Vorweg
Ein Buch von Daniel Pennac mit dem Titel «Journal d’un corps» stand wochenlang auf den Bestsellerlisten in Frankreich und erschien 2014 in deutscher Übersetzung als «Der Körper meines Lebens». Ein Vater lässt seiner Tochter nach seinem Tod ein Tagebuch seines Körpers zukommen, er legt einen Brief bei, in dem er ihr schreibt, dass der Körper eine Erfindung ihrer Generation sei, zumindest wenn es um die Art seines Einsatzes und seiner Zurschaustellung gehe. Er denkt an Pornostars und Body-Art-Künstler und schreibt: «Soll ich dir etwas sagen: Je mehr dieser moderne Körper analysiert und ausgestellt wird, desto weniger existiert er. Er wird zum Verschwinden gebracht, und zwar umgekehrt proportional zu seiner Zurschaustellung. Der Körper, dessen Journal ich täglich geführt habe, ist ein anderer – unser Wegbegleiter.»1 Die Beziehungen des Geistes zum Körper «als Sack voller Überraschungen und Generator von Ausscheidungen» würden jedoch immer noch von Stillschweigen überzogen. Vor allem die körperliche Erfahrung der Angst wird für den Vater zum Auslöser des Tagebuchprojektes und es bedarf guten Mutes, bis er seinen Körper im Alter von 13 Jahren bewusst im Spiegel betrachtet und sich fragt, ob er das ist, was er da sieht. «Das war mein Körper, aber nicht ich. Das war nicht einmal ein Kamerad. Ich sagte: Du bist ich? Du, das bin ich? Ich, das bist du? Das sind wir?»2 Sein Vater begleitet das Fragen des Sohnes und ermuntert ihn zum Spiel mit den Sinneseindrücken. So viele Überraschungen hält der Körper für uns bereit, dass er es wert ist, von uns beachtet zu werden. Der Körper wird zum Dialogpartner. Der Vater gibt dem Sohn zu bedenken: «Wir müssen uns unser ganzes Leben lang bemühen, unseren Sinnen Glauben zu schenken.»3
Wer von uns würde diesen Satz unterschreiben? Wir wissen doch, dass Sinne getäuscht werden können. Muss nicht die Vernunft erst einmal prüfen, ob wir unserer Sinnlichkeit überhaupt Vertrauen schenken dürfen? Ist das Denken nicht ein höheres Vermögen, das die Welt der Sinne zu kontrollieren hat? Muss der Geist nicht über den Körper herrschen?
1. Der Impuls des Glaubens heute: Das fragile Risiko der Zärtlichkeit
Papst Franziskus hat uns in Evangelii gaudium dazu ermutigt, der «Revolution der zärtlichen Liebe» (EG 88, vgl. auch 288) Glauben zu schenken, die in der Menschwerdung Gottes geschehen ist. Zärtlichkeit lebt von der Berührung und dem Gespür. Sie lebt von einer Sprache, die von Sensibilität geprägt ist. Das Wort «Zärtlichkeit» erinnert uns an eine behutsame Annäherung, an wohltuende Berührungen, die an der Grenze der Spürbarkeit stattfinden, an leise und liebevolle Worte, die in Ruhe gehört werden können und nicht übertönen wollen. Dieses Wort betont die fragile körperliche Nähe zwischen uns, es befindet sich vielleicht auf der Grenze zwischen Eros und Agape, die schon Papst Benedikt XVI. nicht als Gegensatz oder Widerspruch verstanden wissen wollte.
Es gibt keinen Bereich menschlichen Lebens, der nicht von unserer Leibhaftigkeit und Geschlechtlichkeit geprägt ist. Auch die Nächstenliebe ist nicht leibfrei oder geschlechtslos zu denken, auch sie verlangt Körpereinsatz. Wenn Papst Franziskus in Zeiten des Körperkultes, der pornografischen Zurschaustellung des erregenden Körpers wie der verschämten Verbergung oder ostentativen Ausstellung des sterblichen Körpers, in Zeiten der Zeichnung des Körpers durch Tattoos und Piercings, in Zeiten des sexuellen Missbrauchs von Kindern, der auch die Kirche erschüttert und in Zeiten massiver gewalttätiger Konflikte von Zärtlichkeit spricht, weiß er genau, was er tut. Er weiß und er spürt, dass der ambivalente Umgang mit dem Körper dazu führen kann, dass wir uns in eine quasi körperfreie Zone zurückziehen und keine leibhaftigen Begegnungen mehr riskieren wollen. Beziehungen zwischen Gott und den Menschen und zwischen uns können aber nicht «defensiv» gelebt werden: «Das christliche Ideal wird immer dazu auffordern, den Verdacht, das ständige Misstrauen, die Angst überschwemmt zu werden, die defensiven Verhaltensweisen, die die heutige Welt uns auferlegt, zu überwinden.» (EG 88) Und innerkirchlich wie nach außen hin mahnt der Papst: «Ebenso wie nämlich einige einen rein geistlichen Christus ohne Leib und ohne Kreuz wollen, werden zwischenmenschliche Beziehungen angestrebt, die nur durch hoch entwickelte Apparate vermittelt werden, durch Bildschirme und Systeme, die man auf Kommando ein- und ausschalten kann.» (EG 88) Das Evangelium lade uns demgegenüber dazu ein, «das Risiko der Begegnung mit dem Angesicht des Anderen einzugehen, mit seiner physischen Gegenwart, die uns anfragt, mit seinem Schmerz und seinen Bitten, mit seiner ansteckenden Freude in einem ständigen unmittelbar physischen Kontakt.» (EG 88) Der Papst spricht vom Glauben als einer «Versöhnung mit dem Leib der anderen», bevor er anfügt: «Der Sohn Gottes hat uns in seiner Inkarnation zur Revolution der zärtlichen Liebe eingeladen.» (EG 88)
2. Im Herzen mit allen vereint: Gespürte Beziehungen und Resonanzen
Es fällt auf, dass Papst Franziskus die Theologie der Liebe seines Vorgängers auf eigenständige Weise weiterführt und dabei vor allem einen starken Akzent auf das Gespür und die Körperlichkeit des Menschen legt. War für Papst Benedikt XVI. das Verhältnis von Glauben und Vernunft leitend und auch im Verhältnis von Agape und Eros bestimmend, so macht Franziskus darauf aufmerksam, dass auch dem Spüren und den Sinnen eine eigene Würde und Bedeutung zu Eigen ist. Wie könnte man von Zärtlichkeit, Freude und Barmherzigkeit sprechen, ohne ein Gespür für die Bedeutung dieser Worte zu haben, die sich ja nicht so einfach definieren lassen. Der Körper ist Träger unseres Gespürs und in ihm vollzieht sich auch unser Denken. Papst Franziskus will Denken und Spüren aufeinander bezogen wissen, denn ohne Gespür können das Denken und auch die Vernunft kalt und herzlos werden. Wir können Freude und Barmherzigkeit unterschiedlich verstehen, aber wenn wir sie nicht leibhaftig und das heißt eben auch körperlich erfahren haben, bleiben diese Begriffe hohl und leer.
Papst Franziskus greift damit ein Anliegen auf, das auch dem Zweiten Vatikanum wichtig war, wenn die Pastoralkonstitution Gaudium et spes mit den Worten ansetzt: «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.» (GS 1) Diese Begriffe appellieren an unser Gespür. Das Herz ist eine Körpermetapher und setzt das biblische Verständnis des Herzens als Personmitte des Menschen voraus, in dem alle geistigen Fähigkeiten leibhaftig vereint sind und ihren Ursprung finden. Im Wort Barmherzigkeit, auch im lat. misericordia, ist das Herz gegenwärtig. Ein herzloser Mensch kann nicht barmherzig sein, ihm fehlt die Sym- bzw. Empathie mit dem Anderen, die Fähigkeit mitzufühlen und vom Schicksal des Anderen innerlich berührt zu werden. Wenn das Konzil betont, dass die Gemeinschaft der Kirche sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte «wirklich engstens verbunden» weiß (GS 1), dann setzt dies nicht nur eine Verbindung im Denken und Reflektieren, sondern auch im Fühlen voraus. Das Gespür ermöglicht eine innerliche Beziehung zum anderen Menschen, die uns unter die Haut geht und uns nicht gleichgültig und äußerlich bleibt.
Die Rede von einem «Widerhall» im Herzen der Menschen kann als Resonanzgeschehen gedeutet werden. Der Soziologie Hartmut Rosa hat einen Entwurf vorgelegt, der die zentrale Bedeutung der Leiblichkeit des Menschen als Ausgangspunkt wählt. Die «körperlichen Weltbeziehungen» stehen am Anfang seiner Untersuchung: «Eine elementare Analyse der Arten und Weisen, in denen Menschen in Beziehung zur Welt treten, sie erfahren und wahrnehmen, in ihr handeln und sich in ihr orientieren, kann nicht umhin, mit dem Leib zu beginnen.»4 Rosa beginnt mit den Füßen, denn unser «In-die-Welt-gestellt-sein» bedeutet zunächst, dass wir mit beiden Beinen auf der Erde stehen. Die Gewissheit, dass der Boden, auf den wir gestellt sind, uns trägt, gehört zu den grundlegendsten Bedingungen unserer ontologischen Sicherheit. Darauf verlassen wir uns. Wenn sich der Boden unter uns auftun sollte, so empfinden wir das als Schock und traumatischen Verlust unserer Sicherheit. In extrem bedrohlichen existenziellen Situationen sprechen wir deshalb davon, dass uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird.5 Rosa blickt dann auf den Atem, auf Essen und Trinken, auf Stimme, Blick und Antlitz, auf Gehen, Stehen und Schlafen und schließlich auf Lachen, Weinen und Lieben. Für Rosa kann eine Soziologie der Weltbeziehungen nur von «existentiellen Sensibilitäten»6 ausgehen, die sich nicht nur transhistorisch verändern, sondern auch zwischen sozialen Schichten und Gruppen sowie zwischen einzelnen Individuen unterschiedlich sein können.
Resonanzbeziehungen bedeuten ein «wechselseitiges Berühren und Berührtwerden»7, ein relationales Geschehen als Modus des In-der-Welt-Seins, weil die Lebewesen als aufeinander antwortend und zugleich mit eigener Stimme sprechend verstanden werden.8 Nicht nur zwischen den Menschen und der Welt, auch zwischen Geist und Körper gibt es für Rosa Resonanzbeziehungen, die blockiert oder ausgebaut werden können. Allen Resonanzerfahrungen wohnt ein «unaufhebbares Moment der Unverfügbarkeit» inne.9 Denn es führt zur Zerstörung der Resonanzbeziehungen, wenn man sie zu kontrollieren oder über sie zu verfügen versucht. Sie verdanken sich einerseits der Freiheit des Menschen, sie ergeben sich aber auch spontan oder sind uns durch den Kosmos und andere Lebewesen vorgegeben. Resonanzen sind ein Beziehungsmodus, der die ganze Wirklichkeit des Menschen betrifft, Geist und Körper.
3. Den Sinnen vertrauen: Der Glaubenssinn körperlich gewendet
Auch Papst Franziskus versteht Kommunikation und menschliche Beziehungen als ein Berührtwerden und spricht daher von einem Spürsinn des Glaubens und des Volkes Gottes (EG 74). Besonders einprägsam wird dies im Bild von Hirte und Herde vor Augen gestellt. Wenn Franziskus betont, dass die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt und der Hirte daher zu manchen Zeiten hinter der Herde hergehen und ihr nachfolgen kann, um neue Wege zu finden und denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, dann wird der Glaubenssinn aller Getauften kreativ gedeutet. Auch die Armen haben Teil am Sensus fidei, sie kennen aufgrund ihres Leidens den leidenden Christus und deshalb ist es nötig, dass wir uns von ihnen evangelisieren lassen (EG 198). Der Glaubenssinn wird von Franziskus als Organ der aufmerksamen Zuwendung zum anderen Menschen verstanden, den man, so Thomas von Aquin, als eines Wesens mit sich selbst betrachten soll (EG 199). Der Glaube fordert nicht nur die Rationalität, sondern auch unser Gespür heraus. Der Sensus fidei verankert den Glauben im Innersten unseres Leibes: die Nähe Gottes und des Nächsten, die Nähe zu mir selbst und zur gesamten Schöpfung in ihrem kosmischen Ausmaß sind spürbar und geben mir zu denken. Die Sinne sind das Einfallstor der Wirklichkeit und bilden die Grundlage der Reflexion. Sie konfrontieren uns mit einer Unmittelbarkeit, die zur Grundlage der vermittelnden Reflexion wird.
Die leibhaftige Nähe zwischen uns ist von einer Unmittelbarkeit geprägt, der wir uns stellen müssen. Ich kann meinem Körper nicht ausweichen und dem Anderen auch nicht. Der Nächste ist keine virtuelle Realität, die wir generieren, er stellt uns in Frage, er fordert uns leibhaftig heraus. Es ist bekannt, dass Papst Franziskus das Denken von Emmanuel Levinas kennt, der die Nähe von Angesicht zu Angesicht als unmittelbare Beziehung zum Anderen gedeutet hat, die sich leibhaftig vollzieht. Von Levinas stammt die Formulierung: «In der Annäherung an das Gesicht wird das Fleisch Wort, die Liebkosung – Sagen.»10
4. Der Sinn der Sinne: Unmittelbarkeit wagen und unter den Menschen sein
Dass wir Sinne haben, die etwas empfangen können, steht bei Emmanuel Levinas für die Empfänglichkeit und Passivität des Menschseins. Uns kann etwas von außen passieren, das eine Bedeutung enthält. Mir geschieht etwas vom Anderen her, das mich in meinem Innersten berührt, das mein Denken und Fühlen gleichermaßen herausfordert. Schon von den jüdischen und christlichen mystischen Traditionen her wissen wir, wie schwer dieses unmittelbar Empfundene in Worte zu fassen ist. Aber in dieser Unmittelbarkeit und Leiblichkeit der Empfindung und der Sinnlichkeit liegen schon Bedeutung und Sinn. Dieser kommt für Levinas nicht erst nachträglich hinzu. Die Beziehung zum Anderen und meine Leiblichkeit geschehen bereits in der Empfindung, sie sind mir vorgegeben. In der Sinnlichkeit nehme ich wahr, dass der Leib immer mit dabei ist. Der Leib muss mit dabei sein, wenn es um die Beziehung zum anderen Menschen oder zu Gott geht. Sinnliche Erfahrungen bedeuten mir, dass ich in einen Raum und in die Zeit hineingesetzt bin. Wenn ich etwas empfinde, bin ich schon in Raum und Zeit involviert. Wir finden uns in Situationen vor, in die wir hineingezogen wurden und die sich nicht in Vorstellungen hinein auflösen lassen. Vieles von dem, was mir widerfährt, ist nicht vorstellbar, nicht auszudenken. Darum weiß Papst Franziskus, wenn er uns immer neu dazu auffordert, uns von Gott überraschen zu lassen. Überraschungen leben davon, dass wir sie nicht vorher schon kennen oder antizipieren können.
Der Andere oder Gott, mit deren Nähe ich es zu tun bekomme, sind für mich nicht einfach in Bilder oder in Vorstellungen zu fassen. Hier erhält das biblische Bilderverbot für Levinas eine konkrete anthropologische Bedeutung. In der Tiefe der Nähe Gottes und des anderen Menschen erstrahlt alle Bedeutung, die der Innerlichkeit, der Äußerlichkeit, der Leiblichkeit und der Geistigkeit. Die Erfahrung selbst wird zur Quelle von Bedeutungen, sie ist erhellend, bevor sie beweist.11 Die Sinne haben einen Sinn, der nicht im Vorhinein als Vergegenständlichung bestimmt ist.12 Die Anschauung, die sinnlich geschieht, ist immer schon Beziehung. Die Sinne bedeuten mir die Unmittelbarkeit des Anderen, sie bringen mich mit einer Gnade der Intuition in Verbindung, die auch unbegründete Gedanken umfasst.13 Die Intuition verbindet Denken, Rationalität und Gespür. Intuitives Handeln geschieht unmittelbar, ohne lange Reflexionsprozesse. Es ist nicht kontrollierbar, es geschieht oft zur eigenen Verwunderung. Es verweist auf ein Gnadengeschehen, auf eine Inspiration, in der wir selbst ganz und gar engagiert sind, aber uns dennoch von einem Anderen getragen wissen. Sind wir offen für solche Inspirationen oder nehmen wir das Heft lieber selber und alleine in die Hand, um die Kontrolle über unser Leben nicht zu verlieren?
Sensibilität bedeutet bei Levinas eine Empfindsamkeit der Sinne. Empfindsamkeit bedeutet auch Verwundbarkeit, Ausgesetztsein, Verletzlichsein. Die Sensibilität ist dem Menschen als Subjekt zu Eigen. Sub-jectum bedeutet Unterworfensein. Ich deute dies als ein «unter den Menschen sein». Ein Unter-den-Menschen-sein, das auch Gott betrifft, der für ein christliches wie jüdisches Denken in je anderer Weise unter die Menschen geht. Wenn das Wort Gottes Fleisch wird, geht es unter die Menschen. In der Sinnlichkeit ist der Mensch der Wirklichkeit und dem Anderen ausgesetzt und zwar unmittelbar. Er hat nicht nur aktiv zu handeln, sondern auch geduldig zu warten, was vom Anderen her geschieht. Vieles in unserem Leben wurde für uns von Anderen entschieden und getan. Und glauben wir nicht, dass auch Gott Entscheidendes für uns aus Gnade getan hat, ohne unser Zutun? Er hat uns das Leben geschenkt und unseren Körper, als Präsenzraum unseres Lebens.
Angesichts der Nähe des Anderen entblößt sich der Mensch, vor allem wenn er sich dem Anderen in der Sprache mitteilt und sich exponiert. Unsere Worte können Anderen gut tun oder sie verletzen, sie können richtig oder falsch verstanden werden. Über die Wirkung meiner Worte, in denen ich mich mitteile, habe ich nicht die absolute Kontrolle. Im Sprechen und in der Berührung geschieht die leibhaftige Nähe zwischen den Menschen. Die Empfänglichkeit für den Anderen geht unter die Haut, Überempfindlichkeit, die bis zum Leiden gehen kann, aber auch den Genuss ermöglicht. Sinnlichkeit bedeutet für Levinas Entblößung, Selbstlosigkeit. Meister Eckhart würde von einem Sich-ledig-werden sprechen, von einem Bloß-sein. Sich selbst zu vergessen führt dazu, sich der Unmittelbarkeit zu überlassen, einem Geschehen, das nicht von mir verfügend kontrolliert wird, sondern Raum für Offenheit und Unverfügbarkeit lässt. Eine solche Haltung bedeutet den Verzicht darauf, mit dem Anderen strategisch umzugehen, ihn zu instrumentalisieren.
Unmittelbarkeit bedeutet Verletzbarkeit, Ausgesetztsein. Nichts mehr schützt mich oder schottet mich ab von dem, was mir passiert oder nahekommt. Die Nähe Gottes oder des Anderen geht mir buchstäblich unter die Haut. Ich empfinde sie in meinem Innersten, schutzlos ausgeliefert. Dies ist die Bedeutung der Sinnlichkeit: Schutzlosigkeit bedeutet unmittelbares Spüren des Anderen, der mir nicht gleichgültig und äußerlich bleibt, obwohl er der Andere ist. Unmittelbarkeit bedeutet, dass ich keine Schutzhülle trage, an der alles abprallt. Unmittelbarkeit geschieht, bevor ich in der Reflexion und Vermittlung auf Distanz gehe zu dem, was geschehen ist. Diese Distanz ist für ein kritisches Denken und Selbstbewusstsein unverzichtbar, aber Denken und Sprechen dürfen die Unmittelbarkeit nicht verraten, von der sie herkommen und auf die sie sich immer wieder beziehen. Levinas hat gezeigt, dass der Abstand zwischen dem Ich und dem Selbst ein zeitlicher ist. In der Zeit aber, die wir brauchen um wir selbst zu werden, begegnet uns der Nächste.
5. Berühren als Transzendieren
Die sinnliche Verfasstheit des Menschen in ihrer Unmittelbarkeit ermöglicht es, von dorther die unmittelbare Nähe des Anderen im Sinne der Berührung zu verstehen. Das «Sinnliche muß in einer primordialen Hinsicht als Berühren gedeutet werden.»14 Das Berühren bedeutet reine Annäherung und Nähe leibhaftiger Menschen und ist nicht reduzierbar auf die Erfahrung der Nähe. Das wird an der Liebkosung verdeutlicht als Berühren und Nähe ohne Intention, ohne Interesse. Einfach um des Anderen willen.
Die Konsequenz für Levinas ist, dass der Mensch sich nur im leiblichen Vollzug transzendieren kann und aufgrund seiner Materialität vom Anderen getrennt ist. Auf der anderen Seite ist der Mensch verwundbar und ausgesetzt. Durch die Sinnlichkeit und die Leiblichkeit kann der Mensch «Außer sich» sein und dem Nächsten als dem Anderen unmittelbar begegnen, von dem er Sinn und Bedeutung empfängt. «Was unmittelbar einen Sinn hat, bevor er ihm verliehen wird, genau das ist der Nächste.»15 Darin liegt die Bedeutung der Sinnlichkeit, dass in ihr ein unmittelbarer Sinn empfangen werden kann, der nicht vom Bewusstsein des Ich her zu konstituieren oder abzuleiten ist. Der Sinn wird vom Anderen her empfangen.
Der Andere erhält seine Bedeutung nicht durch das Ich, sondern er bedeutet durch sich selbst, unableitbar. Genau das ist die Bedeutung des Antlitzes des Anderen. Das Antlitz des Anderen ist kein Phänomen, sondern Ausdruck, «Selbst-Bedeuten par excellence».16 Es empfängt seine Bedeutung weder vom Ich, noch von einer Sinntotalität oder einem System her. Levinas denkt den Gedanken der Einzigkeit. Einzigkeit ist nicht vergleichbar. Jeder Mensch ist einzig und unverwechselbar, unvertretbar. Die Einzigkeit beschreibt eine unverfügbare unmittelbare Bedeutung, die sich nicht menschlicher Zuschreibung verdankt. Das Antlitz ist selbst Quelle des Sinns. Seine Bedeutung ist ab-solut, losgelöst von jeder Sinnzuschreibung durch das Subjekt oder durch ein System. Der Leib, nicht das Bewusstsein, wird für Levinas zum Organ der Transzendenz, die Sinnlichkeit zum Ort des Empfangs von Sinn. Transzendenz kann nur im leiblichen Akt, nicht im reinen Denken passieren.
Das Fleisch wird Wort, die Liebkosung Sagen, wenn ich mich dem Antlitz des Anderen annähere, mich verlasse auf den Anderen hin. Sagen bedeutet ein über sich hinaus gehen des Fleisches, des Körpers, der sich aussagt, Wort wird, in dem der Eine sich dem Anderen zusagt und mitteilt. Im leibhaftigen Sprechen vollzieht sich die Nähe für den Anderen, dem ich angesichts seiner Not und Bedürftigkeit nicht mit leeren Händen begegne.
6. Die Herzen öffnen
Die «Inkarniertheit» des Menschen steht für seine Ausgesetztheit und diese Exponiertheit sagen wir aufgrund der Offenbarung analog auch von Gott aus, wenn er sich uns aussetzt und in seinem fleischgewordenen Wort für uns und für alle unter die Menschen kommt. Wenn das Wort Fleisch wird, vermag das Fleisch Wort zu werden. Dort wo das Unaussprechliche beginnt, dort zeigen uns die Sinne ihren Sinn, ihre Bedeutung: tiefes Empfinden und Wahrnehmen einer unaussprechlichen Beziehung, spürbar im Innersten, sich entziehend, unsagbar und doch ins Wort drängend. Wenn wir für die Würde und Not des Anderen kein Gespür haben, wenn die Beziehung zum Anderen uns nicht unter die Haut geht, dann wird er uns gleichgültig. Die Differenz zwischen mir und dem Nächsten ist keine Indifferenz, sondern betrifft mich im Innersten. So wie Gott als der ganz Andere zutiefst in uns gegenwärtig ist, so verhält es sich analog mit dem anderen Menschen, der uns nicht äußerlich bleibt, sondern unser Herz berührt. Daher nimmt Gott das Herz aus Stein aus unserer Brust und schenkt uns ein Herz aus Fleisch (Ez 36, 26).
Jesus hat ein Herz aus Fleisch und Blut, er erkennt und spürt, was die Menschen in seiner Nähe umtreibt, er fühlt mit ihnen, ihr Leid bewegt ihn. Er berührt sie und hat keine Angst vor Unreinheit oder Ansteckung. Karl Rahner schreibt: «Es ist also gesagt, daß das ewige Wort Gottes, indem es sich aus der innergöttlichen Verschwiegenheit, in der es beim Vater ist, hinaussagt in das Nichtgöttliche, dadurch genau das wird, was wir sarx nennen – Mensch, aber wirklich leibhaftiger Mensch, ja todgeweihter Mensch, leidender Mensch, bedrängter Mensch.»17 Das verborgene Wort Gottes tritt aus dem Schweigen in das Sprechen. Der Leib wird somit zum Präsenzraum des Wortes Gottes, zum leibhaftigen Zeit-Raum der Stimme Gottes. «Fleisch, Mensch als leibhaftig konkreter, geschichtlicher ist gerade das, was wird, wenn der Logos, aus sich selbst heraustretend, sich selber aussagt.»18 Der Leib ist die Selbstaussage Gottes19 und wird damit selbst zu einem Geheimnis, das nicht entschlüsselt werden kann. «In dieser Leibhaftigkeit also ist der Ort, an dem jene Liebe und jener Gehorsam sein mußten, damit sie das sind, was sie sein sollten, uns erlösend.»20 Hätte der Sohn Gottes keinen wirklichen Leib gehabt und keinen Tod erlitten, könnten wir keine Gemeinschaft mit ihm haben. Der Leib ist der Ort der Erscheinung, der einzigartigen Präsenz, und das, was in ihm erscheint ist mit dem identisch, was sich in der Erscheinung zeigt. Ohne menschliches, leibhaftiges Wort, wäre das Wort Gottes nicht hörbar in der Zeit. Es ist der Leib, der uns nicht nur die Grenzen unserer Kontingenz aufzeigt, sondern auch die Grenzüberschreitung vollzieht, wenn er zum Präsenzraum des Wortes Gottes werden konnte. Der Leib ist unendlich für alle geöffnet in seinen Sinnen, in seiner Wahrnehmung, die uns die Grenze zwischen Innen und Außen fließend werden lässt, wenn das, was wir wahrnehmen, uns im Innersten befällt, dort spürbar wird, uns zu denken gibt und uns leibhaftig umtreibt. Der Leib ist als Präsenzraum unendlich geöffnet, wie die Gegenwart selbst, die wir leibhaftig erfahren und in der wir distant stehen.
Das Evangelium lädt uns dazu ein, «das Risiko der Begegnung mit dem Angesicht des Anderen einzugehen, mit seiner physischen Gegenwart, die uns anfragt, mit seinem Schmerz und seinen Bitten, mit seiner ansteckenden Freude in einem ständigen unmittelbar physischen Kontakt.» (EG 88) Die Revolution der zärtlichen Liebe setzt auf die unmittelbare Begegnung von Mensch zu Mensch, auf ein Gespräch, das aus dem Herzen kommt und von Herz zu Herz geht (EG 127–129). Der Andere soll spüren, dass er angehört und verstanden wurde. Das ist die Zärtlichkeit zwischen uns. Für Papst Franziskus ist die Sensibilität in der Verkündigung des Wortes Gottes unverzichtbar. Das macht ihn angreifbar, denn Sensibilität macht verletzbar, sie ist ausnutzbar. Aber will uns Gott nicht für den Anderen sensibilisieren? Will er nicht unsere Sinne öffnen, um den Anderen zu empfangen? Papst Franziskus weiß, dass jede Öffnung ein Wagnis darstellt und ausgenutzt werden kann, aber sollen wir deshalb auf sie verzichten und damit unseren Auftrag als Gottes Bild und Repräsentanten Jesu Christi verraten?