Zwei Funktionen besaß der hier skizzierte Garten hauptsächlich. Er war Nutzgarten, der Heil- und Gewürzkräuter, Gemüse, Obst und Blumen lieferte. Gleichzeitig diente er aber auch der Entspannung während der im Tagesplan aller Klöster vorgesehenen Erholungszeit (Rekreation). Die Vereinigung aller Funktionen […] in einem Areal, mag teilweise auch aus dem Charakter eines Dominikanerklosters erklärbar sein.»15

Die Gärten der Kartäuserklöster

Das christliche Mönchtum hat seinen Ursprung in den Eremiten der Wüsten in Ägypten und im Nahen Osten. Dieses Lebensmodell begann im 11. Jahrhundert immer mehr Menschen in Europa zu faszinieren, so dass es zur Gründung neuer Orden kam, die es neu zu leben versuchten. Der einzelne Mönch sollte allein und abgeschieden und zugleich in der unmittelbaren Nähe anderer Mönche leben. Der von Bruno von Köln ins Leben gerufene Kartäuserorden verwirklicht dies. Neben Gemeinschaftsräumen, die sich um einen kleinen Kreuzgang versammeln und im Vergleich zu den Klöstern der benediktinischen Tradition eher wenig genutzt werden, besitzen alle Kartausen einen großen Kreuzgang, an dem einzelne Häuschen liegen, die von jeweils einem Mönch im Stile eines Einsiedlers bewohnt werden. Jedes dieser Häuschen besitzt einen eigenen kleinen von Mauern umgebenen Garten, der je nach Kloster zwischen 50 und 100 m² umfasst. Es steht dem Kartäuser frei, was er in seinem Garten anbaut, seien es Nutzpflanzen oder Blumen; dient doch der Garten der körperlichen Erholung und geistlichen Konzentration. Die großen Gartenflächen einer Kartause werden gemeinsam bewirtschaftet. Als eine Reminiszenz an den St. Galler Klosterplan kann man die Beobachtung interpretieren, dass in vielen Kartausen der Friedhof im Baumgarten liegt.16

Der Klostergarten im Denken der Reformatoren

Die klösterliche Lebensform geriet in die Kritik der Reformatoren – allen voran Martin Luthers –, die stattdessen die Welt und das tägliche Leben als Bewährungsraum für ein wahrhaft christliches Leben verstanden. Die Welt war zum Kloster geworden. In einem solchen Interpretationszusammenhang bekamen auch Überlegungen zur Bedeutung des Gartens eine neue Ausrichtung, die sich vielfach in sogenannten Hausväterbüchern formuliert fand. «Ganz besonders die protestantischen Geistlichen sahen die Bildung als ihre ureigene Aufgabe an. Deshalb wurde das erste gedruckte Gartenbuch 1529 in Wittenberg in ausdrücklichem Kontext der Reformation und mit einer theologischen Einleitung herausgebracht. Die meisten Hauswirtschafts- und Gartenbücher des 16. und 17. Jahrhunderts enthalten Vorworte, die ihre Publikation theologisch begründen. Der Gedankengang ist in der Regel dieser: Erforschung und Nutzung der Natur sind von Gott geboten. Aufgabe des Menschen ist es, Gott im Buch der Natur zu erkennen und zu preisen. Die Pflicht der Autoren ist es, Gottes Schöpfung vor Augen zu führen. […] Eine Trennung der Ökonomik von der Theologie erfolgte erst im 18. Jahrhundert, unter anderem durch die Einrichtung von Kameralistik-Studiengängen in Halle und Frankfurt/Oder 1727. Noch bis ins 19. Jahrhundert aber spielten protestantische Geistliche als Autoren von gartenbaulicher und botanischer Literatur eine wichtige Rolle.»17

Klostergärten neu interpretiert

Nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden auch an den Klöstern und Stiften prächtige barocke Bauten, die sich kaum von den Schlössern des weltlichen Adels unterschieden und das Selbstbewusstsein vieler Abteien und Propsteien als Zentren weltlicher Herrschaft herausstellten. Erinnert sei u.a. an Banz, Fürstenfeldbruck, Neresheim, Neuzelle, Ottobeuren oder Weingarten in Deutschland und Gottweig, Kremsmünster, Melk oder St. Florian in Österreich. Zu der mit ihnen verbundenen herrschaftlichen Repräsentation gehörte immer auch die Anlage von prächtigen Barockgärten. Sie wurden wie die Schlossgärten mit Plastiken geschmückt, die neben christlichen und biblischen Motiven auch allegorische Darstellungen antiker mythischer Figuren zeigten. Hinter den Hecken befanden sich auch in diesen Schau- und Lustgärten Beete für Nutz- und Küchenpflanzen sowie Obstbäume. Eine Besonderheit entwickelte sich bei den Kartäuserklöstern der Barockzeit mit den Prälatengärten, die in Verbindung mit der geräumigeren Zelle des Priors standen. Diese Gärten waren – anders als die Gärten der übrigen Mönche – auch für Außenstehende zugänglich, da sie dem repräsentativen Empfang von Besuchern dienten.18 Viele Klöster gaben auch Sammlungen von Stichen heraus, die die prächtigen barocken Gartenanlagen bis heute dokumentieren. Das Monasticum gallicanum zeigt auf Kupferstichen beinahe 200 französische Benediktinerklöster mit ihren Parks.19

Die Aufhebung der Klöster zu Beginn des 19. Jahrhunderts führte dazu, dass viele monastische Gartenanlagen verfielen oder zerstört wurden. Doch entstand so manches durch die Wiederbesiedlung oder durch Neugründungen in den darauf folgenden Jahrzehnten neu. So entwickelte seit den 1880er Jahren Arnold Janssen, der Gründer des Steyler Ordens, in Zusammenarbeit mit Gerard Rademan für seine Missionshäuser in Steyl (Niederlande) und andernorts Gärten und Parks, die den christlichen Glauben mit naturwissenschaftlichem Denken verbinden wollen. Sie sind mit Sitzplätzen und Lauben ausgestattet, die zum Verweilen und Nachsinnen angesichts ihrer vielfältigen Pflanzenwelt einladen. Daneben schmücken sie religiöse Grotten, Statuen und Kapellen. Die Idee des Klostergartens erhielt so eine Neuinterpretation im Stile der Parkanlagen der Moderne.20

Themenparks, Kräuter- und Bibelgärten: Erben der Klostergärten?

An vielen Klosterstandorten sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten alte Gartenanlagen wiederentstanden oder neue wurden angelegt, wie die vielen Kräutergärten, die sich an Walahfrid Strabo oder den St. Galler Klosterplan anlehnen. Als Beispiel sei hier nur die historisch nachempfundene Anlage eines Kräuter- und Gemüsegartens im ehemaligen Zisterzienserkloster Michaelstein im Harz genannt.

Zu diesen rekonstruktiven Bestrebungen treten seitens der Ordensangehörigen neue Versuche, den Geist der Klostergärten in unsere Zeit hinein zu übersetzen. Dies geschieht einerseits durch die Entwicklung und Umsetzung alternativer Gartenbaumethoden, wie sie etwa die Benediktinerinnen in Fulda mit ihrer Form der Schnellkompostierung verwirklicht haben, und andererseits durch die Öffnung von Klostergärten für ein breiteres Publikum, wie dies die Zisterzienser der Priorats Langwaden bei Grevenbroich 1995 im Rahmen der Landesgartenschau Nordrhein-Westfalen getan haben.21

Die Verbindung von Nützlichkeit und Kontemplation, wie sie die alten Klostergärten verkörpern, könnten auch die Grundlage für ganz andere Großgärten sein, wie sie die religiösen Themenparks darstellen. Ein bekanntes Beispiel ist die 2001 in Orlando (Florida) eröffnete ‹The Holy Land Experience›. Dieser Themenpark «ruft das Heilige Land nicht nur in Erinnerung, sondern macht es zugänglich. Man findet dort eine Nachbildung des Jerusalemer Tempels, kann die Via Dolorosa bis zum Kalvarienberg entlangflanieren und sich gegenüber den Qumran-Höhlen einen Hot dog oder eine Brezel schmecken lassen oder Getränke kaufen. Auch biblische Gestalten werden hier zum Leben erweckt: In der Live-Show ‹The Ministry of Jesus› steht man in der Menge, die bestaunen darf, wie Jesus sich mit den Pharisäern auseinandersetzt und einen Blinden heilt. Zungenreden und andere Formen charismatischen (Pfingst-)Christentums sind im Park allerdings verpönt, da sie die vorgestellte Ordnung aufzubrechen drohen.»22

Als eine weitere weniger spektakuläre Form der Neuinterpretation mittelalterlicher Klostergärten und ihres Symbolgehalts können die seit dem 20. Jahrhundert entstehenden Bibelgärten angesehen werden. Sie nehmen manche Funktion der Klostergärten im Kontext einer säkularen Gesellschaft wieder auf, sind sie doch – mit Foucault gesprochen – ‹andere Orte›, Heterotopien. «Der Garten entzieht sich so der totalen Säkularisierung. Er wird Objekt neuer, frei flottierender Religiosität, wo die ökologische Bewegung mit spirituellen Zugängen experimentiert und asiatische und esoterische Formen der Naturfrömmigkeit ausgeübt werden. […] Bibelgärten stellen einen Versuch dar, das mit Gärten verbundene Spiritualitätspotential christlich zu nutzen.»23

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