Ein Roman ist ein Teppich, ein handgewobenerZum 100. Geburtstag des Schriftstellers Gerhard Meier

In den 70er und 80er Jahren gab es unter Theologen und Germanisten (und besonders unter denen, die beide Fächer traktierten) angeregte akademische Debatten über «christliche Literatur». Reinhold Schneider, Werner Bergengruen, Graham Greene, Paul Claudel und Gertrud von Le Fort wurden einer mehr oder weniger faszinierten Re-Lektüre unterzogen und anschließend in aller Regel für obsolet erklärt. Zu direkt scheine in ihren Werken die christliche Botschaft auf, zu eindeutig entstammten die Autoren einem bestimmten religiösen Milieu, zu sehr unterwürfen sie ihr Erzählen dogmatischen Begriffen und definierten Glaubenswahrheiten. Als zeitgemäß und relevant an Reinhold Schneider etwa wurden allenfalls die Zweifel und die Verzweiflung seiner letzten Lebensjahre anerkannt. Das «Christliche» in der zeitgenössischen Literatur suchte man damals eher in der kritischen Transformation christlicher Motive. Man fahndete nach Verfremdungen biblischer Muster, Spuren christlicher Praxis und verborgenen Christusfigurationen. Man suchte das «Christliche» eher im Stil als im Bekenntnis, mehr in der Form als im Inhalt. Es waren wie gesagt anregende und zum Teil aufregende Diskussionen, die heute nahezu verstummt sind – oder auf andere Weise fortgeführt werden, wie etwa die «Poetikdozentur Literatur und Religion» an der Universität Wien zeigt. Agnostische Dichter und Autoren wie Martin Walser scheinen sich heute bereitwilliger zu religiösen Themen zu äußern, als man das in den 80er Jahren für möglich gehalten hätte. Andere wie Sybille Lewitscharow versuchen in ihrem Werk regelrechte Überschreibungen und Übermalungen christlicher Motive, und zwar dezidiert nicht um sie verschwinden zu lassen, sondern um sie neu zum Leuchten zu bringen. Wieder andere, Felicitas Hoppe etwa, bekennen sich zwar auf Nachfrage zum christlichen Glauben, ohne dass freilich in ihren Büchern allzu viel davon aufscheinen würde. Das Feld der «christlichen» oder religiös inspirierten Literatur ist, wenn man sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen, vielfarbiger denn je.

Ein Autor, der in den 80er-Jahre-Diskussionen zur Poesie des Christlichen erstaunlicherweise so wenig auftaucht wie in den heutigen, ist der Schweizer Gerhard Meier, der in diesem Juni 100 Jahre alt geworden wäre. Und das, obgleich seine wichtigsten Prosawerke genau in jenen Jahrzehnten der regen Debatten entstanden und erschienen sind – zunächst im Schweizer Zytglogge Verlag, dann, durch Vermittlung Peter Handkes, bei Suhrkamp – und obgleich sich in seinem Werk wie in seinen persönlichen Stellungnahmen schon auf den ersten Blick unzählige Spuren des Christlichen finden lassen. Man kann diese freilich – auch wenn es schwerfällt – vollkommen ignorieren, wie es etwa im Juni 2008 in ihrem Nachruf auf Meier im Züricher «Tagesanzeiger» die Germanistin Christine Lötscher getan hat, die sich statt dessen auf Meiers «Kritik am Materialismus, an der Konsumhaltung der Gesellschaft» und seine angeblich «animistische Beziehung zur Natur» kaprizierte. Meier drängte einem nichts auf, schon gar nicht seine christliches Grundhaltung. Freilich, wenn man ihn danach fragte, bekam man stets eine ebenso sanftmütige wie unmissverständliche Antwort: «Ich habe mich immer als schwach gefühlt und habe mich mit der Zeit wohlgefühlt in diesem Zustand und habe gespürt, dass, besonders auch aus christlicher Sicht, in der Schwäche eben Stärke liegen kann, dass in der Schwäche die eigentliche Stärke liegt.»

Wie sich das Christliche in Gerhard Meiers Werk zeigt, ist schon schwieriger zu sagen. Seine Prosa verzichtet restlos auf Plot und Fabel und überhaupt auf alles, was Literatur massentauglich und marktgerecht macht. Bezeichnenderweise steht als Motto am Anfang seiner Amrainer Tetralogie ein Zitat Flauberts: «Was mir schön erscheint und was ich machen möchte, ist ein Buch über nichts.» Baur und Bindschädler, Wiedergänger von Caspar David Friedrichs «Zwei Männer in Betrachtung des Mondes» und Freunde seit der Militärzeit während des Zweiten Weltkrieges, wandern durch die Stadt Olten. Der eine (Baur) spricht, der andere (Bindschädler) protokolliert, tritt aber hin und wieder auch als kommentierender und beobachtender Ich-Erzähler in Erscheinung. Baurs Reden greifen das Nächstliegende auf, die Aare, die durch Olten fließt, die Wolken über dem Jura, den Schrott einer Eisenbahnwerkstätte, Häuser und Straßen, und führen von dort weit hinaus, in die Welt der Literatur, in die Kindheit, in Betrachtungen zu Kunst und Musik, in die russische Tundra und in die Welt der Indianer, in Überlegungen zur Tätigkeit des menschlichen Herzens und zum Kreislauf des Lebens (einschließlich Fäkalien und Verwesung) und vor allem in Erinnerungen an den Ort Amrain. Und so wie Baur das Alter Ego des Autors ist, ist Amrain die poetische Chiffre für Meiers Heimatort Niederbipp, in dem er 1917 geboren wurde und wo er beinahe sein gesamtes Leben verbracht hat. Hier wird nichts auserzählt, nichts breitgetreten, nichts aufgebläht, nichts erschöpfend oder zum Schein zu Ende gedacht. Eine Assoziation führt vielmehr zur nächsten, lebende Menschen lassen an tote denken, tote an lebende und alle zusammen an Figuren aus der Literatur. Und kaum einer dieser zunächst kurz, ja allzu kurz wirkenden Erzählfäden wird fallengelassen. Irgendwo tauchen sie wieder auf, als Wiederholungen, Variationen, und was einem als Leser anfangs wahllos und sprunghaft vorkommen mag, erweist sich, je länger man liest, als ein aus vielen einzelnen Fäden und Farben leicht und kunstvoll gewirkter Stoff. «‹Bindschädler, ich habe ein Leben lang daran gedacht zu schreiben. – Ohne dich nun mit meinem Literaturverständnis quälen zu wollen, muß ich doch sagen, daß für mich ein Roman einem Teppich vergleichbar ist, einem handgewobenen, bei dessen Herstellung besonders auf die Farben, Motive achtgegeben wird, die sich wiederholen, abgewandelt natürlich, eben handwerklich gefertigt, beinahe mit einer gewissen Schwerfälligkeit behaftet, und der einen an ein Mädchen aus der Schulzeit erinnert und an eine Blumenmatte mit Kirschbäumen darauf, die gerade blühen, wobei man über diese Blütenmatte schreiten möchte, zumindest noch einmal und natürlich nicht allein›, sagte Baur. Mittlerweile hatte man sich der Baslerstraße genähert, die einen starken Verkehr aufwies …».

Peter Handke hat diese Erzählweise mit einer Spirale verglichen, die sich scheinbar in sich selbst zu drehen scheint, immer wieder an denselben Stellen vorbeikommt, die aber dennoch, im Gegensatz zum Kreis, fortschreitet. «Satzspirale: Am Ende erscheint jedes Buch Gerhard Meiers, und all sein Bücherwerk zusammen, als eine einzige, einheitliche Spirale, verknüpft aus zusammengehörigen, sich wiederholenden Sätzen, wobei gerade die winzigen Zusätze, Änderungen, Nuancen, Neuigkeiten ins Freie, in die Weite hinauskreisen …».

Charakteristisch für Meiers Prosa scheint mir ihre Durchlässigkeit zu sein. Sie schafft keine erratischen Textblöcke, vor denen man staunend steht. Sie bringt keine spannenden Handlungen hervor, die einen verschlingen. Meiers Bücher wollen und können etwas anderes: indem sie die Abschweifung nicht nur zulassen, sondern zum Kunstgriff erklären, lassen sie den Leser an einer entscheidenden und existentiellen Erfahrung teilhaben, dass nämlich die Membrane dünn sind, zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen (scheinbar) Hohem und (scheinbar) Niedrigem, zwischen Erfundenem und Realem, zwischen dem Zirpen der Grillen und dem Zirpen des Weltraums, zwischen dem Staub auf den Zwetschgen und dem Staub, zu dem wir alle werden und aus dem wir gemacht sind. Und geradezu organisch fügen sich in ein solches Erzählen die Zitate der großen Dichter und Autoren, die Meier ein Leben lang begleitet haben, Lew Tolstoi, Gottfried Keller, Robert Walser, die Klänge Chopins, Strawinskys und Schostakowitschs, und ebenso die Passagen aus dem biblischen Hohen Lied und dem Propheten Ezechiel, so dass es dem Bewohner der Meierschen Erzählwelt ganz und gar nicht kurios oder verstiegen erscheint, dass im vierten Band der Amrainer Tetralogie zwar nicht gerade der tote Christus vom Weltgebäude herab-, aber der bereits in Band drei verstorbene Baur aus dem Grab herausspricht. «Diese (die Gestorbenen) sind gleichsam die Protagonisten, mehr noch, die Urheber der Meierschen und so auch meiner, des Lesers, Räume; ohne sie, die Toten, als Lichtumrisse auf den Straßen und Matten, als Festprozession dort, so wie als Hauch ‹hinter den Sternen›, erschiene nicht jenes größere Leben im Lauf unseres […] so unscheinbaren Alltags.» (Peter Handke)

Dass Gerhard Meiers Werk trotz seiner 91 Lebensjahre am Ende im Umfang verhältnismäßig schmal geblieben ist, liegt gewiss an seiner Art des Erzählens, das sich zwar die Abschweifung, nicht aber die Weitschweifigkeit erlaubt und das stets ins Offene und niemals aufs Abgeschlossene zielt. Es hat seinen Grund freilich auch im Leben dieses Autors. Trotz früher Neigung zur Literatur, versagte er sich mehr zwei Jahrzehnte lang sowohl das Lesen als auch das Schreiben. Mit 20, kurz vor Ausbruch des Weltkrieges, hatte er geheiratet und eine rasch wachsende, bald fünfköpfige Familie durchzubringen. Er leistete Militärdienst in der Schweizer Armee und arbeitete 33 Jahre lang in einer Lampenfabrik. Erst eine schwere gesundheitliche Krise brachte ihn wieder zur Literatur zurück. Sein erstes Buch, ein Gedichtband, erschien 1964: «Betont feierlich verläßt/ der Güterzug / das Dorf // Nach den Windeln zu schließen / weht mäßiger / Westwind // Das Gras grünt // Das Land hat seine / Eigentümer vergessen / und hat es satt / nur Umgebung / zu sein».

Anfang der 70er Jahre, mit über 50, die Kinder waren längst erwachsen, hatte er das Gefühl, dass nun seine «Bürgerlichkeit quasi abgestottert» war. Er quittierte den Dienst in der Fabrik und wagte es zum Entsetzen vieler Freunde und Bekannten, sich als freier Schriftsteller zu betätigen. Nun machte er sich ans Werk, und endlich fand all das seinen Weg aufs Papier, was jahrzehntelang in ihm verschlossen reifen durfte. Innerhalb weniger Jahre entstanden seine Romane: Der Besuch, Der schnurgerade Kanal und die Amrainer Tetralogie. Morgens schreibt er, mittags besucht er seine Frau Dorli, die in einem Kiosk den gemeinsamen Lebensunterhalt verdient. Sie essen, was er gekocht und mitgebracht hat, dann machen sich beide wieder an ihre Arbeit, sie bei ihrer Kundschaft, er am Schreibtisch.

2005 erscheint der schmale Band Ob die Granatbäume blühen. Meier schwingt sich auf zu einer letzten Feier des Lebens und der Liebe zu seiner 1997 verstorbenen Frau, mit der er hofft, nach seinem Tod wieder vereinigt zu werden. Der Titel ist eine Anspielung an das Hohe Lied, dem auch das Motto des Büchleins entnommen ist: «Die du wohnest in den Gärten / lass mich deine Stimme hören.» Die Toten bleiben ganz nah, bis zuletzt, sie wirken hinein in das eigene Leben. Meier hat ihnen nicht nur ein liebendes Andenken bewahrt, er hat sie selbst miterzählen und an seinen Büchern mitschreiben lassen.

Gerhard Meier, ein Verwandter im Geiste Olav H. Hauges und Hermann Lenz’, ist in Deutschland und Österreich und in der deutschsprachigen Literatur überhaupt bis heute ein großer Unbekannter geblieben, unter den Unbekannten aber ist er einer der Größten. 

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